Suchen und Finden

Mein neuer Freund – das Schleifgerät

In unserem Traumwohnungspalazzo ist es ruhig. Sehr ruhig. Zu ruhig. Man könnte fast glauben, dass wir in einem Sanatorium lebten, wenn nicht die Nachbarskinder unter uns an Wochenenden gelegentlich auf Töpfen und Plasteeimern Trommelkonzerte spielten, bis den sehr leidensfähigen Eltern der Kragen platzt und die Künstler niedergebrüllt werden. Darüber hinaus wird die Sanatoriumsruhe nur von einer einzigen anderen Person gestört und die bin ich, denn ich habe eine große Schwäche für Altes und Gebrauchtes. DerIMG_20140408_140910 sogenannte „shabby chic“ wurde vermutlich nur für mich erfunden. Da jedoch Altes und Gebrauchtes häufig eher„shabby“ (auf gut Deusch: schäbig) als schick ist, muss es oftmals einer Überarbeitung unterzogen werden. Deshalb habe ich meinen letztjährigen Gefährten, den schweigsamen Spachtel, inzwischen gegen ein handliches, aber lautes Schleifgerät eingetauscht, mit dem ich bei gutem Wetter und mäßigem Wind auf der Terrasse Krach mache, um hinterher den Pinsel zu schwingen.

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir

Es ist ein sehr glücklicher Umstand, dass man meiner Generation in der Schule neben der herkömmlichen intellektuellen Ausbildung auch nützliche Dinge fürs Leben beigebracht hat. Diese wiederum beschränken sich nicht nur auf das Sockenstopfen oder die Grundzüge des Nähens, sondern wir lernten ebenfalls, dass man Holz immer mit der Faserrichtung schleift, wie man sägt, bohrt, hämmert, feilt, biegt, abkantet und schraubt oder wie man sich die Hände gründlich im Schulgarten schmutzig macht. Frau lernt so etwas heute entweder gar nicht mehr oder muss sich dieses Wissen im Erwachsenenalter mühsam selbst erarbeiten, indem sie hippe DIY-Ratgeber von Frauen in rosafarbenen Overalls liest oder notfalls Kurse im Baumarkt bucht.

Dabei kann handwerkliches Arbeiten fast meditativ wirken. Beim Abschleifen geerbter, dunkelbrauner Holzstühle kann man beispielsweise wunderbar darüber nachdenken, wer wohl schon alles darauf gesessen haben mag, was man als nächstes mit den lieben Lernenden im Deutschkurs machen könnte, warum die Nachbarin schon wieder Wäsche auf der Leine zu hägen hat (das wird vermutlich zu meinem Trauma) oder was ich eigentlich noch gut gebrauchen und am besten am Straßenrand aufsammeln könnte. Denn das ist eine andere, große Schwäche von mir: Ich bin nicht nur Krachmacher. Ich bin auch ein Finder.

Vom Suchen und Finden

IMG_20140413_130009Nachdem mir bei den temporären Gärten im letzten Jahr in Bari die Kombination von roten Blüten und grünen Weinballons so gut gefallen hat, wollte ich unbedingt solche bauchigen Flaschen. Eines Tages standen doch glatt drei kleine Versionen dieser Weinballons an einem Glascontainer in der Nähe unserer Wohnung. Ich rettete sie vor der Vernichtung und stellte sie auf die Terrasse neben rot blühende Geranien. Ich bin mir fast sicher, dass ich irgendwann noch ein größeres Exemplar finden werde.

IMG_20140408_141300Als ich eines Tages nach Marktschluss in der Nähe der Marktstraße parkte, weil ich relativ  zeitig nach dem Mittagessen eine Stunde geben sollte, glaubte ich meinen Augen kaum zu trauen, als ich an unzähligen, zu einem riesigen Berg aufgetürmten Obst- undIMG_20140408_140813 Gemüsestiegen vorbeifuhr. Die Reinigungskolonne war noch nicht mit dem Aufräumen fertig. Und damit begann meine Gemüsekistenmanie. Mit dem Schleifgerät von splitternden Kanten befreit und mit ein bisschen Farbe lasiert, fungieren sie bereits als Aufbewahrungskisten für Katzenfutter, sowie als Blumentöpfe und Blumenständer. Wer weiß, was mir noch so alles für sie einfällt. Erst vorgestern habe ich wieder zwei an mich gebracht.

