„Torta Pasqualina“ oder Wie ich fast die Gunst meine Schwiegermutter verlor – Teil 1

Der folgende Beitrag konnte nur Dank unbeirrbarer Ignoranz und hoher Risikobereitschaft entstehen, denn für die (Kultur)Wissenschaft und die Verbreitung italienischer Ostertraditionen im deutschsprachigen Web habe ich das gute Verhältnis zu meiner zukünftigen Schwiegermutter Maria aufs Spiel gesetzt. Ob es sich gelohnt hat? Lest selbst!

Traditioneller Osterschmaus aus Ligurien

IMG_20130324_220702Bereits zwei Wochen vor Ostern begann ich damit, mich über italienische Osterbräuche und spezielle Osterrezepte zu informieren. Schließlich wollte ich den geneigten Lesern dieses Blogs das italienische Osterfest so nahe wie möglich bringen. Dabei stieß ich sehr schnell auf die „Torta Pasqualina“, eine Ricotta-Spinat-Pastete mit ganzen Eiern, die laut diversen Internetseiten von allen Italienern gern an Ostern verspeist wird. Typischer geht’s also gar nicht, dachte ich mir.

Als ich eines Abends beim Essen verkündete, dass ich am Wochenende eine „Torta Pasqualina“ backen wollte, weil das ein typisch italienisches Ostergericht sei, verstand zunächst niemand, wovon ich sprach. Soweit zum „typisch“. Ich erklärte also, dass es sich dabei um eine Pastete handele, die ursprünglich ligurischen Ursprungs aber inzwischen in ganz Italien in diversen Variationen verbreitet sei. Das traditionielle Rezept bereite man mit Mangold (ital. „bietola) zu. Pasquales leicht verschobene Mine ließ mich sofort hinzusetzen, dass es auch Varianten mit Spinat oder sogar mit Spinat und Artischocken gäbe. Gleich blickte er viel interessierter drein. Doch Maria entgegnete: „Dann können wir doch genauso gut eine ‚Pizza di Ricotta e Spinaci‘ machen.“, womit sie ihre bewährte IMG_20130324_220306Hefeteigpastete mit Ricotta-Spinatfüllung meinte. Ich führte also weiter aus, dass man bei der Torta Pasqualina den Spinat und den Ricotta getrennt einschichten und obenauf auch noch möglichst dekorativ ganze rohe Eier aufbringen müsse, die dann natürlich mitgebacken und hart werden würden. Da bemerkte ich plötzlich, wie sich Marias Gesicht zu einer angewiderten Grimasse verzog. Aber meine Begeisterung war nicht zu bremsen und schließlich sagte sie : „Gut, können wir machen. Was brauchst du denn dazu?“

„Weiß ich nicht so genau“, gab ich zurück, denn ich hatte angenommen, dass jede italienische „Mamma“ solche typischen Feiertagsgerichte aus dem Ärmel schütteln könne. Doch scheinbar handelte es sich bei meinen Erwartungen im Rahmen von Traditionen überwiegend um Vorurteile. Zur Verteidigung kann ich nur sagen, dass wir Deutsche auch nicht alle zwingend gern das Sauerkraut essen, das uns als Nation immer zugesprochen wird. Wir verblieben daher so, dass ich ein gutes Rezept finden und ihr am nächsten Tag mitteilen würde, welche Zutaten ich benötigte. „Dann können wir auch gleich noch eine Tüte Mehl für eine Scarcella einkaufen“, setze ich noch hinzu. „Ach, Scarcella gibt’s doch überall fertig zu kaufen“, kam jedoch als Antwort. „Pasquale kann dir eine aus der Pasticceria mitbringen. Und überhaupt, ist da nicht auch ein Ei drauf?“

Als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet, schaltete sich Luigi ein: „Niemand hat dafür Verständnis, dass ich keine Zwiebeln mag, aber wenn Maria sich vor gekochten Eiern ekelt, dann gibt’s einfach keine!“ „Du immer mit deinen gekochten Eiern!“, kommt es promt aus ihrer Richtung zurück. Bis zu diesem Moment war mir nicht wirklich bewusst, dass sich Marias Geflügelabneigung auch auf Eier erstreckte. Doch rückblickend wurde mir schlagartig klar, dass es in all den Jahren niemals ein Ei separat zum Essen gegeben hatte. „Pasta al Forno“ wurde auch nur eine einziges Mal mit Stückchen von gekochten Eiern zubereitet, nachdem Luigi tagelang darauf bestanden hatte.

