Freundlichkeit und unendliche Liebe

Das Wetter hat sich inzwischen wieder gefangen. Der Regen ist dem Sonnenschein gewichen, doch in unserer Wohnung ist es gefühlt oder vielleicht auch tatsächlich immer noch kälter als draußen um die Mittagszeit. Das fällt allerdings gar nicht so stark ist Gewicht, weil wir seit knapp zwei Wochen um die Mittagszeit damit beschäftigt sind, bis obenhin gefüllte Koffer, Taschen, Beutel und Kartons aus der Wohnung von Luigis verstorbener Tante in die von Maria oder in unsere Wohnung zu schleppen. Bei jeweils drei Etagen in zwei Häusern ohne Aufzug gerät man ganz schön ins Schwitzen.

Schön ist auch, dass es noch gut erzogene Kinder gibt. So half mir ein halbes Hähnchen von Nachbarsjunge unlängst, mehrere schwere Bücherkartons zu uns nach oben zu schleppen und hinterher bedankte er sich noch überschwänglich für ein paar Weihnachtsplätzchen, die ich ihm vor lauter Schuldgefühl Dankbarkeit aufdrängte.

An den Briefkästen vor dem Fahrstuhl von Marias Haus hingegen lauerte bis vorgestern täglich gar nicht hilfreich die neugierige Signora M., um mit argwöhnischen Augen darauf zu achten, dass wir die Haustür hinter uns schließen und nichts im Flur zurücklassen. Als wir gestern einen Fahrstuhl voller Dokumente und Krims-Krams in den zweiten Stock befördert hatten und ich mit der letzten Tasche vom Autoabschließen zurückgekommen war, hielt sie mir plötzlich die Fahrstuhltür auf und lächelte. Ich wollte bereits an Wunder glauben, doch dann sagte sie „Sie haben Ihre Wasserflasche im Fahrstuhl vergessen“ und deutete vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger auf besagtes Relikt in einer der Fahrstuhlecken.

„Das ist nicht meine“, entgegnete ich.

„Aber ich habe doch gesehen, wie ihr das Auto ausgeladen habt“, beharrte sie und mir wurde klar, dass sie neugierig darauf wartete, dass ich ihr erzählte, aus welchem Grund wir schon seit Tagen Taschen hin- und hertrugen.

Da sie sich nun hinter mir und der großen, prallen Reisetasche in den Fahrstuhl zwängte und immer noch abwechselnd von der halbleeren Wasserflasche in der Ecke auf mich und wieder zurück blickte, hob ich diese auf und lenkte ein: „Wir haben zwar nur Dokumente von Luigis verstorbener Tante transportiert, aber ich nehme die Flasche jetzt einfach an mich und gieße damit die Blumen.“

Nach einer Schweigesekunde, während der sich eine immense Zufriedenheit von Signora M. ausgehend im Fahrstuhl ausbreitete, seufzte sie: „Ja, die teure Margherita… .“ Dann lächelte sie milde und fügte hinzu: „Alles endet, bella mia. Nur die liebe Gottes endet nie.“

„Das wollen wir hoffen,“ entgegnete ich, „denn es leben immer mehr Leute auf diesem Planeten. Und für die wachsende Anzahl der Rinder und Schweine muss sie auch noch ausreichen.“

Gestern Mittag war der Flur menschenleer.

10 Gedanken zu „Freundlichkeit und unendliche Liebe

  1. Ottchen

    Ich hätte zu gern den Gesichtsausdruck bei Signora M. nach Deinem letzten Satz gesehen! 😉
    Liebe Grüße aus dem trüben Franken!
    Ottchen

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ja, der sah ein bisschen … nachdenklich aus. Ich vermute, sie hat gar nicht verstanden, was ich meinte. Danke für Dir Grüße! Ich schick‘ euch ein bisschen Sonneschein rüber. 🙂

      Antwort
  2. Gitti

    Du bist aber manchmal spitz. Solche selbsternannten Weltverbesserer gibt es überall. Trotzdem tolle Reaktion. Deren Gesicht hätte ich sehen wollen, nach dem sie den Sinn des letzten Satzes gerafft hatte.

    Antwort
  3. Maria Vico Bandiera

    Kannst du auf Italienisch schon so treffende Spitzfindigkeiten verbreiten ohne dass jemand glaubt du hättest dich als ewige Deutsche im Wort geirrt?
    Meine Schwiegermutter glaubt regelmäßig, dass sie mich nicht versteht, dabei spreche ich nur italienisch, statt Dialekt.
    Respekt!

    Antwort
    1. Corinna Autor

      *hihi* Ich spreche auch nur Italienisch. Einziger Satz im Dialekt und erst kürzlich erlernt: „Fasc’fridd‘!“ (Es ist kalt!)

      Aber zum Glück bin ich inzwischen schon ein bisschen schlagfertig geworden. Das fiel mir in dem Moment auch nur ein, weil ich unlängst gelesen habe, dass tatsächlich nicht genug Fleisch für die ganze Menschheit da ist und man nicht einmal so viele Schweine halten könnte, wenn man wolle, damit es für alle reicht.

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  4. notiznagel

    Ob Gottes Liebe uns je aus der Patsche helfen wird bezweifle ich. Das harte Stück Arbeit müssen wir schon selber stemmen. Rind und Schwein schauen bestimmt dabei nur zu.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ich frage mich schon gelegentlich, ob ich sie nicht um diese tröstlichen Überzeugungen beneiden sollte statt stirnrunzelnd zu ironisieren. Aber generell denke ich auch, dass dem Menschen nur das Gute wiederfährt, für das er selbst sorgt.

      Antwort

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