IMG_20140408_140659Eine weiterer, bisher noch weit unterschätzter Wegwerfartikel in Italien sind Paletten, also die ausladenden Holzkonstruktion, auf denen Waren in Geschäften angeliefert werden. Offensichtlich hat sich hier noch keine Norm durchgesetzt, denn es gibt sie in mehr oder weniger stabilen Ausführungen und verschiedenen Größen. Sie sind toll als Blumenkübeluntersetzer z.B. für unsere Bäume auf der Terrasse, wenn man unten noch vier Rollen dranschraubt. Man kann aber auch einfach darauf sitzen und ein Buch lesen oder aus ihrem Holz andere Dinge zusammenbauen. Aktuell habe ich die Idee für eine Truhe, in der ich die Mülltrennungsmülleimer stellen kann, damit sie uns der gelegentlich heftige Wind nicht über die Terrasse verteilt, im Hinterkopf. Dafür muss ich allerdings noch einige Paletten sammeln und mir eine Säge anschaffen – elektrisch natürlich, damit die Nachbarn auch etwas von meiner Bautätigkeit haben.

Palettentrendsetting im Kostümchen

IMG_7077Vor ein paar Wochen sah ich ein besonders schönes Palettenexemplar, das nur halb so groß wie ein normales war, neben einem Müllcontainer vor einem Spielzeuggeschäft im Zentrum von Bari stehen. (Man sieht es auf dem Foto unter den Töpfen hervorlugen.) Ich war auf dem Weg zum Auto, das ich weit entfernt dort parke, wo man keine Parkgebühr von zwei Euro pro Stunde bezahlen muss. Nur kurz wägte ich ab, ob sich das Tragen einer Palette mit einem schwarzen Lehrerinnenkostüm und Pumps vereinbaren ließ. Ihr wisst ja: „bella figura“ und so… . Dann beschloss ich, dass das Tragen von Paletten unbedingt Trend werden sollte, schnappte mir das Teil und hängte es mir lässig in die Armbeuge. Ich gebe zu, es verlangte einiges an Willenskraft so auszusehen, als ob das Holzmonstrum nur so viel wie eine Handtasche wiegen würde, aber hell nussbaumfarben angestrichen, gefällt sie mir gut unter dem Zitronenbäumchen. Dafür hat sich die halbe Stunde schweißtreibendes Trendsetting gelohnt. Bisher habe ich jedoch noch niemanden gesehen, der diese Mode aufgegriffen hätte. Daran muss ich also noch ein bisschen arbeiten.

IMG_20140408_140952Ein ähnliches Spektakel habe ich jedoch mit einem geflochtenen Korb von enormer Größe kurz darauf wiederholt, der jetzt als Behälter für abgestorbene Pflanzenteile und zusammengefegtem Schmutz auf der Terrasse dient. Ich hab’s ja oben schon einmal geschrieben: Ich bin ein Finder und das Finden lohnt sich. Deshalb tun mir meine Nachbarn gelegentlich ein bisschen leid, wenn ich mit meinem besten Freund auf der Terrasse herumrumore. Wenn sie mich irgendwann auf den Lärm ansprechen sollten, werde ich ihnen tröstend versichern, dass sie nur noch zwei Gemüsekisten, fünf Stühle, eine Truhe und wenige Paletten von der ewigen Ruhe entfernt sind – es sei denn, ich finde noch weitere nützliche Dinge am Straßenrand. Das kann man nicht ausschließen.

***

Euch, meinen lieben Lesenden, wünsche ich, dass ihr im Leben auch immer genau das finden mögt, was ihr sucht – und zwar nicht nur zu Ostern und natürlich nicht nur auf Materielles bezogen.

In diesem Sinne frohe Feiertage und viel Spaß beim Suchen!

Eure Corinna

Hurra, ich hab’ gewonnen!

liebster AwardFür Personen, die einen guten Teil ihrer Freizeit, dem Schreiben eines Weblogs widmen, gibt es gewisse Momente, in denen der Stolz auf die eigene Arbeit besonders groß ist. Ich freue mich zum Beispiel, wenn ein Beitrag besonders oft aufgerufen oder besonders häufig – gern auch lobend – kommentiert wird oder, wenn jemand meine Beiträge abonniert.

