Das gibt’s nur einmal. . .

IMG_20130518_180826Baris Seepromenade, das “Lungomare”, wird zum großen Teil von wuchtigen faschistischen Prachtbauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts dominiert. In ihnen haben verschiedene militärische
Abteilungen ihren Sitz, zu denen das frostige Gebahren dieser Gebäude gut passt. Eines von ihnen IMG_20130518_180737ist aber auch der „Palazzo della Provincia“, das Regierungsgebäude der Provinz Apulien. Zwischen 1932 und 1935 unter Mussolini errichtet, wird es neben seinem festungsähnlichen Aussehen auch von einem die Seefront Baris prägenden „Uhrenturm“ von über 60 Metern Höhe geschmückt.

IMG_20130518_180605Das Gebäude mit seiner monumentalen Eingangshalle ist der Öffentlichkeit sonst nur zugänglich, wenn jemand die dort relativ versteckt liegende „Pinacoteca Provinciale“ besichtigen möchte. Alle anderen Teile des historischen Gebäudes dürfen IMG_20130518_180922an normalen Tagen nur Beamte betreten. Doch heute war kein normaler Tag. Heute bestand für ein paar Stunden die Möglichkeit, unter Begleitung eines Beamten den achteckigen Holzfahrstuhl bis hinauf auf den Turm zu benutzen und einen Blick auf Bari und das Meer zu genießen, von dem man sonst nur träumen kann.

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Wir standen fast eine Stunde wartend in einem Pulk aus neugierigen Baresen und einigen Touristen, die es mehr zufällig in die Provinzpalast verschlagen hatte, denn dem betagten Fahrstuhl durften höchstens 5 bis 6 Personen zugemutet werden. Um den alten Motor vor Überhitzung zu IMG_20130518_180314schützen, mussten auch regelmäßig längere Betriebspausen eingelegt werden. Nicht wenige Anstehende traten gelangweilt den Rückzug an, doch wir hielten durch und wurden mit kräftigem Wind und einem spektakulären Blick belohnt.

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Als der Mitarbeiter, der auf dem Turm postiert worden war, bemerkte, dass ich interessiert die riesigen Glocken und die Walze fotografierte, erzählte er uns, dass das imposante Glockenspiel früher alle halbe Stunde im Wechsel drei IMG_20130518_180426faschistische Lieder („Faccetta Nera“, „Inno del Balilla“, „La Bandiera“) gespielt hat. Dem Architekten Luigi Baffa (1894-1933) und Mussolini muss das Gefallen haben. Die Anwohner ringsherum beschwerten sich jedoch über die laute Beschallung und so wurde das Glockenspiel bald nach der Inbetriebnahme auch schon wieder eingestellt.

Auf dem Weg nach unten, nachdem wir noch eine schnelle Runde durch die Pinakothek gelaufen waren, deren Eintritt heute ebenfalls kostenlos war, fragte uns ein freundlich lächelnder Herr interessiert, ob uns die Besichtigung des Turms gefallen habe. Wir müssen so enthusiastisch geklungen haben, dass er erzählte, dass nicht alle Mitarbeiter des Provinzpalastes begeistert von dieser Aktion gewesen sind. Doch ihn habe das nicht interessiert, denn er habe es nicht für ein breites Einverständnis, sondern für die Bewohner Apuliens durchgesetzt. Scheinbar waren wir an einen der Hauptorganisatoren geraten, der Luigi zum Abschied zufrieden gegen die rechte Schulter hieb. Ich kann nur sagen, dass es schön wäre, diese Gelegenheit häufiger zu bekommen. Das wäre nicht nur für Touristen ein Gewinn, sondern auch für das Lungomare, dem es durch den Mangel an Restaurants oder Caffès, an kleinen Geschäften sowie an touristischen Zielen deutlich an Leben fehlt.

