Altstadtbummel in Bari

Bevor das erste Heimweh mich erwischen kann, haben meine Eltern sich entschlossen, mich zu besuchen. Für meinen Vater ist es die erste Reise nach Italien überhaupt. Meine Mutter hat zwar schon im letzten Jahr ein paar Wochen hier verbracht, aber lässt sich die Chance auf ein bisschen Erholung am Stiefelhacken nicht entgehen. Natürlich sind wir auch touristisch unterwegs. Den Anfang muss Bari machen, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und gleichzeitig der Region Apulien, nach Neapel die zweitgrößte Stadt Süditaliens.

Der Zug bringt uns aus unserem Vorort Triggiano in gut fünfzehn Minuten ins ca. 15 km entfernte Stadtzentrum von Bari, wo ein großer Springbrunnen vor dem Bahnhof alle Ankommenden freundlich grüßend in Empfang nimmt. Das plätschernde Wasser der Fontäne, der blankgeputzte blaue Himmel und die mit ihren 30 Grad angenehme Julisonne machen sofort gute Laune. 

Vom Bahnhof zur Altstadt

Der im 19. Jahrhundert erbaute zentrale Stadtkern ist dem Schachbrettmuster nach planmäßig angelegt. Die Straßen kreuzen sich senkrecht und man kann sich gut orientieren. Wir wollen uns aber an diesem Tag die historische Altstadt ansehen. Darum nehmen wir vom Bahnhofsvorplatz (Piazza Aldo Moro) aus die Flaniermeile Via Sperano unter die Füße und spazieren unter den Palmen durch den Park an der Universität von Bari hindurch in Richtung Norden, bis wir den Corso Emanuele Vittorio erreicht haben. Dahinter beginnt die Altstadt „Bari Vecchia“ mit ihren ringförmig angelegten Gassen und dicht gedrängten weiß getünchten Häusern, die beinahe übereinander zupurzeln scheinen. Welch ein Kontrast zu den großzügig geplanten Jugendstilbauten der Via Sperano mit deren riesigen Schaufenstern, Markenboutiquen und auflockernden Anpflanzungen!

An der Uferpromenade entlang zur Basilika

Allerdings wenden wir uns zunächst dem Meer zu, denn wir wollen die Altstadt an der Seeseite umrunden. So können wir durch die Markthalle auf dem Piazza Ferrorese vor dem „Teatro Margerita“ und dann auf der Promenade weiterschlendern. Selbst wenn gerade kein Markt stattfindet, riecht das Marktgebäude nach reifen Früchten, Fisch und Gemüse, als hätten sich die Jahrzehnte des Gebrauchs als dauerhafte Erinnerung ins Mauerwerk eingegraben. Im kleinen Fischerhafen schaukeln die Boote bereits träge an ihren Leinen, denn die Fischer sind natürlich längst mit ihrem Fang zum Markt, den Restaurants oder zu den Fischläden unterwegs, die sie beliefern. Einige sind sogar schon wieder zurück und flicken ihren Netze.

Die Basilika des Heilige Nikolaus‘

Wir orientieren uns am Turm von San Sabino, eine der wichtigsten Kirche Baris. Als wir ihn hinter uns gelassen haben, ist es nicht mehr weit bis zur „Basilika San Nicola“. Dort wollen wir den Durchgang vom Lungomare durch die Stadtmauer nehmen und uns ins touristische Getümmel stürzen, denn der Besuch dieser wuchtigen Kirche ist einfach ein „Muss“. Die Baresen sind unheimlich stolz auf die Überreste des Heiligen Nikolaus, die hier aufbewahrt werden, seit sie diese 1087 n.Chr. aus der Türkei entführt haben. Dieses denkwürdige Ereignis wird aus Sicht der Baresen als „Heimführung“ jedes Jahr im Mai mit einer Festwoche begangen, während die Türken in Abständen bei der italienischen Regierung anmerken, dass sie den Nikolaus, der doch immerhin in der heutigen Türkei gelebt und gewirkt hat, gern zurück hätten. Aber was zählen schon die paar Lebensjahre in der Türkei im Vergleich mit der nun schon 1000 Jahre währenden Anbetung in Bari?

