Wasserbomben

Wer bei Italien an Meer, Sonne und Sonnenschein denkt, der war vermutlich nur im Sommer hier. Tatsächlich habe ich selten so gefroren wie im italienischen Winter und das nicht einmal draußen, wo man die Kälte gemeinhin vermutet, sondern im Haus. Deshalb war ich glücklich darüber, dass unsere Traumwohnung mit einem Kamin ausgestattet war. Dieser stellte sich jedoch schon bei genauerem Hinsehen als nicht benutzbar heraus, so dass uns davon nicht mehr als die Prädisposition für einen zukünftigen Pelletkamin geblieben ist – auch weil andere Anschaffungen im Moment den Vorrang haben.

Wenn ich „Kälte“ schreibe, dann meine ich natürlich keine arktische Kälte. Ich spreche nicht einmal von Minusgraden, sondern „nur“ von 5 Grad mit feuchtem Seewind. Doch da die Häuser und Wohnungen hier alle darauf ausgelegt sind, die sommerliche Hitze von bis zu 45 Grad erträglich zu machen, sind sie im Allgemeinen zugig und mit hohen Decken sowie fußkalten Marmorböden ausgestattet. Auslegeware kennt man gar nicht, sondern rollte im Winter Teppiche aus, die irgendwann wieder eingerollt und verstaut werden. Bis zur Teppichisierung unserer Wohnung sind wir noch nicht vorgedrungen und die Wärme der Heizung verpufft in unserer immer noch türlosen Wohnung auch durch ungedämmte, dünne Außenwände. So haben wir also die letzte Woche bei durchschnittlich 16 Grad Innentemperatur unter kuscheligen Decken verbracht. Als es gestern Abend plötzlich so warm wurde, dass ich meine Strickjacke ausziehen musste (18 Grad), war das dem Schirokko zu verdanken, der uns gerade warm aus Richtung Afrika anpustet.

Was den italienischen Winter wirklich unerträglich macht, ist der Regen. Passend zur Beerdigung von Zievola hatte es zu regnen begonnen. Eine Woche lang tröpfelte, nieselte oder goss es jeden Tag mehrmals und von vorgestern bis heute Morgen hat es tatsächlich 48 Stunden am Stück durchgeregnet. Ein paar orangefarbene Gummistiefel waren daher die beste Anschaffung des letzten Vierteljahres. Luigi hingegen, dem die italienische Unsitte, immer eine „gute Figur“ zu machen, in Fleisch und Blut übergegangen ist, trocknet lieber jeweils im wechselnden Rhythmus zwei Tage lang seine nassen Schuhe auf einem der Heizkörper.

Was den Regen wiederum so schlimm macht, ist nicht einmal der Regen an sich, sondern die Tatsache, dass die Kanalisation bedingt durch die trockenen Sommer und den unveranwortlichen Umgang mit dem Müll beim ersten und zweiten Regen regelmäßig verstopft. Außerdem sind die maroden Straßen so gewölbt, dass an ihren Rändern meterbreite, reißende Flüsse entstehen. Diese machen es dem ohnehin schon fast vergeblich auf kaputten Fußwegen Pfützen umschiffenden Fußgänger unmöglich, die Straßen zu überqueren. Sie werden Fußgängern zusätzlich gefährlich, wenn die im Trocknen sitzenden Autofahrer rücksichtslos wie immer durch die Gegend preschen und meterhohe Flutwellen auf den Gehweg schwappen lassen.

Am schlimmsten ist jedoch, dass bei solchen „Wasserbomben“ („bombe di acqua“), wie die sintflutartigen Regefälle auch genannt werden, in wenigen Minuten ganze Kellerwohnungen, deren Niveau teilweise mehr als zwei Meter unter der Straße liegt, überflutet werden. Vor allem älteren Bewohnern gelingt es oftmals nicht, schnell genug hinaus kommen, so dass sich wahre Tragödien abspielen. Unnütz zu erwähnen, dass es eigentlich gesetzlich verboten ist, in Kellern zu wohnen.

So eine Überflutung wird uns im dritten Stock hoffentlich nicht passieren. Trotzdem sind wir, sobald der Regen aufhört, schnell dabei, unsere Terrasse mit einem Gerät ähnlich dem Gummiabzieher für’s Fensterputzen vom Gros des Regenwasser zu befreien. Schließlich wollen wir weder ein Schwimmbad vor der Tür haben noch neue Algen züchten. Wie ich also heute Morgen wieder einmal für die Meisterschaft im Wasser-in-Ablauflöcher-Fegen trainierte und meine Pflanzen vorm Ertrinken gerettet habe, dachte ich mir, dass das Wasserfegen auch nicht viel besser ist als Schneeschieben. Nur die Sonne, die mir dabei auf die Mütze schien, hat mich einigermaßen entschädigt. Ich hoffe, sie bleibt uns noch ein paar Stunden erhalten.

22 Gedanken zu „Wasserbomben

  1. vilmoskörte

    Oh ja, ich kann das so gut nachempfinden, ich habe selten so gefroren wie in Italien. Selbst im Frühjahr, wenn die ersten warmen Tage die Temperaturen auf 20° und mehr steigen lassen, ist es in den Häusern immer noch sehr kühl und oft auch klamm. Und die Gasöfen, die dann für Wärme sorgen müssen, bringen nur punktuell Abhilfe, vor allem aber viel Feuchtigkeit in die Wohnungen.

