„Torta Pasqualina“ oder Wie ich fast die Gunst meine Schwiegermutter verlor – Teil 2

Fortsetzung (erster Teil hier)

Der Boykott ging weiter

Am nächsten Tag kam Maria mit einem Beutel Spinat von Einkaufen und meinte, ein halbes Kilo Ricotta wäre nicht mehr erhältlich gewesen. Sie würde es daher am Samstag von Großeinkauf mitbringen. Aber hinsichtlich der Eier müsste ich wirklich mit sechsen auskommen. Die obendrauf sollte ich einfach weglassen. Die Antwort auf diesen Vorschlag blieb ich ihr schuldig. Ich hatte insgeheim längst beschlossen, dass eine Hälfte der Ostertorte ohne Eier bleiben und ich mir die für den restlichen Teil notwendige Anzahl von Eiern einfach selbst kaufen würde.

Doch am folgenden Tag hatte sich mein Ostertortentrotz ein wenig abgekühlt. Lohnte es sich wirklich, für ein Gebäck das gute Verhältnis zu Maria auf’s Spiel zu setzen? „Ich glaube, deine Mutter mag mich nicht mehr,“ sagte ich nach einem Tag, an dem ich das Gefühl gewonnen hatte, dass Maria mir aus dem Weg ginge, niedergeschlagen zu Luigi. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte Luigi ungläubig. „Sie hat mich beim Mittagessen nicht einmal gefragt, was sie zum Abendessen machen soll.“ So albern, wie sich das anhören mag, aber die ganze Familie diskutierte bei jedem Mittagessen, was es zum Abendbrot geben sollte, und manchmal musste ich Vorschläge für eine ganze Woche im Voraus machen. Luigi lachte mich ein wenig aus und lief sofort zu seiner Mutter, um sie zu fragen, ob sie böse auf mich sei. Großartig! Das war vielleicht peinlich! Natürlich wies sie die Frage empört zurück.

Trotzdem vergaßen die Großeinkäufer am Samstag, den Ricotta mitzubringen, so dass ich einen Grund bekam, selbst in den Supermarkt zu gehen, wo neben dem Frischkäse auch die entsprechende Menge Eier in meinen Einkaufskorb wanderte. Außerdem war ich wieder fest entschlossen, am Sonntag „Torta Pasqualina“ zu essen. Dass beide Kochbücher und mein Notizzettel aus der Küche verschwunden waren, verwunderte mich schon gar nicht mehr. Doch nachdem ich mich tagelang mit der Materie beschäftigt hatte, kannte ich das Rezept bereits auswendig und Notizen waren überflüssig geworden. Dass es mir ernst mit meinem Vorhaben war, merkte die Familie bereits, bevor ich aus dem Haus ging, da ich den Teig für den Boden und den Deckel zubereitete und auch den Blattspinat bereits aus dem Tiefkühler nahm, bevor ich die Wohnung gen Supermarkt verließ.

 Waffenstillstand

IMG_20130324_221421Aus dem Supermarkt zurück gekommen, fand ich Maria vor ihrem Fernseher verschanzt vor. Der Gedanken, in ihrer Kücher herumzukramen, während sie im Nebenzimmer saß, fühlte sich etwas merkwürdig an. Aber als ich mit den Töpfen im Schrank zu klappern begann, steckte Maria sofort ihre Nase in die Küche und fragte, ob ich etwas brauche. „Ja, eine hohe Pfanne, würde mir jetzt sehr helfen“, entgegnete ich und ließ sie das entsprechende Utensil zielsicher zwischen den gefühlt hundert Töpfen, Pfannen und Deckeln hervorziehen. Als Maria sah, wie ich dazu ansetzte, die Zwiebelhälfte kleinzuschneiden, mischte sie sich erneut ein: „Gib her! Ich habe hier einen Alleszerkleinerer. Mit dem werden sie ganz klein und Luigi wird überhaupt nicht merken, dass da Zwiebeln drin sind.“ Ich reichte ihr die Zwiebel und sah zu, wie sie von den feinen Metallschneiden zerschnippelt wurde. Maria lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Plötzlich waren wir zwei verschworene Küchenfeen, die gemeinsam daran arbeiteten, Luigi übers Ohr zu hauen, denn, was für Maria die Eier, sind für Luigi die Zwiebeln: Sobald er ihrer angesichtig wird oder sie riecht, verschmäht er das Essen. Im besten Fall braucht er Stunden, um auch wirklich jedes einzelne Stückchen wieder aus dem Essen herauszupulen, bevor er das Gericht dann tatsächlich verzehrt.

