Alles andere als grau II

Nachdem ich auf den Hilferuf nach “einer anderen Farbe als grau” von Eine handvoll Dackel reagiert hatte und ein Sonnenuntergangsfoto für Dackel Dendes Frauchen im Hohen Norden Deutschlands gepostet hatte, schickte Maria aus Deutschland ein ganz tolles Foto von einem Sonnenuntergang, den sie aus einem Flugzeug fotografiert hat. Traumhaft, nicht wahr?

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Für alle mit Fernweh

Aber noch ein weiterer, stimmungsvoller Gastsonnenuntergang – dieses Mal über Berlin – ist bei mir eingegangen; zu besichtigen hier auf dem Blog von Vilmoskörte.

Grotten und grottenschlechter Service

Apulienbesucher, die nicht an Klaustrophobie leiden, muss der gute Touristenführer natürlich in die Grotten von Castellana geleiten. Darüber habe ich schon einige Beiträge verfasst. So ist es auch geschehen, als mein Cousin mich unlängst besuchte. Durch zwei Begebenheiten, die typisch für Italien und die Italiener sind, wurde gerade dieser Besuch unvergesslich, obwohl es schon mein siebter seit dem Jahr 2000 gewesen ist.

Italiener haben keinen Respekt vor Verboten

In den Grotten von Castellana ist es außer in der ersten Höhle verboten zu fotografieren, weil Licht den Mineralien schadet und man natürlich mit professionellen Fotos und Büchern Geld verdienen möchte, das sicherlich unter anderem für die weitere Erschließung und andere Kosten verwendet wird. Besonders stolz sind die Castellaner auf ihre weiße Grotte, in der sämtliche Stalaktiten, Stalagmiten und Säulen aus weißen Mineralien bestehen.

Als wir mit unserer Gruppe jedoch beim letzen Besuch in der weißen Grotte eintrafen machten bereits Italiener aus der Gruppe vor uns ungehemmt Fotos, sodass unsere Führerin schließlich meinte, wir sollten keinen Blitz verwenden und uns mit dem Fotografieren beeilen, damit die nächste Gruppe es nicht mitbekommen möge. Hier also ein halb-autorisiertes Handyfoto ohne Blitzlicht.

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La grotta bianca – Die weiße Grotte

Die Bahn kommt

Nach dem Höhlenbesuch drückten wir uns noch eine Weile in den kleinen Souvenirshops herum, um dann zu gegebener Zeit den Bahnsteig aufzusuchen. Dieser wurde eigens für Grottenbesucher auf freiem Feld errichtet und besteht aus einem Mäuerchen, zwei Bänken und einer Konstruktion mit einem winzigen Dach.

Die Sonne brannte. Unser Wasser war alle. Meine Blase drückte. Aber in nur zehn Minuten sollte der Zug kommen. Wir setzten uns also auf das Mäuerchen in den Schatten einer Robinie und waren guter Dinge. Nach zehn Minuten kam jedoch kein Zug. Auch nicht nach 15. Nach 20 Minuten rief mein Cousin “Da kommt er!” und sprang von der Mauer. Besagter Zug gab jedoch nur ein langgezogenes Tuten von sich und brauste an uns vorüber. “Für zwei Hanseln halte ich nicht, wenn ich schon Verspätung habe!” – sollte das wohl heißen. Danke Ferrovie Sud Est! Ein Musterbeispiel an Service.  Die Sonne brannte weiter. Die Mauersteine piekten am Po. Meine Blase drückte noch mehr, aber das Wasser war zum Glück alle.

Mein Cousin spielte nun Clubmusik auf seinem Handy. Ein monotones, scheinbar ewig langes Stück, das ich wohl für immer mit der Bahnstation Grotte di Castellana verbinden werde – irgendwas mit “summertime” und “sadness”.  Doch ehrlich gesagt, war ich weder traurig noch verärgert über diese Begebenheit. Sie passte einfach zu Süditalien wie die Faust auf’s Auge und  gab mir die Möglichkeit, meine in zwei Jahren angelernte, apulische Gelassenheit zu demonstrieren, indem ich mich nun auf einer Bank in der Sonne ausstreckte und beschloss, mich ein bisschen zu rösten und erst unruhig zu werden, wenn auch der nächste Zug nicht anhalten würde. Selbst meine Blase entspannte sich und gab das Drücken auf.

