Mission Traumwohnung 1

Das richtige Land, der richtige Mann an meiner Seite – da fehlt neben der richtigen Arbeitsstelle mit dem richtigen Gehalt natürlich auch noch die richtige Wohnung. Die Arbeitsstelle und das Gehalt müssen leider noch etwas warten, weil es mit der Landessprache noch hapert. Die Mission „Traumwohnung“ ist hingegen bereits in vollem Gange und hat mich schon diverse graue Haare gekostet.

Teil 1 – Die Suche

Die Suche nach der richtigen Wohnung beginnt bereits im Februar 2012 damit, dass Luigi anfängt, sich in Triggiano nach einer Immobilie mit mindestens drei Zimmern und einem Balkon umzusehen.

Triggiano besteht neben einem Bahnhof und einem kleinen Altstadtkern aus circa vier großen Hauptstraßen gesäumt von wie zufällig aus der Bausteinkiste gekippten Wohnblöcken. In den 70er und 80er Jahren hat mal jemand versucht, eine gewisse Regelmäßigkeit in den Stadtplan zu bringen, denn die Straßen rund um den Bahnhof verlaufen parrallel. Inzwischen muss man jedoch wieder davon abgekommen sein. Mir scheint es, als wurde in letzter Zeit immer gerade dort gebaut, wo ein Stück Land frei wurde. Die Bautätigkeit ist in den letzten Jahren stark gestiegen und alle paar Monate wird ein neuer „palazzo“ (Wohngebäude) fertig. Die Wohnungen darin sind meist schon verkauft, bevor der Bau abgeschlossen ist, denn viele ziehen aus dem teuren Bari lieber in einen Vorort, in dem man für die gleiche Wohnungsgröße ein Drittel weniger bezahlt als in der Stadt. Dazu kommt, dass die Wohnblöcke nicht nur mit Wohnungen sondern auch mit Geschäfträumen geplant werden, so dass die Grundversorung im nahen Umkreis immer gesichert ist.

Obwohl außerhalb der Städte große Einkaufszentren entstanden sind, halten sich die kleinen Geschäfte und Supermärkte in den Städten erstaunlich gut. Im Umkreis von 500 Metern um die Wohnung von Luigis Eltern herum gibt es 3 Supermärkte, 2 Pizzerien, 2 Bäcker, 2 Käseläden, einen Fleischer, zwei Obst- und Gemüseläden, ein Fischgeschäft, 2 Schreibwarengeschäfte und mehr. So verwundert es nicht, dass die Italiener kaum Vorratswirtschaft betreiben, sondern (fast) täglich vor ihrer Haustür einkaufen gehen und mit den Verkäufern auf „Du und Du“ stehen. Es spricht also nichts dagegen, uns unsere zukünftige Wohnung ebenfalls in Triggiano zu suchen. Zudem sind Luigis Eltern bereits im Alter meiner Großeltern, so dass wir nicht zu weit von ihnen entfernt wohnen wollen, um uns leichter um sie kümmern zu können, wenn es notwendig wird. Die Devise lautete also: nah, aber nicht gleich nebenan.

Wohnungsangebote zu finden, ist nicht schwer. Man muss nur die Augen aufhalten. Hier und da hängen Schilder mit der Aufschrift „vendesi“ (zu verkaufen) oder „affittasi“ (zu vermieten) an den Gebäuden. Darunter stehen die Telefonnummer des betreuenden Maklerbüros und weitere Angaben. So kann man lesen, ob es sich um eine Wohnung, ein Ladenlokal oder ein Büro handelt. Man erfährt auch die Zimmeranzahl oder, ob eine Garage oder ein Keller dazugehören. Es gibt auch Verkäufe und Vermietungen über privat, doch diese sind seltener. Wenn ich den ganzen Papierkram bedenke, den wir inzwischen beim Notar angehäuft haben, dann kann ich gut verstehen, dass man sich in so einem Fall an einen Fachmann wendet. Im näheren Umkreis der Wohnung von Luigis Eltern befinden sich gleich drei Maklerbüros, die einem bei der Immobilienfindung behilflich sind. Im Internet finde man auch einige Angebote.