Heiliger Radsport! – Festa di San Nicola – 9. Mai

Volksfest im Schatten der Stadtmauer 

IMG_20130510_203710Der Stadtheilige San Nicola wurde am Abend des achten Mais von seinem Ausflug aufs Meer wieder an Land gebracht und hatte seinen Ehrenplatz in der mit Lichterbögen nachgestalteten Basilika auf der Piazza Ferrarese eingenommen. Damit neigten sich die kirchlichen Feierlichkeiten dem Ende zu. Aber, weil man sich an den letzten zwei Tagen so schön eingefeiert hatte, hängte die Stadt einfach noch ein großes Volksfest hintendran. Die Brötchen-, Grill- und anderen Verpflegungsstände vor der ersten Festungsmauer an der Seepromenade teilten sich die Straße mit Devotionalienständen und buntem Marktreiben. Am Tage nutzten vor allem Touristen die Gelegenheit, sich mit den Angeboten einzudecken, während sie auf dem Weg zur Basilika oder allgemein in die Altstadt waren. Sobald es dunkel wurde, waren die bancarella sul Lungomare di BariNachtschwärmer wieder unterwegs. Freunde trafen sich an markanten Ecken auf ein Schwätzchen. Man aß fritierte Polenta (Sgaliozze) oder kleine Pizzateigscheiben (Popizze), die sich während des Frittierens aufblähen und rundlich werden. Junge Familien übten sich in der Meisterschaft des Kinderwagenschiebens an Stellen, an denen eigentlich kein Durchkommen war, und zu den lateinamerikanischen Stimmungsrhythmen der Hightech-Brötchenverkaufsstände, wurde schon mal spontan auf der Straße getanzt.

Auf der Spur des „Giro d’Italia“

IMG_20130510_203510In diesem Jahr führte außerdem die sechste Etappe des dreiwöchigen Radrennens „Giro d’Italia“ just am Feiertag der Baresen von Mola nach Margherita di Savoia durch Bari. Ich bin zwar bekennender Sportmuffel und habe mir in meinem Leben bisher nur ein einziges sportliches Ereignis angesehen, aber wenn die Jungs schon durch Bari strampelten, dann wollte ich die Chance nutzen und die Atmosphäre eines solchen Großevents spüren. Dass meine Geduld mal wieder auf eine Harte Probe gestellt werden würde, war mir schon vorher klar, denn ich hatte in der hier am weitesten verbreiteten Tageszeigung „Gazetta del Mezzogiorno“ gelesen, dass die Radprofis zwischen 12:30 Uhr und 15:00 Uhr die Seepromenade passieren würden. Praktisch musste man sich also darauf einstellen, den halben Nachmittag an der Strecke zu verwarten.

Schon als ich mich gegen 12:30 Uhr dem „Lungomare“ näherte, stellte ich fest, dass die doppelspurige Straße noch stark befahren war. Immer wieder war auch einer der IMG_20130510_203304Transporter darunter, aus denen die Artikel für die Fans des Giro d’Italia verkauft wurden. Wie das „rosa Trikot“, welches sich der Gewinner am Ende der knapp 3500 km langen Tour, überstreifen dürfen wird, waren auch die T-Shirts, Basecaps, Kopfbinden und anderen Fanartikel in rosa gehalten. Komischerweise, scheint das italienischen Männern aber nichts auszumachen. Sie tragen rosa genauso gewissenlos wie lila.

Zu freundlich

IMG_20130510_203410Ich schlenderte also gemütlich in Richtung Innenstadt. Neben der Kommandozentrale der Luftwaffe, waren noch immer die Drohne und das Flugzeug der „Frecce Tricolori“ ausgestellt, die am späten Nachmittag des Vortags eine Vorführung in Flugakrobatik gegeben hatten. Vermutlich schaute ich sehr interessiert drein, denn ein freundlicher Militär fragte mich zweimal, ob er ein Foto von mir und dem Flugzeug schießen solle. Beim ersten Mal überlegte ich noch, ob auch Militärs unter Marias Anweisung fielen, niemandem den Fotoapparat zu geben, weil die Person sonst damit wegrennen würde. Die Wiederholung der Frage klang dann aber so auffordernd, dass ich nicht zu widersprechen wagte und statt dessen versuchte, nicht zu eingeschüchtert in die Kamera zu gucken. Anschließend bedankte ich mich artig und flüchtete schnell, denn neben der Flugzeugpräsentation war am Abend zuvor der Stand für die Einschreibung in die Fremdenlegion aufgebaut gewesen. Man kann ja nie wissen. . .

