Zeichen

Manchmal kommt es mir so vor, als würde alles im Leben erst rückblickend einen Sinn ergeben. So könnte man nämlich sagen, dass es kein Zufall war, sich zum Friedhof von Bari hingezogen zu fühlen oder unsere Namen auf einer Todesanzeige zu sehen, sondern ein Zeichen für den Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Tod, die letzten Samstag ganz unerwartet ihren traurigen Höhepunkt gefunden hat. Für drei Tage hat unsere Welt stillgestanden und jetzt, wo sie sich wieder dreht, beginnen wir erst wirklich zu verstehen, dass Luigis Tante Margerita, die wir liebevoll Zievola genannt haben, nie wieder mit uns am Tisch sitzen, nie wieder in Marias Küche über Niki Vendola und seine unnützen Fahrradewege in Bari schimpfen und nie wieder mit uns ins Sommerhäuschen nach Ostuni fahren wird.

Für Luigis Familie war Zievola mehr als nur irgendeine Tante. Sie war diejenige von fünf Geschwistern, die nach dem frühen Tod des Vaters entschied, auf eine eigene Familie zu verzichten und statt dessen bei ihrer Mutter zu leben und sich um sie zu kümmern, bis diese in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts starb, und Zievola vor allem für Luigi als jüngsten Familienspross ganz unbemerkt in die Omastelle hineinwuchs. Sie war die große Schwester von Maria und schon im Krieg war es ihre Aufgabe gewesen, sich um „die Kleine“ zu kümmern und sie bei Bombenangriffen in Sicherheit zu bringen. Daraus ist ein liebevolles und herzliches Geschwisterverhältnis erwachsen, wie man es sich nicht besser vorstellen kann – auch wenn sich die Beschützerverhältnisse mit den Jahren eher umgekehrt hatten und „die Kleine“ begonnen hatte, „die Große“ zu bemuttern.

Ich bin so froh, dass ich die anderthalb Jahre, die ich mit Luigis Tante verbringen durfte, auch dafür genutzt habe, mir mit ihr zusammen alle ihre Fotoalben anzusehen. So habe ich sie als moderne, berufstätige, reiselustige, an anderen Ländern und fremden Kulturen interessierte Frau kennengelernt. Sie war immer am Puls der Zeit geblieben. Im Vergleich zur typisch süditalienischen „Mamma“ hatte sie damit ein ungewöhnliches Leben gewält und den Preis dafür bezahlt, keine eigene Familie zu haben. Auch deshalb wurde sie an Sonn- und Feiertagen, im Sommer in Ostuni und bei Urlaubsreisen einfach mit in Luigis kleine Familie integriert. Dennoch lebte sie immer allein und unabhägig in der Wohnung, die ihren Eltern gehört hatte in Bari.

Im September haben wir ihren 90sten Geburtstag gefeiert. Noch bis vor drei Wochen ging sie sich jeden Tag an ihrem Zeitungskiosk die Tageszeitung kaufen. Jeden zweiten Tag besuchte sie ihre Lieblingsstände auf dem Markt und holte sich bei ihrem Bäcker zwei Brötchen. Daher hatte niemand vermutet, dass hinter der Kurzatmigkeit, die mit einer diagnostizierten Bronchitis einherging, Krebs lauern könnte, der nur wenige Stunden nach seiner Entdeckung schon zu ihrem Tod führen würde. Nun… so ist es gekommen. An dem Tag, als sie Maria sie in Luigis freigewordenes Zimmer holen wollte, hatte Zievolas Herz aufgehört zu schlagen und für uns begann die Welt still zu stehen.

 „Non voglio dare fastidio a nessuno.“ – „Ich will niemandem zur Last fallen.“ Wie oft haben wir diese Worte von ihr gehört? Sie wusste nicht, dass sie derart krank war. Vielleicht hat sie es geahnt. Vielleicht hat sie uns Schmerzen verschwiegen. Auf jeden Fall ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie ist niemandem zur Last gefallen. Im Gegenteil: Mit großen und vor allem mit kleinen Gesten tat sie uns Gutes, wo sie nur konnte. Doch wenn man ihr etwas zurückgeben wollte – und sei es auch nur mit einer kleinen Umarmung oder einer Tüte ihrer Lieblingskekse – war sie überrascht von der Liebe, die ihr entgegen gebracht wurde, und lächelte scheu, als könne sie es nicht glauben.

Nun können wir es nicht glauben. Die Welt hat sich einfach ohen sie weitergedreht. Wir stehen auf. Wir gehen arbeiten. Wir essen. Wir sehen fern. Statt unseren Verlust zu betrauern, wollen wir versuchen, Dankbarkeit zu empfinden für das lange, vorgeblich gesunde Leben, das ihr geschenkt worden war, und die Zeit, die wir mit ihr verbringen durften. Es klappt nicht. Der Schock sitzt noch zu tief.

Doch wir müssen aufhören zu weinen. Die Taschentücher sind alle.

9 Gedanken zu „Zeichen

  1. JessiFischer

    Bitte richte Luigis und seiner Familie mein Beileid aus! Ich wünsche Euch allen viel Kraft und liebe Menschen, die Euch alle durch diese schwere Zeit begleiten. Vor allem in der Adventszeit fällt es schwer, Abschied zu nehmen! Ich drücke Euch, Jessi

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  2. giftigeblonde

    Ich fühle mit euch!
    Mein Beileid zu diesem Verlust.

    ABER sie durfte so gehen, wie sie es wollte, schnell..ich denke das ist das das man auch sehen sollte.

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  3. Zitronen und Olivenöl

    Mein herzliches Beileid für euch, liebe Corinna. So wie Du sie schilderst, hatte sie ein erfülltes reiches und schönes Leben. Das tröstet jetzt überhaupt nicht aber irgendwann schon. Viel Kraft und viele Grüße, Marina

    Antwort

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