Arbeitslosenblues

Mein Urlaub ist vorbei. Heute ist mein erster Tag als Arbeitslose. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich auch nach zwei oder drei weiteren Wochen nicht wieder an meinen Schreibtisch, der jetzt nicht mehr mein Schreibtisch ist, zurückkehren werde. Ich kann ich es noch nicht richtig glauben, dass es vorbei ist. Meine Arbeitskollegen und -kolleginnen, die inzwischen auch Ex sind, lächeln mich von den Fotos meiner Schreibtischunterlage, die sie mir unter anderem an meinem letzten Arbeitstag geschenkt haben, an. Das Gefühl, demnächst relativ nutzlos zu sein, reißt mir die Beine weg und ich beschließe, etwas gegen den einsetzenden Blues zu tun: Ich setze mich mit einer Tasse Tee in die Sonne auf den Balkon und schaue auf die vorbeifahrenden Züge, die hohe Palme, welche die Bahnstation flankiert, und auf eine riesige muskulöse Männerbrust unter einem wie für eine Zahnpastawerbung aufgelegtem Lächeln auf einer „Kaufe Gold“ – Reklametafel vor unserem Haus. Dieser Macho sieht nicht so aus, als würde er tatsächlich Gold kaufen wollen. Ich lächele ein wenig in mich hinein. Der Himmel ist wolkenlos und strahlend blau. Langsam sieht die Welt wieder besser aus.

Nach einer halben Stunde flüchte ich mich vor einen möglichen Sonnenbrand vor den Computer und melde mich bei meinem Adecco-Account in Bari an, den ich mir schon vor ein paar Monaten eingerichtet habe. Inzwischen habe ich neben allen anderen Zeugnissen und Zertifikaten auch mein Arbeitszeugnis übersetzen lassen. Vorgestern konnten wir es bei der Italienisch-Deutschen-Assoziation abholen. Die Sekretärin hatte mir erklärt, dass sie beinahe niemanden gefunden hätten, der es übersetzen wollte. Das Dokumentendeutsch, das bereits für Muttersprachler schwer verständlich ist, muss für Übersetzer scheinbar die Pest sein. Ich kann mich gar nicht so überschwänglich bedanken, wie ich es nach dieser Erklärung für angemessen halte. Mir hilft die Übersetzung jedenfalls ganz ungemein, in meinen italienischen Lebenslauf einzutragen, für was ich alles verantwortlich gewesen bin. Während ich meine Verantwortlichkeiten auf das geforderte Maß an Zeichen kürze, gelange ich zu der Überzeugung, dass jeder Arbeitgeber froh sein müsste, ein Organisations-, Kommunikations- und Führungsgenie wie mich beschäftigen zu dürfen.

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