Typisch für Italien ist auch eine gewisse Unfertigkeit – als genüge es, immer nur das Nötigste zu machen. So reiht sich der Umbau des ehemaligen Regierungspalastes des Herzogs Roger Bursa durch den Benediktinerabt Elias in die Basilika, wie wir sie heute vor uns sehen, als weitere Kuriosität in eine lange Liste von Merkwürdigkeiten ein. Der Umbau wurde im 11. Jahrhundert begonnen und nie vollständig abgeschlossen. Es dauert eben alles etwas länger hier unten und mit den Jahrhunderten verändern sich dann auch die Geschmäcker. Solchermaßen sieht man der Basilika ihre weltliche Herkunft immer noch ein wenig an, aber das macht den klobigen Bau auch einzigartig. 

Wir treffen dort ein, als sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft einfindet und auf den vorderen Bänken sortiert, während man der sichtlich aufgeregten Braut vor der Kirchentür den Schleier auf den roten Teppich drapiert. Die Touristen verhalten sich etwas leiser als sonst. Hier und da klicken die Fotoapparate. Wir schlendern auf der rechten Seite an der Büste des Heiligen Nikolaus vorbei, durchqueren fast die ganzen 55 Meter Länge des Inneren der Basilika und steigen dann die Treppen hinunter in die Krypta. Diese hat mich schon bei meinem ersten Besuch stark beeindruckt, nicht etwa ob der viel gepriesenen 26 Säulen, von denen keine der anderen gleicht, sondern weil dort eine Kapelle den orthodoxen Gläubigen zur Verfügung steht. Während also im Parterre die katholische Hochzeit gefeiert wird, singen Orthodoxen im Keller ihre Liturgien – ein schönes Zeichen für Toleranz.

In der Krypta befindet sich auch der Schrein mit den Überresten des Heiligen Nikolaus. Übers Jahr sammelt sich darin eine Art Flüssigkeit. Diverse sicherlich kirchennahe Wissenschaftler haben ihre Meinung dazu abgegeben und die Möglichkeit, dass es Kondenswasser sein könnte, ausgeschlossen. Der gute Gläubige nennt die Flüssigkeit daher „manna“ und kauft sie den Dominikanermönchen, denen das Areal gehört, hauptsächlich bei der o.g. Ankunftsfeier mit Wasser verdünnt als Wundermittel gegen Krankheiten ab. Gerade hier im Süden ist der Glauben ein fester Bestandteil des Alltags und man muss vorsichtig abwägen, ob man lieber nur inwendig lächelt.

Ich mag Kirchen hauptsächlich ihrer Atmosphäre wegen und, weil es im Sommer darin immer schön kühl ist, aber natürlich gibt es in der Basilika auch bedeutsame Wandgestaltungen, Mosaike, Gemälde und Statuen zu bewundern. Die barocke Überbauung des Innenraums wurde Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend zurückgebaut, um die Ursprünge der Kirche aus dem 11. und 12. Jahrhundert wieder sichtbar zu machen, aber die beeindruckende Barockmalerei an der Decke des Mittelschiffes hat bis heute „überlebt“. Weitere Details über die Basilika liest man am besten in einem Reiseführer nach, denn alles auch nur anzureißen würde hier schon den Rahmen sprengen.

Die beiden Liebenden sind inzwischen Mann und Frau und machen auf der Treppe vor der Basilica Hochzeitsfotos mit unterschiedlichen Aufstellungen. Die weiblichen Hochzeitsgäste tragen fast alle trägerlose Kleidchen, an denen sie ständig herumzupfen, sowie bunte Stöckelschuhe. Ich stelle mir vor, wie sie am Ende des Tages darin herumstöckeln werden und bin froh über meine flachen Sandaletten. Wir schlagen uns also durch einen kleinen Torbogen in die Altstadt hinein. Die kleine Kirche San Gregorio bleibt rechts von uns liegen. Die mehrstöckigen Häuser stehen hier so dicht, dass auf die schmalen Gassen fast immer ein kühler Schatten fällt. Gleich rechter Hand gibt es einen kleinen Laden, der sich auf Brötchen und Getränke spezialisiert hat. Linker Hand bieten zwei kleine Geschäfte Sonnenhüte, apulische Keramik und Kitsch an. Jeder Tourist findet hier garantiert ein Mitbringsel. Wer länger in der Gegend bleibt, sollte sich die Keramik lieber an ihrem Entstehungsort z.B. in Grottaglie kaufen sowie für Kleidung und modische Accessoires einen Markt besuchen, da Märkte deutlich preiswerter sind. 