Nach ungefähr zehn Mal “summertime sadness” kam dann der nächste Zug und so gelangten wir auch wieder zurück nach Triggiano. Maria, die uns zum Mittagessen erwartet hatte, war inzwischen schon in höchster Alarmbereitschaft und wähnte uns in den Grotten verschollen. Aus purer Erleichterung und um dieses schlechte Beispiel an apulischer Gastfreundschaft wieder wettzumachen, kellte sie uns Beiden eine doppelte Portion vom Mittagessen auf, ließ mich aber vorher zum Glück ihr Bad benutzen.

Alles andere als grau

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Da mich ein Hilferuf nach “einer anderen Farbe als grau” von Eine handvoll Dackel ereilt hat und ein Sonnenuntergang gewünscht wurde, hier also unsere Sonnenuntergangsecke auf der Traumwohnungsterrasse.

Falls das jemand liest, der auch Sonnen(untergangs)fotos für den Norden Deutschlands hat, der kann gern bei der Stimmungshebung helfen und ein Foto posten, sowie in einem Kommentar darauf hinweisen.

3 x F = Sommer 2014 – Faulenzen, Fußball und Familie

Faulenzen in der Sommersonne

IMG_20140713_193637Es ist warm und der Wärme angemessen bin ich träge geworden. IMG_20140713_193714Wenn ich mal nicht arbeite – in diesem Sommer scheint es kein Arbeitssommerloch für mich zu geben – dann sehe ich den Birnen beim Wachsen zu oder zähle die Früchte an meinem Feigenbaum “Federico” (68) oder an den Kaktusfeigen – vorzugsweise abends nach einem entspannenden Abendbrot unter dem Sonnenschirm.

Fußball (Ja, wirklich!)

Der Fußballsommer hat in Italien ja bereits nach wenigen Wochen ein abruptes Ende gefunden. Doch da Deutschland sich bis ins Finale gespielt hat, werde ich trotzdem ständig auf die Weltmeisterschaft angesprochen. Das gute Abschneiden unserer Mannschaft war zwar eine erfreuliche Sache, mir jedoch im Grunde meines Herzens egal, bis … ja, bis sich einer meiner Schüler am Freitag mit den Worten “Wir sehen uns wieder, wenn Argentinien gewonnen hat.” verabschiedete. Angesichts dieser verbalen Herausforderung würde ich den deutschen Jungs jetzt gern zurufen: Bitte spielt die Argentinier für mich in Grund und Boden! Danke.

Mein Schüler wird trotzdem wiederkommen. Soweit ich weiß, hat er den Kurs nämlich schon bezahlt. (Haha!)

Kochende Cousins

IMG_20140713_185602Zuletzt möchte ich allen Lesern raten, mindestens einemIMG_7441 Familienmitglied den Beruf des Kochs ans Herz zu legen. An dieser Stelle meinem lieben Cousin einen herzlichen Gruß nach Berlin. Es war sehr schön, dass Du da warst und uns so gut bekocht hast! Ohne Dich wäre unser erstes, großes Grillen in Familie mit Sicherheit nervenaufreibender geworden.

Zum zweiten Jahrestag -„Buon ComPuglianno!“

IMG_7320Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon sind zwei Jahre herum und ich feiere erneut meinen selbsternannten Apuliengeburtstag, “ComPuglianno”; dieses Mal in unserer eigenen, inzwischen komplett eingerichteten Wohnung. Seit meine Bücher, Tonträger, mein Geschirr, Tischdecken, Pflanzen und andere Kleinigkeiten aus Deutschland hier angekommen sind, fühle ich mich bei uns endlich richtig zu Hause und nicht wie in einer schönen, aber zweckmäßig eingerichteten Ferienwohnung.

IMG_7224Aber auch abgesehen von der Wohnungsrenovierung und -einrichtung ist im letzten Apulienjahr viel passiert: ich habe mit Freunden und Verwandten meine neue Heimat erkundet, meine Unterichtstätigkeit auf mehrere Schulen ausgedehnt und bin inzwischen froh über das Sommerloch. Endlich kann ich abends unsere Terrasse genießen, auf der es inzwischen in allen Ecken blüht und grünt, und komme nicht länger nur zum Schlafen nach Hause. Wer denkt, dass das Grillen nur ein deutscher Nationalsport sei, der kennt die Italiener nicht. Wir machen dabei inzwischen trotz des WM-Aus’ kräftig mit und erfreuen unsere Findelkatze Gina mit den ihr zustehenden Abgaben.

