Verliebt in die Lehrerin

„Sei la più bella ragazza che ho mai visto.“ – „Du bist das schönste Mädchen, dass ich je gesehen habe.“, sagte mein Schüler plötzlich, während ich noch die Konjugation von „möchten“ an die Tafel schrieb. „Was?“, fragte ich etwas irritiert zurück. „Sei bellissima e te lo volevo dire.“, wiederholte er mit etwas anderem Wortlaut und begann über’s ganze Gesicht zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Ich fühlte, wie sich tiefe Falten in meine Stirn gruben. „Das denkst du nur, weil es hier so wenig blonde Frauen gibt. Und nun schreib das mal bitte ab!“, drängte ich ihn, seinen merkwürdigen Blick zum Heft und auf die Tafel lenkend.

Dann flüchtete ich fünf Minuten auf das Schulklo, um meine Gedanken zu ordnen. Ich hätte mich da auch zehn Minuten verstecken können, denn er ist nicht der schnellste Schreiber. Dafür kommt er einmal pro Woche eine Strecke von zwei Stunden mit dem Zug gefahren, um ausgerechnet in Bari Deutschunterricht zu nehmen. (Gibt’s denn keine Deutschlehrer im Jottwede?) Nach 10 Stunden konnte er immer noch nicht richtig auf die Frage „Wie heißt du?“ antworten, geschweige denn herausfinden, was ein „Fragewort“ ist. Aber an diesem Tag wurde mir nun klar, warum ich das Gefühl hatte, er würde mich zwar immer aufmerksam ansehen, jedoch was ich sagte, einfach nur an seinem Ohr vorbeirauschen.

Der Rest des Unterrichts verlief… sagen wir etwas „angespannt“. Ich sah fast jede Minute auf die Uhr, erhielt noch eine Einladung zum Essen in seine Heimatstadt, die ich mit dem Hinweis auf Pläne mit meinen Verlobten ablehnte, und raffte dann deutlich hastiger als sonst meine sieben Sachen zusammen und verschwand.

Luigi lachte sich zunächst ein bisschen kaputt, als ich ihm von meiner Notlage erzählte. Dann erklärte er mir, dass es grammatikalisch korrekt „che abbia mai visto“ heißen gemusst hätte und fragte, wie alt besagter Schüler sei. – 27. – „Der soll mal schön alleine essen gehen!“, knurrte er da und das war alle Hilfe, die ich von ihm erwarten konnte.

Was tun? – fragten schon zwei große Russen. Vielleicht habt ihr ja eine Idee… oder mehrere, denn ich habe noch 50 Stunden Unterricht mit besagter Person vor mir und kann nicht die meiste Zeit davon auf dem Schulklo verbringen.

Cavour

Bari goes Top Gun – Besuch auf Italiens größtem Flugzeugträger

Es gibt so Sachen, von denen man annimmt, dass man sie nie im Leben tun wird. Jedenfalls würde man annehmen, dass man sie nie im Leben tun wird, wenn diese Sachen nicht so unwahrscheinlich wären, dass man gar nicht erst darauf kommt, überhaupt darüber nachzudenken, dass man sie tun könnte. Dazu gehört zum Beispiel das Herumstrolchen auf einem Flugzeugträger – also auf einem dieser Schiffe, die so riesig sind, dass ein auf ihnen herumstehendes Kampfflugzeug wie ein einsames Auto auf dem Parkplatz vor einem Einkaufszentrum wirkt.

Der Flugzeugträger Cavour im Hafen von Bari

Die Cavour im Hafen von Bari

Helikopter auf der CavourDoch als Luigi am letzten Wochenende vorschlug, das schöne Sonntagswetter und die Möglichkeit zu nutzen, die Cavour, den größten Flugzeugträger der italienischen Marine, zu besichtigen, war ich sofort dabei. Zwei Tage lang lag dieser Ozeanriese nämlich zum ersten Mal im Fährhafen von Bari und war zur kostenlosen Besichtigung freigegeben. Den einzigen Flugzeugträger, den ich bis dahin in meinem Leben bewusst wahr genommen hatte, war der auf dem Tom Cruise dazumal in seinem Erfolgsfilm “Top Gun” Dienst getan hatte. Aber ehrlich, sooo groß wirkte das Schiff da gar nicht, was aber auch an unserem damals noch sehr kleinen Fernseher gelegen haben könnte.

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Die Flugzeugstaffel nennt sich “Wölfe”.

