Die achte Todsünde

Basilikumplage

IMG_20130815_162103Irgendwo habe ich gelesen, dass Basilikum kurz vor der Blüte einen bitteren Geschmack bekäme. Daher bin ich ständig dabei, das Blühen unseres Basilkums auf Luigis Balkon zu verhindern. Als Nebeneffekt ist das würzig frische, nach Sommer riechende Küchenkraut zu einem enormen Busch herangewachsen, während es Maria gelungen ist, die Planze auf ihrem Balkon erfolgreich in die Liste eingegangener Geranien, Azaleen und Kalanchoen einzureihen. Sie hat einfach kein Glück mit Pflanzen. Allerdings verwendet sie Basilikum auch nur äußerst selten. Deshalb war sie nicht sehr betrübt darüber.

Doch nun weilt sie zusammen mit Pasquale und Zievola in der Sommerfrische und damit ist die Küche nicht mehr notwendigerweise eine basilikumfreie Zohne. “Wir müssten mal etwas kochen, wobei man mehr als nur ein paar Blätter Basilikum benutzen kann”, sagte ich daher am letzten Mittwoch zu Luigi, während ich damit beschäftigt war, die Blüten aus unserem üppigen Busch herauszuschneiden. “Das wächst uns sonst über den Kopf.”

„Kein Problem“, entgegnete Luigi. „Machen wir einfach Pesto.“

Ferragosto und Tante Anna

Meine Erfahrungen mit Pesto beschränken sich auf einige wenige Momente, in denen ich mir dereinst Pistazien-Pestos, die mir überwiegend von Luigis Cousin Vito als Mitbringsel geschenkt wurden, mit Nudeln vermischt als schnelles Essen nach der Arbeit einverleibt habe. Darauf selbst welches zu machen, war ich bisher nie gekommen. Das könnte auch daran liegen, dass ich nie so üppig wachsendes Basilikum besessen habe. Doch jetzt besaß ich ja nicht nur Basilikum in Massen, sondern auch eine Zia (Tante) Anna, die sicherlich sofort das passende Rezept parat haben würde.

„Wie?“, rief Zia Anna jedoch nach allgemeinem Geplänkel und der Vorstellung unseres Mittagsplanes entrüstet ins Telefon. „An Ferragosto wollt ihr NUR Pasta mit Pesto essen?!“

„Ja“, entgegnete ich und musste dann feststellen, dass ich damit wohl die achte Todsünde begehen würde. Am 15. August war mit Maria Himmelfahrt ein offizieller Feiertag angesetzt, der im Volksmund Ferragosto genannt wird. Er besteht entweder darin, dass man sich in aller Herrgottsfrühe in die Autoschlangen ans Meer einreiht, um zu baden, am Strand zu picknicken und dort verbotener Weise zu grillen, oder sich mit der Familie auf dem Balkon zu einem ausufernden Mittagessen zusammenzufinden. Keinesfalls, so Tante Anna, könne man sich nur mit Pasta und Pesto begnügen. Wenigstens eine Fleischpastete als Vorspeise und hinterher noch etwas Gebratenes sollte es doch geben. Am besten wäre es sowieso, wenn wir unter diesen Umständen zum Essen zu ihr kämen. 

„Nein, danke, Zia.“, wiegelte ich ihre Einladung ab, denn ich nutzte Marias Abwesenheit gerade erfolgreich dazu, meinem Körper nur noch so viel Energie zuzuführen, wie er tatsächlich verbrauchen kann. „Wir haben heute keine Zeit, denn wir müssen noch die Löcher in den Rolladenkästen zuspachteln.“ Ich ließ mir noch ein paar weitere Ausreden von zu streichenden Stühlen und von Holzwürmern provozierten Löchern einfallen (Ja, inzwischen habe ich echt sinnvolle Wörter drauf.) und lenkte damit Tante Annas Aufmerksamkeit sanft aber bestimmt weg von gegrilltem Gemüse und Oliven-Limonendressing, mit Speck umwickelter Mozarella, Ragout und Grillspießen, sowie Eiscreme und einer Ricottatorte zurück auf das Basilikumpesto.

„Hast du Pinienkerne da?“ fragte sie. Ich verneinte. „Nüsse?“ „Welche Nüsse?“, fragte ich zurück. „Nüsse“, entgegnete sie und damit war klar, dass sie Walnüsse meinte. Zum Glück hatte meine liebe Mama erst unlängst ein großes Geburtstagspäckchen geschickt, dessen freie Ecken sie – als hätte sie es gewusst – mit Walnüssen von Nussbaum aus dem heimischen Garten ausgestopft hatte.