Bari Vecchia und Kriminalität

Auch wenn man die kriminelle Energie der apulischen Mafia in Bari nicht unterschätzen darf und Luigis Mutter mich jedes Mal eindringlich davor warnt, überhaupt einen Fuß ins „Bari Vecchia“ zu setzen, kann ich versichern, dass man sich dort nicht verirren kann und auch nicht unbedingt das Opfer einer Bandenschießerei werden muss. Ersteres liegt daran, dass die Gassen den Wanderer automatisch von einer Kirche zur nächsten und schließlich zum Kastell führen, wo man die Altstadt dann schon wieder verlässt. Das zweite liegt an der deutlich gestiegenen Präsenz von Polizisten.Schließlich wollen die Baresen die zahlreichen Touristen nicht vergraulen, die sich jedes Jahr hier einfinden. Ich habe auch heute meine Tasche fest unter den Arm geklemmt, wie ich es immer und überall in Menschenansammlungen zu tun pflege, und schiebe mich sicher vor meinen Eltern her an den Keramikverkäufern vorbei. Bald treffen wir auf einen Gemüseladen, vor dem die Verkäufer auf Holzkisten sitzend frisch geerntete Mandeln knacken. Gleich gegenüber lockt eine Salumeria, deren typisches Angebot an Käsen und anderem herzhaftem Brotbelag, um Spezialitäten aus der Gegend wie etwa Wein und Aufstriche erweitert wurde. Wer bei diesem Duft keinen Appetit bekommt, ist nicht von dieser Welt.

Von San Sabino zum Kastell

Nur wenige Schritte weiter stoßen wir auf die nächste große Kirche, die der Basilika St. Nicola nicht unähnlich ist. Sie steht auf den Resten einer Vorgängerkirche, die im 9. Jahrhundert bereits den Sarazenen als Mosche gedient haben könnte. Das Innere der Kathedrale ist wie das der Basilika relativ nüchtern gehalten und beeindruckt vor allem durch Größe. Nur die Krypta hat man in ihrem barocken Zustand belassen, der mit den dominierenden Farben gelb und weiß, ebenfalls nicht protzig wirkt. Auch in der Kathedrale des Heiligen Sebastian (San Sabino) wird heute geheiratet. Auf der Treppe vor der Kirche werden gerade riesige Blumenarrangements drapiert. Der Platz ist voller Menschen und auch hier sind bei den weiblichen Hochzeitsgästen luftige Festkleidchen und Plateaustöckelschuhe angesagt, während die Touristen an ihren Baumwollshirts und den Wasserflaschen deutlich auszumachen sind. 

Wir überqueren den Platz und lassen die Kathedrale im Rücken liegen. Nun sind es nur noch ein paar Schritte zum Kastell, dessen äußere Mauern sich trotz des strahlenden Sonnenscheins bedrohlich gegen die Altstadt erheben. Seine Geschichte ist wechselvoll und unmittelbar mit der Geschichte Apuliens verbunden. Als Verteidigungsbollwerk und Herrschersitz errichtet, zum Gefängnis geworden, als Lazarett benutzt und in jüngerer Zeit zum Verwaltungsgebäude umgestaltet, wird das Kastell erst seit etwa zehn Jahren immer stärker als touristischer Höhepunkt behandelt und der Öffentlichkeit entsprechend zugänglich gemacht. Wir setzen uns in ein kleines Cafe und erfrischen uns mit einer Granita, was ich als Fruchtsaft-Sorbet bezeichnen würde. Man bekommt diese leichte Erfrischung, die ursprünglich aus Sizilien stammt, im Sommer in fast jedem Cafe oder jeder Gelateria serviert. Unter unserem Sonnenschirm hervorlugend entdecken wir größere geführte Gruppen. Ich vermute, dass im Hafen, der nicht unweit der Altstadt liegt, ein Kreuzfahrtschiff angelegt hat und deren Gäste nun in die Stadt ausströmen. Den Besuch des Kastells nehmen wir uns jedoch für einen anderen Tag vor, denn wir wollen noch die Piazza Mercantile erreichen und anschließend ein wenig auf der Seepromenade entlang schlendern, bevor wir uns wieder in Richtung Bahnhof aufmachen. Schließlich hat Mamma Maria uns eingeschärft pünktlich zum Mittagessen wieder zu Hause zu sein. 

