Blutiges Morden in den Straßen von Bari

“Sagt mir, wer das getan hat! Ich will das wissen, denn ich werde ihm den Kopf explodieren lassen, wie er es bei ihm gemacht hat,” hörte man am Nachmittag des 19. Mai eine junge Frau auf einer Straße in Baris Stadtteil San Paolo schreien (zitiert nach “Gazetta del Mezzogiorno”, 20.5.2013, S. 2f.). Was war geschehen?

Während im Zentrum Baris ein enormes Polizeiaufgebot dafür sorgte, dass der Gran Premio di Bari reibungslos über die Runden gehen konnte, wurde kurz nach 12 Uhr in der Periferie das Schicksal dreier Junger Männer besiegelt. Vittantonio Fiore, der 22jährige Sohn des “Clanoberhaupts“ des Stadtbezirks San Pasquale und zwei seiner Freunde gingen zusammen durch die Via Piemonte, als ein Motorrad an ihrer Seite auftauchte und Fahrer sowie Beifahrer aus einer Kalaschnikow und einer Pistole das Feuer auf die Drei eröffneten. Die kugelsichere Weste und die Waffe, die Fiore in seinem Hosenbund trug, nützten ihm in dieser Situation nichts mehr und auch seine beiden Begleiter konnten in der Notaufnahme eines nahegelegenen Krankenhauses nicht gerettet werden.

Natürlich waren die Polizei und die Spezialisten der staatlichen Antimafiaorganisation1 DIA wenig später vor Ort, nahmen Zeugenaussagen auf und die Videoüberwachung verschiedener Geschäfte an sich, um das Geschehen auszuwerten, doch insgesamt steht Bari leicht fassungslos vor diesem neuerlichen Ausbruch des wieder erstarkten Selbstbewusstsein der Clans, die man in den letzten 10 – 15 Jahren in ihre Schranken gewiesen zu haben glaubte. Fiores Vater beispielsweise sitzt immer noch eine 25jährige Haftstrafe wegen Mordes ab und sein Filius war hinsichtlich seines Führungszeugnisses auch kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Boss des Stadtviertels Japigia konnte sich im letzten Winter nur kurz seiner Freiheit erfreuen. Schon zwei Tage nach seiner Entlassung und einem riesigen Straßenfest mit silvesterähnlichem Feuerwerk wurde er wegen einer anderen Tat wieder hinter Gitter gebracht.

Dennoch war dieser Ausbruch offener Gewalt nicht der erste in diesem Jahr. Bereits im April wurde Giaccomo Caracciolese, eine zentrale Person des organisierten Verbrechens in diesem Stadtteil ermordet. Doch begonnen hatte das öffentliche Morden bereits im August 2011, als der Sohn des Mafiabosses di Carassi und wenig später auch dessen Fahrer und Leibwächter auf offener Straße von einem Motorrad aus erschossen wurden. Der Bürgermeister und Antimafia-Magistrat Michele Emiliano wird nicht müde zu betonen, dass er bereits seit zwei Jahren davor gewarnt habe, dass sich die Mafia neu organisiere und sich wieder bewaffne. Es sei ein großer Fehler, dass die organisierte Kriminalität nahezu aus der öffentlichen Debatte verschwunden sei, denn sie sei nie besiegt worden, sondern hätte nur vorübergehend geschlafen.

So vermutet man nun, dass es sich bei der Ermordung Fiores um einen Rachakt gehandelt haben könnte. Geht man davon aus, dass die Worte der jungen Witwe angesichts ihres von Kugeln zerfetzten Mannes ernst gemeint waren, können sich die Baresen nicht länger in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Am vergangenen Sonntag traf der Kollateralschaden die zwei Begleiter Fiores und einige Vetrinen umliegender Geschäfte. Doch sicherlich hätten die Täter alles andere ebenso in Kauf genommen.

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1 Mit “Mafia” ist hier allgemein das organisierte Verbrechen in mafiösen Strukturen gemeint. Das Wort “Mafia” als solches bezeichnet ursprünglich das organisierte Verbrechen auf Sizilien. Die personellen Strukturen, Vorgehens- und Verhaltensweisen dieser Organisationen unterscheiden sich je nach Region, aber im Großen und Ganzen ist ihnen gemein, dass ihre Mitglieder staatliche und wirtschaftliche Strukturen unterwandern und sich Raum für ihren eigenen “Staat im Staate” schaffen.
Die “Mafia” von Apulien heißt Sacra Corona Unita, doch mit der Einigkeit (Unita) dürfte es angesichts der internen Kämpfe nicht sehr weit her sein. Das Alleinstellungsmerkmal der Sacra Corona Unita unter den diversen mafiösen Organisationen Italiens ist ihre enge Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen Osteuropas.

9 Gedanken zu „Blutiges Morden in den Straßen von Bari

  1. Friederike

    Danke f.d. informativen Bericht, Sacra C U nie gehört, habe aber gelesen, dass osteuropäische (albanische) Organisationen in Apulien mitmischen sollen. Gottseidank hat man als Tourist wenig Ahnung davon, aber wie gehts dir damit?

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Glücklicherweise habe ich nichts in den kritischen Stadtteilen zu tun. Obwohl ich denke, dass man sich nicht sicher sein kann, dass man selbst vielleicht auch dereinst als Kollateralschaden endet, ist die Chance als Fußgänger beim Überqueren einer grünen Ampel in Bari überfahren zu werden deutlich größer als die, einem Mafiosi in die Schusslinie zu geraten.

      Generell hat man in Italien noch viel zu tun, um den alten Filz loszuwerden und einem ähnlichen Schicksal Griechenlands zu entgehen. Das fängt schon da an, wo sich Bekannte gegenseitig einflussreiche Posten in Bildung, Wirtschaft und Politik zuschustern, obwohl sie von der Materie gar keine Ahnung und auch keinen fähigeren Assistenten haben, und die Mafia gehört zu diesen Filz eindeutig mit dazu. Ich werde solche Ereignisse mit wacheren Augen verfolgen und mich auch mal darum kümmern herauszufinden, was denn wirklich in diesen Hinsichten getan wird.

      Antwort
  2. frauhilde

    Darf ich mal ganz dumm und naiv fragen?
    Wie ist das, ist die Mafia bzw. der Gedanke, dass so Dinge in Bari passieren, in deinem Alltagsleben präsent oder denkt man da eher nicht dran, sondern nur, wenn man solche Meldungen hört oder liest?

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ganz dumm und naiv geantwortet, ist das vermutlich wie bei jedem Unglück, das um uns herum passiert: Wenn man nicht direkt betroffen ist, dann erschrickt man sich, wenn die Nachricht noch frisch ist, und danach geht das Leben ganz normal weiter. Dieses „Ausblenden“ muss so etwas wie ein Schutzmechanismus sein, damit man nicht paranoid wird.

      Antwort
  3. Juan

    Wir reisen demnächst für eine Woche nach Bari. Welches sind denn die „kritischen Stadtteile“ oder allgemein Bereiche, die man meiden sollte?

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Man sollte wie in jeder großen Stadt nicht unvorsichtig mit Handtaschen und der Geldbörse sein. Sonst braucht man keine Angst zu haben. Ich bin 12 Jahre als Touristin hergekommen und lebe nun schon fast vier Jahre hier und noch nie ist mir etwas passiert, obwohl ich eher zu der nachlässigen Sorte zähle.

      Viel Spaß im Urlaub! Corinna

      Antwort

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