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  2. frauhilde

    Oh nein, arme Corinna!
    Ich schick dir ein paar wärmende Sonnenstrahlen. Hm, und sicherheitshalber noch süße rosa Schwimmflügelchen! 😉
    Komm gut durch das Mistwetter!!

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    1. Corinna Autor

      Bin vor einer Stunde vom Unterricht nach Hause gewatet. Wo bleiben die Schwimmflügel? Ich werde sie wohl bald brauchen. 😉

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  3. Friederike

    na dann wünsche ich dir, dass die Teppichisierung fortschreitet 😉
    ich glaube, so nasskaltes Regen-Wind-Sauwetter ist im Süden hauptsächlich im Herbst, oder? Nach dem Jahreswechsel ist es meiner Erfahrung nach (oder nur Glück?) eher besser. Aber eine warme Wolldecke hab ich immer mit, oft auch Wasserkocher und Teekanne…
    lg

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Im letzten Jahr war es nicht so regnerisch. Und bis vor einer Woche auch nicht. Das muss jetzt eine extreme Wetterlage sein. Heute in den Nachrichten hörte ich gruselige Dinge aus anderen Regionen. Mal sehen, ob der Jahreswechsel eine Besserung mit sich bringt.

      Der Wasserkoche und das Teesieb sind jedenfalls im Dauereinsatz. Die Kuscheldecken natürlich auch. 😉

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  4. notiznagel

    Mir fällt nur ein: „Andere Länder andere Wohnen“. Hoffentlich wird es für euch bald wärmer und für uns, wünsch ich ein paar grössere Schnee-Bomben. LG Müller

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    1. Corinna Autor

      Es würde schon genügen, wenn der Regen aufhören würde. Statt dessen könnte das ganze Wasser ja bei euch als Schnee herunterfallen. 🙂

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  5. JessiFischer

    Ich kann das so gut nachvollziehen: Bei uns kam noch der dichte Nebel hinzu, der manchmal eine Woche über der Stadt hin, außerdem funktionierte die Heizung nur selten… ich schlief in Wohnheimzeiten mit Schlafanzug, Jogginganzug, 2 Strümpfen und 2 Decken!!!!! Ich sende Euch einen Topf deutscher Feuerzangenbowle 🙂

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    1. Corinna Autor

      Puh, ganz so schlimm ist es nicht denn wir sind mit unserer Gasheizung zum Glück autonom. Aber ich trage trotzdem einen Pullover, den ich mir in Russland im Dezember gekauft habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich den noch einmal brauchen würde. 🙂

      Wir gehen ja schon mit Tee gegen innerliche Kälte vor, aber Feuerzangenbowle wäre auch nicht schlecht. Schöne Grüße auch von Luigi!

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  6. mangoseele

    Vielleicht tröstet es dich ein bisschen, hier in Deutschland ist das Wetter auch zum Davonlaufen…und bei euch wird es wenigstens schneller wieder schön. Also Durchhalten, der Frühling kommt bald!

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  7. prete2013

    Die Schilderung des italienischen (Meer)nahen Winters sind mir sehr geläufig.
    Am Anfang haben wir geheizt, bis das Wasser innen an den Türen und Fenstern in Rinnsalen Richtung Fussboden strebte, das Haus trotzdem immer kälter zu werden schien und der Schimmel eine gemütliche Bleibe fand.

    Bis mich unsere Nachbarin darauf hinwies das es besser sei, unsere Heizorgien stark zu beschränken und statt dessen einen LUFTENTFEUCHTER zu kaufen.
    Und siehe oder besser spüre – es funktioniert.
    Dem Schimmel wollten wir mit einem recht teuren Mittelchen zu Leibe rücken, wieder war es unsere Nachbarin Natalina welche so ganz nebenbei bemerkte, es genüge vollkommen einen Liter Candeggina (Clorwasser?) zu kaufen (ca. 1 Eur.), es in eine für Blumen gebräuchliche Spritzflasche zu füllen und damit die befallen Stellen zu besprühen.
    Und siehe da, die mehr als unapetittlichen grünen Stellen verwandelten sich dauerhaft in (fast) strahlendes weiss.

    Funktioniert ev. auch in Puglia.
    Jedenfalls weiterhin viel Spass mit der fortschreitenden „Italianisierung“, welche ja auch ein bestimmtes Mass an Gelassenheit sowie Lern- und Leidensfähigkeit beinhaltet.

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  8. Emily

    Alles < 10 Grad ist mir zu kalt 😎 Ich kann es nicht ändern, ich bin ein Sommertyp. Oder wenigstens ein Frühlings- mit ein bisschen Herbsttyp. Aber dem Winter, insbesondere dem Januar und Februar kann ich einfach nichts abgewinnen. Ich versuche es ja immer wieder. Nutzt aber nichts! Hauptsache, die Heizungen bleiben warm, die Wärmflasche ist gefüllt und es gibt stets genug Tee. Dann komme ich klar 😉

    Liebe und wärmende Grüße zu dir, Emily

    Antwort

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