Armando oder die Philosophie des Algenabkratzens (Teil 3)

(Teil 1)

Noch bevor ich mir dazu entschließen kann nachzusehen, ob Luigi schon mit dem Heizkörperstreichen fertig ist, taucht auf einem der Balkons des gegenüberliegenden Hauses eine Frau auf, die sich mit ihrem Handy am Ohr über ihr Balkongeländer lehnt. … è per il secondo? (Und für den zweiten Gang?), kräht sie so laut hinein, dass ich sie deutlich vestehen kann. Allora, portami un etto di crudo e due mozzarelle! (Gut, bring mir hundert Gramm rohen Schinken und ein paar Mozzarellas mit!) Auffällig viele Italiener aus dem Haus gegenüber gehen zum Telefonieren auf ihre Balkons. Das kann nicht daran liegen, dass die Mobiltelefone in den Wohnungen keinen Empfang haben. Jedenfalls habe ich das an meinem Eigenen noch nie bemerkt.

Ich stelle mir schmunzelnd vor, wie ich mit meinem Opa telefoniere, der nur allzu oft auf das Tragen seiner Hörgeräte verzichtet und statt dessen verlangt, man solle nicht mit ihm flüstern, dann würde er alles sehr gut verstehen. Nee, Opa! Von Katzen hat niemand gesprochen. ABKRATZEN, habe ich gesagt. Nein, nicht du. Die ALGEN von der TER-RAS-SE. Das ganze Stadtviertel würde mithören können, was ich ins Telefon schrie. Wenigstens verstünden unsere Nachbarn nicht, um was es ginge. Das machte es vielleicht nur halb so peinlich. Den Italienern hingegen scheint es völlig egal zu sein, ob man ihre Gespräche mit anhört oder nicht.

Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche, lasse meine Blick über das Algenmeer schweifen und beschließe dann, doch an Ort und Stelle weiterzumachen, statt zu Luigi zu gehen. Ich ziehe den Lappen aus dem müffelnden Wassereimer und wische damit über die nächsten sechs Fliesen vor mir. Je höher die Sonne steigt, desto weniger Fliesen lohnt es zu befeuchten, da sie schneller trocknen, als ich mit dem Spachtel vorankomme. Plötzlich höre ich ein Geräusch auf der Nachbarterrasse. Aus dem linken Augenwinkel erkenne ich Armando der sich elegant auf die Brüstung schwingt. Er wird eine Weile dort bleiben und mir zusehen, bevor er sich entschließt mir etweder entgegen zu kommen oder sofort wieder zu verschwinden. Ciao Armando, grüße ich ihn. So habe ich wenigstes etwas gesagt, und wir beginnen nicht gleich mit dem großen Schweigen. Armando ist nicht nur so bleich wie ich. Er ist auch ähnlich schüchtern; ich meine diese Art von Schüchternheit, die eigentlich gar keine Schüchternheit ist, sondern vorsichtiges Beobachten, Ausloten und Klassifizieren, bevor man sich dafür entscheidet, sich entweder zu öffenen oder höflich verschlossen zu bleiben.

Das gleichförmig kratzende Schleifen des Spachtels macht ihn mutiger. Er springt von dem Mäuerchen herunter und kommt tänzelnd näher. Mein Blick fällt automatisch auf den schwarzen Reif, den er um seinen Hals trägt. Italienische Männer schmücken sich gern mit Ketten. Die Angeber bevorzugen dicke Goldketten; die Stilsicheren dünne Kettchen, an denen vielleicht ein schlichtes Kreuz baumelt, die unter dem Hemd hervorlugen. Trotzdem bin ich irgendwie froh, dass Luigi keinen Schmuck trägt. Wir werden schon Mühe haben, meine ganzen Preziosen so unterzubringen, dass ich im Zweifelsfall auch etwas Bestimmtes wiederfinden kann. Da fehlte es gerade noch, dass ich mich irgendwann mit ihm um eine Goldkettchen streiten müsste. Nicht, dass wir uns je gestritten hätten. Im Gegenteil – und daher klingt das Folgende vielleicht absurd – aber mit jedem Monat der vergeht, ohne dass wir uns gestritten haben, wird meine heimlich Angst vor einem Streit größer. Ich meine, der muss doch irgendwann kommen, oder?

Eure Fernbeziehung ist doch nur Spaß und Urlaub. Warte ab, bis ihr richtig zusammelebt! Dann ist nicht mehr alles Eitelsonnenschein. Als wäre eine Fernbeziehung Eitelsonnenschein…

Sollte ich Armando vielleicht sagen, dass er abhauen soll? Den ersten Streit gerade über ihn zu führen, wäre wirklich das Letzte, was ich wollte. Allerdings will ich auch nicht, dass er schon wieder geht. Er ist der erste Italiener mit dem ich eine eigenständige Beziehung außerhalb von Luigis Familie und meiner Arbeit führe. Eh, sage ich vorsichtshalber zu ihm, kack hier bloß nicht hin! Sonst regt sich Luigi wieder auf. Nur gut, dass Armando nicht so schnell beleidigt ist! Er muss in seinem Leben schon ganz andere Nettigkeiten gehört haben, deshalb nickt er nur und setzt sich in den schmalen Schatten der Brüstung.

