Wohin mit dem Müll?

Da treibt man sich schon einmal vierzehn Tage auf österlichen Winterurlaub in Deutschland herum und im ruhigen Triggiano, wo sonst wenig bis nichts passiert, ist plötzlich eine allumfassende Hektik ausgebrochen.

„Ist heute Biomüll oder Papier?“, fragt Pasquale, bevor er am frühen Morgen die Wohnung in Richtung Arbeitsstelle verlassen will und wirft einen Blick auf den am Küchenschrank angepinnten Entsporgungsplan. „Ich glaube, Bio war gestern“, antwortet ihm Maria. „Heute ist Restmüll. Aber wir hätten ihn gestern Abend rausstellen müssen.“ „Bei dem Wind!“, sagt Pasquale kopfschüttelnd. „Da hätten wir den Eimer heute früh am Friedhof einsammeln können.“ Dann verdrängt er Maria vom Küchenschrank und tönt gleich darauf vorwurfsvoll: „Maria, heute ist Mittwoch. Da ist Biomüll.“

Ciao Ciao cassonettiDie Italiener machen sich Gedanken um Mülltrennung und Mülleimer?! Was ist denn da passiert? – Ganz einfach. Während wir fort waren, ist die Aktion „Ciao Ciao Cassonetti“ in die finale Runde gegangen. Wo sonst überquellende Müllcontainer am Straßenrand standen, drücken sich nunmehr allein die glockenförmigen grünen Altglascontainer an den Bordstein. Den frei gewordenen Platz haben sofort parkende Autos für sich entdeckt. Für den öffentlichen Raum sieht diese Aktion also aus mehreren Gründen nach einem Gewinn aus. Doch die Bürger müssen offensichtlich noch von der Praktikabilität überzeugt werden.

IMG_20130411_143915Während sich in Deutschland gewöhnlich abschließbare Gemeinschaftsmülltonnen hinter Mäuerchen vor großen Wohnblöcken verstecken, haben in Triggiano vor ein paar Wochen Angestellte des Müllunternehmens Lombardi Ecologia an jeder Haustür geklingelt und Mülleimer für die getrennte Müllsammlung vorbei gebracht. Plötzlich stapelten sich in Marias Küche ein kleiner brauner Eimer für den Biomüll, einer weißer für Papier und ein kleiner grauer Eimer für den Restmüll. Es gab auch eine ökologisch wertvolle Jutetasche, in der man seine Glasflaschen zum Container tragen soll, und eine Rolle gelber Säcke für Plastik, Blechbüchsen usw. Die Eimerchen sind inzwischen auf den Balkon umgezogen. Das allgemeine Misstrauen jedoch ist geblieben: Ist die ganze Aktion wirklich von vorn bis hinten durchdacht oder hat die Comune nur aus irgendeinem Fonds Geld bekommen, das für ein halbgares Projekt ausgegeben wurde? Werden diese kleinen Mülleimer genügen? Schließlich hat ein Singlehaushalt die gleiche Größe und Anzahl bekommen, wie eine vierköpfige Familie. Was mache ich, wenn mir mein Mülleimer vor der Haustür geklaut wird? Wohin mit dem Abfall, wenn das Eimerchen voll und der Abholtag erst übermorgen ist? Fragen über IMG_20130411_144015Fragen… Dazu kommt, dass die Bürgersteige in Triggiano außer an den großen Hauptstraßen äußerst schmal und häufig auch uneben sind, so dass abgestellte Mülleimer ein Hindernis für Fußgänger darstellen. Außerdem wohnen in den großen Palazzi in jedem Aufgang um die zehn Parteien. Zehn kleine Mülleimer vor jedem Haus dürften sich vermutlich auch nicht ästhetischer in das Straßenbild fügen als ein überquellender Müllcontainer.