Während ich mich mit dem immernoch ziemlich gefrohrenen Spinat beschäftigte, der wie flüssiger Stickstoff leicht gruselig aus der Pfanne herausnebelte, stand Maria unschlüssig am Küchentisch. „Brauchst du etwas?“, fragte sie mich. Ich überlegte. Mir fiel nichts ein. Also zog sie sich wieder vor ihren Fernseher zurück.

IMG_20130324_221514Der Spinat war schließlich völlig aufgetaut, zusammengefallen und musste in einer Schüssel etwas herunterkühlen. In der Zwischenzeit wollte ich die Ricottacreme anrühren. Doch als ich im Schrank mit den Schüsseln ein Umstapeln vornahm, um die größten zu erreichen, stand Maria sofort wieder hinter mir. „Brauchst du etwas?“ – „Ja, zwei große Schüsseln.“ – „Lass mich mal machen.“ Sanft aber bestimmt schob sie mich zur Seite und verschwand zur Hälfte im Schrank, aus dem sie nach kurzem Weiterstapeln zwei Schüsseln herausreichte. Grinsend stellte ich diese auf den Tisch und gab den Spinat in die eine, den Ricotta in die andere Schüssel. „Brauchst du noch etwas?“, fragte Maria wieder. Ich verneinte und sie verließ die Küche erneut; noch zögerlicher als zuvor, wie mir schien.

Schnell vermischte ich sowohl den Ricotta als auch den Spinat mit den Eiern, gab die Gewürze und den geriebenen Käse dazu und war gerade damit fertig, als Pasquale in der Küchentür auftauchte. „Be!“, machte er, „Wir werden also morgen wirklich ‚Torta Pasqualina‘ essen.“ Ich nickte, zeigte auf die Packung mit den Eiern und grinste breit. „Mach doch mal Platz! Was stehst du denn hier herum?“, tönte es sofort hinter ihm. Schon schob Maria ihren Ehemann in die Küche hinein, um auch selbst wieder hineinschlüpfen zu können.

Mamma Maria erobert den Küchentisch zurück

IMG_20130324_221340Als Maria sah, wie ich die Holzplatte zum Ausrollen des Teiges auf den Tisch legte und mir das Nudelholz nehmen wollte, schnappte sie es mir kurzentschlossen vor der Nase weg: „Lass mich nur machen! Ich habe mehr Praxis.“ Wieder zogen sich meine Mundwinkel bis fast zu den Ohren hinauf, denn ich hörte noch ihre Worte von wegen „musst du allein machen“. Offensichtlich hatte der Mamma-Instinkt nun völlig die Oberhand gewonnen. Daher pinselte ich fröhlich die Pastetenform ein, während Maria hingebungsvoll den Teig auswalzte. Dieser zog sich jedoch jedes Mal, wenn sie ihn von der Arbeitsfläche hob, sofort gummiartig zusammen. Als die erste Lage Teig nach dem Anwenden sanfter Gewalt endlich in der Form lag, pinselte ich großzügig Olivenöl darüber. Maria rollte inzwischen die zweite Lage aus. Sie versuchte sich daran zu erinnern, was ihre Mutter immer an Ostern zubereitet hatte, aber ihr fiel nichts Typisches ein. Auch die zweite Lage Teig wehrte sich ein wenig und zog sich ständig zusammen, so dass es bei mir defintiv fummeliger aussah als in dem Videorezept.