Männer!

Als ich endlich eine freie Bank unter einem Baum gefunden und Zeit hatte, mich in Ruhe umzusehen, bemerkte ich, dass sich die Menschenmenge inzwischen verdichtet hatte. Auf der Seeseite der Straße hatten sich ein paar ganz Fröhliche auf Holzklappstühlen niedergelassen und holten sich eine Bierflasche nach der anderen vom Brötchenverkauf, in dem das Personal eigentlich noch den Schmutz der letzten Nacht beseitigte. Ihre T-Shirts hatten sich die Männer um die Köpfe gewunden, damit ihre bleichen Bäuche in der Sonne passend zum Giro eine leichtrosa Farbe annehmen gekonnt hatten. Als jedoch einer von ihnen einen Laternenpfahl erklimmen wollte, hielt eines der zahlreichen Polizeimotorräder neben ihnen, was bereits genügte, um sie sich alle wieder auf ihre Klappstühle setzen zu lassen.

Während ich noch darüber lachte, trat ein älterer Herr auf meine Bank zu und fragte, ob er Platz nehmen dürfe. Wie die meisten Italiener in deutlich fortgeschrittenem Alter gehörte er zu der Generation, die sich in der Öffentlichkeit immer in Hemd und Krawatte zeigen und sicherlich niemals ihre nackten Bäuche in die Stadtsonne halten würden. Die italienischen Senioren lassen Frauen den Vortritt beim Ein- oder Aussteigen. Sie halten einem Türen auf, grüßen mit dem Zusatz „signora“ (Frau) oder „signorina“ (Fräulein) und fragen eben, ob sie sich zu einem setzen dürfen. Alles in allem ein sehr angenehmer Menschenschlag. Doch als unserem kleinen Schwätzchen über das schöne Wetter plötzlich die Frage folgte, ob ich verheiratet sei, antwortete ich schnell mit „nein, aber verlobt“ und musste dann ganz dringend zur Straße sprinten, um nachzusehen, ob die Radfahrer schon kämen. Meinem hastigen „Arrivederci“ rief er ein lautes „Buona giornata, signorina!“ hinterher.

Ja, wo fahren sie denn?

Es ging auf zwei Uhr zu und entlang der Straße standen die Schaulustigen nun Schulter an Schulter. „Machen Sie die Straße frei. Es folgen die Teilnehmer des Giro d’Italia! Machen Sie die Straße frei. Es folgen die Teilnehmer des Giro d’Italia!“ tönte es endlich aus einem vorbeifahrenden Auto. Entgegen der Anweisung sprangen plötzlich alle Wartenden auf die Fahrbahn, um den Ankommenden einen Blick entgegenzuwerfen. Aber es kam niemand. Jedenfalls kein Sportler. Nur eine junge Frau, die mit ihren Einkäufen am Lenkrad wie eine Verrückte das Lungomare entlangstrampelte. Sie wurde von den Wartenden beklatscht und laut angefeuert.

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Schließlich fuhren Begleitautos in immer dichter werden Abständen vorbei. Die Menge auf der Straße vor mir wich gen Bordstein zurück und dann folgten einem Auto auch zwei Radfahrer des Giro d’Italia, die sich offensichtlich einsam an die Spitze abgesetzt hatten. Einer von ihnen war vielleicht der englische Etappensieger Marc Cavendish. Nach ein paar Minuten kam dann eine große bunte Wolke aus weiteren Radfahrern auf uns zu, offensichtlich das Mittelfeld der Hoffnungsvollen.

IMG_20130510_203054Ich sprang vor, um ein Foto zu machen und schnell zurück auf den sicheren Fußweg, denn nun folgten wieder Autos über Autos mit zahlreichen Fahrrädern auf ihren Dächern und sicher ging es noch eine ganze Weile so weiter. Doch da ich glaubte, mit diesen Eindrücken von rasenden Nachuntenguckern heroisch genug meine Reporterpflicht

IMG_20130510_204727erfüllt zu haben, war mein temporäres Interesse an Sport auch schon dem Gedanken an die Auswahl einer der drei Eisdielen in unmittelbarer Nähe gewichen. Immerhin hieß dieser Tag „La Festa dei Baresi“ und mit einem leckeren Eis könnte ich jeden Tag irgendetwas feiern.