Flugzeug der Staffel "Wölfe" der CavourGlücklicherweise waren wir schon eine Stunde vor Einlass dort, denn scheinbar hatten sich noch sehr viel mehr Baresen vom Sonnenschein, möglichen Jugenderinnerungen oder dem Ruf der Cavour zum Hafen locken lassen, was besonders die Schlange bewies, die sich entlang des Schiffs gebildet hatte, als wir es verließen (siehe erstes Foto).

IMGP0727Scheinbar hatte man keine Angst vor Besuchern, denn die Taschenkontrolle war weniger streng als auf einem Flughafen und Ausweise musste man schon gar nicht vorzeigen. Aber natürlich wurden wir nur in einen sehr begrenzten Teil des 244m langen Schiffs gelassen, denn der normale Betrieb mit über 600 Männern und Frauen an Bord ging auch in diesen Tagen weiter.

Zuerst gab es einen kurzen Werbefilm zu sehen, während dessen uns ein weiß-bärtiger Marineoffizier von einigen Missionen der Cavour erzählte. Unter anderem wird das Schiff nämlich auch für Hilfstransporte und als Krankenhausschiff in Krisengebieten eingesetzt, worauf die Seemännern öffenbar besonders stolz sind. Sie betreiben sogar ein eigenes Hilfsprogramm für sehbehinderte Kinder in Afrika, für das sie mit dem Verkauf von Kalendern an diesem Tag Spenden gesammelt haben.

IMGP0712Nach dem Film durften wir über schmale Treppen auf das Deck klettern und uns dort nach Herzenslust umsehen. An den Flugzeugen und Hubschraubern standen Soldaten bereit, die geduldig die Fragen der neugierigen Schiffstouristen beantworteten. Natürlich hatten wir von dort oben auch einen fantastischen Blick auf Bari. Und hinunter in den Frachtraum mit der riesigen Eingangsklappe brachte uns dann ein Fahrstuhl, der sonst nur für Krankentransporte benutzt wird.

IMGP0708Ich interessiere mich eigentlich gar nicht für das Militär oder Technik, aber ein technisch ausgefeilter Koloss wie dieser, auf dem Menschen nur noch wie Ameisen wirken, und in dem sie auch ameisenähnlich zusammenleben, verlangte mir doch einiges an Respekt für die Konstrukteure und die Besatzung ab. Deshalb fand ich diesen Vormittag trotz des langen Anstehens wirklich gut genutzt.

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Blick von der Cavour auf Bari

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Faszinierende Blütenpracht

Kaktus 1Auf unserem Wohnstubenfensterbrett stehen ein paar Kakteen und andere hitzeresistente Pflanzen in praller Sonne. Vor ein paar Tagen bemerkte ich an einem Gewirr aus Stachelstäben zwei Blütenansätze, die mich an Bastelstunden in meiner Kindheit und an gefaltete Taschen aus Buntpapier erinnerten.

Kaktus 3Nun hat sich die erste Blütentasche entfaltet und plötzlich lockt eine rotweiß gesprenkelte Sternenblüte alle Insekten an, welche die aktuellen, sonnigen Herbsttage noch für Ausflüge auf die Balkone und Terrasse nutzen.

Wieder einmal bin ich fasziniert davon, dass so unscheinbare Pflanzen sich so spektakulär herausputzen können.

Die schönsten Orte Italiens – Locorotondo

Gasse und Kirche in LocorotondoIn meinem Bericht über das bezaubernde Städtchen Cisternino habe ich bereits erwähnt, dass es offiziell ausgezeichnete „schönste Städte“ in Italien gibt. Auf der Liste dieser 100 „borghi più belli d‘Italia“ findet man auch die von Cisternino nur 10 Autominuten entfernte Stadt Locorotondo.

rechteckige Häuschen in LocorotondoDer „runde Ort“ (locus rotundus) aus dem 12. Jahrhundert ist als „Stadt des Weißweins“ bekannt und schmiegt sich mit seinen weiß getünchten Häusern um einen weiteren Hügel im Itria-Tal herum und hinauf. Er lädt zum Bummeln durch die konzentrisch und strahlenförmig angelegten Gassen ein, wobei zwei als EinblickAussichtspunkte dienende liebevoll gepflegte Parks und ein jährlicher Wettbewerb um den schönsten Balkon der Stadt für einen besonders malerischen Eindruck sorgen. Wie schon in Cisternino stellt der Ort als solche bereits das touristische Ziel dar, denn außer den beeindruckenden Stadttoren und einigen kleinen Kirchen gibt es keine wirklichen Höhepunkte.

typischer AufgangWemit Grün belebtr sich einen besonders guten Tropfen gönnen möchte, sollte in eins der kleinen Restaurants einkehren oder sich ein Fläschchen mit nach Hause nehmen, denn der um Locorotondo hergestellte Weißwein “Bianco Locorotondo” mit dem DOC-Prädikat (Denominazione di origine controllata) zählt zu den besten Weinen Apuliens. Für das leibliche Wohl sorgt jedoch nicht nur der Wein sondern auch eine krümelig hergestellte Pasta mit Schnittlauch und Pecorino-Käse namens „Tridde“, die traditionell in Truthahnbrühe genossen wird.