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Ich war sehr froh, dass wir nur vier Lagen Teig benutzten. Das ursprüngliche Rezept sollte eigentlich aus 33 Lagen bestanden haben – eine für jedes Lebensjahr von Jesus Christus. Als die zwei Lagen endlich glücklich die Form auskleideten, schüttete ich den Spinat hinein. Die Ricottacreme ästetisch einzufüllen, wurde eine Herausforderung, denn ständig wollte sich Flüssigkeit aus der IMG_20130324_221121Ricottamasse nach oben schummeln. Im Anschluss hatte ich vor, dem Rezept aus der Küchenbibel zu folgen, da man im Videorezept von Giallo Zafferano die Ricottacreme noch mit Eiklar abdeckte. Das mochte ich Maria nun nicht auch noch zumuten. Ich wollte also wie bei Carnacina/ Veronelli in „La Cucina Rusticale Regionale“ beschrieben statt neun Eiern nur drei aufbringen und den Rest der Torte unbe-ei-t lassen.

IMG_20130324_221031Ziemlich schnell merkte ich jedoch, dass es gar nicht so einfach war, die dafür vorgesehenen Vertiefungen in die Ricottacreme zu drücken. Die Frischkäseschicht erschien mir plötzlich zu dünn. Kaum hatte ich etwas gedrückt, kam auch schon der Spinat zum Vorscheinen, und ich musste das Loch wieder schließen. Endlich gelang es mir, die drei Vertiefungen anzulegen. Nachdem das erste Loch vom Eiklar überlief, ließ ich bei den anderen zwei Eiern, zunächst etwas Eiklar in ein Schüsselchen laufen, bevor ich den Rest mit dem Eigelb in die dafür vorgesehene Vertiefung gleiten ließ. Maria hielt sich währenddessen tapfer an ihrem Nudelholz fest und machte sich schon an die Teigklumpen für die Decke der Torte. Zum  IMG_20130324_220947Abschluss walzte Maria mit dem Nudelholz den überhängenden Teig von der Form. Den Rest schlug ich nach unten ein und kniff ihn mit den Fingern zusammen. Nun schnell noch ein paar Löcher mit der Gabel in den Teig gepiekst, damit die Luft beim Backen eintweichen konnte, dabei aufgepasst, dass die drei Eier nicht angestochen wurden und dann die Ostertorte sofort in den auf 180 Grad vorgeheizten Backofen verfrachtet.

IMG_20130324_22090645 Minuten sollte das gute Stück dort vor sich hinbacken. Da es danach aber noch sehr bleich aussah, gaben wir noch 20 Minuten dazu. Schließlich zog ein verlockender Duft von frisch gebackenem Brot mit einer herzhaften Note durchs Haus. Die „Torta Pasqualina“ war fertig. Am liebsten hätte ich sofort ein Stück gekostet, aber wir hatten bereits Abendbrot gegessen und außerdem sollte die Ostertorte für den Sonntag sein.

Ostereiersuche

IMG_20130324_220053Während die „Torta Pasqualina“ also über Nacht auf dem Küchentisch abkühlte, fiel die Teigdecke, die sich trotz der Gabeleinstiche doch zu einer beträchtlichen Glocke aufgeplustert hatte, wieder zusammen. Das machte aber gar nichts, denn es stand ihr besser als eine gerissene Kuppel. Am nächsten Morgen ließ ich alles Licht der strahlenden Frühlingssonne durch die geöffneten Balkontüren in die Küche und versuchte, die Ostertorte genau dort anzuschneiden, wo sich ein Ei verstecken musste. Schließlich wollte ich ein paar ansprechende Fotos schießen, die nicht wie am gestrigen Abend das Küchenchaos widerspiegeln, sondern dem Betrachter genauso das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen würden wie mir. Ich hatte ein glückliches Händchen, denn es gelang mir auf Anhieb, ein Dotter zu treffen.