IMG_7223Sicherlich wird es auch im kommenden Apulienjahr eine Menge Überraschungen und viel zu tun geben. Es muss ja nicht gleich wieder jemand sterben, der uns nahe steht. Unsere Pläne allein für unsere Wohnung und Terrasse reichen jedenfalls noch für mindestens 10 Jahre. Private Wünsche haben wir natürlich ebenfalls genügend: von einer Vollzeitfestanstellung, über das Bestehen von Luigis Weiterbildung bis hin zur Familienvergrößerung.

Also ich bin jedenfalls gespannt und optimistisch, dass sich auch weiterhin alles zum immer Besseren entwickelt.

Deshalb auch in diesem Jahr: Buon ComPuglianno a me! … und viele liebe Grüße an alle, die heute nicht mit mir feiern können. Ich denk’ an euch!

 

Der Ball regiert die Welt

Vor einigen Wochen während einer Deutschstunde: „Es tut mir, aber ich kann heute nicht zum Unterricht kommen.“ tönte es mir hoch gestresst aus dem Telefon entgegen. Da ich von diesem Anrufenden keine Absagen gewöhnt war, läuteten bei mir sofort alle Alarmglocken. „Oh, Gott! Was ist passiert?“, fragte ich besorgt zurück. Es konnte sich nur um einen Autounfall oder gar Schlimmeres handeln, denn, wenn Italiener sich die Mühe machen, deutlich vorher einen Termin abzusagen, dann ist es Ernst. „Ich kann hier nicht weg, sonst ist nachher alles ausverkauft.“, antwortete er jedoch, und setzte erklärend hinzu, dass er seit zwei Stunden in einer langen Schlange nach Karten für das Spiel anstünde. Aha. Bevor ich noch etwas fragen konnte, legte er auf.

„Was für ein letztes Spiel denn nun schon wieder!?“, meckerte ich kopfschüttelnd vor mich hin, und erinnerte mich daran, dass erst unlängst ein Schüler wegen eines „wichtigen Termins“ den Unterricht früher beendet hatte. Wichtiger Termin! Am nächsten Tag war er im Rahmen eines Berichts über ein groß aufgezogenes Public Viewing in Bari glückselig strahlend in der Zeitung zu sehen gewesen. „Bari spielt am Sonntag und meine Mutter lässt mich nicht hin!“, jammerte es prompt hinter einem Deutschbuch hervor.

„Ach, du Armer!“, sagte ich zu meinem halbwüchsigen Bürschchen, das ich auf Geheiß seiner Mutter einmal pro Woche mit der deutschen Sprache quälen muss, meinte es jedoch nicht so, da sich mein Verständnis für Fußballfans in Grenzen hält. „Warum denn nicht?“

„Da werden ganz sicher mindestens 40.000 Fans im Stadion sein, wenn wir spielen.“, sagte er mit glänzenden Augen. “Hast du das Spiel gesehen, bei dem nur einer einziger gegnerischer Fan im Stadion war? Und auf unserer Seite war alles voll.” Ich lächelte, als wüsste ich, wovon er sprach. Natürlich hatte ich das nicht gesehen.

Ich enthielt mich auch des Kommentars, dass ich persönlich ebenso  davon abgesehen hätte, meinen vierzehnjährigen Sohn mitten unter eine Horde von wild gewordenen Schalträgern mit Kriegsbemalung zu lassen, und fragte stattdessen, ob er die Übung beendet hätte. Er antwortete mir jedoch nicht auf meine Frage, sondern fuhr fort, mir zu erklären, warum seine Mutter eine Ausgeburt an Gemeinheit sei und alle seine Freunde natürlich zu dem Spiel gehen dürften – auch ohne Begleitung von Erwachsenen. Ach, wunderbare Jugend! Ich entschloss mich, ihn einfach reden zu lassen, denn irgendwie fand ich es auch erheiternd zu hören, wie er ein Fifa-Play-Station- Spiel in seiner Schultasche vor seiner Mutter versteckte, damit sie ihn nicht mit Spielverbot belegen konnte, als sie ihn beim Fußballspielen in der häuslichen Wohnstube erwischte. Pech für ihn, dass sie statt dessen ihren Mann angewiesen hat, auf keinen Fall Karten für das Spiel zu kaufen.

