Grabesstimmung

IMG_4342Ich bin ein unbeschwerter Mensch. Doch, wenn der November kommt und die Tage merklich kürzer werden, entdecke ich regelmäßig meine morbide Seite. Dann ist es Zeit für einen Friendhofsbesuch.

„Beh, warum, also, ja.“ entgegnete Maria leicht irritiert, als ich sie fragte, ob sich der Friedhof von Bari anzusehen lohne. „Der ist gigantisch. Wie eine eigene Stadt. Was willst du denn da?“ „Ach, nur mal gucken.“ Ich schnappte mir Luigi, der mir außerdem zeigen sollte, wo seine Großeltern beerdigt wurden.

IMG_4357Tatsächlich hatte Maria nicht übertrieben. Schon der Eingangsbereich des mehrere Jahrhunderte alten historischen Teil des Friedhofs mutete monumental an, und, als wir unter einer langen Zypressenallee auf ein schmales Tor zuschritten, beschlich mich plötzlich das Gefühl, mit dem abklingenden Rauschen des Verkehrslärms auch alles Leben hinter mich zu lassen. Als würde ich in eine andere Welt eintreten.IMG_4321

Schon standen wir auf einem gepflasterten Weg, den, von alten hohen Bäumen beschirmt, die aus Sandstein errichteten Mausoleen der alteingesessenen baresischen Familien säumten. Frisch gepflanzte Alpenfeilchen und Herbstastern bildeten Farbtupfer im braunen Krümelsand um Monumente, mit denen sich Menschen über ihr Leben hinaus ein individuelles Denkmal schaffen wollten. Hier und dort blicken die Verstorbenen von Schwarz-Weiß-Fotos von Grabtafeln aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts auf Besucher und Spaziergänger. Müßig, sich zu fragen, wer diese Menschen wohl gewesen sein mögen, ob sie ein erfülltes Leben geführt haben und, ob sie auch an ihrem Ende noch lächeln konnten.

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Luigis Großeltern fanden wir in einem neueren Teil des Friedhofs, auf dem man zu einer etwas platzsparenden Beerdigungsweise in Grabwänden, in denen die Särge oder noch zeitgenössischer die Urnen in neben- und übereinander liegende Grabkammern geschoben werden, übergegangen war. Auf den Grabsteinen, der für das mitteleuropäische Auge eher gewöhnlich anmutenden Erdgräbern, sonnten sich zahlreiche wohlgenährte, aber schüchterne Friedhofskatzen auf den von der Herbstsonne angewärmten Grabplatten und -steinen. Luigi meinte, dass sie von den älteren Besuchern und den Friedhofswärtern mit Futter versorgt würden.

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Da sich die Sonne zum Untergehen schickte, beschlossen wir, aus der Welt der Toten wieder ins Leben und zum Auto zurückzukehren. Doch hat dieser Friedhofsspaziergang einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass der monumentale Friedhof von Bari der schönste Park der Stadt ist. Die buchstäbliche Totenstille, die hingebungsvolle Pflege der Anlage, die Engel, die so melancholisch wie lieblich auf ihren Podesten vor sich hinlächeln, als wüssten sie mehr als wir – das alles lässt vergessen, dass man sich eigentlich in einer hektischen Großstadt befindet.

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12 Gedanken zu „Grabesstimmung

  1. giftigeblonde

    Wie schön dass du uns mitgenommen hast, ich liebe ja Friedhöfe sowieso, hab in den Tagesgedanken ein bisschen was zum Wiener Zentralfriedhof geschrieben.

    Friedlich ist es dort leider nicht, da dürfen sogar Autos reinfahren, was mich etwas entsetzt hat.

    Liebe Grüße!