Dass “Mein Apulien” auch in diesem Jahr wieder zu den Lieblingsblogs anderer Bloggender zählt, hat mich natürlich noch viel mehr gefreut. Daher bedanke ich mich ganz herzlich bei der nach Istanbul ausgewanderten Lehrerin Jana für ihre beständige Lesetreue und den “Liebster Award” aus dem März.

Die Regeln für den Award besagen, dass man 11 Fragen beantwortet, den Preis dann weiterreicht und sich für den/ die nächsten Preisträger wieder 11 Fragen ausdenkt. So kann man die Schreiber hinter den Blogs noch besser kennenlernen und wie in meinem Fall auch einmal über den thematischen Tellerrand hinausschauen.

 Hier also die Fragen aus Istanbul und meine Antworten aus Apulien:

 Wenn du auswandern würdest, wohin?

Meine Auswanderung war eher nicht geplant, sondern hat sich einfach so ergeben. Aber ich glaube, dass ich an jedem Ort der Welt leben könnte, weil Liebe und Freundschaft auch über räumliche Distanzen hinaus Bestand haben. Sollte ich irgendwann nach Deutschland zurückkehren, so würde ich allerdings wieder gern dort leben, wo meine Wurzeln sind.

Welche Farbe hat dein Lieblingsregenschirm?

Görlitz schirmÜberwiegend blau mit der Silhouette der Stadt Görlitz – ein Andenken an ein schönes Wochenende in einem ganz zauberhaften, kleinen Ort in Deutschland.

Welches Buch hast du als letztes gelesen und wie war es?

“Bierleichen” des deutsch-türkischen Autors Su Turhan. Ein Krimi: Dank seines interkulturellen Bezugs kurzweilig und humorvoll, aber leider nicht sehr spannend.

Spendest du Geld? Warum oder warum nicht?

Ich spende regelmäßig Geld an die Hilfsorganisation PLAN International für mein Patenkind Geraldine und seine Gemeinde im Benin, weil ich das Bedürfnis verspüre, denen zu helfen, denen es nicht so gut geht wie mir. Außerdem überrascht es mich immer wieder, wie viel Gutes man mit einem für europäische Verhältnisse geringen Geldbetrag in einem Entwicklungsland auf die Beine stellen kann. Darüber hinaus habe ich ein Herz für Straßenmusikanten und bettelnde Omas, die mir regelmäßig in den Weg springen.

Welches ist dein Lieblingstier? 

IMG_20140214_151758Ich mag sowohl Katzen als auch Hunde und vermisse immer noch meine Tiere, die ich in Deutschland bei meiner Familie zurückgelassen habe, aber natürlich ist unsere Katze Gina aktuell mein absolutes Lieblingstier.

Pippi Langstrumpf oder Prinzessin Lillifee?

Ohne lange darüber nachzudenken: Pippi Langstrumpf – lieber mäßig sauber als rosa.

Würdest du auch bloggen, wenn du keine Leser hättest?

Ohne Leser hätte ich vermutlich gar nicht erst angefangen zu bloggen. Dass über den ursprünglichen Leserkreis hinaus immer mehr Personen hinzukommen, ist meine Motivation dafür, am Ball zu bleiben und weiter nach interessanten Themen zu suchen oder skurile Alltagsbeobachtungen festzuhalten.

Wie verläuft dein perfekter Tag?

Interessante Frage. Die werde ich später auch stellen.

Der perfekte Tag fängt damit an, dass Gina uns nicht um halb sieben vor der Schlafzimmertür miauend weckt, sondern uns bis halb neun schlafen oder in Ruhe andere Dinge tun lässt lässt. Er geht weiter mit einer Portion Crepes mit Bananen und Schokoaufstrich und einem anschließenden Kontrollgang auf der Terrasse, was man auch “Abschreiten der Besitztümer” nennen könnte. Dann folgen ein Ausflug mit einem schönen Spaziergang, ein üppiges Mittagessen mit Fleisch oder Fisch vom Grill, Mittagsruhe im Freien mit einem Buch, ein bisschen schreiben und abends Kuscheln auf dem Sofa bei einem guten Film. Tutto tranquillo.

Wohin fährst du als Nächstes in den Urlaub?

Ins Brandenburgische. Ich möchte mal wieder mit meiner Familie in der elterlichen Küche sitzen, meine Freunde treffen, mit unserem Hund durch den Wald toben und den Duft von Kiefernnadeln schuppern, sowie dem Korn auf den Feldern beim Wachsen zusehen.

Wenn du tausend Euro geschenkt bekommen würdest, was würdest du damit machen?

