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Auf die Palme gebracht

Buchstäblich auf die Palme gebracht hat die Stadt Bari seine Einwohner, die über 40 Jahre in einer der wichtigsten Einkaufsstraßen, der Via Sparano, unter inzwischen recht stattlich gewordenen Exemplaren dieser Gattung lustwandeln oder in ihrem Schatten sitzen konnten. Im Zuge eines Projekts zur „Aufwertung“ der Straße werden die Sitzgelegenheiten, welche die Palmen bisher umfassten, zerstört und die Bäume unter den bedauernden bis ungläubigen Blicken der Baresen mit schwerem Gerät ausgegraben und zum Beispiel in den Park des 2. Juni oder an die Stadtmauer gebracht.

entpalmisierung-2Natürlich gab es im Vorfeld der Aktion zahlreiche Proteste, aber Stadt und der Bürgermeister halten an ihrem Projekt, das neben einer Aufteilung der Via Sparano in sechs unterschiedliche Bereiche mit individueller Note auch eine Neubegrünung mit Sträuchern und Blumentöpfen vorsieht, fest. Je nach Tagesform gibt man in Interviews dafür eine Fläche 150 bis 250 qm an. Die Palmen haben ca. 160 qm Fläche eingenommen. Ich persönlich frage mich, warum niemand auf die Idee gekommen ist, die mehr 4,5 Millionen Euro für die Umgestaltung der Via Sparano zur Verschönerung von Flächen einzusetzen, die bisher nichts zu bieten haben. Nur zwei/ drei Querstraßen weiter und schon steht man in einer Straße mit bröckelnden Fassaden, ohne jegliches Grün. Statt dessen investiert man in die Zerstörung eines Wahrzeichens der Stadt. Via Spanaro, die mit den großen Palmen. Es war einmal.

Eines hat das Projekt jedenfalls schon erreicht: Die Straße bietet einen traurig-grauen Tunnelblick auf die Piazza Umberto mit dem dahinter liegenden Bahnhof. Von den Baresen wird sie inzwischen „Friedhofsstraße“ genannt.

Pasta fresca

Suchanfragen XII – warm essen Italien

Sich vorzustellen, was jemand mit den Worten „warm essen Italien“ auf meinem Blog gesucht haben mag, ist nicht einfach. Suchte der oder diejenige warmes, italienisches Essen oder italienisches Essen bei Wärme? Ich nehme das Zweite an, denn auch in Deutschland soll es in letzter Zeit ziemlich heiß gewesen sein.

preparatoEin sommerlicher Klassiker in meiner Familie ist „Pasta fresca“ – Nudelsalat. Für die italienische Hausfrau unter Zeitdruck gibt es dafür diverse vorbereitete Gemüsemischungen, die man nur noch an die gekochten Nudeln (oder auch an den Reis) schütten muss und schon ist der Nudelsalat fertig. Wir ergänzen diese Mischungen gern mit in Würfel geschnittenem Käse und/ oder Tomaten, Gurken, Olivenöl und Basilikum.

Schnell. Bunt. Lecker.

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Götterdämmung oder Die lieben Nachbarn

Wie gut, dass wir unsere lieben Nachbarn haben! Sonst wüssten wir nicht einmal über uns selbst Bescheid.

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„Dämmen“ bedeutet in Italien, von außen Polystyrolplatten an die Wand zu kleben, sie mit Plastikplättchen zu verankern, ein Gitternetz aufzubringen und danach neu zu verputzen.

„Jetzt, wo Ihr Kind da ist, brauchten Sie wohl eine größere Wohnung.“, flötete mir nämlich unlängst Signora F. vom Balkon im ersten Stock entgegen und schwang demonstrativ ihren Besen. „Nein, wir ziehen nicht aus.“ entgegnete ich leicht verwirrt, während Davide versuchte, mir beim Aufschließen den Schlüssel für unsere Zauntür zu stibitzen. „Haben Sie nicht ein weiteres Zimmer konstruiert?“ „Neeein…“, antwortete ich gedehnt. „Wir haben einen cappotto termico gemacht.“ (dt.: unsere Wohnung von außen gedämmt). Dann erklärte ich, dass man auf einem Dach nicht einfach weitere Zimmer anbauen dürfe. Erstens sei es verboten und zweitens könne es Probleme mit der Statik geben, weshalb das auch verboten sei; vermutete ich jedenfalls.