Während er sich über die Ungerechtigkeit seiner Eltern, den heroischen Aufstieg des städtischen Fußballteams und der damals noch bevorstehenden Weltmeisterschaft ausließ, fügten sich für mich endlich die Puzzleteile aus Beobachtungen vermeintlich abstruser Situationen, Schülergesprächen und den Momenten, in denen ich Luigi nur halbohrig zugehört hatte, zu einem großen Ganzen zusammen. Mir dämmerte es, dass Public Viewings und das Schlangestehen für Tickets für ein Bari-Spiel der zwingende Höhepunkt einer für die Baresen und ihr städtisches Team dramatischen Fußballsaison sein musste.

Was hatte ich da die ganze Zeit erfolgreich ignoriert? Ein aufklärendes Gespräch mit Luigi – „Du hörst mir doch sonst nicht zu, wenn ich von Fußball erzähle!“ – brachte weiteres Licht ins Dunkel. Über lange Jahre waren die Baresen unglücklich mit ihrer Fußballmannschaft gewesen. Immer, wenn Bari ein paar gute Spieler hatte und in die nächste Liga aufgestiegen war, verkaufte der Besitzer diese Spieler und sorgte somit wieder für den sicheren Abstieg, leere Stadionplätze und desillusionierte Fans. Das ging so lange, bis der Laden im letzten Jahr Pleite ging und das Team öffentlich versteigert werden musste.

Hatte diese Situation vielleicht den baresischen Patriotismus und die Motivation der Spieler angeheizt? Möglich, denn 2014 gewann das Team. Die Stadionplätze füllten sich von mal zu mal mehr und auch auf den Straßen war jedes Spiel plötzlich lautstarkes Gesprächsthema. Dennoch gingen keine Kaufangebote ein. So wie man sich über jede gewonnene Partie und jeden eroberten Tabellenplatz freute, begann man darum zu bangen, dass sich ein Kaufwilliger für den AS Bari fände.

„Comprate la Bari“ – hieß es mit einem Mal auf von Balkonen gehängten Bettlaken. Besonders in den sozialen Netzwerken gehörte es bis Mai zum guten Ton, sich mit einem „Kauft Bari“-Schriftzug abgelichtet zu zeigen. Die Fans erklärten sich solidarisch mit ihrem Fußballteam. Nur Corinna wunderte sich auf dem Weg zur Schule, aus welchem Grund wohl jemand eine ganze Stadt kaufen sollte. „Ach, hättest du das doch mal eher gesagt!“, maulte ich Luigi an. „10 Euro hätte ich auch geboten. Du zehn Euro, ich zehn Euro. Sind zusammen schon zwanzig.“ „Na, da hättest du aber noch knappe 5 Millionen drauflegen müssen…“, grinste Luigi. Gut, so wichtig finde ich ein eigenes Fußballteam dann doch nicht.

Geflaggt – Nationalstolz anlässlich der WM

Die roten Hähne von Bari sind letztlich leider nicht in die erste Liga aufgestiegen, aber immerhin sind sie soweit gekommen, dass sie um den Aufstieg spielen durften und ihre Spiele in voll besetzten Stadions spielen konnten. Fast 60.000 Zuschauer bei einem Spiel der B-Liga, habe ich mir sagen lassen, das grenze schon ein an Wunder.

Im Moment haben die fußballverrückten Baresen ja die Weltmeisterschaft, mit der sie ihrem Affen Zucker geben, sich wegen des verpassten Aufstiegs trösten und Unterrichtsstunden absagen können, denn neben dem Nationalstar Balotelli feuert man hier natürlich ganz besonders der baresischen Stürmer Cassano an.  Aber irgendwann wird der Spuk wieder zu Ende sein und sicherlich auch meine Deutschstunden ohne wichtige Termine, Absagen oder Schmerztiraden wegen gemeiner Mütter über die Bühne gehen. Obwohl – bei Letzterem bin ich mir nicht so sicher.