Armando oder die Philosophie des Algenabkratzens (Teil 1)

Luigi kann Armando nicht leiden. Ich fürchte, das ist meine Schuld. Ich hätte ihm gar nicht erst von Armando erzählen sollen. Luigi kennt sich aus mit solchen Typen und seine Abneigung ist vielleicht sogar berechtigt, denn Armando ist ein Tagedieb, ein Tramp, der wohl nur zufällig sein Lager in der Nähe aufgeschlagen hat, der lautlos auftaucht, nimmt, was er bekommen kann, und genauso schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist. Aber manchmal, manchmal bleibt er auch eine Weile und sieht mir beim Arbeiten zu. Typisch Mann, werdet ihr denken. Und damit habt ihr vielleicht genauso recht wie Luigi.

Trotzdem warte ich auf ihn, wenn ich mich mit einem Spachtel bewaffnet Zentimeter für Zentimeter durch die Algenkruste kratze, die sich in den letzten Jahren auf der ungenutzten Terrasse, die zu unserer Traumwohnung gehört, gebildet hat – eine Idiotenarbeit und dennoch eignet sich nicht jeder dafür. Luigi streicht lieber Heizkörper. Die sind kleiner und man sieht die Erfolge schneller. Abgesehen davon habe ich auch mehr freie Zeit als er und bin daher im letzten Jahr praktisch zu einer Algenabkratzexpertin geworden. Ich kenne die verschiedenen Arten, die sich auf unserer Terrasse angesiedelt haben, und weiß, wie man sie am leichtesten entfernen kann.

Da wären beispielsweise die schmierigen Roten, die man vorher nicht zu nass machen darf, sondern lieber im fast trockenen Zustand abkratzen sollte. Dann gibt es die sich kreisförmig ausbreitenden Hügeligen, sofern man bei zwei/ drei Millimetern schon von einem Hügel sprechen kann. Diese lassen sich auch ohne Wasser leicht entfernen, wenn man mit dem nötigen Schwung unter ihren Rand und dann mit einer kräftigen, vorwärts gerichteten Schubbewegung vollends unter ihnen hindurch fährt. Wenn man alles richtig gemacht hat, kann man darunter sogar die hellgraue Originalfarbe der Terrassenfliesen erblicken. Ärgerlich ist nur, dass sie eine kreisförmige Markierung hinterlassen, wo sich ihr Rand befunden hat. Bemerkenswert sind auch die schwarzen Algen, welche die Sonne über die Jahre in die Fliesen eingebrannt zu haben scheint. Man kann sie zwar oberflächlich entfernen, aber das Schwarz bleibt trotzdem zurück. Nicht zuletzt gibt es sogar zusammenhängende, dick verkrustete Algenteppiche, in denen man die einzelnen Arten gar nicht mehr unterscheiden kann. Auch wenn sich das verbal am schlimmsten anhört, sind sie es doch, die sich am einfachsten entfernen lassen. Ein bisschen Wasser, ein Ratsch mit dem Spachtel und schon schiebt man ein kleines Algenhäufchen vor sich her. Wie gesagt, eine Idiotenarbeit. Später werden wir sehen, was eine Reinigungsmaschine in dieser Sache noch auszurichten vermag. Doch ich gebe zu, dass ich in den letzten Monaten eine gewissen Leidenschaft fürs Algenabkratzen entwickelt habe. Mit meiner Arbeit gegen die Algen arbeite ich nämlich zugleich an meiner Sommerbräune.

Sommerbräune ist seit ein paar Wochen extrem wichtig geworden. Die italienischen Eingeborenen aalen sich fleißig auf den Liegestühlen auf ihren Balkons oder sie fahren an die umliegenden Strände, um sich dort dicht an dicht auf ihren Badehandtüchern niederzulassen und dann wie Brathähnchen vor sich hinzubrutzeln. Wenn es zu heiß wird, tauchen sie kurz im Wasser unter, um gleich darauf mit dem Rösten weiterzumachen. Im Zuge dieser Bräunungshysterie werde ich daher nun häufiger gefragt, ob ich am Meer gewesen wäre. Nein, das ist hauptsächlich Terrassenbräune, antworte ich dann immer und sehe am kurzen Aufblitzen in ihren Augen, dass sie mir als nächstes sagen werden, dass man am Meer schneller braun wird. Doch das weiß ich bereits. Man bekommt auch schneller einen Sonnenbrand; vor allem wenn man so helle Haut hat wie ich. Käsebleich ist das Fachwort dafür. Luigi nennt es Mozzarellahaut. Er ist der einzige, der das Wissen um den Vergleich mit mir teilt, denn schließlich kann ich mich nicht vor jedem ausziehen und meine weißesten Stellen präsentieren, nur damit man sieht, dass meine Mozzarellahaut an den sichtbaren Körperteilen inzwischen eher die Farbe geräucherten Scamorzas angenommen hat. Auch deshalb mag ich Armando: Er ragt aus der Masse der dunklen Italiener heraus, weil er in der Mittagssonne noch stärker blendet als ich. Dieser Gedanke ist mir beim Algenabkratzen gekommen, denn es muss schließlich einen vernünftigen Grund dafür geben, warum ich auf Armando warte, während Luigi in unserem zukünftigen Wohnzimmer Heizkörper streicht.

(Fortsetzung hier)

4 Gedanken zu „Armando oder die Philosophie des Algenabkratzens (Teil 1)

  1. gerontocrazia

    Meinen Neid für die Scamorzahaut… Ich muss mir immernoch täglich Witze über meine Bleichheit anhören – obwohl ich inzwischen auch mal am Meer war 😉

    Antwort
  2. Friederike

    „Mozzarellahaut“ gefällt mir, das klingt besser als bei uns früher der „Topfenneger“ (Topfen=Quark und „Neger“ darf man auch nicht mehr sagen…).
    Ich bekomme auch sofort einen Sonnenbrand (die apulische Sommersonne wär leider nix für mich), mittlerweile hab ich es aufgegeben, unbedingt braun oder wenigstens „bräunlich“ werden zu wollen…
    Weiterhin schönes Algenkratzen 😉

    Antwort

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