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Jetzt haben wir Außenwände so weiß, dass es beim Hinschauen blendet. Und wenn man leicht dagegen klopft, klingt es, als lebe man in einem Eierkarton.

„Be, also, wann sind Sie denn endlich damit fertig? Ich muss jeden Tag den Balkon waschen und die Türen geschlossen halten. Das Polystyrol kommt bis in die Wohnung.“ Ich entschuldigte mich in aller Form für die Unannehmlichkeit, denn tatsächlich fanden auch wir immer noch einige von den winzigen Polystyrolkügelchen, die mehrere Wochen  in Massen über die Terrasse gerollt waren, und erzählte, dass wir fertig seien und inzwischen auch die Terrasse einmal completamente profondamente gereinigt hätten. Woher jetzt immer noch das Polystyrol käme, könne ich mir nicht erklären. Und Davide habe übrigens ein Kinderzimmer. „Ach, ich war einmal oben, da lebte die Signora noch dort. Ich erinnere mich nicht mehr so gut, aber die Wohnung kam mir sehr klein vor. “ – „Wir sind ja nur drei. Für uns ist sie groß genug.“ versicherte ich und biss mir auf die Zunge, denn es lag eindeutig der Wunsch nach einer Einladung im Raum.

„Aber im Winter ist es doch sicher sehr kalt da oben.“, versuchte sie es erneut.  „Sehr kalt“ bei selten weniger als null Grad – über das italienische Temperaturempfinden diskutierte man besser nicht. „Jetzt nicht mehr.“ gab ich daher nur zurück. „Wir wollten nicht länger für draußen heizen. Deswegen der cappotto termico.“

„Aber es ist doch sicher sehr unbequem mit dem Kleinen ohne Fahrstuhl.“ kam es nach einem kurzen Moment der Überlegung. Also tat ich ihr den Gefallen und bestätigte, dass es sehr unbequem sei, obwohl mir die Stufen tatsächlich nur nach einem üppigen Mittagessen bei Mamma Maria unüberwindbar schienen. Da wirbelte Signora F. aus dem ersten Stock ihren Besen energisch durch eine Balkonecke und meinte versöhnlich: „Sie haben ja noch junge Beine.“ „Ja.“, bestätigte ich, „Und Davide fängt jetzt zu laufen an. Da brauche ich in Zukunft nur die Einkäufe zu tragen.“ „Amore!“ – flötete sie nun endgültig wiederhergestellt. „Come sei bello!“ Davide legte sein „wird auch endlich Zeit für ein Kompliment“- Lächeln auf und schaute demonstrativ zur anderen Seite. „Er ist müde.“, entschuldigte ich uns. „Einen schönen Tag noch.“ Signora F. grüßte halbherzig, denn sie spähte bereits nach einem anderen Small-Talk-Opfer – vielleicht um die Neuigkeiten sofort weiterzugeben.

„So,“ sagte ich zu Luigi, als wir in unserer Wohnung angekommen waren, „jetzt erklär mir doch mal genau, was du mit dem zusätzlichen Zimmer machen willst, das uns die Handwerker angebaut haben.“ „Zimmer?!“ meinte er stirnrunzelnd…

Bienen und Blumen

Von Bienen und Blumen

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Viele Bienen schleppten schon richtig schwer am Pollen, den sie an ihren Hinterbeinen sammeln (zum Vergrößern anklicken).

Bienen und Blumen 2Ich erwähnte bereits (vermutlich mehrmals), dass ich ein großer Kakteenfan geworden bin, seit die von unseren Vorbewohnern hinterlassenen Kakteen sich nicht nur vervielfachen sondern auch mehrmals im Jahr auffällige Trichterblüten entwickeln, welche die Größe der Kakteen deutlich überbieten. Aktuell rollt die zweite Blütenwelle über die Terrasse und heute früh ist mir aufgefallen, dass die weiß-rosa Trichter die reinsten Bienenmagneten sind. Es brummte und summte so fröhlich in der Kaktusecke, dass ich das hastige Treiben fotografisch festhalten musste. Die fleißigen Bienen müssen sich auch beeilen, denn die Pracht dauert jetzt im Sommer nur einen Tag. Dann fällt die Blüte schon in sich zusammen.

