Mission Traumwohnung 6

Doch nicht so traumhaft?

Nachdem wir erfahren hatten, dass wir für die Renovierungsarbeiten in unserer Traumwohnung einen Baubetreuer benötigten, setzte sich sofort eine Gedankenserie in Gang, die alle möglichen Rettungsanker durchspielte. Zum Glück läuft hier alles immer so, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt. . . Wir kamen in diesem Fall gleich auf zwei hilfreiche Personen.

Eine Bekannte von Pasquale hatte sich selbst gerade eine Wohnung gekauft und arbeitete mit einer jungen Architektin zusammen, die den Umbau betreute und natürlich sofort zustimmte, sich unsere Wohnung anzusehen und auch unsere Renovierungsarbeiten zu begleiten. Luigis Cousine, von Beruf Geometra (eine Mischung aus Bauzeichnerin und Architektin) hingegen, bot uns an sämtliche Zeichnungen zu machen. Das würde sowohl unsere Kosten reduzieren als auch den Aufwand der Architektin auf die reine Baubetreuung und ihre finale Unterschrift beschränken.

Doch ganz so leicht wollte es uns die ambizionierte Frau in hohen Stiefeln und Minirock dann doch nicht machen. Schon zwei Tage nach der ersten Vorstellung sprang sie mit einem Fotoapparat zwischen der roten Wohnzimmertapete und den braunen Küchenfliesen umher, um uns anschließend ihre ersten Eindrücke mitzuteilen.

Erstens: Der Eingangsflur sei zu schmal und ließe ein Gefühl von „Erdrücken“ zurück.

. . . und wir wollten sogar noch eine Garderobe an die Wand hängen!

Zweitens: Der Fußbodenbelag müsse in allen Räumen vereinheitlicht werden.

Ich hielt zur Verteidigung der Traumwohnung entgegen, dass sich in unserem Haus in Deutschland praktisch in jedem Raum andere Auslegware oder Fliesen befänden, und mich das noch nie gestört habe, weil jedes Zimmer eine Welt für sich wäre. Der Architektinnenblick sprach Bände. Meinen Vorschlag, dass wir die Türen geschlossen halten könnten, um die unterschiedlichen Fußböden nicht alle gleichzeitig sehen zu müssen, hielt sie offensichtlich für einen Scherz. Jedenfalls lachte sie verhalten.

Drittens: Die Tür vom Esszimmer zum Bad sei eine Bausünde. Man könnte eine Wand hochziehen und einen Korridor einbauen, damit man nicht gleich vom Tisch bis zur Badewanne blicken müsse.

Das wäre dann ein dunkler Schlauch, der das Esszimmer in Kaninchenstallgröße zurückließe. Dass man auch die Badtür geschlossen halten könnte, habe ich nicht mehr erwähnt.

Viertens: Es fehle ein Lagerraum für Nahrungsmittel.

Mit zwei Supermärkten, zwei Bäckern, einem Fleischer, diversen Obst- und Gemüseautos, einer Pizzeria und einer Hähnchenrösterei im Umkreis von 200m hielten wir es bisher nicht für nötig, uns mehr Vorräte anzulegen, als in Küchenschränken unterzubringen ist.

Fünftens: Das vorhandene Kinderzimmer sei zwar ganz nett, aber für den Fall, dass wir zwei Kinder unterschiedlichen Geschlechts bekämen, sollten wir noch ein zweites Kinderzimmer einplanen.

Unter uns gesagt, inzwischen frage ich mich, ob ich beim Abschluss unserer Renovierungsarbeiten überhaupt noch gebärfähig sein werde.

Sechstens: Ein Gästezimmer/ Studio wäre unverzichtbar. Außerdem brauche man, das könne sie aufgrund ihrer Erfahrung in einer siebenjährigen Ehe und als Mutter sagen, ein Zimmer für die Wäsche und das Bügeln.

Kurz und gut, ihrer Meinung nach war unsere Wohnung doch nicht so traumhaft, wie wir bisher gedacht hatten. Die Architektin kam insgesamt auf drei zusätzliche Räume, die wir ihrer Meinung nach zusätzlich benötigten. Die entsprechenden Umbauvorschläge, werde sie uns bei unserem nächsten Treffen unterbreiten. Außerdem müssten wir uns dann über Farben und Fußbodenbeläge unterhalten, denn zufällig arbeite sie auch mit einem sehr guten und preiswerten Großhandel zusammen, der ihr Preise bieten würde, von denen andere Menschen nur träumen könnten, verkündete sie mit geheimnisvoller Mine.

Wir konnten ihr nicht glaubhaft machen, dass wir keine zusätzlichen Zimmer benötigten. Auch der vorsichtige Wink in Richtung Finanzen ging irgendwo zwischen Luigis Mund und ihrem Ohr verloren. Doch natürlich wollten wir unsere Architektin in der nützlichen Funktion als Baubetreuerin nicht gleich vergrätzen. Wenn der Amtsschimmel wiehert kann man eben nichts machen. Wir waren auf die Frau angewiesen. In einer Woche würden wir uns also treffen und uns ihre Architektinnenträume auf Papier ansehen.

7 Gedanken zu „Mission Traumwohnung 6

  1. giftigeblonde

    hm ja, was soll man da sagen?
    Ich habe aber gerade in Italien bei meinen diversen Verwandtschaften wirklich traumhaft ausgestattete Wohnungen und Häuser gesehen.
    Nur ich hatte immer das Gefühl da lebt niemand, das sah so geleckt und sauber und hm unbewohnt aus, komisch bei Familien mit 2 oder mehr Kindern.
    Ob die diese Zimmer nur zum Herzeigen brauchen?
    Vielleicht meinte Eure taffe Architektin genau sowas braucht ihr? Also eine Herzeigewohnung und nicht eine wo man wohnt.

    Antwort
    1. Corinna

      Deiner Beobachtung kann ich nur zustimmen. Die Wohnungen sehen häufig geleckt aus … man führt Luigis Tante hat einen kleinen Salon, da denkt man eher an ein Museumszimmer aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Aber was sich genau unsere Architektin vorstellt, sollten wir noch eindrucksvoll an ihrer Skizze sehen.

      Antwort
    1. Clio

      Oje, ich frage mich gerade, wie meine Mutter ihre beiden Töchter ohne Bügel-/Gästezimmer großgezogen hat. Und unterschiedliche Fußböden hatte sie auch!

      Antwort
  2. frauhilde

    Ich bin ein bissl verwirrt: Entscheidet das ästhetische (?) Empfinden der Baubetreuerin über Wohl und Wehe der Traumwohnung? Also, hat sie da jetzt echt ein Vetorecht, nur weil ihr die unterschiedlichen Fußbodenbeläge nicht gefallen usw.?

    Antwort
  3. meineschreibblockadeundich

    Öha! Die scheint ja ganz schön geschäftstüchtig zu sein, eure Architektin! Drei zusätzliche Räume bedeuten doch wahrscheinlich (mindestens) dreifaches Architekten-/Bauleiter-Honorar, oder?
    Ich drücke euch die Daumen, dass ihr euch durchsetzen könnt!
    Herzichst
    Marie

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s