Nun vestand ich, dass es die traditionellen Ostergerichte in diesem Haushalt nicht einfach hatten. „Eier“ stellten dafür eine Hauptzutat dar, an der nicht gespart wurde, denn im Frühling begannen die Hühner nach ihrer Winterpause wieder zu legen und erreichten in Italien zu Ostern bereits ihre Höchstleistung, so dass man dahingehend nach der Fastenzeit aus dem Vollen schöpfen konnte und es traditionell offensichtlich auch tat.

Wieder auf Rezeptsuche

Da also von Maria keine große Hilfe zu erwarten war und ich Tante Anna nicht schon wieder belästigen wollte, stürzte ich mich noch am gleichen Abend auf die Küchenbibel von Carnacina/ Veronelli und fand im Band über Ligurien ein Rezept mit einer schön gezeichneten Anleitung. Doch leider waren die Mengenangaben ungenau bzw. wie bei den Gewürzen gar nicht vorhanden. Unter „10 Sträußen Mangold“ konnte ich mir nur wenig vorstellen. Wie sollte ich das in Tiefkühlspinat umrechnen, denn ganz abgesehen von Pasquales offensichtlicher Abneigung war auch mir Mangold zu mild im Geschmack. Wie viel Spinat brauchte ich also?

Als ich Maria mein Leid klagte, meinte sie nur, dass wir in diesem Fall doch eine „Pizza di Ricotta e Spinaci“ backen sollten. Ich wiederholte, dass es nicht das gleiche sei und beschloss, mir ein Rezept im Internet zu suchen. Fündig wurde ich bei „Giallo Zafferano“  und war sofort begeistert, weil es dort sogar ein Videorezept gab, dass die Zubereitung filmisch vorführte. Super, für eine Ostertorten-Anfängerin wie mich! Nachdem ich das Video einmal angesehen hatte, holte ich Maria hinzu, um es ihr ebenfalls zu zeigen. „Oh, Madonna!“, kam es schon nach den ersten Minuten aus ihrem Mund. „13 Eier! Das ist ja verrückt.“ Ohne sich den Film bis zum Ende anzusehen, verschwand sie wieder, nur um kurz darauf mit einem anderen ihrer Kochbücher zurückzukommen. Mit den Worten „Hier schau mal!“ hielt sie mir eine Seite unter die Nase. Als ich das Rezept las, verstand ich sofort, warum sie grinste, wie eine zufriedene Katze. In diesem Kochbuch war die „Torta Pasqualina“ so beschrieben, wie sie ihre „Pizza di Ricotta e Spinaci“ zubereitet und zwar so, dass man den Ricotta, einen cremigen Frischkäse, mit dem Spinat mischt und auf den Boden gibt. Von den Eiern obenauf war gleich gar nichts zu lesen. „Nein, das nehmen wir nicht“, sagte ich daher. „Das ist nicht einmal annähernd original und überhaupt nicht österlich.“

„Also gut,“ gab sie schließlich auf. „Ich kaufe dir morgen Ricotta und Spinat. Aber die Torte musst du alleine machen. Da mache ich nicht mit.“ – Na, so etwas! Dachte sie etwa, das würde mich abschrecken? Ich hatte schon ganz andere Kuchen verbrannt . . .

Fortsetzung hier

6 Gedanken zu „„Torta Pasqualina“ oder Wie ich fast die Gunst meine Schwiegermutter verlor – Teil 1

  1. blitta

    Großartig! Ich bin gespannt auf Teil 2. Und … ich kenne dieses „tyische“ Gericht auch. Ist in und um Napoli zumindest auch recht verbreitet und in Rom sind zumindest einige Bäckerein damit beschäftigt solche Eier-Exemplare im Schaufenster anzubieten!

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ja. *breitgrins* . . . und es war auch sehr lecker; also nicht genau das, denn ich habe ein anderes gegessen, aber das war auf jeden Fall sehr, sehr lecker. 🙂

      Antwort
  2. frauhilde

    *Fingernägel strapazier*
    Oh nein. Was wird passieren? Wird the Empire aka Maria zurückschlagen mit Pizza di Ricotta e Spinaci? Wird sie alle Eier verstecken? Oder wird Corinna ihre Torta Pasqualina doch noch backen?
    Bleiben Sie dran!
    (Ich nehme an, das Foto oben beweist, dass du erfolgreich warst? Sieht toll aus!)

    Antwort

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