Allerdings ist die Nähe zu Luigis Eltern nur eine der Rahmenbedingungen. Es soll wie oben geschrieben auch eine Wohnung mit mindestens drei Zimmern und einem großen Balkon sein. Der Umzug in ein fremdes Land ist für mich eher die kleinere Herausforderung. Was für mich ungleich schwerer wiegt, ist der Verlust der ländlichen Umgebung. Also ist für uns von vornherein klar, dass wir einen grünen Platz unter freiem Himmel brauchen. Tatsächlich hat Luigi bereits nach ein paar Tagen Wohnungsangebote mit Terrasse im Internet aufgetrieben, die wir uns gemeinsam ansehen – beide mit einer Hand am Computer und mit der anderen am Telefonhörer. Bis dato hatte ich mir nie Gedanken über einen Wohnungskauf gemacht und war eigentlich davon ausgegangen, dass wir uns eine Wohnung mieten würden. Nun erfahre ich, dass Mieten absolut unüblich ist und Mietwohnungen sich eher in schlechteren Wohngegenden befänden. Sollte man in einer guten Wohnungegend mieten können, dann wäre die Miete so hoch, dass man mit dem gleichen Geld genausogut einen Bankkredit abzahlen könne. Trotzdem ist der Gedanke, demnächst alle Ersparnisse für einen Wohnungskauf zu verwenden und am Ende doch noch einen Kredit aufnehmen zu müssen, weil die Ersparnisse nicht ausreichen werden, schon sehr gewöhnungsbedürftig.

Bereits der dritte Grundriss und die Fotos im Internet sind jeodch ein Volltreffer. Drei Zimmer, Küche, Bad und eine riesige Terrasse; dazu ein Kamin und ein winziges Bad neben dem Schlafzimmer – super! Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Der Preis auch nicht. Luigi tröstete mich damit, dass das Angebot bereits zwei Jahre alt sei. Er verspricht, bei der zuständigen Immobilienagentur vorbeizusehen und zu fragen, ob der Preis inzwischen gesunken sei. Während wir uns durch weitere Angebote klicken, wird schnell klar, dass wir nichts Vergleichbares finden werden. Ich bin deprimiert.

Die Wohnung wird von einem Makler betreut, der sein Büro gleich um die Ecke hat. Er schnappt sich Luigi sofort und fährt mit ihm um weitere drei Ecken zu einem Gebäude aus den 80er Jahren, in dem sich die Wohnung befindet. Die direkte Besichtigung zerstört die Illusion, man könne sofort in die Wohnung einziehen. Die
Fenster sind ausnahmslos marode, die Fliesen hässlich, der Kamin mit Holzeinfassung ist abrissbedürftig, die Terrasse unter einer Schmutzkruste verborgen und mit Lüftungsrohren versehen. Luigis Vater legt sein Veto ein: Für diesen Preis auf gar keinen Fall! Ich werde zum zweiten Mal deprimiert.

Während Luigi also weitere Wohnungen besichtigt und seine Eltern nicht verstehen können, warum er auch bei einer sofort bezugsfertigen Wohnung mit vier Zimmern und Marmorfußboden den Kopf schüttelt, arbeitet der Makler für uns an der persönlichen Einstellung des Besitzers der Terrassenwohnung, der unsere vorsichtige Frage nach einem preislichen Entgegenkommen von 40.000 Euro rigoros abgewiesen hat. Ich werde wieder deprimiert. Mein Freundes- und Bekanntenkreis muss unter meinem täglichen Lamento über die Schlechtigkeit des unnachgiebigen italienischen Wohnungsbesitzers leiden, und Luigi versucht, mir eine Wohnung mit drei Zimmern und zwei schmalen Balkons schmackhaft zu machen. Es funktioniert nicht.