Über das Summen freue ich mich natürlich, denn sowohl Bienen und Kakteen als auch Bienen und Obstbäume sind nicht nur eine wünschenswerte sondern im wahrsten Sinne fruchtbare Kombination. Offenbar hatte sich unser Zwergbirnenbaum in diesem Jahr von den Kakteen anstecken lassen und ebenfalls zweimal Blüten angesetzt. Nun trägt er neben fast ausgereiften Birnen auch ein paar kleine aus den Juniblüten. Ich bin gespannt, ob diese ebenfalls reif werden.

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Leben auf Abstand

bedeckt 1Seit Davide bei uns ist, hat die Zahl der Katzenfotos deutlich zugunsten der Babyfotos abgenommen. Aber wie ihr seht, gibt es Gina noch. Inzwischen hat ihr beschauliches Leben sehr an Beschaulichkeit eingebüßt, denn unser Kleiner krabbelt wie ein Wilder und hat auch schon die ersten Schritte ohne sich festzuhalten gemacht. – Für uns ein berührender Moment, für Gina ein Grund mehr, Sicherheitsabstand zu halten, denn auch Davide ist ein großer Katzenfan.

Während sich Gina also überwiegend bedeckt hält, aus gegebenem Anlass hier noch einmal ihre Expertentipps für das Verhalten an heißen Tagen.

Das Sonnenbrillenproblem …

… oder: Wie lange dauert es einen Bericht über Corinna in Apulien zu schreiben?

fluegge_logo_finIrgendwann gegen Ende des letzten Jahres hat mich die Journalistin Susanne vom „Flügge“-Blog angesprochen und gefragt, ob wir uns über meine Auswanderung nach Triggiano unterhalten könnten. Auf ihrem sehr lesenswerten Blog sammelt sie nämlich interessante Geschichten von Menschen, die ausgewandert sind oder deren Leben durch eine Reise verändert wurde. Ehe wir einen Skype-Termin gefunden hatte, vergingen bereits Wochen, aber wir schafften es schließlich zusammenzukommen und sprachen über meinen Weg nach Triggiano, über Apulien, Bari, die Leute und das Leben hier in Süditalien.

Tatsächlich stellte sich als größtes Problem heraus, dass es praktisch keine Fotos von mir vor apulischer Kulisse gab, da ich immer hinter der Kamera stehe. Und auf den wenigen existierenden Fotos hatte ich immer eine Sonnenbrille auf. Logisch, denn hier scheint nun mal zu allen Jahreszeiten die Sonne. Ich musste also Besuche von Freunden abwarten, die bei uns generell immer mit Fotoapparat an- und dann mit mir in Apulien herumreisen.

Dazu kamen auf beiden Seiten Arbeit, Feste, Feiertage, Urlaub, wieder Arbeit, Familie und, und, und…  aber was lange wärt, wird bekanntlich gut. Daher gibt es seit ein paar Tagen bei Susanne einen langen Bericht, der vieles noch einmal zusammenfasst, was ich auch schon hier auf MeinApulien mit euch teile noch dazu mit einigen Fotos, auf denen ich gezwungenermaßen ohne Sonnenbrille zu sehen bin: „Vom Licht und Leben in Apulien“.

Die hässliche Fratze der Korruption

In den letzten Tagen sind die Besucherzahlen auf meinem Blog explodiert. Obwohl ich mir wünschte, das läge an einem meiner Beiträge oder an dem tollen Artikel über Ostuni, Lecce und dem Salento, der am 10.7. in der „Welt am Sonntag“ erschienen ist, wird es wohl doch eher mit dem Zugunglück zwischen Andria und Corato nördlich von Bari zu tun haben, das 23 Menschen das Leben gekostet hat und dessen Untersuchung mehr und mehr zu Tage fördert, was in Apulien (Italien) generell schief läuft.

Obwohl das schreckliche Ereignis längst von einem noch schrecklicheren in Nizza übertrumpft wurde, möchte ich mich doch noch für alle die äußern, die besorgt per Telefon, sms, Kommentar oder E-Mail bei mir angefragt haben, ob mit uns alles in Ordnung sei. Zum Glück waren weder Familienmitglieder noch Freunde oder Bekannte von uns in einem der beiden Züge unterwegs, die am 12. Juli auf einem eingleisigen Streckenabschnitt der Ferrovia del Nord Barese frontal aufeinandertrafen. Natürlich macht es das nicht besser und es tut mir sehr, sehr leid für alle, die an diesem Tag geliebte Menschen verloren haben.

