Armando oder die Philosophie des Algenabkratzens (Teil 2)

(Teil 1 hier)

Überhaupt kommen mir zahlreiche Gedanken, während ich die immer gleichen Bewegungen ausführe, die meinen Spachtel über die Fliesen kratzen und Algenhäufchen vor sich auftürmen lassen. Mit jeder Spachtelbreite Hellgraus, die unter der Algenschicht auftaucht, wird DIE Terrasse ein Stück mehr MEINE Terrasse. Zweihundert Quadratmeter meiner Terrasse habe ich auf diese Art und Weise schon gereinigt. Zweihundert Quadratmeter Gedanken. Da kommt ganz schön was zusammen; auch ganz schön viel Unsinniges. Zum Glück habe ich das Meiste schon wieder vergessen, denn ich leide an sherlockholmesischer Selektion und merke mir nur Dinge, die mich wirklich interessieren. Aber ich erinnere mich noch daran, dass sich meine Gedanken zuerst hauptsächlich darum drehten, wie viel ich bereits geschafft hatte oder wie viel noch vor mir liegen mochte. Ungefähr ab dem zwanzigsten Quadratmeter wurde diese Angelegenheit dann belanglos und die Terrasse zu einem algenbewachsenen Fliesenmeer, dessen Ende ich einfach nur irgendwann erreichen musste.

Um den hundertsten Quadratmeter herum dachte ich daran, wie wir das Haus renoviert hatten, in dem jetzt mein Bruder wohnt, und an die meterlangen Eisenträger, die es damals zu entrosten galt. Die Arbeit mit der Drahtbürste kommt der mit dem Spachtel sehr nahe. Plötzlich wusste ich, warum das Algenabkratzen sich trotz der Stupidität so gut anfühlte: Es war mir vertraut; war wie Zu-Hause-sein. Merkwürdig, wie das Gedächtnis arbeitet und Verbindungen knüpft. Ich glaube, an diesem Tag war Amando zum ersten Mal hinter der niedrigen Mauer zur Nachbarterrasse aufgetaucht. Ich musste so versunken in meine Arbeit gewesen sein, dass ich ihn lange nicht bemerkt hatte. Erst als er über unsere Terrassenbrüstung auf mich zugeschlendert kam, wurde ich seiner gewahr. Pass bloß auf, hatte ich damals erschrocken gesagt, wir sind hier im dritten Stock! Vermutlich hatte er mich nicht verstanden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Armando kein Deutsch versteht; vielleicht nicht mal Italienisch oder den Dialekt der Gegend. Er legte nur seinen Kopf ein wenig schief und schielte mich unter halb geöffneten Lidern abschätzend an. Dann setzte er sich und sah mir bei meiner Arbeit zu. Wo er bloß heute blieb?

Ich ertappe mich dabei, wie ich versonnen die umliegenden Terrassen und Balkons nach Armando absuche, statt zu arbeiten. Mein Blick fällt auf das mit Algenhügeln übersäte Terrassestück, das noch vor mir liegt; viel zu viel, um jetzt schon an Enthusiasmus zu verlieren. Ich gebe mir einen Ruck. Na, Alter, sage ich zu meinem Spachtel, kein Müdigkeit vorschützen! Mit einem kräftigen Schub rückt die Metallklinge der Kruste auf der nächsten Fliese zu Leibe, aber sofort stockt meine Hand wieder. Das ist so merkwürdig; darüber musst du unbedingt schreiben, denke ich und blicke auf meinen Arm mit seiner Spachtelverlängerung. Nie vorher habe ich so sehr gefühlt, wie wir zu einer Einheit geworden sind – der helle hölzerne Griff und die rostige Metallklinge, die nur noch dort silberblank schimmert, wo ich sie den letzten Wochen unzählige Male angeschliffen habe, denn natürlich wird ein Spachtel auf Fliesen stumpf, selbst wenn man nur über sie hinwegzugleiten versucht.

Ich erwähnte ja schon, dass mir beim Algenabkratzen die unmöglichsten Gedanken kommen. Die Gedanken an das Haus meines Bruders waren nahtlos nach Brandenburg im Allgemeinen und von dort zu jüngeren Geschichte geschweift. Man spricht zwar immer davon, dass man aus einer zeitlichen oder räumlichen Distanz heraus Vieles verklären würde, aber tatsächlich sieht man auch Vieles klarer. Kurz bevor meine Hand sich nämlich zu bewegen aufgehört hatte, hatte ich mich ein sonderbarer Pfeil der Erkenntnis getroffen. Mir war plötzlich bewusst geworden, warum Betonmischer und Mähdrescher in der sozialistischen Literatur sprechen konnten. Ich war sehr froh, dass mein Spachtel mir nicht geantwortet hatte. Wie auch immer, In diesem Moment hatte ich tatsächlich beschlossen, über das alles zu schreiben; über den Spachtel, das Algenabkratzen mit den daraus resultierenden Erkenntnissen und natürlich über Armando.