(vierter und letzter Teil hier)

20 Gedanken zu „Armando oder die Philosophie des Algenabkratzens (Teil 3)

  1. frauhilde

    So langsam wird es ja unerträglich spannend. Wer ist Armando nur?

    Also, aus eigener Fernbeziehung erinnere ich mich daran, dass sich der erste Streit an etwas völlig Belanglosem, so auf dem Zahnpastatube-auf-oder-zu-Niveau entzündet hat. War dann aber wie ein reinigendes Gewitter. Okay, Streit gehabt, streiten gekonnt, vertragen. Passt.
    (Also, sage ich heute als weise alte Frau rückblickend, damals fand ich’s furchtbar. *g*)

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  2. ulrisco

    „Abkratzen. Nein, nicht du.“ Ich lag vorm Sofa vor Lachen. Wieder einmal wunderbar geschrieben. – Streiten ist gesund und Übung macht den Meister 🙂

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  3. handvolldackel

    … oder unbedingt das letzte Wort haben müssen 🙂
    Redest du vielleicht doch von Katzen? Hm? Armando?

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Das mit dem „letzten Wort“ könnte schwierig werden. 😉

      Aber so viel ist sicher: Kein Kater, keine Katze… und leider auch kein Dackel; nicht mal ’ne Handvoll.

      Antwort
  4. Maria

    Ich tippe auf eine triggianesische Taube, die kennen weder Vorfahrt im Stassenverkehr, noch kümmert sie sonst irgendwas, diese Unbekümmertheit würden sich sicher auch beim Telefonieren an den Tag legen…
    Immerhin ist Corinna immer gut über die Nachbarn informiert!

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  5. giftigeblonde

    Wie keine Katze? DAS hätte ich fest angenommen, nach deinen Berichten.
    Dann vielleicht ein Meerschweinchen? 😉

    Wegen dem Streit.
    Nein, man muss nicht streiten.
    Wir streiten auch sehr selten, diskutieren ja, aber streiten, wozu denn auch?
    Nicht das wir immer einer Meinung sind,..;-)
    Jetzt bin ich echt neugierig wer der Nicht-Kater ist.

    Antwort
    1. Corinna

      Liebe Sina, ich habe jetzt den letzten Teil gepostet, damit Du nicht länger rätselraten musst. 🙂

      Maria hatte schon richtig getippt, aber sie hat auch einen Heimvorteil. 🙂

      Antwort
      1. giftigeblonde

        Habs gelesen, vor lauter Neugierde am Handy im Auto, als wir zu meiner Mama fuhren ins Spital.
        Eine Taube!!!! gggggg, wäre ich nie draufgekommen, mit ein bisschen nachdenken allerdings schon lach!

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        1. Corinna

          Ich hab’s aber auch nicht leicht gemacht. Mit Absicht. Sollte doch wenigstens etwas spannend sein bei all‘ dem wirren Gedankenzeugs. 😉

          Antwort
            1. Corinna

              Jaaa, ich möchte den faulsten, knuddeligsten und rötesten Kater Süditaliens haben. 😉

              …oder einen ganz anderen. Wir werden dann einfach in ein Tierheim gehen und uns einen aussuchen. Eine Freundin von Luigi arbeitet für einen Tierschutzverein.

              Ich lass mich immer gern von Deinen Essbeiträgen inspirieren. Manchmal ist es zwar fast schon Folter, aber man bekommt immer gute Ideen.

              Antwort
                    1. Corinna

                      Nein. Da muss ich offensichtlich noch gucken. Oder vielleicht lieber doch nicht. Ich verliebe mich so leicht in niedliche Tierchen. 😉

                      Die besagte Freundin hatte mir vor einer Weile schon einen Korb (!) mit 8 kleinen, roten Katzen angeboten. Zum Glück waren sie alle schon vergeben, als sie mir das Foto auf ihrer Seite zeigen wollte. Die Roten sind scheinbar überall begehrt.

                    2. giftigeblonde

                      Ja die roten waren bei meiner Freundin als erstes weg, mit einem der getigerten.
                      der eine rote, den ich vermittelt habe, heißt Garfield 🙂
                      der zweite rote, den ich auch vermittelt hab, wird Bärli genannt, das nenne ich Dankbarkeit an die Katzenvermittlerin ggggg.
                      Rote sind einfach zuckersüß, aber ich mag eh alle!!! Katzen.

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