IMG_20130412_131403Trotz aller Fragen und Zweifel haben die Triggianesen bisher nur nachbarschaftlich vereint auf dem Hausflur lamentiert. Doch, als ich mich am fortgeschrittenen Morgen zu unserer Wohnung aufmachen will, um nach den Bäumen und Radieschen auf der Terrasse zu sehen, bemerke ich sofort drei braune Biomüll-Eimerchen vor der Haustür. „Kommen sie heute noch einsammeln?“, ruft Pia aus dem vierten Stock, die offensichtlich gerade zum Einkaufen aufgebrochen ist, von der Straße aus zum ersten Balkon hinauf, von dem Signora M. mit ihrem von Lockenwicklern bedeckten Kopf von der Brüstung aus die Einbahnstraße hinunterspäht: „Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe das Auto vorhin am Bahnübergang abbiegen sehen. Vielleicht sind sie schon durch.“ „Unser Restmüll war schon am Montag voll!“, ruft Pia überlaut hinauf, denn Signora M. hört etwas schwer. Es ist zu befürchten, dass sie den Halt verliert, wenn sie sich mit ihrem linken Ohr noch weiter über die Brüstung hängt. „Mein Mann hat den Beutel mitgenommen und schmeißt ihn in Bari in einen Container.“ Die Signora und Pia lachen triumphierend über dieses Schelmenstück, bevor Signora M. zu bedenken gibt, dass sie mit ihren Müllbeuteln nicht erst nach Bari fahren könne. Schließlich habe sie kein Auto und mit dem Müll im Zug…

IMG_20130412_131446Ich schmunzele in mich hinein und zähle auf den 500 Metern bis zu unserer zukünftigen Wohnung mindestens 20 weitere Mülleimerchen, die von den Müllmännern offensichtlich entleert und als Zeichen dieser Entleerung mit geöffnetem Deckel zurückgelassen wurden. Zum Glück strahlt die Sonne mit über zwanzig Grad vom Himmel. Würde es regnen, hätten diejenigen, die den Tag über nicht zu Hause sind, um ihre Eimer nach der Leerung zeitnah wieder einzusammeln, am Abend gleich Gießwasser für die Balkonpflanzen.

Als ich wieder zurück bin, stehen auch die drei Mülleimerchen vor unserem Haus mit geöffneten Deckeln da. Bereits im Hausflur höre ich Maria mit unserer Nachbarin im zweiten Stock sprechen. „Ich habe mich nicht getraut, den Biomüll rauszustellen“, sagt diese gerade, „denn es lagen zwei gelbe Säcke vor der Tür. Ist denn heute Plastik oder oder Bio?“, fragt die Nachbarin. „Heute ist Bio“, versichere ich ihr. „Aber die Eimer sind jetzt schon leer.“ „Sind die Plastiksäcke noch da?“, will sie von mir wissen. „Als ich um zehn losgegangen bin, standen nur drei Eimer draußen“, gebe ich meine Beobachtung wieder. „Also haben sie die Säcke wieder reingeholt. Maledizione. Und ich habe mich verwirren lassen. Wer hat die bloß rausgestellt? Können die nicht lesen?“ Während Maria unsere Nachbarin hineinwinkt, um sich vor den Küchenschrank zu stellen und die Liste nach dem nächsten Tag für den Biomüll zu überfliegen, schießt mir ein Gedanken durch den Kopf: Für unsere eigene Wohnung werden wir auch Mülleimerchen der Lombardi Ecologica benötigen. Vermutlich wird zukünftig niemand mehr an den Haustüren klingeln, um welche zu verteilen. Wo bekommen wir also unsere her? Doch Luigi, den ich sofort im Büro anrufe, ist mal wieder die Ruhe selbst: „Im Moment brauchen wir doch gar keine. Und wenn wir welche brauchen, dann werden wir schon herausfinden, wo es sie gibt.“ Boah! … diese Italiener.

„Una vergonga!“, höre ich es aus der Küche. „Wen haben denn die Müllcontainer gestört!?“

Ich bin verwirrt. Hoffentlich sind das alles nur Anlaufschwierigkeiten, die mit der Gewohnheit verschwinden. Oder werden wir an windigen Tagen auch nach Bari fahren, um unseren Müll zu entsorgen? Und was passiert, wenn man selbst in Bari plötzlich ökologisches Bewusstsein erlangt?

Am besten, ich gehe erstmal Tee kochen. Teeblätter kann man ganz gut unter die Blumenerde mischen.

12 Gedanken zu „Wohin mit dem Müll?

  1. mamaleone

    Bei uns im Ort gibt es Gassen völlig ohne Bürgersteige. Vom Wohnzimmer auf die Straße. Wenn das System hier ankommt, bin ich sehr gespannt ^^
    Aber ich merke an Vielem, dass zwischen Bari und Gallipoli Welten liegen, es hat doch jeder Ort und jede Provinz (wir sind Lecce) so ihre Eigenarten.

