Willkommen in Italien

Mein Flugzeug landet gegen Mittag auf dem Flughafen in Bari Palese und während ich noch an der Gepäckausgabe stehe, hörte ich bereits rund um mich herum Telefongespräche, bei denen die Themenfolge jedes Mal in etwa so lautet:

1. Wir sind gut angekommen

2. Der Flug war gut.

3. Was gibt’s zu essen?

Ja, ich bin zweifelsfrei in Italien.

Ich erinnere mich noch genau, an meinen ersten Besuch hier. Da auch damals mein Flugzeug gegen zwölf landete, lernte ich schon innerhalb der ersten Stunden die zwei wichtigsten italienischen Wörter kennen – nämlich „buono“ (gut) und „basta“ (es reicht). Nach all den zwischenzeitlichen Besuchen hier erinnere ich mich natürlich nicht mehr genau daran, was es damals zum Essen gab, aber ich versichere jedem, dass ich sehr oft „buono“ sagen musste und, dass ich bis heute bei „Mamma Marias“ Kochkünsten noch nicht geplatzt bin, verdanke ich nur dem Wörtchen „basta“ und einer gehörigen Portion kaltblütiger Ignoranz.

Auch dieses Mal haben wir kaum die Wohnungstür geöffnet, als Maria bereits aus der Küche ruft: „Gut, dass ihr endlich da seid. Setzt euch an den Tisch. Es ist schon alles fertig.“ Es ist also sinnlos, Koffer oder Taschen noch vor dem Essen auspacken zu wollen. Die Zeit reicht gerade noch für einen langen Kuss in Luigis Zimmer und schon werde ich von Maria, die gar nicht erst riskieren will, dass wir uns irgendwo anders festsetzen, am Schlafittchen gepackt und ins Wohnzimmer geschoben, wo der gedeckte Tisch mit einer Kleinigkeit an Antipasti auf uns wartet. Und dann geht es auch schon los: „Hast du das schon mal gegessen?“ oder „Hast du das schon probiert?“ – praktisch alle Schälchen mit Oliven, eingelegten Artischocken, Zwiebelchen und das Körbchen mit verschiedenen Sorten Taralli (herzhaftes Kringelgebäck) werden im Nu in meine Richtung geschoben und schon sieht es so aus, als wäre ich unheimlich verfressen und hätte deshalb sämtliche Vorräte an mich gerissen.

„Nun, nimm doch und iss! Iss!“ kommt es auch gleich wieder von Luigis Mama, die sich freudig die Hände reibt, während Luigis Vater Pasquale, der sich meiner Not natürlich voll bewusst ist, sich jedoch an diesem Spektakel jedes Mal diebisch erfreut, sofort ins richtige Horn stößt, indem er sagt: „Maria, lass sie! Ihr schmeckt’s nicht.“ „Ach, sei still!“ kommt es wie bestellt sofort aus ihrer Richtgung zurück, „Warum sollte es ihr nicht schmecken. Bisher hat es ihr immer geschmeckt!“ Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als wirklich von allem ein bisschen auf meinen Teller zu verfrachten und demonstrativ darauf zu achten, dass Maria sieht, dass ich wirklich alles esse und mich auch jedes Mal fragen kann: „Und?“ oder die Vollversion „Und wie schmeckt’s?“ so dass ich schon nach den ersten zehn Minuten mehrmals „buono“ oder „buoni“ gesagt habe. Aber das ist das Schöne (oder Schlimme – wie man’s nimmt) an der italienischen Küche: Es schmeckt einfach alles, selbst das, was mein Magen nicht akzeptiert. Doch da wären wir schon wieder bei einer anderen Geschichte. Die heben wir uns für später auf.