Tausend Euro würde ich auf die hohe Kante legen, denn sie reichen für keins der wichtigen Projekte, die wir vorhaben. Am ehesten würde ich von einem geringen Teil des Geldes wahrscheinlich einen großen Sonnenschirm und zwei gemütliche Liegestühle kaufen.

Was kannst du am allerbesten?

Schreiben.

 ***

Nachdem nun alle Fragen beantwortet sind, möchte ich die Chance nutzen, den “Liebster Award” an einen Blog weiterzugeben, der mich sehr oft mit ungewöhnlichen Darstellungen von Lebensmitteln in der Kunst verblüfft. Er nennt sich debelloculinarioIch weiß nicht, wie Christoph immer wieder auf die faszinierenden Projekte stößt, die er auf seinem Blog vorstellt, aber jetzt könnte ich ihn ja mal fragen. Also…

  1. Würdest du beim “Liebster Award” überhaupt mitmachen? Und wenn ja:
  2. Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Blog mit “Kulinarikbezug” zu schreiben?
  3. Wie stößt du auf die faszinierenden Projekte, die du auf deinem Blog vorstellst?
  4. Gibt es bereits eine Hitliste ausgehend von deinem Beerview?
  5. Was bist du lieber: kulinarischer Entdecker oder Plattenrichter?
  6. Wo würdest du leben wollen, wenn du überall leben könntest?
  7. Wohin würdest du hingegen nur im Urlaub fahren wollen?
  8. Wahlheimat Köln – drei Dinge, für die es sich in Köln zu leben lohnt
  9. Wahlheimat Köln – drei Dinge, für die du Köln am liebsten den Rücken kehren würdest
  10. Wie viele Blogs würdest du noch schreiben wollen, wenn du die Zeit dafür hättest?
  11. Wie verläuft dein perfekter Tag?

Also schaut ruhig mal bei Christoph und Jana vorbei! Lasst euch verblüffen und von fremden Welten verzaubern.

Bis bald! Corinna

Krisenzeichen

Das Leben mit unterschiedlichen Arbeitgebern ist zugegebener Maßen etwas stressig. Lehrern erzähle ich damit sicherlich nichts Neues, aber jede Stunde, die man halten möchte, muss auch irgendwann vorbereitet werden, und statt EINES Arbeitswegs hat man plötzlich vier; wobei die Zeit, die man für den Wechsel des Arbeitsortes benötigt, Privatvergnügen ist. Dazu kommt bei mir noch eine äußerst varibable Vergütung von überwiegend „geht gerade noch so“ bis seltenst „Wow!“. Das sichert zwar das Überleben, lässt jedoch keinen Raum für große Sprünge.

Glücklicherweise habe ich als Ex-DDR-Kind einen unschlagbaren Vorteil in meinem Leben und zwar den, nie in einer Überflussgesellschaft gelebt zu haben. Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen. „Stell’ dir vor!“, erzählte ich Luigi gestern von meiner Beobachtung im Supermarkt, „Da waren tatsächlich Leute, die ihren Wagen komplett voll geladen hatten – mit Berg! So zehn tüten Pasta oben drauf und mindestens 10 Packete Kekse!“ „Das ist doch noch gar nichts!“, entgegnete er mir. „Du hättest mal in den 80er und frühen 90er Jahren hier sein sollen, als es noch keine Krise gab. Da haben beide Ehepartner jeweils einen so vollen Wagen geschoben.“

Ja, die Krise. Viele Süditaliener kommen im Moment überhaupt nur bis ans Monatsende, weil Wohnungen noch überwiegend Privateigentum sind und somit die Miete wegfällt. Dem milden Winter verdanken wir moderate Heizosten. Außerdem ist die Lebenserwartung hoch und die Alten erfreuen sich überwiegend guter Gesundheit, so dass an jedem Rentner mindestens noch eine oder zwei Familien hängen können, die mitversorgt werden – und sei es nur, indem sich die ganze Famile bei Oma zum Mittagessen trifft und die nachmittägliche Enkelbetreuung von den Großeltern oder alten Tanten übernommen wird, damit die Kinder einer Arbeit nachgehen können; wobei das nicht heißen muss, dass diese Arbeit gut bezahlt oder gar offiziell geleistet wird.

