Ich muss doch verrückt sein!

Wir schreiben den 25. Juni 2012. Noch blicke ich aus dem Küchenfenster meines Elternhauses auf ein wogendes Kornfeld mit vereinzelnten Korn- und Mohnblumensprenkeln. Wir haben viel Platz hier in unserem Einfamilienhaus mit einem großen Grundstück. Mein Bruder wohnt gleich nebenan, meine Großeltern nicht weit entfernt. Alles ist mir seit meiner Kindheit vertraut: die blassroten Rosen unter dem Fenster, die mit dem blauen Rittersporn um die Wette blühen, die Straße, die sich in zwei langgezogenen Kurven ins nächste Dorf windet, der schmale Sandweg, der in den Wald führt, in dem ich jede einzelne Pilzstelle kenne und, dort, hinter den belaubten Weiden die kleinen Teiche, an denen sich regelmäßig die Mitglieder des Anglervereins treffen – 35 Jahre haben sich trotz der gelegentlichen Auszeiten bedingt durch Schule und Studium ins Gedächtnis eingegraben. Ich kann meine Augen schließen und in Gedanken überall entlangwandern. Wird das so bleiben, wenn ich in einer Stadtwohnung am Hacken des europäischen Stiefels lebe?

Ich versuche, eine apulische Juni-Landschaft vor meinem geistigen Auge zu beschwören: rostrote Erde mit schroffen Steinen übersät, darauf staubig grüne Olivenbäume, dürres hellgrünes Gras, das sich tapfer den 30 Grad Mittagshitze entgegenstämmt… das kann doch nicht alles sein! Ist es auch nicht, denn hinter dem leichten Hügel tauchen schon die endlosen Reihen der Weinspaliere auf, daneben Pfirchsichbäume und Feigen – die Kirschen sind bereits abgeerntet – und wieder Olivenbäume. Sie schrauben sich in den Himmel, ihre knorpeligen Stämme gespalten, Äste, die zu brechen drohen durch aufgeschichtete Steinsäulen gestützt. Schließlich stehe ich auf dem Hügel und mein Blick schweift über das hitzeflimmernde Land bis zum Horizont, wo sich das Azurblau des Meeres und der strahlendblaue Himmel die Hand reichen. Ich öffne meine Augen wieder, denn etwas streicht um meine Beine – mein Kater Bruno. Ich öffne das Küchenfenster und er schreitet gemächlich hinaus. Ich sehe ihm nach und weiß, dass ich nicht mehr oft sehen werde, wie er sich lasziv auf dem Fensterbrett räkelt, bevor er endlich hinunterspringt, über den Zaun setzt und zwischen dem hohen Korn verschwindet.

Bis Ende des Monats gehöre ich noch zu den glücklichen 80-90 % der Brandenburger, die einen Job haben. Ich bin die Karriereleiter ein Stück hinaufgeklettert, verdiene nicht schlecht für unsere Gegend. Der Job ist interessant, birgt Abwechslungen, ist sogar ziemlich sicher; vielleicht sogar etwas für’s Leben. Der Chef, die Kollegen und Kolleginnen sind freundlich, humorvoll und offen. Wir Bandenburger mögen gelegentlich als unfreundlich empfunden werden, aber wir tragen unsere Herzen auf dem rechten Fleck. Trotzdem habe ich vor einem halben Jahr gekündigt und Luigi versprochen, dass ich nach Italien komme. Mein Chef ist aus allen Wolken gefallen, ich auch irgendwie – und meine Familie erst recht. Bis dahin war ein Auswandern nach Italien keine Option gewesen, denn Luigi wollte langfristig immer in Berlin arbeiten und wohnen. Die Gründe für unsere Entscheidung waren so vielfältig wie triftig.

. . .  und dennoch: Ich habe zwar alle möglichen Sprachen gelernt, darunter auch Nützliches wie Englisch und Russisch, aber Italienisch? – Seit Jahren versuche ich, einen Abendkurs an unserer Volkshochschule zu machen, aber der wird mit schöner Regelmäßigkeit abgesagt. Ich baue also auf einen Anfänger-Intensivkurs, den ich vor zwei Jahren in Bari absolviert habe, und mein natürliches Sprachtalent. Es kommt mir trotzdem irgendwie verrückt vor, ohne Aussicht auf einen Job und ohne ausreichende Sprachkenntnisse mit nichts weiter, als dem Vertrauen darin, dass sich alles zum Guten wenden wird, Deutschland hinter mich zu lassen. Wenigstens hatte ich sechs Monate, mich an den Gedanken zu gewöhnen.

Von Kollegen/innen, Freunden und Verwandten habe ich mich schon verabschiedet. Es waren zwei hektische und emotionsgeladene Wochen. Es ist anstrengend immer optimistisch und zuversichtlich auszusehen, wenn die eigenen Gefühle Achterbahn fahren. Aber Luigi wartet schon sehnsüchtig auf mich. Mama Maria hat bereits einen detaillierten Essensplan für die erste Woche ausgearbeitet, und nicht zuletzt hat der Verkäufer unserer zukünftige Dachterassenwohnung endlich unser Angebot akzeptiert. Es wird also höchste Zeit, dass ich mir mit eigenen Augen ansehe, worauf wir uns da einlassen werden.

Auf Wiedersehen Deutschland! Auf Wiedersehen Brandenburg! Auf Wiedersehen Familie! Mit Air Berlin ist man in zwei Stunden in Bari oder auch wieder zurück. Gut, dass die Welt mit den Jahren so klein geworden ist. Auch gut, dass es das Internet gibt, denn für euch alle, die ich zurücklassen muss, schreibe ich diesen Block. Ich werde euch hier von meinem neuen Leben berichten, über alles Gute und vielleicht auch weniger Gute, was ich in Apulien entdecken und erleben werde, und darüber, wie ich hoffentlich eine neue Heimat finde.

Wir lesen uns!

2 Gedanken zu „Ich muss doch verrückt sein!

  1. Christian

    Vom blauen Meer träumen wir hier in unseren Brandenburger Landen, die doch nach Kleist auch eher für Walfische und Haie geeignet gewesen sein sollen. Immerhin hatten wir einen schönen Spätsommer und der Herbst zeigt sich nun auch von der besten Seite. So haben wir hier zwar kein Meer mehr, aber ein Mehr an Grün, über dem aber manchmal im Oktober schon die Schneeflöckchen zu tanzen beginnen. Immerhin braucht man in Apulien sicher keinen Schnee zu schippen.

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  2. Mäusemamma

    Liebe Corinna…lange ist es her, dass Du damals alke Zelte in Deutschland abgebrochen hast- mutiger Schritt und übrigens fesselnd geschriebene Momentsaufnahme von damals. Wie man Deinem Blog entnehmen kann, hast Du mittlerweile festen Fuss gefasst in Italien.👍 Ich werde jetzt öfters mal vorbeischauen! Viele Grüsse! Claudia

    Antwort

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