Wie ich fast im Callcenter gelandet wäre

Mein Plan, Ende September nach Deutschland zu fliegen, um Wintersachen einzupacken und mich beim deutschen Arbeitsamt zu melden, wird dadurch vereitelt, dass wir von Woche zu Woche darauf hoffen, endlich den Kaufvertrag für unsere gemeinsame Wohnung unterschreiben zu können. Das Jobsuchen im Internet läuft ergebnislos, was auch daran liegen könnte, dass ich immer noch kein Bewerbungsfoto eingestellt habe, und niemand mein „bell aspetto“ („gutes Aussehen“) sehen kann, das hier offensichtlich politisch unkorrekt für alle Tätigkeiten mit Kundenkontakt gefordert wird.

Eines Abends treffen Luigis Eltern einen alten Freund im Einkaufszentrum und erzählen unter anderem auch von ihrer Schwiegertochter in spe und der Tatsache, dass diese aus Deutschland importiert wurde. Daraufhin fällt dem besagten Freund, der zufällig bei Adecco arbeitet, ein, dass sie aktuell eine Person mit Deutschkenntnissen für eine international bekannte Technikfirma suchen, die zahlreiche Kunden in Deutschland betreut. Er gibt ihnen auf den Weg, dass ich meinen Lebenslauf so schnell wie möglich per Email an ihn schicken soll.

Noch am selben Abend – es ist ein Freitag – erledige ich das. Bereits am Montag ruft mich eine Mitarbeiterin von Adecco an, um noch einmal ein paar Daten abzugleichen. Dann erklärt sie mir, dass mich eine Mitarbeiterin der Firma anrufen wird, um meine Englischkenntnisse zu überprüfen. Tatsächlich passiert das auch nach ein paar Stunden. Die müssen es wirklich eilig haben mit der Einstellung. Wir plaudern ein wenig auf Englisch. Sie ist offensichtlich Muttersprachlerin und meint schließlich, dass sie mein Englisch hervorragend findet. Diese Hürde ist also genommen.

Wenig später ruft die Sekretärin der Firma an und schlägt ein Bewerbungsgespräch am nächsten Tag vor. Natürlich sage ich zu. Ich versuche, noch etwas über die Beschäftigung herauszufinden und bin leicht irritiert, als ich höre, dass es sich dabei um eine Arbeit im Kundencallcenter handelt. Ich merke an, dass meine Computerkenntnisse nicht über den alltäglich Umgang hinausgehen, aber sie sagt, dass mehr gar keine Voraussetzung wäre und es eine mehrwöchige Einarbeitung geben würde. Naja, wenn sie meint…

Es ist mir leicht peinlich, dass es sich Pasquale am nächsten Tag nicht nehmen lässt, mich persönlich in den kleinen Ort unweit von Bari zu kutschieren. Leicht aufgebrezelt sowie mit ihm, der stets einen Anzug trägt, und Luigi im Schlepptau mute ich wahrscheinlich an, wie die Anführerin einer Wirtschaftsdelegation. Ich bin froh, dass sie nicht am Wachmann vorbeikommen. Er stellt nur mir eine Eintrittserlaubnis in den Komplex aus. Ich finde das richtige Gebäude und den richtigen Stock auf Anhieb und, weil Pasquale sich auf dem Weg noch verfahren hatte, bin ich auch pünktlich und nicht wie befürchtet eine halbe Stunde zu früh dran.

Ich werde sehr freundlich begrüßt. Mein Gesprächspartner erklärt mir das Tagesgeschäft, den Abeitsrhythmus (24h, 7 Tagewoche) und die Entlohnung. Schließlich soll ich von mir erzählen, aber das biege ich erstmal ab, denn ich möchte wissen, wie viele deutsche Firmen dieses Callcenter nun eigentlich betreut und, ob auch Firmen in England zu den Kunden zählen. Die Anwort zerschlägt meine sämtlichen Hoffnungen: Es gäbe nur einen Kunden in Deutschland und Englisch brauche man momentan ausschließlich zum Ausfüllen der Formulare sowie zur Kommunikation mit den Technikern. Ich kann gar nicht sage, ob ich über die Erkenntnis, dass ich vermutlich dort nicht arbeiten können werde, traurig oder froh bin. Die Aussichtslosigkeit lässt jedoch alle Aufregung von mir abfallen und ich erzähle ein bisschen von meiner letzten Arbeitsstelle in Deutschland. Mein Gegenüber überfliegt noch einmal meinen Lebenslauf und fragt dann, warum ich diesen Job aufgegeben habe. Also muss ich ihm auch noch von Luigi, von Brandenburg und Berlin erzählen. Offensichtlich hat er Zeit, denn er fällt mir auch nicht ins Wort, wenn ich im Gehirn nach Vokabeln kramen muss. Doch lange Rede, kurzer Sinn – am Ende sind wir uns einig, dass mein italienisches Sprachvermögen nicht ausreicht, um Kunden auf Italienisch betreuen zu können. Er fragt mich, wie lange ich bereits Italienisch lerne. Ich erkläre ihm, dass ich es ernsthaft seit vier Monaten betreibe; woraufhin er meint, wenn ich in vier Monaten bereits so weit gekommen sei, dann solle ich mich in einem halben Jahr ruhig noch einmal bei ihm melden. Das muntert mich wieder ein wenig auf. Ich habe nicht das Gefühl, dass er unser Gespräch für verschenkte Zeit hält.

Meine Wirtschaftsdelegation strahlt mir vom Eingang entgegen, sieht dann aber nach der Schilderung des Vorstellungsgesprächs fast enttäuschter aus als ich. Luigis Mama hingegen ist völlig empört, als ich ihr zu Hause die Arbeitszeiten in Schichten schildere und fragt mich, wie ich mir das mit einer Familie vorstelle. Aber darüber würde ich mir erst Gedanken machen, wenn es soweit wäre. Außerdem wäre die Stelle auf zwei Jahre befristet gewesen. Deswegen hätte ich es auf jeden Fall probiert auch, wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass ich von 22 Uhr bis früh um sechs ein hilfreicher Mensch bin.

Auf jeden Fall fühle ich mich wieder motiviert, beim Vokabelpauken nicht nachlässig zu werden. Bis zum Abschluss des Aufbausprachkurses fehlen mir noch 800 Wörter und ich muss dringend Nachlesen, wie man den Konjunktiv bildet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s