Vor ein paar Tagen las ich eine Anzeige, in der jemand eine Betreuung für den alten Vater suchte: Kost, Logis und den Sonntag frei, Arbeitszeit von 7 bis 19 Uhr, kochen, putzen, waschen, Gesellschaft leisten - 450 Euro im Monat. Tatsächlich wurden solche Jobs bis vor ein paar Jahren noch überwiegend von Migrantinnen übernommen, die mit diesem Geld ihre Familie im Heimatland versorgen konnten. In den Nachrichten wurde am gleichen Tag verkündet, dass immer mehr italienische Hausfrauen statt sich länger dem Haushalt hinzugeben in den Beruf zurückkehren; zum Beispiel als Putzfrauen oder in der Alten- sowie Krankenbetreuung. Der Bericht klang ungemein frohlockend – „Doppeldenk“ lässt grüßen! 

Andere italienische Frauen wiederum vergnügen sich trotz der Krise den ganzen Tag lang mit häuslichen Tätigkeiten, so wie unsere Nachbarin, für die es keine größere Wonne zu geben scheint, als dem Brummen ihrer Waschmaschine zu lauschen und die Wäscheleine mit langen Unterhosen sowie neonfarbenen Handtüchern zu bestücken. „Mach’ doch auch mal was dreckig!“, pflaumte ich gestern erst Luigi an. „Wir müssen Wäsche raushängen. Sonst denken die noch, dass wir Schweine wären.“ Darauf hin bekleckerte er sich, möglicherweise auch unabsichtlich, mit Schokoladeneis. Das Wäscheproblem löste er damit jedoch nicht, denn für eine Ladung Helles  reichte es trotz seines schokofleckigen T-Shirts nicht. Ich schlug also hausfrauentechnisch zurück, indem ich noch nach meinem Nachmittagsunterricht, also abends um sieben, alle Fenster putzte und dabei laute Musik abspielte, damit die Putzattacke auch sicher von der ganzen Umgebung wahrgenommen wurde.

Nächstes Wochenende werde ich die Betten abziehen und dann dürfte es sogar für zwei Waschmaschinenladungen reichen!

 

Neues von der Maestra

Treue Leser meines Blogs kennen ja meinen Plan, die Lehrlandschaft von Bari komplett zu unterwandern. In der letzten Woche habe ich wieder einen Schritt in diese Richtung getan und in einer vierten privaten Sprachschule angefangen, individuelle Kurse zu geben. Dabei spielt mir die Krise weiterhin zu, denn zwei Drittel aller Privatschüler lernen unsere schöne, aber doch einigermaßen schwere Sprache nur, um ihrem Heimatland in absehbarer Zukunft den Rücken kehren zu können.

Außerdem habe ich in letzter Zeit gelernt, wie man eine Ausschreibung für Projekte in einer öffentlichen Schule gewinnt. Das ist ganz leicht, wenn die Rahmenbedingungen vorher so gesetzt werden, dass nur ein bestimmter Personenkreis, wenn nicht gar nur eine bestimmte Person, diese erfüllen kann, denn natürlich möchte man an einer öffentlichen Schule nur die qualifiziertesten Lehrenden einstellen – am besten solche, die einem vorher empfohlen wurden.

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So dehnte ich meinen Wirkungskreis auf das Umland aus und aus der Maestra wurde ganz schnell eine Doctoressa oder, wenn sich die neuen Kollegen in der Titelfrage nicht sicher sind, auch gern mal eine Professoressa. Um die Wichtigkeit des Lehrpersonals und der Anwesenheit der Schüler zu unterstreichen gibt es ein hochwichtiges Klassenbuch, in dem die Eleven zu Beginn des Unterrichts und auch an dessen Ende ihre Anwesenheit mit ihrer Unterschrift quittieren müssen. In diesem Klassenbuch sind alle Seiten handschriftlich numeriert und mit einem Schulstempel versehen. Allerdings ist eindeutig zu wenig Platz vorgesehen, um all die schönen Sachen einzuschreiben, die man in dreistündigen Unterrichtblocks behandeln kann.

Dabei ist es erstaunlich, wie motiviert die Deutschlernenden auch in einer öffentlichen Schule sind und wie gut man mit ihnen arbeiten kann. Ich wurde dahingehend ganz umsonst auf Schlimmes vorbereitet. Kurz gesagt: wieder einmal eine tolle Erfahrung. Diese wiegt auch die Angst auf, nicht rechtzeitig aus dem riesigen Schullabyrinth herauszufinden, bevor mein Zug zurück nach Bari fährt.