Bari im Ausnahmezustand – Festa di San Nicola – 8. Mai

Nachdem sich die Baresen mit dem historischen Festumzug und ihrer Seepromenade als Fressmeile am siebten Mai auf das Fest zu Ehren ihres Stadtheiligen „San Nicola“ eingestimmt hatten, wurde dann am achten Mai richtig aufgetrumpft.

IMG_20130510_160402Bereits am späten Nachmittag zeigte die Spezialstaffel für Flugakrobatik der Luftwaffe „Frecce Tricolore“ („Die dreifarbigen Pfeile“) was sie drauf hatte. Während sie Bari mit ohrenbetäubendem Lärm erfüllten und die drei IMG_20130510_160331italienischen Nationalfarben am Himmel versprühten, lenkten zehn Piloten ihre Flugzeuge zu herzförmigen Formationen oder flogen exakt aufeinander abgestimmte Loopings, kreuzten sich und schienen dem Wasser bei alledem manchmal so Nahe zu kommen, dass man den Eindruck gewann, sie würden einem gleich auf den Kopf fallen.

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Als es dunkel wurde, füllte sich die Seepromenade und die Altstadt um die Piazza Ferrarese mit immer mehr Menschen aller Altersklassen. Während die Statue des Heiligen Nikolaus, die am Vortag in See gestochen war, im Hafen anlandete und zu ihrem Ehrenplatz auf der Piazza Ferrarese getragen wurde, wo sich auch am folgenden Tag die Gläubigen zu Gebeten einfinden sollten, trafen wir uns mit Luigis Freunden und Verwandten, um uns das Feuerwerk aus einiger Entfernung anzusehen. So hielten wir fuochi2dann also an, als uns die Menschenmassen auf der Seepromenade zu dicht wurden. Ein unerschrockener ehemaliger Schulkamerad von Luigi hingegen wollte sich unbedingt auf die Suche nach einem Stand machen, an dem es Popizze (frittierte kleine Pizzateigfladen) und Sgaliozze (frittierte Polentafladen) zu kaufen gäbe. Er verließ uns gegen neun und wir fanden ihn erst nach dem Feuerwerk gegen elf auf der anderen Seite des Hafens wieder. Dort hatte er weitere Freunde getroffen und sich verplauscht. Anschließend war es ihm nicht mehr gelungen, die dichte Menschenmenge zu uns zurück zu durchqueren.

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Beeindruckender als das Feuerwerk fand ich jedoch die der Basilika nachempfundene Lichtinstallation auf der Piazza Ferrarese. Am Tage hatten die weißen Holzbauten bereits interessante Muster in den blauen Himmel gefräst, aber mit der bunten Beleuchtung im Dunklen mutete das Ganze wie ein Traum aus Tausendundeinernacht an.

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Alle Besucher des Festes, die ich gesprochen habe, waren restlos begeistert davon. Die Stromrechnung möchte ich allerdings nicht bezahlen müssen.

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Inspiriert hat das Fest des Schutzheiligen auch andere Künstler, die beispielsweise vergängliche Werke mit Kreide auf der Straße schufen oder Gemälde mit „San Nicola“-Motiven verkauften.

Aber extrem verblüffend fand ich die Tatsache, dass aller Müll und Abfall bereits am nächsten Morgen wieder beseitigt waren. Die Straßenreinigung hat da ein kleines Wunder vollbracht, um die Festmeile am 9. Mai von den Radsportlern des Giro d’Italia befahrbar zu machen.

