Das erste Bewerbungsgespräch

Meine Eltern sind längst wieder zu Hause. Unsere Tage im Sommerhäuschen sind auch vorbei. Ich habe den Basissprachkurs beendet und den Aufbaukurs angefangen. Die alte Routine aus Lernen und Jobbörsen surfen stellt sich wieder ein. Mal sehen, was es so für Stellenangebote gibt: Ich filtere nach Tourismus, Empfang und Sprachen und finde fünfmal die gleiche Anzeige für eine Sekretärin „mit gutem Aussehen“ und Englischkenntnissen. Nun fragt sich, was der Arbeitgeber unter „gutem Aussehen“ versteht. Typisches süditalienisches Aussehen – dunkelhäutig, braunäugig und schwarzhaarig etwa? Da fiele ich von vorn herein durch das Raster. Ist egal, denke ich mir. Die nehmen mich sowieso nicht. Ich signalisiere mein Interesse und wundere mich nicht, dass ich nie etwas von ihnen höre. Bin ja auch in Wahrheit keine Sekretärin.

Luigis Vater betreut mit seinem Lohnbüro ein Hotel. Leider haben sie aktuell keine freien Stellen zu besetzen und noch dazu schütteln Familienstreitigkeiten das Geschäft gerade gewaltig durch. Aber Pasquales Geschäftspartner hat mein Profil im Juli in eine Datenbank für die Suche speziell nach Arbeitskräften im Hotelgewerbe eingetragen. Vielleicht ergibt sich daraus etwas. Ich stelle fest, dass es hier genauso läuft wie in Deutschland: man muss jemanden kennen, der jemanden kennt. So wie den Lebensabschnittsgefährten der Frau, mit denen sich Pasquale ein Büro teilt, der wiederum jemanden kennt, der in einer Sprachschule arbeitet und meine Bewerbung mitnimmt. Anfang September werde ich angerufen und zu einem Gespräch eingeladen.

Mir ist ganz schlecht vor Aufregung, aber mein Interviewpartner dutzt mich ganz selbstverständlich und hat einen strengen amerikanischen Akzent. Das beruhigt mich. Ich bin also nicht der einzige Ausländer in der Gegend. Wenig später bin über mich selbst erstaunt, wie flüssig ich erzählen kann, was mich nach Bari verschlagen hat, warum ich in der Sprachschule arbeiten möchte und, dass ich bereits in St. Petersburg Deutsch unterrichtet habe und in Italien auch privat Deutschunterricht gebe. Möglich oder vielleicht sogar wahrscheinlich, dass ich dabei Endungen verwechsele und gelegentlich auch nach Worten suchen muss. Der Sprachlehrer scheint jedoch überzeugt und erklärt mir, wie der Hase läuft: Wenn Lernwillige einen Kurs machen möchten (vorzugsweise abends), werden die Lehrer angerufen und gefragt, ob sie Zeit zum unterrichten haben. Die magere Bezahlung ist also, selbst wenn es gut läuft, relativ unberechenbar. Als Nebenjob super geeignet, aber davon leben kann man nicht – das sagt natürlich nicht mein Gegenüber, sondern ich denke es mir stillschweigend. Sollten sie mich brauchen, dann komme ich, versichere ich ihm. „Wir rufen dich dann an.“, sagt mein Interviewpartner und stellt mir anschließend noch die Kurskoordinatorin vor. Wenn ich mich im Oktober erkundigen werde, wann es mit dem Unterrichten losgehen soll, werde ich lächelnd damit vertröstet werden, dass im Moment kein Deutschkurs zustande gekommen sei. Na, ja, das werde ich dann auch glauben, denn das ist besser für’s Ego.

Das erste Bewerbungsgespräch lief jedenfalls viel besser, als ich es erwartet hatte. Daher schwebe ich danach wie auf Wolken durch die Via Sperano und, weil mir nicht mehr schlecht ist, kaufe ich mir bei Gasperini sofort ein Belohnungseis.

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