Belvedere von Locorotondo

Park “Belvedere”

Ausblick

Blick auf das Itria-Tal

Wer also in der Nähe von Ostuni weilt und ein paar Nachmittagsstunden für eine Ausfahrt ins von Trullibauten und Trockensteinmauern durchzogene Itria-Tal nutzen möchte, sollte sich den Besuch von Locorotondo nicht entgehen lassen.

Die schönsten Orte Italiens – Cisternino

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Begrünte Gassen

ALIM0222Von Bari aus der Staatsstraße Nr. 16 in Richtung Ostuni folgend erreicht man in etwa einer Autostunde einen der schönsten Orte Italiens – Cisternino. Dabei handelt es sich nicht (allein) um meine persönliche Einschätzung sondern tatsächlich um einen offiziellen Titel, mit dem sich nur 100 Gemeinden in ganz Italien schmücken dürfen. Das kleine Städchen Cisternino, das gemeinsam mit Locorotondo und Martina Franca das Itria-Tal begrenzt, hat sich diesen Titel wahrlich verdient.

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Rathausplatz in Cisternino

TalblickAuf den Ruinen der römischen Stadt „Sturnium“ ab dem Mittelalter neu erbaut leuchtet von einem Hügel aus das helle Weiß der gekalkten Häuser aus dem tiefen Grün des Trulli-Tals heraus. Die hohen, schmalen und vor allem blitzblank geputzten Gassen laden zu einem Spaziergang ein. Im Sommer räumen Restaurants ihre Tische nach draußen und auch auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus werden die zahlreichen Touristen bewirtet. Immer wieder eröffnet sich zwischen den Häusern der Blick in das Tal.

Die Mutterkirche von Cisternino - San Nicola

Die Mutterkirche von Cisternino – San Nicola

Diese romantische Umgebung und die obligatorische San-Nicola-Kirche machen die kleine Stadt zu einem Hochzeitsparadies. Und auch die Stauferliebhaber, die in Apulien fast überall auf ihre Kosten kommen, können sich in Cisternino ihrem Lieblingskaiser Friedrich II ein Stück näher fühlen. Einer Legende nach soll der Staufer dereinst auf einem Ritt durch Cisternino die Nacht mit einem Mädchen des

Hochzeitsmobil

Hochzeitsmobil

Ortes verbracht haben. Zufällig wurde zu dieser Zeit gerade die Kirche „San Nicola“ gebaut und so vermutete man, dass zwei in Stein gehauene Gesichter in einem der Kirchenkapitels Friedrich und seine Geliebte darstellen (siehe auch Rossano Astremo: 101 storie sulla Puglia che non ti hanno mai raccontato).

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Charakteristische Außentreppe

Wir verbringen im Sommer häufig ein paar Nachmittagsstunden Eis essend durch die bezaubernde Stadt schlendernd und von einem der Aussichtspunkte den Blick über das Itria-Tal genießend. Im kühlen Schatten der Bäume wird man langsam von der frühnachmittäglichen Trägheit der Stadt überwältigt und kann nicht anders, als matt den Alten zuzusehen, die sich dort bei einem Brunnen zu einem Spiel zusammenfinden, bei dem sie Münzen möglichst nah an eine andere Münze heranwerfen.

Cisternino 2Vor einigen Jahren gelangte das Städtchen zu unverhoffter Aufmerksamkeit als eine dort ansässige Sekte behauptete, dieser Ort allein sei vor dem Weltuntergang sicher. Nun kenne ich mich mit Weltuntergängen zwar nicht so gut aus, aber immerhin kann ich mit Sicherheit sagen: Sollte die Welt tatsächlich irgendwann untergehen, hätte es Cisternino definitiv verdient, stehen zu bleiben.

Ver- aber nicht geschlossen

nicht geschlossen

 

An der verschlossenen Tür eines süditalienischen Ladengeschäfts:

“Die liebenswürdige Kundschaft der ‘Bottega’ wird darüber informiert, dass dieses Geschäft NICHT GESCHLOSSEN HAT, aber man im Moment keine gut definierten Tage und Uhrzeiten angeben kann. Für jegliche Informationen wende man sich an… .”

So kann man das Konzept von Öffnungszeiten natürlich auch vestehen.