Schweine-Invasion in Italien

Möglicherweise seid ihr Erziehende oder Miterziehende von Kindern im Alter zwischen drei und acht Jahren. Falls nicht, seid ihr vielleicht mit Personen, die Kinder in diesem Alter haben, bekannt, befreundet oder sogar verwandt. Auf jeden Fall wisst ihr, wovon ich schreibe, wenn ich auf das verhängnisvolle Wirken von TV-Sendungen auf kleine Kinder, deren Familien und Freunde – ach, was! – auf die ganze Nation oder wahrscheinlich sogar die ganze Welt, zu sprechen komme. Ich nenne nur ein Beispiel: Teletubbies… und höre bereits die Groschen fallen, sehe Hände sich ohnmächtig gen Himmel richten und kann mir vorstellen, dass viele Eltern froh sind, dass ihre Kinder bereits einen eigenen Fernseher besitzen, bei dem man nicht mehr wissen muss, was genau darauf läuft.

Haaaallo, nicht gedanklich abschalten, bitte! Nach dieser längeren Vorrede komme ich jetzt nämlich auf die Schweininvasion zu sprechen. Diese vollzog sich in ihren Anfängen fast unbemerkt. Obwohl sie ständig in Matschpfützen herumspringen und in unnatürlich hohen Tonlagen sprechen, haben sie sich dennoch fast wie auf „Hello Kitty“-Samtpfoten angeschlichen. Die Rede ist vom rosigen Schweinemädchen Peppa Pig“ – oder Italienisch ausgesprochen „Peppa Piecke“ – nebst ihrer „mammina“, ihrem „papino“ und dem dinosaurierfanatischen „fratellino“ George. Eines Tages landeten diese samt Luigis kleiner Cousine Giorgia mit dem Nachmittagsfernsehprogramm in Marias Wohnzimmer. Niemand dachte sich etwas dabei. Wir konnten ja auch nicht wissen, dass die Engländer nach der Schweinepest des Jahres 2000 auf so heimtückische Weise eine neue Seuche auslösen würden, die sich anschließend in die ganze westliche Welt verkaufte.

Das Bewusstsein für die wachsende Bedeutung von „Peppa Piecke“ wurde bei mir geweckt, als es im Mai kurz nach dem Mittagessen an unserer Haustür klingelte und die süße, fünfjährige Nachbarstochter ganz schüchtern fragte, ob ich ein Stück von ihrer Geburtstagstorte wolle. Sodann hielt sie mir einen Teller entgegen, auf dem ein Tortenviertel mit einem kopflosen Schweinekörper in einem orangefarbenen Kleid und Gummistiefelbeinchen prangte. „Wer ist denn das?“, fragte ich unwissend. „Peppa Piecke.“, lächelte das Geburtstagskind stolz. Natürlich gratulierte ich überschwänglich, bedankte mich und wünschte eine schöne Geburtstagsfeier. Dann stellte ich den Teller ahnungslos in den Kühlschrank, wo er von Maria gefunden wurde, die Giorgia am späteren Nachmittag ein Stück Kuchen anbot.

„Peppa Piecke! Peppa Piecke!“, krakelte diese sofort, als sie der kopflosen Figur angesichtig wurde, und hüpfte dabei um den Küchentisch. Die Torte war zu sahnig, zu süß und im Grunde auch zu schokoladig – also total lecker. Daher setzte ich mich bei der nachmittäglichen Ausstrahlung der animierten Cartoon-Schweinerei mit vor den Fernseher und lernte Peppa nebst ihren tierischen Freunden kennen.