Bari steht Kopf – Festa di San Nicola – 7. Mai

Einmal im Jahr steht Bari Kopf und zwar in der Woche um den 8. Mai. An diesem Tag gedenkt man der „Rettung“ der Gebeine des Heiligen Nikolaus vor den muslimischen Seldschucken in Myra. Demnach waren die christlichen Bewohner der Stadt im Jahr 1087 bereits in die Berge geflohen, als italienische Seefahrer den Sarg des Heiligen aufbrachen und seine Überreste nach Bari brachten, wo die alten Knochen um den achten Mai herum eintrafen und bis heute in der Krypta der „Basilica San Nicola“ ihr Wunder tun sollen. Aber auch um diesen Tag herum geht es in Bari drunter und drüber.

Seit letzter Woche sind unzählige Menschen damit beschäftigt, Absperrgitter aufzustellen, die Stadt mit Lichterbögen zu schmücken, sowie den großen Festumzug, eine Flugshow mit Millitärflugzeugen, ein Feuerwerk und noch vieles mehr zu Ehren des Stadtheiligen vorzubreiten. In diesem Jahr kommt das Radrennen „Giro d’Italia“ hinzu und sorgt mit dafür, dass die öffentlichen Einrichtungen entlang der Strecke schon einen im Voraus geschlossen wurden, die Kinder zusätzlich Schulfrei bekommen haben und Eltern auch heute nicht wissen, wie sie ihre Kindergartenkinder betreuen sollen. Viele Baresen würden der Stadt und dem ganzen Rummel am liebsten entfliehen. Doch wegen der zahlreichen gesperrten Straßen gelingt es ihnen nicht.

Castello di BariWir hingegen haben es trotzdem gewagt, uns zu einigen Events ins Stadtzentrum hineinzuschlagen und unter das einheimische Volk und die zahlreichen Touristen zu mischen; natürlich nicht ohne vorher „Mamma Marias“ zahlreichen Ratschlägen zu lauschen, die sich in etwa so anhörten: „Nimm um Gottes Willen bloß kein Geld mit, keine Papiere, am besten gar keine Handtasche! Binde dir keinen Schmuck um. Und lass Luigi nicht los, sonst findet ihr euch nie wieder.“ Mit diesen und anderen Ermahnungen im Ohr sind wir also am Abend des 7. Mai in die Altstadt von Bari aufgebrochen, um uns den historischen Festzug anzusehen.

 ”Sankt Nikolaus fährt zur See”

IMG_20130509_174048Dem historischen Festumzug geht alljährlich eine Feier im kleinen Fischerhafen von San Giorgio, südlich von Bari, voraus. Der Legende nach gingen dort die Kaufleute mit der Reliquie San Nicolas an Land. Heute stechen von dort aus geschmückte Fischerbote in See, welche die zuvor während einer Messe geweihte Statue des Heiligen hinaus auf das Meer bringen, wo sie bis zum nächsten Abend darauf warten muss, im Hafen von Bari wieder an Land zu gehen. Von dort aus wird sie in einer Prozession durch die Hauptstraßen von Baris Altstadt getragen und in diesem Jahr auf der Piazza Ferrarese inmitten einer spektakulären Lichtinstallation aufgestellt.

Am Abend gegen neun zogen dann kostümierte Ritter, Reiter, Fahnenschwenker, Kirchenleute, Handwerker, Edelfrauen und -männer, sowie ein auf Räder verfrachtetes Boot mit einer ikonischen Darstellung von San Nicola begleitet vom Klang zahlreicher Percussiongruppen vom Schloss ausgehend durch die breitesten Hauptstraßen von Bari. An allen Ecken hörte man auf Italienisch oder im Dialekt der Baresen das „San Nicola“-Lied, das die Kinder bereits in der Grundschule lernen.

corteo storico festa di san nicola

Sanda Nicole va pe mare,

va vestute a marenare

e meradue quant’è belle

e ca i è Sanda Nicole…

Sankt Nikolaus fährt zur See,

ist angezogen wie ein Seemann

bewundert ihn, wie schön er ist,

denn er ist der Heilige Nikolaus…

Keine Chance für schlechtes Wetter oder Kriminelle

Zu Beginn des Festzugs hattes es beinahe so ausgesehen, als wolle der Regen dem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung ziehen. Die ersten Schirme waren bereits geöffnet und den Darstellern in ihren historischen Kleidern stand die Angst vor einem Wolkebruch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Doch nach wenigen Minuten fing sich das Wetter wieder, was umstehende Scherzkekse dem heiligen Nikolaus zuschrieben, der seine Feier nicht ruiniert sehen wollte.

