1. Mai – Wider das Vergessen!

Meine frühesten Erinnerungen an den ersten Mai bestehen vor allem aus Bildern von ewiger Warterei an Kreuzungen und langsamem Herumgelatsche in den Straßen der „ersten sozialistischen Stadt Deutschlands“, wo man als guter Bürger der untergegangenen DDR irgendwann am Bürgermeister und anderen wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vorbeimarschieren musste, um dann schnell zum Busbahnhof zu rennen und in den nächsten Bus gen Heimat zu springen. Dort wartete am „Tag der Arbeit“ oder auch „Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ dann tatsächlich richtige Arbeit. Und diese hatte immer etwas mit Pflanzen und Säen zu tun. Schließlich war spätestens mit dem Mai auch der Frühling gekommen.

Die sozialistischen Prozessionen wurden Anfang der 90er Jahre eingestellt, aber als von der Gartenarbeit zwischenzeitlich wenig begeisterter Teenager hätte ich mir den aushäusig zu verbringenden Vormittag des ersten Mais in manchen Jahren durchaus zurückgewünscht. Trotzdem bin ich meinen Bauerngenen nicht entkommen und verspüre auch am heutigen ersten Mai wieder den Drang, Kartoffeln zu legen. Da unsere Terrasse jedoch noch nicht für größere Projekte des urbanen Gärtnerns bereit ist, plane ich, nur drei Kartoffeln in einem Kübel zu verscharren und hoffe, sie werden wenigstens ein bisschen wachsen. Die Aktion ist Teil eines internationalen Kartoffelpflanzprojekts der Bloggergemeinde um die GiftigeBlonde. Wir werden dann in den nächsten Wochen sehen, wer von uns der dümmste Bauer mit den größten Kartoffeln ist. Abgesehen davon blieb mir in den letzten Tagen ausreichend Zeit dafür, mich danach umzuhören, wie der Tag der Arbeit in Bari und Umgebung von anderen begangen werden wird.

Eine Umfrage unter etwa zehn Personen ergab, dass diese den ersten Mai mit einem Ausflug verbinden werden. Die meisten von ihnen peilen den Strand an, was bei 30 Grad Mittagshitze verständlich erscheint. Natürlich kann man sich auch beim Braten unter südlicher Sonne auf einem Handtuch daran erinnern, dass der erste Mai ein Tag des Gedenkens an die Errungenschaften der ersten großen Arbeiteraufstände in Amerika ist, die unter anderem zur Festschreibung des Achtstundentages führten. Kann man, wird man aber wahrscheinlich nicht. Als Arbeiter sind wir in den letzten Jahrzehnten zu Duckmäusern und Angsthasen erzogen geworden, die nehmen, was ihnen gegeben wird, aber sich nicht trauen, Forderungen zu stellen. Wenn heute eine Betriebsleitung Massenaussperrungen wie 1886 in Chicago durchführen würde und neue Arbeiter suchte, die sich für einen Hungerlohn anstellen ließen, würden sie leicht mehr als 300 finden. Vermutlich würde ihnen das Arbeitsamt gleich die benötigte Anzahl Eineurojobber zum Praktikum vorbei schicken und sich dann an der geschönten Arbeitslosenstatistik erfreuen.

Zum Glück gibt es noch einige Optimisten, die sich am Maifeiertag für etwas anderes einsetzen als ihre Bequemlichkeit. Hier in Apulien sind das heute die Mitarbeiter der Comune von Mola, einem Vorort von Bari direkt am Meer gelegen, die sich mit den Arbeitern im noch existierenden Werk des Reifenherstellers Bridgestone in Bitonto sozialisieren wollen. Sie haben gemeinsam mit Bridgestone-Mitarbeitern einen siebenstündigen gratis-Konzertmarathon von Bands aus der Gegend organisiert, um den Arbeitern eine Stimme zu geben. Diese wurden Anfang März aus heiterem Himmel vor vollendete Tatsachen gestellt, die da hießen, dass ihr Werk im nächsten Jahr geschlossen würde. Die Begründung dafür klang ähnlich, wie man sie auch bei Werks“schließungen“ in Deutschland hört: Rückgang der Nachfrage, Konkurrenzdruck aus den Schwellenländern und zu hohe Kosten. Zufällig wurde erst kürzlich ein Bridgestonewerk in Poznan fertig gestellt, in das laut den Arbeitern der italienischen Fabrik bereits Maschinen aus Bari verbracht worden sein sollen. Für Apulien mit einer Arbeitslosenquote von derzeit über 18% (Quelle: Istat), in dem wenig Industrie angesiedelt ist und schon eine großes Hüttenwerk in Taranto immer wieder kurz vor dem Aus steht,  ist der drohende Verlust von ca. Tausend Arbeitsplätzen in Bari dramatisch.

Ich bin kein Ökonom und frage mich vermutlich gerade deshalb, warum viele Unternehmer keine Verantwortung für die Menschen zeigen, die mit ihrer Arbeit seit Jahren qualifiziert und loyal für das Wohlergehen ihrer Firmen in unseren Ländern sorgen. Statt dessen lässt man (nicht nur) außereuropäische Investoren schalten und walten, sich europäische Firmen und Fördergelder unter den Nagel reißen und sich an hier erfundenen Technologien bedienen. Wer weiß, wohin Bridgestone sein Werk verlegen wird, wenn in Polen alle finanziellen Schmankerl ausgeschöpft sein werden.

Möglich, dass ich mich mit diesem Blogeintrag heute schon für die größten Kartoffeln qualifiziere, aber für mich ist ganz klar, dass man, wenn man auf dieser Erde immer nach Osten geht, man zwangsweise wieder im Westen ankommen wird. Bis dahin machen wir eben Musik, weil wir nicht so unsichtbar und stumm sind, wie man uns gern glauben machen will. Wir müssen uns nur im entsprechenden Augenblick darauf besinnen – möglichst bevor wir wieder beim Zwölfstundentag für drei Dollar Lohn angekommen sein werden.

Euch allen einen schönen Tag der Arbeit!

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2 Gedanken zu „1. Mai – Wider das Vergessen!

  1. Gitti

    Den 1. Mai nur für Krach und Randale zu nutzen und dem Polizeistaat in die Hände zu spielen war auch keine Lösung im Sinne der Arbeiter. Die anerzogene Feigheit zu kämpfen für die Rechte der arbeitenden Bevölkerung ist ein Schachzug des Kapitals weltweit und die Gepflogenheit für die Arbeiter seines Betriebes Einsatz zu zeigen war sicher schon immer Augenauswischerei und nur zur Ruhigstellung gedacht.

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