Lieblingsplatz

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Nachdem ich gefühlt drei Monate nur damit beschäftigt war, auf der Terrasse das Wasser aus den Blumentopfuntersetzern auszukippen, hörte ich gestern auf meinem Arbeitsweg, wie lautstark der Sommer ausgerufen wurde. (Italiener sind wirklich alles andere als emotional zurückhaltend.) Tatsächlich steigen die Temperaturen gegen Mittag schon bis auf sommerliche 25 Grad in der Sonne. Deshalb hat selbst Luigi inzwischen seine Winterjacke gegen eine leichtere eingetauscht und unsere Heizung abgestellt.

Wer Zeit hat, so wie Gina, hält nun auch gerne mal seine Nase in den wärmenden Sonnenschein.

Mafiaeis

Hätte ich am 4. März ein Eis gegessen, als ich die Gazzetta del Mezzogiorno aufgeschlagen habe, wäre es mir im Halse stecken geblieben. Warum?

Ich habe längere Zeit überlegt, ob ich meine Verstrickungen ins Bareser Verbrechen hier auf dem Blog zugeben soll. Zum einen ärgere ich mich insgeheim und hiermit nun auch offiziell, dass ich der Mafia in den letzten Jahren geholfen habe, Geld zu waschen. Außerdem berichte ich ungern von der dunklen Seite meiner sonst so hellen Wahlheimat. Doch vielleicht ist es wieder einmal an der Zeit, daran zu erinnern, dass Apulien nicht nur „Hotspot“ und „en Vogue“, sondern auch Spielwiese von Gewalt und Verbrechen ist.

Wenn in Italien jemand dem Fiskus nur 700 Euro Pension monatlich deklariert, aber gleichzeitig 21 Bankkontos, mehrere Appartments, eine Villa, acht Autos und andere Güter besitzt, dann macht er sich verdächtig. So ergaben die zurückliegenden Untersuchungen der italienischen Antimafiaorganisation Dia und der örtlichen Polizei denn auch, dass Biagio Cassano, der den Besitz all dieser Güter und leider auch der von mir bevorzugten Eiscremebar-Kette „Gasperini“ mit Hilfe von Strohmännern bisher gut zu verschleiern wusste, dem organisierten Verbrechen angehört. Seine Besitztümer wurden laut der Tageszeitung Gazzetta del Mezzogiorno vor zwei Wochen beschlagnahmt; so auch meine Lieblingseiscremebar auf dem Corso Cavour, die im Moment wie Cassanos andere Lokale unter staatlicher Aufsicht weiterlaufen.

Zum Glück gelingt den Behörden immer mal wieder ein erfolgreicher Schlag gegen “Subjekte von bemerkenswert kriminellem Format”. Das einzig Positive an dieser Situation ist, dass das Eis immer noch so gut schmeckt, wie als es noch Verbrechereis war (davon habe ich mich am Donnerstag überzeugt) und, dass man in dieser Eisbar mit Sicherheit nicht mehr die Unternehmungen der Mafia mitfinanziert. Mein Vertrauen in andere Bars und Caffes ist dahingehend vorläufig auch erschüttert.

Apulien ist en Vogue

Bevor ich am Wochenende über meine kriminelle Leidenschaft berichte, hier noch ein Hinweis, den mir meine ehemaligen Arbeitskollegen zukommen ließen, die sich jeden Tag fleißig durch Unmengen von Massenmedien graben.

“Italien ist schön, Apulien ist schöner“ – titelt nämlich die Aprilausgabe des Mode- und Lifestyle-Magazins Vogue, die gestern erschienen ist, und darin sieht es ganz so aus, als hätte sich die Journalistin Kiki Baron auf ihrer Fahrt durch Italiens Süden in die Gegend zwischen Gargano und Ostuni verliebt.

Sie berichtet von Traumstränden, der ungewöhnlichen Fischfangmethode vom Trabucco aus. Sie erzählt vom unverschämten Lotto-Glück der Bewohner der Stadt Peschici. Natürlich lässt sie auch die typischen Trulli-Häuschen nicht unerwähnt und Ostuni wird bei ihr zur „mittelalterlichen Märchenstadt“, in deren Nähe sie in einer Masseria den Tag ausklingen lässt.

Ein sympathischer Artikel mit sehr schönen Fotos aus dem apulischen Frühling!