Ich fand die Serie furchtbar. Nach jedem zweiten Satz wurde blöd gekichert und kleinere Brüder hatte ich auch viel cooler in Erinnerung. Dennoch sang ich hinterher mit Giorgia „Il verbo è un cagnolino, che cerca un nome per essere più vicino.” – was ungefähr soviel heißt wie: „Das Verb ist ein Hündchen und sucht ein Nomen (Substantiv), um ihm nah zu sein.“ Die Schweinepest hatte sofort auf mein Gehirn übergegriffen. Welche Abwehrleistung sollte man da von einem kleinen Kind erwarten. Ich informierte mich sofort, womit ich es zu tun hatte. Offensichtlich mit einem pädagogisch wertvollen Fernsehprogramm, das diverse Awards in der Kinderunterhaltungsbranche gewonnen hatte. Konnte das also schlimm sein?

Ich weiß es nicht, aber schon Ende Mai sah ich „Peppa Piecke“-Luftballons auf Volksfesten. Im Juni gab es die ersten „Peppa Piecke“-Shirts auf dem Markt. Es folgten „Peppa Piecke“-Kleidchen und „Peppa Piecke“-Leggins. In den Auslagen der Schreibwarengeschäfte stehen seit dem Juli „Peppa Piecke“-Schultaschen, kleinere „Peppa Piecke“-Rucksäcke für Kindergartenkinder, „Peppa Piecke“-Federtaschen. „Peppa Piecke“-Plüschtiere in allen Größen zogen in die Spielzeuggeschäfte ein. Sogar meinen Baumarkt, den kinderfernen Hort, in dem ich mich sicher vor Schweinen wähnte, hatten sie sie schließlich mit „Peppa Piecke“-Papptellern, Bechern und Servietten erobert. Vor diesem Schwein gab es kein Entkommen.

Wenigstens hielt es sich – abgesehen vom nachmittäglichen Fernsehprogramm – weitestgehend aus unserer Wohnung fern, bis, … ja, bis Pasquale unlängst mit seinem spitzbübischen Kleinjungengrinsen vom Einkaufen zurückkam und sagte: „Schau‘ mal, was ich für Giorgia gekauft habe.“ Dabei hielt er mir eine Packung „Peppa Piecke“-Taschentücher unter die Nase. Maria konnte den bettelnden Kinderaugen nicht widerstehen und kaufte inzwischen mehrere Tüten Kartoffelchips, weil es dazu jeweils ein „Peppa Piecke“-Puzzle gab. Und als ich letzten Samstag mit Luigi über den Wochemarkt schlenderte, waren wir plötzlich drauf und dran, Giorgia ein „Peppa Piecke“-Shirt zum Geburtstag zu kaufen. Doch wir zögerten, denn der Geburtstag ist erst im Oktober. „Das ist doch kein Problem!“, blinzelte mir die Verkäuferin verschwörerisch zu, „In der nächsten Woche kommen die ‚Peppa Piecke‘-Langarmshirts rein.“

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9 Gedanken zu „Schweine-Invasion in Italien

  1. Gitti

    Alles in Ordnung . Wir haben Alf überlebt und Mork vom Ork überstanden .Was können uns so süße kleine Schweinchen aus der Ruhe bringen.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Danke für den Kommentar. Ich musste mich eben mal über „Filly“ weiterbilden und glaube, die Schweine sind mir dann doch lieber. 😉

      Antwort
    1. Corinna Autor

      Das stimmt schon, aber die Masse an Schweinebegegnungen pro Tag macht es unerträglich. Gestern trafen wir Peppa zum Beispiel überlebensgroß im Einkaufszentrum.

      Antwort
  2. frauhilde

    Iek, ist das gruselig! Ich bekam schon beim Öffnen der Seite den spontanen Wunsch, sehr hässliche Dinge mit dem Pig anzustellen …
    Ich nehme an, der Rinderwahn ist nicht spurlos an den Engländern vorüber gegangen …

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  3. smultronella

    Auf deutsch heißt es Peppa Wutz. Häääh? Wer hat das denn übersetzt?
    Bis in den Norden sind die Schweine noch nicht vorgedrungen. Jedenfalls sind die Geschäfte noch nicht verseucht.

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