Inzwischen ist der erste Schock überwunden und die Untersuchungen haben begonnen. Dabei ist schnell offensichtlich geworden, dass viele Faktoren hier zusammengekommen sind, um ein statistisch relativ unwahrscheinliches Ereignis zu provozieren. In einem Radiointerview auf „Radio Capital“ ließ der italienische Verkehrsminister gestern Abend ein paar Zahlen verlauten. Demnach gäbe es noch 9000 eingleisige Bahnkilometer in ganz Italien, von denen 600 noch mit dem sogenannten „blocco telefonico“ arbeiten fast wie zu Zeiten, als die Eisenbahn gerade erfunden worden war. Demnach fragt Bahnhofsvorsteher A mit einem „Phonogramm“ genannten, telegraphenähnlichem Gerät beim Vorsteher des folgenden Bahnhofs B an, ob das Gleis frei ist und er den Zug schicken kann. Wenn B das okay gibt, darf A den Zug losschicken und muss sich dann wieder per Telefon vergewissern, dass der Zug auch wirklich angekommen und die Strecke somit wieder frei ist.

Wegen Bauarbeiten waren an diesem Tag Züge im Sondereinsatz unterwegs, dazu kamen Verspätungen und die Rückkehr eines Zuges nach Corato, weil man vergessen hatte, ein Mädchen mit Behinderung aussteigen zu lassen. Alles zusammen scheint den Bahnhofsvorsteher von Andria verwirrt zu haben, so dass er das Signal für die Abfahrt zugelassen hat, während der zweite Zug aus Corato, auf den er hätte warten müssen, noch nicht in Andria angetroffen war. In Corato wiederum hätte man sofort nach Andria zurückgeben müssen, dass der Zug nicht losfahren darf, weil noch ein anderer auf der Strecke unterwegs ist. Doch offensichtlich hat es dort niemand mitbekommen. Als wäre das noch nicht genug des unglücklichen Zufalls trafen sich die Züge in einer Kurve, so dass die Maschinisten nicht einmal die Möglichkeit zu reagieren bzw. zu bremsen hatten.

Alles klar, möchte man also zynisch meinen: Mehrfach dumm gelaufen. Irren ist menschlich – darf eigentlich nicht sein, aber passiert manchmal. Doch hat dieses tragische Unglück den Blick auch auf einen anderen Sachverhalt gelenkt. Es gibt schon lange technische Kontrollsysteme, die solchen menschlichen Irrtum zu verhindern helfen und die bereits Pflicht in Italien sind. Für diesen Streckenabschnitt lag jedoch eine Ausnahmegenehmigung vor, obwohl Gelder für die Ausstattung der Gleise mit dem Kontrollsystem geflossen waren. Warum? Weil 2012 der zweigleisige Ausbau der Strecke mit EU-Fördermitteln genehmigt worden war und bis 2015 erledigt sein sollte? Doch dieses Projekt wurde immer wieder verschleppt. Die aktuelle Ausschreibung lief noch bis zum Anfang dieses Monats.

Wer hier das Risiko eingegangen ist, seit Jahren mit Menschenleben zu spielen, warum das Projekt so verschleppt wurde und wohin die bisher gezahlten Mittel verschwunden sind, muss nun die weitere Untersuchung hervorbringen. Klar ist aber, nicht nur menschliches Versagen, sondern auch die allgegenwärtige und für ganz Italien so typische Korruption haben all diese Menschen auf dem Gewissen.

Und das ist eigentlich das Traurige an der Sache: Wäre alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen, hätten technische Hilfsmittel eingegriffen und dieses Unglück verhindert. In Italien müsste viel mehr kontrolliert und auf die Einhaltung von Gesetzen, Regeln und Absprachen geachtet werden. „Gelegenheit macht Diebe“ und der Gelegenheiten gibt es offensichtlich viele, wobei man sich augenscheinlich selbst von großen Dimensionen als Dieb nicht abschrecken lassen muss.