Die Wärme von Sankt Martin

Heute bekomme ich langersehnten Besuch von meiner besten Freundin aus Deutschland. Während wir darauf warten, dass Michys sich verspätendes Flugzeug in Bari Palese eintrifft, vertreibt die Sonne auch die letzten Wolken vom Himmel und die Temperaturen klettern auf über 25 Grad.

Luigis Vater hat die passende Erklärung dafür und natürlich hat sie, wie alles Gute, das in Italien geschieht, zwingend mit einem Heiligen zu tun. Während man in Deutschland darauf wartet, die Martinsgans zu schlachten und sich damit von innen zu erwärmen, freuen wir uns in Apulien über „Il caldo di San Martino“ („Die Wärme von Sankt Martin“). Der Martinstag ist zwar erst am 11. November und manche behaupten, dass die plötzliche Rückkehr des Sommers nach gerade mal zwei herbstlichen Tagen am warmen Wüstenwind „Scirocco“ liege, der von Afrika herüberweht, aber wer kann es schon genau wissen?

Die Geschichte vom mitfühlenden Heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt haben soll, ist im Zusammenhang mit dem Martinstag auch im heidnischen Brandenburg einigermaßen bekannt. Aus praktischen Gründen vielleicht nicht so sehr, wie die von den Gänsen, welche mit ihrem Geschrei dafür sorgten, dass der bescheidene Mann, der sich zwischen ihnen versteckte, gefunden und zum Bischof geweiht werden konnte, weswegen die Gänse in manchen Gegenden nicht nur zu Weihnachten sondern auch am Martinstag verspeist werden. Fette Gänse sind auf den ersten Blick jedenfalls deutlich sympathischer als halbe Mäntel, und das nicht nur an feuchtkalten Herbsttagen.

Hier in Italien geht jedoch Mär, dass wohl aus Freude über die noble Geste mit der Mantelteilung auch zugleich eine mehrere Tage andauernde Wärme einsetzte, die sowohl den Heiligen Martin als auch den Bettler mit ihren nunmehr halben Mänteln nicht frieren ließ. Was fernerhin passierte, kann man nur vermuten. Vielleicht fanden sie beide noch irgendwelche Stoffreste, um aus den halben Mänteln den Körper völlig bedeckende Bekleidung zu nähen, bevor es kalt wurde. Vielleicht waren Martin und der Bettler auch so klein, dass ihnen ein halber Mantel zur kompletten Verhüllung genügte. Ich jedenfalls tausche sofort meine Jeans gegen einen Rock und beschließe, dass Luigi gleich am Flughafen ein Deutsch-Italienisches-Willkommensfoto schießen muss.

2 Gedanken zu „Die Wärme von Sankt Martin

    1. Corinna Autor

      Danke! Michy hat die Jacke auch schon ausgezogen, war mit den Füßen im Meer baden und schreibt gerade fleißig Postkarten.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s