IMG_5104Maria konnten wir hinterher auch beruhigen, denn wir sahen an diesem Abend so viele Polizisten in Uniform und zivil, dass Diebe sicherlich keine Chancen gehabt haben dürften. Im Gegenteil ein freundlicher Barese in der Altstadt öffnete uns sogar ganz stolz das Tor zu seinem Refugium, als ich in fragte, ob ich den Oldtimersportwagen, an dem ich ihn durch einen Türspalt hatte werkeln sehen, fotografieren dürfe. Wenn dieses Kleinod schon fix und fahrbereit gewesen wäre, hätte ich vielleicht kurz überlegt, ob ich ihn mir einstecken solle. Doch Flucht wäre bei den Menschenmassen, durch die wir uns auf der zur Fressmeile umfunktionierten Seepromenade zu unserem Auto zurückschlagen mussten, ohnehin undenkbar gewesen. „Menschenmassen!“, lachte Luigi jedoch nur. „Warte mal ab, was morgen hier los ist! Da kannst du keinen Fuß mehr vor den anderen setzten.“

Fressmeile

Mission Traumwohnung 11 – Vorübergehend ausgehämmert

„So geht das aber nicht“, sagte der freundliche Beamte beim Bauamt zu unserer Architektin, als diese die Unterlagen für die Renovierungsgenehmigung einreichen wollte. „Dieses kleine Bad sieht mir ganz nach einem ungenehmigten, nachträglichen Anbau aus.“ … Mit diesem Satz war der Renovierungsbeginn kurz nach Ostern abgesagt. Nach nur zwei Tagen Arbeit packten die Fensterbauer ihr Handwerkszeug wieder ein und zogen ab. Nicola und seine Maurer hatten ohne Genehmigung gar nicht erst angefangen. Verständlich, dass niemand riskieren wollten, mehrere Tausend Euro Strafe zu bezahlen, da wir das Amtsschreiben nun doch nicht in ein/zwei Tagen bekommen würden. Verständlich vielleicht auch, dass ich, nachdem Luigi versucht hatte, mir das ganze schonend beizubringen, zwischen einem Schreianfall und einem Heulkrampf schwankte.

„Das kann doch nicht sein“, brachte ich dann irgendwann doch ein paar Worte hinaus und blätterte hektisch in unserem großen Traumwohnunghefter, um den Wohnungsplan zu finden, den wir beim Kauf erhalten hatten. „Bitte.“, sagte ich zu Luigi und wies auf die Zeichnung, „Hier ist das Bad doch ganz deutlich eingezeichnet und es steht sogar ‘WC’ dran.“ „Ich kann mir das auch nicht vorstellen“, pflichtete er mir bei. „Noch dazu sind die Fliesen gleich, die Fenster, die Türen – alles wie in der restlichen Wohnung.“ Die Architektin, die am Nachmittag vorbei kam, um einen Blick auf unseren Plan zu werfen, da sie sich hinsichtlich eines Termin für die Einsicht in die Unterlagen beim Bauamt gedulden sollte, war sich trotzdem nicht sicher, ob sie diesem Plan trauen konnte. Er war auf einen Tag im Jahr 1983 datiert. Wenn das Haus eher gebaut sein sollte, könnte es sich trotzdem noch um einen angebauten Raum handeln, der nicht vom Amt genehmigt worden war. Würde sie jetzt den Antrag für die Renovierungsgenehmigung unterschreiben und sich hinterher herausstellen, dass ihre Angaben falsch gewesen seien, müsste sie die Verantwortung dafür tragen. Darauf hatte sie natürlich keine Lust. Auch verständlich.

Also war wieder einmal die berühmte Italienische „pazienzia“ angesagt; diese verlixte Ergebenheit, in die Dinge, die man nicht ändern kann, und das Warten darauf, dass irgendjemand, den man immer freundlich anlächeln muss, obwohl man ihm am liebsten in den Allerwertesten treten möchte, sich bequemt oder gar in die Lage versetzt wird, einen Handschlag für unsere Sache zu tun.