    Antwort
  2. Gitti

    Sehr schöner Gedanke, mal von einem so gut gepflegten und alten Friedhof zu berichten. Die neuere „Beerdigungskultur“ läßt zu wünschen übrig und ist sicherlich unserer fast „herzlosen“ und hektischen Zeit geschuldet. Nur auf den Friedhöfen ist noch Ruhe. Nur abseits der Hauptwege mangelt es oft an Pflege. Sinnlos, zu überlegen warum. Es gibt tausend und einen Grund dafür.

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  3. notiznagel

    Immer dran denken: Wir sind nicht hier um zu bleiben. Wir sind hier um zu gehen!
    Du hast den Spirit dieses Ortes der letzten Ruhe anschaulich beschrieben und in Bild gesetzt.
    LG Müller

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    1. Corinna Autor

      Und ich dachte immer in meinem jugendlichen Leichtsinn, wir seien gekommen, um zu bleiben. 😉

      Nein, wirklich. Man kann es auch wie Du sehen und immerhin hat es etwas Tröstliches, dass es für jeden unvermeidlich ist.

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  4. Friederike

    Ich geh gern auf Friedhöfe, am meisten haben mich die in Rom beeindruckt, der Verano und der protestantische, eine eigene Welt!
    Mit gefällt aber auch der Gedanke, dass man sich bei uns nun auch zB. im Wald begraben lassen kann,
    lg

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    1. Corinna Autor

      Ich würde mir wünschen, auf dem brandenburgischen Sandberg hinter dem Haus meiner Eltern unter dem Walnussbaum begraben werden zu können. Aber ein Wald wäre eine akzeptable Alternative. Mausoleen und Hohlräume in irgendwelchen Mauern empfinde ich irgendwie als unnatürlich.

      Antwort
  5. janavar

    Ich gucke mir im Urlaub gerne mal einen Friedhof an, weil man viel über die jeweilige Kultur erfahren kann. Die großen Mausoleen sind schon sehr beeindruckend. Danke für deine Bilder und deine schön beschriebenen Eindrücke! 🙂

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  6. Emily

    Deine Erzählung erinnert mich an einen Friedhof, den ich einmal in Budapest besucht habe. Damals war ich mit zwei Freundinnen dort und wir haben eine reine Kultur-Tour geplant. Wir landeten auf einem Friedhof, der mehr ein Museum als ein Friedhof war. Wir staunten und waren nahezu begeistert von all den „Grabsteinen“, die wie Monumente wirkten. Ich denke, es waren auch welche. Deine Bilder und dein Bericht waren toll! Danke und danke fürs Erinnern!

    Antwort
  7. neuerunsinnvondagi

    Wie gut ich das verstehen kann. Ja, Park ist treffend für viele Friedhöfe. Wir haben hier einen Waldfriedhof, es gibt mir unheimlich viel Ruhe dort zu schlendern, obwohl niemand meiner Lieben dort ist, da ich niemand von hier bin. Ich versetze mich in die Denkmäler und lasse auf mich wirken.

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  8. Maria Vico Bandiera

    Eindrucksvoll! Ja auch ich mag Friedhöfe und habe die schon oft zum Spazierengehen genutzt.
    Ich will nicht begraben werden, am liebsten würde ich aufs Meer rausfahren und da zu Asche verbrennen, dann müsste ich auch nicht in einen Sarg, wer weiß ob meine Klaustrophie im Tod anhält 😉

    Die Kommentare hier im Blog finde ich oft interessant, vielleicht magst Du, liebe Corinna, in deinem Blog auf die dazugehörigen Bloginhaber verweisen? Oder wie findet man diese Blogs selbst raus?

    Ihr Blogger macht mir den Alltag jedenfalls leichter, wenn man mal kurz in eine andere Realität verschwinden kann! Danke!

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Vielen Dank für Dein Kompliment an alle Blogger! Wenn Du die Namen der kommentierenden Blogger anklickst, dann wirst Du auf ihren Blog geleitet. Solltest Du nirgends hingeleitet werden, dann haben die Kommentatoren ihre Website nicht angegeben oder haben keine.

      Antwort

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