    Ich liebe Deinen Stil – kann garnicht genug lesen, großes Kompliment!
    Liebe Grüße aus Gallipoli von Mamaleone

    Antwort
    1. Corinna Autor

      In der Altstadt dürfte das hier auch so sein. Aber in diesen Gassen ist der Verkehr auch eingeschränkt. Na, ich werde in der nächsten Woche mal gucken gehen, wie sich die Sache dort so gestaltet.

      Schade, dass Deine Seite keine Kommmentarfuntkion hat. Ich habe schon einiges bei Dir gelesen und finde die Entwicklung eurer kleinen Farm auch sehr spannend (inklusive Vorführung der Fräse). Ein Onkel von Luigi lässt gerade ein Trullo mit Anbau bei Alberobello ziemlich verfallen. Ich denke, das wird er (oder seine Nachkommen) bereuen auch, wenn es nicht am Meer liegt.

      Antwort
    1. Corinna Autor

      Hallo Sina,

      ich habe Dir doch gestern geschrieben? Hast Du meine Mail nicht bekommen? Schau mal nach, ob ich im Spam gelandet bin.

      Für alle Fälle auch an dieser Stelle: Danke! Danke! Danke! Ich habe mich total gefreut. … und das Marzipan ist auch schon fast alle. 😉

      LG,
      Corinna

      Antwort
      1. giftigeblonde

        Wow, jetzt bin ich beruhigt, liebe Corinna! Ich dachte schon das gibt’s doch nicht, ich habs am 18. glaub ich weggeschickt noch vor Zadar tztz.
        Freut mich wenns schmeckt!

        Die Marzipandinger sind genial gell? Und der Name dazu.

        Mail ist keine gekommen, weder Spam noch sonstwo, ich habe jetzt aber eine neue email, findest du auf meiner übermich 🙂

        Antwort
  2. Maria

    Herrlich, Corinna ist wieder im Lande und es gibt endlich wieder Triggiano-News. Auch wir sind ja wegen Abwesenheit nicht mit den Eimerchen versorgt worden und freuen uns auf den Urlaub an Pfingsten, allerdings nicht aufs Müllkutschieren.
    In Deutschland trenne ich zwanghaft Müll, es hat sich verselbstständigt, ich kann einfach nicht mehr anders und wird langsam zur Zwangsstörung. Dann lese ich kürzlich, dass dank der vorbildlich verringerten Emissionen Müllverbrennungsanlagen eigentlich am wirtschaftlichsten und ökologischen wären und man sich zwecks Verbesserung des Brennstoffes gerne am vorbildlich sortierten Plastikmüll zwecks Untermischung vegreift, weil der so schön trocken brennt. Eigentlich würde man gerne das bestehende System nur noch in trockenen und nassen Müll trennen, die Kommunen stecken aber noch in ihren Verträgen fest. Ich muss sagen, das Ganze irritiert mich als Obermülltrennerin gewaltig.
    Hoffentlich landen in Triggiano die nicht losgewordenen Müllsäcke nicht auf dem Land so wie Matratzen, Autoreifen, Waschmaschinen etc.
    Was ist aus deinen Bemühungen bezgl. des Wanderweges geworden?
    Vielleicht treffen wir uns demnächst zum Wandern, äh Müllspaziergang. 😉

    Antwort
  3. frauhilde

    Meine Güte, was ein Chaos. Aber ich hoffe mal, dass sich das in den nächsten Wochen einpendeln wird.
    Wobei die Vorstellung, die Mülltüten im Zug wegzubringen, natürlich auch was hat. 😉

    Antwort
  4. Claudia

    Corinna, ich bin entrüstet! Ihr beginnt in Triggiano nun erst mit der „raccolta differenziata“ ;-)?!!! In Otranto und Umgebung sind wir schon seit mehreren Jahren fleißig am sortieren. Allerdings stelle ich heute noch nicht die winzige Tonne (deutsche Gäste bezeichneten sie auch als die Zwergen-Mülltonne) bei starken Wind vor die Tür …schließlich möchte ich nicht, dass der Müll direkt ins Meer geweht wird 🙂 … Ohne Scherz, auch bei uns war die Aufregung am Anfang recht groß. Aber alle gewöhnten sich schnell an die Umstellung.

    Lieben Gruß, Claudia

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ja, wir differenzieren erst seit dem vergangenen Montag. Es dauert halt alles etwas länger in Triggiano. Auch die Gewöhnung. Zusätzlich zum Essensplan des nächsten Tages wird jetzt am Abendbrottisch immer auch besprochen, welcher Mülleimer abgeholt wird. 🙂

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s