Ende Mai haben wir mit der Traumwohnung praktisch abgeschlossen und ich bin auch wieder bereit, mich auf andere Wohnungen einzulassen. Nun ist es aber Luigi, der von jeder Besichtigung mit hängenden Mundwinkeln zurückkommt. Für den Preis, den wir uns als Höchstgrenze gesetzt haben, ist auf dem Wohnungsmarkt keine halbwegs anständige Wohnung mit Terrasse zu bekommen. Nun bin ich es, die Luigi damit tröstet, dass ich, wenn ich erstmal in Italien sein werde, jede Menge Zeit haben werde, nach der richtigen Wohnung zu suchen.

Mitte Juni wendet sich das Blatt jedoch wieder. Die vergangenen zwei Jahre müssen den Makler davon überzeugt haben, dass nur wenige so verrückt sein werden, diese Wohnung zu kaufen. Ihm war es gelungen, diese Erkenntnis auch dem Verkäufer zu vermitteln. Mitte Juni ruft der Makler also Luigi an, um einen Preis zu nennen, mit dem sich der Verkäufer seiner Meinung nach zufrieden geben würde, und fragt, ob wir mitgehen könnten. Dann würde er dem Verkäufer unser neues Angebot unterbreiten. Wir rechnen also noch einmal alles Geld zusammen und stellen fest, wie viel Kredit wir brauchen. Natürlich bekommen eine arbeitslose Deutsche und ein Italiener im Traineemodus keinen Bankkredit. Also fragt Luigis Vater bei seiner Hausbank nach und ihm wird sofort ein Kredit zugesichert. Dann gibt Luigi dem Makler Bescheid: Wir können dieses Angebot machen. … und wieder beginnt das Warten.

Als ich nach Italien fliege, warten wir noch. Es wird Juli und wir warten immer noch. Hoffentlich findet sich inzwischen niemand, der dem Besitzer ein besseres Angebot macht! Obwohl für uns bereits alles klar ist, vereinbaren wir trotzdem noch einen Besichtigungstermin, denn ich möchte mir endlich mit eigenen Augen ein Bild machen. Luigi meint, man wisse es, wenn es die richtige Wohnung ist, sobald man über die Schwelle tritt. Er hat recht. Ich bin überrascht wie groß die Räume sind und wie hell es darin ist. So etwas kommt auf Fotos nicht rüber. Ungeachtet der Defizite, die Luigi und seine Eltern bereits erkannt haben, fühle ich mich sofort darin bestätigt, dass ich hier zu Hause sein möchte. Als ich auf die Terrasse trete, habe ich bereits eine üppig bewachsene Holzveranda, riesige Blumenkübel und gemütliche Liegestühle statt des grauen Betons vor meinem geistigen Auge. „Mama guck‘ mal, da ist ein Mädchen mit gelben Haaren auf dem Dach“, kräht ein kleiner Junge auf einem Balkon im gegenüberliegenden Haus. Ich winke ihm zu; er mir zurück. „Oh, Gott!“, denke ich in diesem Moment. „Wenn der Verkäufer nicht einlenkt, dann werde ich ihn umbringen und die Wohnung mit Gewalt an mich reißen.“ Doch so weit kommt es zum Glück nicht.

An meinem Geburtstag erhalten wir endlich den erlösenden Anruf und zugleich mein bestes Geschenk in diesem Jahr: Der Verkäufer hat zugestimmt. Wir fallen uns erleichtert in die Arme und lassen die Sektkorken knallen.

(Teil 2)

Ein Gedanke zu „Mission Traumwohnung 1

  1. MaoMao

    Gerade gestern habe ich einen Beitrag bei Fernweh über Apulien angesehen. Da erkenne ich einige Sachen in deinem Blog wieder. Bin gespannt was du noch berichtest.

    Antwort

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