Ausflug in die Unterwelt – Grotte di Castellana


Heute sieht es etwas nach Regen aus. Daher verschieben wir unseren zweiten Ausflug nach Bari zugunsten eines Höhlenbesuchs. Nur 20 Minuten von Bari entfernt liegt die Stadt Castellana und vor ihren Toren die Grotten von Castellana, deren erste Höhle die Bewohner der Gegend Jahrhunderte lang als Müllhalde benutzten. Vor allem die Abfälle aus der Olivenpressung haben das Gestein in dieser 60m tiefen sowie ca. 50 m breiten und 100m langen Höhle Dunkelgrün gefärbt. Ganz passend finden dort unten bei olivgrüngruseliger Stimmung in diesem Sommer Aufführungen von Dantes Inferno statt. 

Doch von vorn: Wir nehmen wieder den Zug, um zur Grotte zu gelangen. Die Bahnstation, oder nennen wir es lieber “der Ausstieg“, befindet sich nur wenige hundert Meter vom Höhleneingang entfernt und wurde extra vor ein paar Jahren unter touristischen Gesichtspunkten angelegt, denn immerhin haben die Höhlen seit ihrer Entdeckung schon 14 Mio Menschen besucht. Der Schaffner hat uns beim Kontrollieren der Fahrkarten gefragt, ob wir nach Castellana oder in die Grotten möchten. Obwohl ich inzwischen weiß, dass der Bahnhof nur ein unscheinbarer Bahnsteig mitten im nirgendwo ist, kommt er in Castellana freundlicherweise noch einmal bei uns vorbei und sagt uns, dass wir erst beim nächsten Halt aussteigen müssen. Direkt neben einer kleinen Mauer kann man an der Bahnstation auch sein Auto abstellen. Als wir auf dem Parkplatz eintreffen, stehen bereits einige Wohnmobile dort. Vermutlich haben heute früh noch mehr Leute den Himmel mit Skepsis betrachtet. 

Bevor man zur Bigletteria gelangt, an der man die Eintrittskarten kauft, kommt man an einigen unvermeidlichen Geschäften vorbei, die typische Produkte der Gegend, Nippes und Mineralien verkaufen. Man sieht auch gleich, dass einige Kiosks eher auf Kinder ausgerichtet sind, denn sie verkaufen Plastikkram, schlecht bedruckte Shirts und andere niederpreisige Scheußlichkeiten, die jüngeren Touristen sicherlich das magere Taschengeld aus dem Portemonaie zu ziehen verstehen. Meine Mama vermutet, dass die Schulklassen der Umgebung auch regelmäßig hier hergeführt werden. Tatsächlich wird Luigi uns diese Vermutung später bestätigen. 

Im Juli sind die Höhlen von 9:00 bis 19:00 Uhr geöffnet. Somit haben sich gegen 10:00 Uhr längst auch andere Besucher eingefunden. Wir stellen uns in „unsere“ Schlange für Führungen in Fremdsprachen. Man kann generell zwischen zwei Führungen wählen. Die kurze Tour dauert nur etwa eine Stunde. Die Lange hingegen dauert zwei Stunden. Ich würde auf jeden Fall jedem, der in der Lage ist 3 km teilweise recht zügigen Fußmarsches unter der Erde durchzuhalten, die lange Tour empfehlen. Nur sie führt bis zur weißen Grotte, deren Tropfsteinformationen die Farbe weißen Alabasters haben. Da man in diesem Teil der Höhle eine künstliche Belüftung installieren musste, um ihn zugänglich zu machen, werden immer nur eine begrenzte Anzahl von Besuchern zugelassen. Im Sommer werden die langen Führungen täglich um 11:00 und 16:00 Uhr auf Deutsch angeboten. Eine Erwachsenenkarte kostet 15,00 Euro. Ermäßigungen gibt es für Kinder, Studenten und Pensionäre. Mit den Einnahmen aus den Eintritten werden nicht nur die Führer und die Infrastruktur bezahlt, sondern ein Teil davon fließt in die weitere Erschließung der Höhlen. Neben diesen Tourwegen gibt es daher noch weitere Höhlenwege. Diese sind jedoch nur den Forschern vorbehalten. Für mehr Infos besucht die deutsche Version der Höhlenwebsite. Die deutschen Texte sind allerdings nur schwer verständlich bis völlig unverständlich und muten an, wie mit einer Software übersetzt, so dass ich gleich mal beschließe, den Verantwortlichen die Überarbeitung durch eine Muttersprachlerin anzubieten. 