Drei Wochen nach Ostern stellte sich schließlich heraus, dass wir den Originalplan besaßen, dass unser Badezimmer kein Schwarzbau war und daher auch nicht abgerissen werden musste und, dass Nicola mit dem Abschlagen der alten Fliesen beginnen konnte. Wie üblich war dieser jedoch verschollen; dieses Mal auf einem Lehrgang in Mailand. Nach einer Woche Telefonterrors hatten wir ihn jedoch so weit, dass er unsere Nachrichten auf seiner Mailbox und die SMS nicht länger ignorieren konnte und uns anrief: Zufällig hatten seine Mannen die Arbeiten auf einer anderen Baustelle gerade beendet und zwei von ihnen konnten in unserer Wohnung mit dem Abriss anzufangen – aber nicht am Montag, dem 29. Das lohne sich nicht, denn der erste Mai sei schließlich ein Feiertag, an dem ohnehin nicht gearbeitet werden würde. Also vor Donnerstag nicht, doch er rufe noch einmal an deswegen. Das tat er dann auch – am Freitag nach dem besagten Donnerstag, um sich mit uns und seinen Angestellten am Samstag in unserer Wohnung zu treffen und ihnen zu zeigen, wo sie mit der Arbeit beginnen sollten.

Seit gestern wird nun tatsächlich offziell, d. h. mit Genehmigung und ohne weitere Verdächtigungen wieder in unserer Wohnung gehämmert. Die ersten Fliesen sind gefallen. Das erste Waschbecken liegt zerscherbt in einer Art riesigem Plastikeimer, von denen inzwischen mehrere mit Bauschutt gefüllte in unserem zukünftigen Esszimmer stehen. Doch wir wären nicht in Italien, wenn es nicht trotzdem einen Haken an der Sache gäbe: Um die Nerven der Nachbarn zu schonen, hämmern sie nur vormittags, und morgen machen sie erstmal einen Tag Pause wegen San Nicola, dem Schutzheiligen von Bari. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

1. Mai – Wider das Vergessen!

Meine frühesten Erinnerungen an den ersten Mai bestehen vor allem aus Bildern von ewiger Warterei an Kreuzungen und langsamem Herumgelatsche in den Straßen der „ersten sozialistischen Stadt Deutschlands”, wo man als guter Bürger der untergegangenen DDR irgendwann am Bürgermeister und anderen wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vorbeimarschieren musste, um dann schnell zum Busbahnhof zu rennen und in den nächsten Bus gen Heimat zu springen. Dort wartete am „Tag der Arbeit“ oder auch „Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ dann tatsächlich richtige Arbeit. Und diese hatte immer etwas mit Pflanzen und Säen zu tun. Schließlich war spätestens mit dem Mai auch der Frühling gekommen.

Die sozialistischen Prozessionen wurden Anfang der 90er Jahre eingestellt, aber als von der Gartenarbeit zwischenzeitlich wenig begeisterter Teenager hätte ich mir den aushäusig zu verbringenden Vormittag des ersten Mais in manchen Jahren durchaus zurückgewünscht. Trotzdem bin ich meinen Bauerngenen nicht entkommen und verspüre auch am heutigen ersten Mai wieder den Drang, Kartoffeln zu legen. Da unsere Terrasse jedoch noch nicht für größere Projekte des urbanen Gärtnerns bereit ist, plane ich, nur drei Kartoffeln in einem Kübel zu verscharren und hoffe, sie werden wenigstens ein bisschen wachsen. Die Aktion ist Teil eines internationalen Kartoffelpflanzprojekts der Bloggergemeinde um die GiftigeBlonde. Wir werden dann in den nächsten Wochen sehen, wer von uns der dümmste Bauer mit den größten Kartoffeln ist. Abgesehen davon blieb mir in den letzten Tagen ausreichend Zeit dafür, mich danach umzuhören, wie der Tag der Arbeit in Bari und Umgebung von anderen begangen werden wird.