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Maria gab das Stück nach dem Mittagessen Zievola mit, damit sie es sich zum Abendbrot warm machen konnte. Damit war schon mindestens ein halbes Ei aus dem Haus. Am Abend wurde ich in die Küche gerufen, um vier weitere Stücken für uns abzuschneiden. „Hey, aber für mich ohne Ei!“, sagte sie. „Sind doch nur drei Eier drin“, entgegnete ich. Irgendwie guckte sie mich zweifelnd an. „Denkst du etwa,“ lachte ich über ihre Paranoia, „dass ich, die Teigdecke noch einmal abgenommen und noch mehr Eier dazugegeben habe, während du ferngesehen hast?“ Plötzlich stieß sie mir verschwörerisch in die Seite und lachte auch. Offensichtlich hatte sie mich auf den Arm genommen.

Um den Vergleich zu haben, kostete ich eine schmale Scheibe der Ostertorte in kaltem Zustand. Schließlich sollte sie normalerweise für das ultimative Picknick am Ostermontag, der Pasquetta, prädestiniert sein. Da konnte man sie wohl kaum warm essen. Schon beim Schneiden der Stücke hatte ich gemerkt, dass die Kruste der „Torta Pasqualina“ relativ hart war. Daher krachte sie auch beim Hineinbeißen. Darunter schmeckte es herzhaft würzig nach Spinat und mild nach dem Ricotta. Ich war unendlich erleichtert darüber, dass sich das beharrliche Bestehen auf das Backexperiment gelohnt hatte, und war mir sicher, warm würde sie noch viel besser schmecken.

***

Hier der Link zu meiner Rezeptversion

9 Gedanken zu „„Torta Pasqualina“ oder Wie ich fast die Gunst meine Schwiegermutter verlor – Teil 2

    1. Corinna Autor

      Ja, kann ich nur empfehlen. Sollte man mal nachgebacken haben. Ich werd’s wieder tun. Dann sicherlich in unserer eigenen Küche ohne die wachsamen Augen von Maria, aber ich werde natürlich ein Viertel ohne ganze Eier backen – nur für sie. 🙂

      Antwort
  1. janavar

    Schon bei dem Titel musste ich lachen. Zum Glück hat ja am Ende alles geklappt und ihr euch wieder vertragen.
    Dabei hast du noch Glück: die Mutter meines Freundes redet nur Türkisch mit etwa 1.000 Wörtern pro Minute und wird nicht einmal für mich langsamer. Daher beschränkt sich unsere Kommunikation auf hallo und tschüss. Zusammen kochen ist undenkbar. 🙂

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Luigis Mama redet häufig auch Dialekt. Da stehe ich dann wieder 90% im Wald. 😉

      . . . aber irgendwann sprichst Du sicherlich auch genügend Türkisch, um die Mutter Deines Freundes zu verstehen. Das ist alles nur eine Frage der Zeit. Ich drück‘ die Daumen!

      Antwort
  2. giftigeblonde

    Was für eine wunderbare Geschichte (ich kann mir die Mamma so richtig vorstellen hihi), und was für ein schönes Rezept.
    Leider kann ich das wieder mal nicht nachmachen, da hier keiner Ricottacreme essen würde 😦

    Antwort
  3. frauhilde

    Was für eine wunderbare Geschichte! Ich musste schmunzeln und stellenweise laut lachen.
    Also hat Maria letzten Endes doch ihre Mamma-Gene wiederentdeckt. Das ist wirklich sehr beruhigend für die weitere Zusammenarbeit. 😉
    Und die Torta sieht *hach* aus. Besonders für eine Spinatfetischistin wie mich.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Seit Marias „Pizza di Ricotta e Spinaci“ bin ich auch ein Spinatfan. Vorher mochte ich ihn gar nicht; in keiner Form, noch nicht einmal riechen. 🙂

      Und natürlich bin ich sehr froh, dass Maria im Grunde ihres Herzens für jeden Blödsinn zu haben ist; auch wenn er Eier enthält.

      Antwort

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