Der Ticketverkäufer ist sehr freundlich. Er schiebt nicht nur die Karten durch den Schalterschacht, sondern erklärt uns auch, dass wir uns um 11:00 Uhr an der Tür Nummer 2 einfinden müssten. Gesagt, getan. Nach einem sehr guten Cappuccino in einer Bar auf dem Areal, stehen wir pünktlich an Tür Nummer 2 und diese wird auch mit nur 10min Verspätung tatsächlich für uns geöffnet. Eine Treppe führt die 60 Meter hinab in die „Grave“, wie die 1938 vom Höhlenforscher Franco Anelli wiederentdeckte erste Höhle genannt wird. Doch die Erkundung der „Grave“ durch Anelli war nur der Anfang einer Entdeckungsreise in die Unterwelt, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist, denn immer wieder werden neue Höhlen gefunden. Von der „Grave“ aus erreicht man die schwarze Grotte, deren Gestein sich aufgrund eines Pilzes schwarz gefärbt hat. Wie in allen Höhlen hat man auch hier in den verschiedenen Gesteinsformationen Gebilde zu erkennen geglaubt, die sich dem Auge des Betrachters mal mehr und mal weniger offensichtlich erschließen. Hier in der schwarzen oder auch der „Grotte der Wölfin“ ist es die römische Wölfin, die dereinst die Stadtgründer gesäugt haben soll, welche man in einer Häufung von Tropfsteinen sehen kann. Ich lerne, dass „Konkretion“ scheinbar ein deutsches Wort für Tropfsteingebilde sein muss, denn die Führerin nennt sie beharrlich so. Aber die Höhlen haben noch mehr Bildliches zu bieten: das Bein einer Ballerina, ein Kamel, eine Eule, den Schiefen Turm von Pisa und zum Ende hin auch eine kleine Madonnenfigur. Was auch immer man darüber denken mag, waren diese „Bilder“ in früheren Tagen ohne den komfortablen Betonweg, auf dem wir laufen, und der künstlichen Beleuchtung wichtige Orientierungspunkte auf der unterirdischen Landkarte für die Höhlenforscher. 

Maria und Zievola erinnern sich noch an ihren Besuch in den Höhlen in den 1950 Jahren, als sie noch von Anelli persönlich geführt über Geröll kletterten und die Formationen spektakulär mit geworfenen Fackeln erhellt wurden. Das stelle ich mir noch beeindruckender vor als heute, aber wer einmal in der „Höhle des Abgrunds“ versucht hat, den Boden  voller Geröll zu erblicken, der sich 30 Meter unter dem inzwischen netterweise konstruierten Fußweg befindet, dem wird schnell klar, wie gefährlich die Erschließung der Höhle gewesen sein muss. Bisher sind wir nämlich dem Bett eines unterirdischen Flusses gefolgt, der sich hier jedoch plötzlich in die Tiefe gestürzt hat. Noch dazu mussten die Forscher der ersten Jahrzehnte tagelang in der Dunkelheit der Höhle verbringen, denn es gab weder den Weg, noch die Treppe ganz zu schweigen von dem komfortablen Aufzug, der die Besucher am Ende des Rundgangs in Sekundenschnelle aus der Tiefe ans Tageslicht befördert. Da war es sicherlich sehr beruhigend zu glauben, dass die „Madonnina“ – „kleine Madonna“ wie sie liebevoll von den Italienern genannt wird – über sie wachte. 

Während wir von Höhle zu Höhle stiefeln und unsere deutsche Gruppe durch zu spät eingetroffene Touristen, die von weiteren Führern zu uns gebracht werden, immer größer wird, erfahren wir auch viel über die Entstehung der Grotten von Castellana. Vor 100 Millionen Jahren war Apulien noch tief unter dem Meeresboden verborgen, auf dem sich allerhand totes Getier und Pflanzen ablagerten, welche man heute an den Wänden z.B. in Form von Muscheln erkennen kann. Im Laufe der Erdgeschichte wurde die Gegend über den Meeresspiegel erhoben und die inzwischen kilometerdicke Kalkschicht mit Brüchen versehen, durch die sich Sickerwasser in Form von Flüssen seinen Weg bahnte. Während die Erdplatten noch darum kämpften, wer von ihnen die Oberhand behalten sollte, stürzten die unterirdischen Flusstäler ein und bildeten Höhlen, in denen in den darauffolgenden Millionen von Jahren durch Sickerwasser und Mineralien die Stalaktiten, Stalagmiten, Säulen, Bögen, Schleier und anderen Formationen zu wachsen begannen, auf die unsere Führerin uns heute aufmerksam macht. Eine Besonderheit, die europaweit nur in wenigen Höhlen vorkommt, sind dabei Stalaktiten, die statt nach unten zu wachsen plötzlich abgeknicken, schräg oder gar waagerecht wachsen. Offenbar ist die Wissenschaft noch zu keiner befriedigenden Lösung für den Grund dieses Phänomens gekommen. So behalten sich die Grotten von Castallana auch für die kommenden Jahre noch ein kleines Geheimnis vor. 

Wir sind jedenfalls beeindruckt von dieser unwirklichen Reise in die Unterwelt und auch ein bisschen erleichtert, als wir statt der kontinuierlichen 18-20 Grad Celsius der Höhlen wieder Sonne auf der Haut spüren. Als wir die Pfützen um uns herum bemerken, verdoppelt sich unsere Zufriedenheit schlagartig, haben wir doch den einzigen Regenguss im Juli verpasst. Somit wird der Regenschirm nun zum Sonnenschirm.

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