„Hab‘ ich“, sagte ich. „Also für 100 Gramm Basilikum brauchst du ungefähr due etti (200g) Nüsse.“ Irgendetwas zischte und brodelte im Hintergrund. „Außerdem Pecorino. Parmesan ist zu mild.“

„Ja, klar. Wie viel?“

„So, zwei gute Handvoll. Muss du mal sehen. Alles hacken und zusammenmischen. Esst ihr Pesto cremig?“

„Ähm, weiß nicht.“

Das Klappern von Schranktüren, Löffeln und Topfdeckeln verstummte abrupt. „Du musst doch wissen, wie Luigi sein Essen mag“, sagte sie plötzlich. Oh, was sollte ich darauf nur entgegnen? Natürlich musste man als gute Hausfrau wissen, wie der Liebste sein Pesto mag. Vermutlich hing im Zweifelsfall nicht nur der Familien- sondern auch der Weltfrieden davon ab.

„Ja, ähm. Wir essen sonst kein Pesto“, entgegnete ich entschuldigend und atmete auf, als die Küchengeräusche im Hintergrund wieder einsetzten.

„Also nichts gegen meine Schwägerin“, lenkte Tante Anna da ein, „aber man sieht eben doch, wer drei Kinder und sechs Enkel groß gezogen hat und wer nicht.“

„Aha“, machte ich verblüfft darüber, dass man die Anzahl der Kinder und Enkel am Verzehr von Pesto ausmachen kann. „Wie auch immer, kann ich das im Alleszerkleiner machen?“

„Ja, natürlich. Erst das Basilikum zerkleinern, dann die Nüsse dazu, dann den Käse und zum Schluss rührst du Salz und Öl darunter. Du musst eben so lange kosten, bis es dir schmeckt.“

Gut, das hörte sich ziemlich leicht an. Noch einmal wurden wir von der um unser leibliches Wohl besorgten Zia Anna zum Mittagessen eingeladen, denn es könne doch einfach nicht sein, dass man an Ferragosto ganz allein bliebe und nur Pesto esse. Noch einmal bedankte ich mich und lehnte ab. Dann brauchte Tante Anna glücklicherweise beide Hände für ihr Ragout und legte auf.

Die Pestoproduktion

IMG_20130815_162206Als erstes machte ich mich ans Nüsseknacken und merkte schnell, dass 200 Gramm vermutlich Pesto für eine ganze Kompanie ergeben würden. Bei 50 Gramm Walnüsse hörte ich daher auf, rechnete zwei Hände voll Pecorino vom optischen Gefühl her auf ein Häufchen von 30 Gramm runter und stellte fest, dass ich von Basilikum ziemlich genau 30 Gramm abgeschnitten hatte. Der Alleszerkleinerer machte daraus eine klumpige Masse, die wir mit der Zugabe von Olivenöl etwas geschmeidiger gemacht haben. Luigi gab einen Viertel Teelöffel Salz dazu und dann war unser Walnuss-Basilikum-Pesto fertig.

Es duftete wunderbar nach frischem Basilikum, schmeckte herrlich würzig nach Pecorino und machte als erstes selbstgemachtes Pesto unsere Ferragostonudeln zu einem ganz besonderen Erlebnis. Da wir nur die Hälfte Pesto verbraucht haben, können wir in ein paar Tagen noch einmal Pasta mit Pesto essen. Mhmmm… und Luigi mag sein Pesto übrigens krümelig nicht cremig.

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*

Da ich mir bei Tante Anna nicht so schnell wieder die Blöße geben möchte, könnt ihr mir gern eure Tricks und Kniffe zur Verfeinerung des Pestos oder andere Rezepte mit möglichst viel Basilikum verraten. Die Küche steht uns noch bis Ende nächster Woche zur Verfügung und das Basilikum wächst gnadenlos.  

