Das Leichenwagenmysterium

“Ich glaube, du solltest mal runtergehen”, sagte ich zu Maria, nachdem ich mit einem Packet Druckerpapier aus dem Schreibwarenladen zurück gekommen war und nicht nur diverse Mülleimer und zwei gelbe Säcke, sondern auch fünf lautstark diskutierende Nachbarn nebst zwei kleineren Mädchen, welche die Diskussion aufmerksam verfolgten, vor unserer Haustür vorgefunden hatte. „Unten im Eingang findet eine Demonstration statt. Ich konnte mich gerade noch so auf die Treppe retten.“

„Worum ging es denn?“, wollte Maria wissen.

„Vielleicht um den aufgerissenen gelben Sack, deren Inhalt sich im Moment auf den Fußweg ergießt,“ vermutete ich.

„Aber WIR haben Restmüll rausgestellt und nicht Plaste!“ – Maria wuselte sofort zum Küchenschrank, an dem sie den Abholplan angeklebt hatte und rief erleichtert: „Plaste ist morgen! Haben die es denn immer noch nicht begriffen?“ Im Nu war sie in andere Schuhe gesprungen und hatte die Haustür hinter sich zugeschlagen. Ich wusste, sie würde eine ganze Weile fort bleiben, denn unter den Demonstranten hatte sich auch die freundliche Signora Bocconcello befunden, die ohnehin jeden zweiten Tag auf ein Schwätzchen bei Maria vorbeisah.

Während ich darauf wartete, dass die Horde frisch geborener Mülltrenner herausfand, wer aus unserem Haus nicht lesen konnte und damit aufhörte, „Es ist eine Schande!“, „Was ist nur aus Italien geworden!“, „Gibt es keine Christen mit Verstand mehr!“ oder dergleichen unter dem Balkon vor Luigis Zimmer zu rufen, damit ich mich besser auf meine 120 zu wiederholenden Wörter konzentrieren konnte, hörte ich, wie ein Auto vor dem Haus anhielt und es bis auf das Motorengeräusch plötzlich still wurde. Vermutlich hatten die Mülleinsammler der Demonstration ein Ende bereitet.

Trotzdem öffnete Maria unsere Wohnungstür erst nach einer guten Stunde wieder. „Jemand ist gestorben“, sagte sie zur Begrüßung. Klar, dass ich wissen wollte, wen es getroffen hatte. „Wir können es nicht sagen“, gab sie zurück. „Es kam ein riesiger Leichenwagen. Und da sind wir natürlich nicht neugierig stehen geblieben.“ Da lag also der Hase im Pfeffer begraben! Ein Leichenwagen war es gewesen, welcher der Empörung über den falsch herausgestellten Müll ein so jähes Ende bereitet hatte. Und niemand hatte die Courage besessen, die dunkel gekleideten Herren zu fragen, welche Person sie abzuholen gedachten. Normalerweise war solche offenkundige Neugier nicht notwendig, denn in Süditalien ist es üblich, dass eine A3 große Todesanzeige am Haus angebracht wird, wenn jemand gestorben ist. Die Einhaltung dieser schönen Tradition hätte den Bewohnern der unteren Stockwerke ein lanwieriges Rätselraten erspart. Das wäre jedoch lange nicht so lustig gewesen.

Schon am nächsten Tag hatte Maria mit Hilfe von Signora Bocconcelli eine Theorie erstellt. „Es gibt doch jetzt diese Tierfriedhöfe“, erklärte mir das seit Wochen endlich einmal vom Müll abgelenkte Detektivgespann.

„Mhmmm.“ Ich wusste nicht so recht, worauf die Beiden hinaus wollten.

„Erinnerst du dich nicht an den großen weißen Hund vom Tierarzt“, fragte mich Maria.

