Die Madonna im Brunnen oder Stadtfestbesuch im Dienste der Gesundheit

Wenn man mal etwas für seine Gesundheit und ein langes Leben tun will, das nicht unbedingt mit Sport oder gesunder Ernährung zu tun hat, dann sollte man am letzten Wochenende im August nach Capurso ins schöne Apulien kommen.

Seit Wochen schon stand an jeder dritten Tür ein Volksfest angeschlagen, das einen großen Umzug zum Fest der Heiligen Madonna des Brunnens in Capurso versprach. Bis dahin hatte Capurso für mich nur aus drei Gebäuden bestanden: dem Baumarkt, dem Fliesen – und Sanitärmarkt sowie dem Markt für imposante Vorgartenaccesoires wie beispielsweise Steinbrunnen, Steinwaschbecken und halbnackten Frauen aus Stein. Fast hätte ich die Festivität also vergessen, aber da Capurso nur ca. einen Kilometer von Triggiano entfernt liegt und am frühen Sonntagmorgen bereits Feuerwerksknaller wie ferne Kanonenschüsse in unser Schlafzimmer drangen, wurden wir rechtzeitig daran erinnert. Zievola schwärmte uns dann noch beim Mittagessen von der herrlichen Kathedrale und einem großen Markt die Ohren voll, so dass wir tatsächlich am späten Nachmittag nach Capurso aufbrachen.

Angesichts des unglaublich dichten Verkehrs schwante mir schnell, dass ich mit der Definition “Volksfest” und der Erwartung eines kleinstädtischen Ereignisses irgendwie daneben gelegen hatte. Busweise strömten die Leute ins Zentrum. Man hatte sogar offizielle Parkplätze auf sandigen Freiflächen mit herumwuselnden Einweisern und Parkgebühreintreibern organisiert.

“Mensch, was ist denn hier los?!”, entfuhr es mir ungläubig.

IMG_20130828_142112“Die Madonna del Pozzo ist eine der wichtigsten Heiligen,” antwortete Luigi völlig unüberrascht und mir wurde schlagartig klar, dass ich mal wieder an eine dieser katholischen Eigenarten geraten war, die mit einer oder mehreren merkwürdigen Geschichten zusammenhängen mussten. Diese erzählte mir Luigi dann, während wir eine halbe Stunde an der Kapelle der Madonna anstanden, um uns den besagten Brunnen und die Ikone ansehen zu können.

Demnach gab es Anfang des 18. Jahrhunderts einen Geistlichen, der schwer erkrankt und eigentlich ans Bett gefesselt war. Doch genas er plötzlich, nachdem er auf das Versprechen einer Vision hörend das Wasser aus dem Brunnen der Heiligen Maria getrunken hatte. Als er danach neugierig geworden mit Freunden in den Brunnen hinagebstiegen war, fand er an der Wand eine Ikone der Maria und, während er noch überlegte, wie er diese an sich bringen konnte, warf sich das gemalte Frauenzimmer bereits von allein in seine Arme. Alles klar. Ach, ihm waren auch noch seine mitgebrachten Kerzen ins Wasser gefallen, wo sie jedoch trotzdem weiterleuchteten. Wenn das alles nicht förmlich nach einem “Wunder” schrie…

Während uns ein netter Mensch aus Lautsprechern entgegendonnerte, dass die Anstehenden bitte leise seien und sich hintereinander in einer Reihe aufstellen sollten, passierten wir eine Statuengruppe, die das Auffinden der Ikone illustrierte. DannIMG_20130828_142025 wurden wir auch schon eine schmale Treppe hinunter dirigiert. “Wer das Wasser dieses Brunnens trinkt, findet Leben und Gesundheit” lockte ein an der Wand angebrachter Ausdruck auf gelben Papier unsere Menschenschlange in die Tiefe einer kleinen mit einem Altar versehenen Höhle, wo eine helfende Hand jedem Ankommenden einen Plastikbecher entgegen hielt, der auf der anderen Seite der Höhle von Warnwesten tragenden Frauen mit Wasser aus Glaskannen befüllt wurde.

IMG_20130828_141945“Sie wollen das Wasser der Madonna nicht trinken?”, fragte mich der bärtige Becherausteiler ungläubig. “Nein, danke”, sagte ich höflich “das ist unhygienisch.” Irgendwas mussten die Warnwesten einem doch sagen wollen. Luigi nahm sich trotzdem einen Becher und ließ sich einschenken. Ein MönchIMG_20130828_141738 pinselte ihm wie auch anderen Besuchern danach noch ein Wasserkreuz auf die Stirn, so dass seine Gesundheit und sein Wohlergehen für einige Zeit sicher sein werden. Aber Luigi kann auch aus allen Brunnen trinken, denn er hat einen robusteren Magen als ich. Ich war jedenfalls froh, als wir aus dem Untergrund zurückgekehrt waren und wieder im Sonnenlicht vor der Kapelle standen.

IMG_6124Von dort aus schlägelten sich Marktstände bis zu einer Klosteranlage mit einer vom letzten Sonnenlicht wunderbar warmgolden angestrahlten Kathedrale, vor der gerade eine Messe unter freiem Himmel gehalten wurde. Bis wir dorthin gelangten, erzählte mir Luigi noch von einem der zahlreichen Wunder, das die Maria des Brunnens verursacht haben soll. Demnach erschienIMG_20130828_141529 diese einer gehbehinderten Frau im Traum, welche sich am folgenden Morgen zum Brunnen schleppte und sich dort angekommen plötzlich so erstarkt fühlte, dass sie mit einem Male wieder richtig laufen konnte. Inzwischen hatte der Geistliche aus der ersten Geschichte bereits an Ort und Stelle eine Kapelle erbauen und weihen lassen, so dass nun die Wunder auch ihre christliche Ordnung hatten.

Gegen zehn, als es bereits richtig dunkel war, gingen die aktuellen Festivitäten in Capurso mit einem historischen Umzug weiter, nachdem man vom frühen Morgen um 4 bis Nachmittags um 16 Uhr bereits mit der Madonnenstatue durch die Stadt prozessiert war. Doch mit dem Umzug und dem anschließenden nächtlichen Feuerwerk sind die Feierlichkeiten nur vorübergehend beendet worden. Noch bis Oktober gibt es spezielle Gottestdienste und am 30. August findet das „Wachrufen der Auffindung der Ikone“ mit einem Gottesdienst und einer szenischen Darstellung für die weniger Fantasiebegabten unter uns statt.

12 Gedanken zu „Die Madonna im Brunnen oder Stadtfestbesuch im Dienste der Gesundheit

    1. Corinna Autor

      So pauschal würde ich das nicht sagen. Das eigentliche Wunder daran ist, dass Menschen diese Geschichten für bare Münze nehmen. Deshalb glaube ich an Wunder und wundere mich darüber.

      Antwort
  1. Emily

    Das sind Festivitäten, die uns hier, in dem Trubel, leider schon völlig in Vergessenheit geraten sind. Ich beneide dich!

    Liebe Grüße, Emily

    Antwort

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