Eine Umfrage unter etwa zehn Personen ergab, dass diese den ersten Mai mit einem Ausflug verbinden werden. Die meisten von ihnen peilen den Strand an, was bei 30 Grad Mittagshitze verständlich erscheint. Natürlich kann man sich auch beim Braten unter südlicher Sonne auf einem Handtuch daran erinnern, dass der erste Mai ein Tag des Gedenkens an die Errungenschaften der ersten großen Arbeiteraufstände in Amerika ist, die unter anderem zur Festschreibung des Achtstundentages führten. Kann man, wird man aber wahrscheinlich nicht. Als Arbeiter sind wir in den letzten Jahrzehnten zu Duckmäusern und Angsthasen erzogen geworden, die nehmen, was ihnen gegeben wird, aber sich nicht trauen, Forderungen zu stellen. Wenn heute eine Betriebsleitung Massenaussperrungen wie 1886 in Chicago durchführen würde und neue Arbeiter suchte, die sich für einen Hungerlohn anstellen ließen, würden sie leicht mehr als 300 finden. Vermutlich würde ihnen das Arbeitsamt gleich die benötigte Anzahl Eineurojobber zum Praktikum vorbei schicken und sich dann an der geschönten Arbeitslosenstatistik erfreuen.

Zum Glück gibt es noch einige Optimisten, die sich am Maifeiertag für etwas anderes einsetzen als ihre Bequemlichkeit. Hier in Apulien sind das heute die Mitarbeiter der Comune von Mola, einem Vorort von Bari direkt am Meer gelegen, die sich mit den Arbeitern im noch existierenden Werk des Reifenherstellers Bridgestone in Bitonto sozialisieren wollen. Sie haben gemeinsam mit Bridgestone-Mitarbeitern einen siebenstündigen gratis-Konzertmarathon von Bands aus der Gegend organisiert, um den Arbeitern eine Stimme zu geben. Diese wurden Anfang März aus heiterem Himmel vor vollendete Tatsachen gestellt, die da hießen, dass ihr Werk im nächsten Jahr geschlossen würde. Die Begründung dafür klang ähnlich, wie man sie auch bei Werks”schließungen” in Deutschland hört: Rückgang der Nachfrage, Konkurrenzdruck aus den Schwellenländern und zu hohe Kosten. Zufällig wurde erst kürzlich ein Bridgestonewerk in Poznan fertig gestellt, in das laut den Arbeitern der italienischen Fabrik bereits Maschinen aus Bari verbracht worden sein sollen. Für Apulien mit einer Arbeitslosenquote von derzeit über 18% (Quelle: Istat), in dem wenig Industrie angesiedelt ist und im letzten Jahr schon eine großes Hüttenwerk geschlossen hat,  ist der Verlust von weiteren ca. Tausend Arbeitsplätzen dramatisch.

Ich bin kein Ökonom und frage mich vermutlich gerade deshalb, warum viele Unternehmer keine Verantwortung für die Menschen zeigen, die mit ihrer Arbeit seit Jahren qualifiziert und loyal für das Wohlergehen ihrer Firmen in unseren Ländern sorgen. Statt dessen lässt man (nicht nur) außereuropäische Investoren schalten und walten, sich europäische Firmen und Fördergelder unter den Nagel reißen und sich an hier erfundenen Technologien bedienen. Wer weiß, wohin Bridgestone sein Werk verlegen wird, wenn in Polen alle finanziellen Schmankerl ausgeschöpft sein werden.

Möglich, dass ich mich mit diesem Blogeintrag heute schon für die größten Kartoffeln qualifiziere, aber für mich ist ganz klar, dass man, wenn man auf dieser Erde immer nach Osten geht, man zwangsweise wieder im Westen ankommen wird. Bis dahin machen wir eben Musik, weil wir nicht so unsichtbar und stumm sind, wie man uns gern glauben machen will. Wir müssen uns nur im entsprechenden Augenblick darauf besinnen – möglichst bevor wir wieder beim Zwölfstundentag für drei Dollar Lohn angekommen sein werden.

Euch allen einen schönen Tag der Arbeit!

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