Luigi hatte mir ja versprochen, davon abzusehen, den ganzen Familienclan darüber zu informieren, wann ich komme. Von daher ist nur eine Tante zum Essen eingeladen worden, die bei ihm die Omastelle vertritt. Diese 89jährige rüstige Frau mit unzähligen Lachfältchen um Mund und Augen hört auf dem Spitznamen Zievola, was eine Mischung aus „Tante“ und „Teufel“ darstellt, und eigentlich überhaupt nicht zu ihr passt. Aber das gehört zum süditalienischen Humor. Zievola bringt mich noch während der Antipasti und dem anschließenden Gang mit Honigmelone und Schinken auf den neusten Stand, was die Situation der Familiemitglieder betrifft. So bin ich also beispielsweise schon beim Hauptgericht darüber im Bilde, dass Tante Anna zu dick geworden sei und deshalb das Haus nicht mehr verlassen könne, während Maria dazu ansetzte doppelt so viel Bucatini al Forno auf meinen Teller zu schaufeln wie auf Luigis. „Basta, Maria!“ rufe ich also, aber wohl nicht überzeugend genug, denn die zweite Kelle landet doch auf meinem Teller. „Iss, Corinna!“, sagt sie nur. „Du hast doch gesagt, dass du Bucatini al Forno möchtest.“ Ja, das stimmt zwar, aber ich hatte nicht gesagt, dass ich mehrere Kilo davon essen wolle, denn die Erfahrung hat mich gelehrt, dass nach der Pasta niemals Schluss ist.

Natürlich esse ich den Teller trotzdem leer, denn es schmeckt doch einfach immer so gut (siehe oben). Wie auch immer. Ich bin jedenfalls satt. Und damit setzt die Folter ein. Mir zur Liebe und, weil Zievola auch nicht mehr so viel vertrage, verzichtet man zwar darauf, noch Fleisch zu servieren, aber so eine kleine Salcicca dürfte ich wohl noch schaffen. Nun, ja, gerade so, denn das gebratenen Hackfleischwürstchen ist nur ca. 10 cm lang. Ich kaue tapfer und versuche zu lächeln. Trotzdem sagt Pasquale: „Man sieht es doch. Es schmeckt ihr nicht.“ Sofort schüttele ich meinen Kopf und bestreite alles: „Es schmeckt mir, aber ich bin schon satt.“

„Wie? Satt?“, ruft Maria jetzt völlig entrüstet, als hätte ich mir einen solchen Daseinszustand gerade eben ausgedacht. „Margerita (so heißt die Tante wirklich), die Teller!“ Damit quetscht sie sich an Pasquale vorbei und trägt den nächsten Schwung benutzten Geschirrs in die Küche, während Zievola zum dritten Mal neue Teller und Besteck austeilt. Ich beschließe, nun wirklich nichts mehr zu essen und nur noch den obligatorischen Verdauungslikör zu mir zu nehmen. Aber eine Varriation aus Mozarella, Scamorza und anderen Käsen macht es nicht gerade leichter, überzeugend „basta“ zu sagen. Ich bekomme also von jedem Käse noch ein Stück vorgesetzt und versichere jedesmal, dass er gut sei und mir auch gut schmecke. Extra wegen mir war Pasquale noch am frühen Morgen auf dem Markt und hat frische Früchte eingekauft, so dass ich als dankbare zukünftige Schwiegertochter noch ein oder zwei Feigen esse und mich dann demonstrativ mit dem Oberkörper auf den Tisch werfe und mit den Augen rollend stöhne. „Maria, ich kann nicht mehr. Ich bitte dich. Basta.“, bevor sie mir ein Stück Torte unter die Nase schieben kann. „Das kommt alles nur vom Frühstück!“, schimpft sie. „Natürlich kannst du gar nichts mehr zum Mittag essen, wenn du schon morgens so viel ist.“

Ich habe schon vor Jahren aufgegeben, darüber zu diskutieren, dass man einen Berg aus Antipasti, zwei Hauptgerichten, Käse und Früchten wohl unmöglich „nichts“ nennen kann. Das Tortenstück wandert also auf Luigis Teller. Doch dann sieht man, wie die Zufriedenheit eines guten Einfalls Marias Gesicht erhellt. „Trinke noch ein Glas Wein! Dafür ist immer Platz.“, strahlt sie mich folgerichtig an und säbelt sofort ein weiteres Stück Torte ab. Ich schenkte mir also noch ein Glas Wein ein und versichere ihr, dass ich am nächsten Morgen nicht frühstücken werde. Ich kann mir in diesem Moment sowieso nicht vorstellen, in meinem ganzen Leben jemals wieder zu essen. Aber gleichzeitig weiß ich, dass diese Vorstellung völlig illusorisch ist. Während ich also darauf warte, dass jeder noch ein winziges Stückchen Torte gegessen haben und dann der Likör die Runde machen wird, stelle ich beruhigt fest, dass hier in Italien eigentlich alles beim Alten ist. Ich bin endlich angekommen und mir bleibt die stille Hoffnung, dass die nächste Mahlzeit nur aus drei Gängen bestehen wird.

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