„Meinst du das riesige Vieh, dessen Haare immer überall im Flur und im Fahrstuhl herumliegen?“ Ich kannte diesen Hund sehr gut, obwohl ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

„Also sooo viele Haare lagen nun auch nicht herum“, entgegnete Maria. „Es war eigentlich ein sehr gepflegtes Tier.“

„Sprechen wir“, konnte ich es mir nicht verkneifen, „von dem gleichen Hund, der vom Balkon gepieselt und dir deine Wäsche versaut hat.“

Marias Gesicht verzog sich leicht angwidert. Doch schnell hatte sie sich wieder im Griff: „Ja, aber der Tierarzt hat doch sofort hier angerufen und Bescheid gesagt. So schlimm war es gar nicht, alles noch einmal zu waschen. Und es ist ja auch nur zwei Mal passiert.“

„Povera bestia! – Armes Vieh!“, warf nun die Signora ein, „Es muss doch schlimm sein für einen so großen Hund den ganzen Tag in einer Stadtwohnung eingesperrt zu sein.“

Ich konnte nur nicken, denn wenn der Hund wirklich so riesig war, wie sie mir dereinst geschildert hatte, dann musste es sich mindestens um einen übergewichtigen irischen Wolfshund handeln, dem ich erheblich mehr Auslauf wünschte, als es eine Wohnung und Triggianos Fußwege zulassen dürften. Daher entgegnete ich der Signora: „Da kann man es doch verstehen, dass das Tier den ganzen Tag wie verrückt bellt.“ Tatsächlich hatte ich hier noch nie einen Hund bellen hören, aber das dunkle Dröhnen des Hundebasses im Hausflur war mir so lebahft dargebracht worden, dass ich fast glaubte, es selbst gehört zu haben.

„Eigentlich hat er gar nicht mehr so oft gebellt.“, sagte die Signora. „Früher war das wesentlich häufiger. Und jetzt haben wir ihn schon lange nicht mehr gehört.“

„Weshalb wir auch denken,“ hakte Maria nun ein, „dass der Hund gestorben ist.“

„Wirklich?“, fragte ich zweifelnd. „Ich dachte immer, man würde sein Tier selbst zum Tierfriedhof bringen? Da kommt doch kein Leichenwagen.“ Aber die beiden Todestheoretikerinnen waren sich einig, dass man in der heutigen Zeit nie wissen könne, wie „assurdo“ die Menschen reagierten, denn für manche seien Tiere fast mehr Wert als Menschen. Damit war das Thema zunächst zu den Akten gelegt, bis…

… wir einen Tag später beim Abendessen plötzlich ein ganz deutliches Bellen auf einem der Balkons über uns vernahmen. „Maria!“, rief ich, noch ehe sie irgendetwas sagen konnte. „Hol die Wäsche rein! Der Hund ist auferstanden.“

 ***

Bevor noch weitere Tiere oder gar Personen fälschlich ihres Ablebens verdächtigt werden konnten, klärte zum Glück die Wohnungsnachbarin des Tierarztes einige Tage später den Sachverhalt auf: Tierarztens (immerhin hatten die beiden Hobbydetektive den Tatort richtig definiert) über neunzigjährige Mutter, die ihr Leben lang in Lecce gewohnt hatte, hatte ihre letzten Tage nun pflegebedürftig in einem Bett in dessen Wohnung verbringen gemusst. Schließlich war sie dort friedlich eingeschlafen, doch da sie offiziell nicht zur Hausgemeinschaft gehörte, hatte man auf eine Todesanzeige verzichtet. An ebenjenem Tag, an dem zunächst scheinbar nichts wichtiger erschien als die falsch durchgeführte Müllübergabe, hatte man die sterblichen Überreste der in unserem Haus weitestgehend unbekannten Mutter zur Überführung zurück nach Lecce abgeholt.

6 Gedanken zu „Das Leichenwagenmysterium

  1. frauhilde

    Ich stelle mir das gerade bildlich vor; lauter schnatternde und gestikulierende Mamas unten auf der Straße bei den Müllsäcken – und dann auf einmal der Leichenwagen. Auch wenn der Anlass traurig war, musste ich doch schmunzeln.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s