20 Gedanken zu „Die achte Todsünde

    1. Corinna Autor

      Ich hab‘ mir Deine Pestoanleitung durchgelesen. Das werden wir unbdingt probieren. Luigi kennt das Gericht natürlich, aber zumindest im letzten Jahr haben wir es nicht gegessen. Vielleicht ist Maria zu viel Basilikum drin. 🙂

      Antwort
      1. ninivepisces

        Vielleicht probiert ihr auch mal Pesto alla Trapanese, da kursieren diverse Rezepte im Netz- das schmeckt mir fast noch besser. Allerdings mach ich das ohne Käse…

        Antwort
  1. vilmoskörte

    Pesto ist immer wieder lecker, und es geht eigentlich nur selbstgemacht. Denn die Industrieprodukte (auch die italienischen) sind in vielerlei Hinsicht nur ein billiger Abklatsch mit allerlei Zutaten, die nicht in einen Pesto, zumindest wenn es ein Pesto Genovese sein soll, hineingehören.

    (Ein bisschen Kritik sei mir erlaubt: Der künstliche Vintage-Look macht deine Fotos leider wenig appetitanregend)

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Kritik ist angekommen und abgespeichert. Aber ehrlich, auch in natura sieht das Pesto ein bisschen wie grüne Moppelkotze aus. 😉

      Antwort
  2. ulrisco

    Das ist ja mal toller Basilikum! Mir geht es ähnlich wie Maria, irgendwie wird das immer nichts und nach kurzer Zeit hat die Pflanze schlappe Blätter und will nicht mehr. Ich habe sehr über den Dialog gelacht. Wissen die Beteiligten, dass sie hier in deinem Blog auftauchen? 🙂 Liebe Grüße und Guten Appetit
    Ulrike

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Die Beteiligten wissen, dass ich einen Blog über mein Leben in Apulien schreibe, aber ich zweifle daran, dass sie genau wissen, was das bedeutet. 😉

      Antwort
  3. smultronella

    Einfach herrlich!. Ich habe gerade den Eintrag meinem Liebsten vorgelesen. Der steht am Herd und kocht gute deutsche Hausmannskost.Ich werd ihm demnächst mal Pasta mit Pesto unterjubeln. Leider kann ich mich nicht auf mein spärlich wachsendes Basilikum verlassen und werde auf ein Gläschen aus dem Supermarkt zurückgreifen.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Die liebe Blitta von „Rome and Home“ hat unlängst käufliches Pesto getestet. Guckst Du hier. Vielleicht findest Du das Siegerpesto ja bei euch im Supermarkt.

      Antwort
  4. handvolldackel

    Kein Knoblauch? Keine Kritik, nur eine Nachfrage 🙂
    Und danke für die Verwendung von „Moppelkotze“ – manche Worte muss man einfach am Leben erhalten, aus rein nostalgischen Gründen. Und weil manche Sachen eben so aussehen.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Wenn Tante Anna sagt „Basilikum, Pecorino und Walnüsse“, dann nehme ich Basilikum, Pecorino und Walnüsse. *lach* Vielleicht mag sie keinen Knoblauch. Das müsste ich mal herausfinden.

      Ninivepisves (siehe oben) hat mir einen Link zu ihrem Rezept für Pesto alla Genovese eingestellt. Da ist auf jeden Fall reichlich Knoblauch dran.

      Antwort
  5. frauhilde

    Lecker!! 🙂
    An Knoblauch musste ich zwischendrin auch kurz denken. Aber wenn’s auch so geschmeckt hat.
    Weiterhin viel Spaß beim Experimentieren!

    Antwort
  6. Friederike

    witzige Geschichte wie immer!! Und du bist zu beneiden um so wild wucherndes Basilikum!
    Ich mache Pesto fast nur selbst, es geht so schnell und man weiß, was drin ist. Und ich geb hinein, was da ist 😉
    wenn Pinienkerne oder Mandeln, dann trocken geröstet und dann erst gemahlen, auch gern Knoblauch, muss aber nicht sein. Und alle möglichen Kräuter oder getrocknete Tomaten, ich hab noch welche aus Apulien, ich hab im April mindestens 1 kg auf einem Markt gekauft…
    lg

    Antwort
  7. giftigeblonde

    Das mag ich sofort haben,..mein Basilikum ist zwar nicht tot, aber er dümpelt vor sich hin, ich glaub dem wars heuer sogar zu heiß,..hm.
    Pesto mag ich am liebsten aus Bärlauch, wahrscheinlich hab ich noch nie ein gutes mit Basilikum erwischt.

    Antwort
  8. Dagi

    Ich habe schon Walnüsse, Pinienkerne, Cashew mit allem möglichen Grün gemischt. Pesto ist immer lecker und irgendwie passt jede Mischung. Öl, Salz, Pecorino nach Konsistenz, fertig. Der Text um Zia Anna hat mir sehr gefallen.

    Antwort

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