Nun endlich beginnen sich meine Gedanken zu Einheiten zu formen. Hauptsächlich, weil Luigi inzwischen diese Abneigung gegen Armando entwickelt hat. Ich habe ja schon erzählt, dass er ihn nicht leiden kann. Aber dieses „Nichtleiden“ geht eigentlich viel weiter. Es ist schon fast ein Hass. Ich kann das sogar ein bisschen verstehen, denn Armando hat es sich zur Aufgabe gemacht, Luigi zu ärgern, wo er kann. Trotzdem muss ich gestehen: Je mehr Luigi Armando hasst, desto mehr fühle ich mich dem armen Kerl verbunden.

Nun kratze ich nur noch lustlos auf einer Fliese herum. Er könnte jetzt endlich kommen! Lange kann ich nicht mehr in der Sonne bleiben, wenn meine Räucherscamorzahaut nicht in Flammen aufgehen soll. Und überhaupt, wie kann ich all diese unzusammenhängenden Gedanken in einem Text unterbringen, der hinterher auch noch Sinn macht?

Vielleicht sollte ich mal nachsehen, wie weit Luigi mit dem Streichen der  Heizkörper gekommen ist.

(Fortsetzung hier)

13 Gedanken zu „Armando oder die Philosophie des Algenabkratzens (Teil 2)

    1. Corinna

      Danke. Machmal frage ich mich, ob ich zu viel denke. Aber wenn das so wäre, dann würde solch ein Text nicht entstehen können. Das wäre dann vielleicht auch schade.

      Antwort
    1. Corinna

      … und ich habe mich schon darüber gewundert, dass sich (oder mich) niemand fragt, wer dieser Armando eigentlich ist. Ein Nachbarskater zum „Mitbenutzen“ wäre schön.

      Am Wochenende kannst Du den nächsten Teil lesen. Da taucht er endlich auf. Vielleicht siehst Du Deine Vermutung bestätigt … oder auch nicht. 😉

      Antwort
  1. Corinna

    Buon giorno Corinna,

    Ich bin auch gespannt auf Armando. Da sich Spanien und Italien gleichen, gehe ich auch von einem streunenden Kater aus. Vedremos….   Die Gedanken zu deinem Gekratze sind klasse … und super „zu Papier“ gebracht. Macht Spass zu lesen! 

    Hatte diesen Kommentar unterhalb deines Artikels geschrieben, konnte ihn allerdings aus mir unerfindlichen Gründen nicht absenden. Dann eben so!

    Schönen Tag noch und erfolgreiches Weiterkratzen,

    deine Namensvetterin aus Menorca

    ________________________________

    Antwort
    1. Corinna

      Ciao Corinna,

      irgendwie hast Du es dennoch geschafft, denn wie Du siehst, hat es mit dem Kommentar geklappt. Die Wunder der Technik…! 🙂

      Morgen wird weitergekratzt.

      Herzliche Grüße nach Spanien!
      Corinna

      Antwort
  2. Gitti

    Wunderbare Gedanken, nutze sie um zu verstehen, warum du dir so viel Arbeit machst. Ich freue mich auf das Katertier. Eins zum Mitbenutzen ist sehr empfehlenswert.

    Antwort
  3. frauhilde

    Ich finde, du hast wunderbar beschrieben, wie deine Gedanken bei der Arbeit so abschweifen und was dir durch den Kopf geht.

    *hüstel* Und ich dachte, Armando ist halt ein menschlicher Tramp, der sich so bei euch in der Gegend rumtreibt. Ich hab mich zwar gewundert, wie er auf die Terrasse kam, aber es gibt ja Treppenhäuser oder so. 😉

    Antwort
      1. frauhilde

        Ups. *erröt* Wer lesen kann, ist klar im Vorteil … Okay, es bleibt spannend. Wer mag Armando sein. Und werden sich zwischen Armando und den Algen zarte Liebesbande entwickeln?

        Antwort
  4. Maria

    Vielleicht kommt er ja vorbei wenn ich in Triggiano bin, allerdings mag er ja wohl vor allem Corinna… Bin auch schon gespannt!

    Antwort
    1. Corinna

      Sollte er gerade in der Nähe sein, werde ich ihn Dir vorstellen. Dass er treu wäre, kann man nicht gerade behaupten. Also überlege es Dir gut. 😉

      Antwort

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