Die Schandsäule auf der Piazza Mercantile

Da sich die Piazza Mercantile genau auf der anderen Seite der Altstadt befindet, umrunden wir sie auf einem „Innenring“ vom Kastell aus auf der Via Boemondo, hinter der Präfektur entlang und immer geradeaus, bis man nach ca. zehn Minuten wieder auf die Piazza del Ferasse mit der Markthalle trifft. Nun links wieder in die Altstadt hinein, an zwei kleinen Kirchen vorbei und sofort steht man auf dem alten Marktplatz. Hier findet man die von einem Löwen flankierte Schandsäule, die deutlich macht, wie eng Gewerbe und Gesetz zu damaligen Zeiten verknüpft waren. Was würden wohl heutige Banker und Geschäftsleute dazu sagen, wenn man sie mit den Händen an die Säule gefesselt und auf dem Löwen sitzend ihren geschädigten Klienten zur Beschimpfung freigeben würde? Keine Ahnung, aber die Säule wäre aktuell wohl ständig besetzt.

Über den Fischmarkt zum Petruzzelli Theater

Wir kehren nun auf die Seepromenade, das „Lungomare“, zurück und folgen ihr am „Teatro Margerita“ vorbei zum kleinen Fischmarkt. Obwohl um die Mittagszeit dort nicht mehr viel zu sehen ist, riecht man ihn doch schon von Weitem. Ein paar Tintenfische, Oktopusse, kleinere Barsche, Seeigel und Muscheln werden noch angeboten. Die meisten Verkäufer stehen zusammen unter dem Sonnendach und diskutieren lautstark. Worüber? Das lässt sich nur vermuten, denn die alten Männer sprechen einen strengen Dialekt. Aber es könnte sich bei den Themen durchaus um den Lauf der Geschäfte, bestechliche Politiker oder die nächste Mahlzeit handeln.

Vom Fischmarkt schlendern wir weiter in Richtung Stadtstrand, an den Anglern vorbei, die hier noch geduldig auf ihren Fang des Tages warten. Wer sich für Kunst interessiert, kann dem Lungmare bis zur Pinacoteca Provinciale (Pinakothek von Bari) weiterfolgen. Wer es riskieren möchte, an dem unlängst weitgehend vom Asbest gereinigten Strand „Pane e Pomodoro“ zu baden, erreicht diesen am Ende der Promenade. Wir biegen jedoch in Höhe des Theaters Petruzzelli ab auf den Corso Cavour, die Prachtstraße der Neustadt, die leider nicht wie die Via Sperano vom Verkehr befreit wurde, aber durch ihre großzügige Anlage der städtischen Hektik etwas Entspannung entgegensetzt. Hier Reihen sich Schaufenster an Schaufenster, während das erst im Jahr 2009 wiedereröffnete imposante Theater in neuem Glanz erstrahlt.

1991 fiel das 4000 Zuschauer fassende Gebäude einer Brandstiftung zum Opfer, die von der regionalen Mafia initiiert worden sein soll. Zievola erinnert sich noch daran, das dort früher fast jeden Abend eine Vorstellung gegeben wurde. Seit letztem Jahr werden nun endlich wieder eine Handvoll Produktionen eingekauft (Oper, Konzerte und Ballett) und wer nicht rechtzeitig im Voraus Karten bucht, der hat keine Chance. Bei Gasperini auf dem Corso Cavour oder auch in einer der anderen Filialen, die über die Stadt verstreut sind (Lungomare, Via Sperano u.a.), hat man jedoch immer eine Chance und zudem eine riesige Auswahl – und zwar beim besten Eis von Bari. Dort kann ich nie vorbeigehen ohne mindestens einen „coppa piccola“ zu kaufen. Mein Vater hält sich an Erdbeere und Melone. Meine Mutter probiert den Geschmack „baccio“ (Kuss) und Straciatella. Ich hingegen ziehe mit Whiskycremeeis und einer Sorte, die sich Galak nennt, von dannen. Einen gelungeneren Abschluss für einen Stadtbummel kann es gar nicht geben, auch wenn Maria später wieder behaupten wird, wir könnten gar nichts von ihrem Mittag schaffen, weil wir uns schon am Eis satt gegessen hätten.

2 Gedanken zu „Altstadtbummel in Bari

  1. Alexandra

    Ein wirklich aufschlussreicher Artikel über Bari. Als ich mal mit Freunden aus Apulien durch Bari Vecchia geschlendert bin, wollte mir keiner erklären, was es mit der Schandsäule auf sich hat. In den Reisführern, habe ich dazu auch nichts gefunden. Vielen Dank für die Einblicke.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Gerne. 🙂

      Es gibt übrigens Reiseführer, die sich nur mit Bari Vecchia beschäftigen. Da gibt es im Detail wirklich viel zu entdecken. … für den Fall, dass es Dich noch einmal her verschlagen sollte.

      Antwort

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