Dachschaden

In einer unruhig verbrachten Nacht, in der ich mehr dem Regen gelauscht hatte als zu schlafen, füllte sich der Plastikeimer zur Hälfte mit schmutzigbraunem Wasser aus dem Kaminrohr. Außerdem hatte sich bis zum Morgen an der Decke ein nasser Fleck ausgebreitet. „Ein halber Eimer,“ sagte Luigi, während wir die Regenpause nutzten, um die Terrasse mit Hilfe eines Besens und eines Gummiabziehers schneller vom auf ihr verbliebenen Wasser zu befreien, als es die leichte Schräge möglich machte. „Das geht doch noch. Es hätte viel schlimmer kommen können.“ Unfassbar! … und es gibt tatsächlich Leute, die mich schon für eine unverbesserliche Optimistin halten… Ich schlüpfte jedenfalls für den Arbeitsweg wieder in meine Gummistiefel und, obwohl es seit vier Stunden nicht mehr geregnet hatte, kaufe ich auf dem Heimweg nach der Schule in einem Geschäft für „Hausfrauenartikel“ einen zweiten Gummiabzieher, wie ich es schon seit einer Woche vorhatte, denn der Besen war bei dieser Arbeit nur eine mäßige Hilfe.  

„Was bringst du denn da an?“, wunderte sich Luigi, als ich mit meiner Neuerwerbung in seinem Büro eintraf. „Nun wird es bestimmt nicht mehr regnen.“ „Das glaubst du doch selbst nicht.“, antwortete ich ihm und blickte halb vorwurfs- und halb hoffnungsvoll auf die Sonne, die sich im Laufe des Vormittags durch die grauen Wolken gekämpft hatte.

Tatsächlich regnete es an diesem Tag nicht mehr. Und auch nicht am nächsten. Dafür klingelte unser Unternachbar, der (wie gefühlt die Hälfte aller Baresen) Nicola hieß, an unserer Wohnungstür, um uns mitzuteilen, dass unser Balkon ein Leck haben müsse, durch welches Wasser in seinen verglasten und zur Küche umfunktionierten Balkon eingedrungen war. Ach, du Schreck! Das nun auch noch! Aber – „Keine Panik!“ – beruhigte er mich angesichts meiner entgleisten Gesichtszüge schnell. Es sei nur eine „fesseria“ (eine Albernheit) und, wenn wir nichts dagegen hätten, dann würde er gleich mit einem Eimer „guaina“ (kann von Mieder, über Schutzkappe bis Beschichtung alles heißen) wiederkommen und die Schadstelle beseitigen. Natürlich hattten wir nichts dagegen, denn tatsächlich war die Ecke einer Balkonfliese herausgebrochen und durch das kleine Loch musste das Wasser in den Balkonboden eingedrungen sein. Ob es uns etwas ausmachen würde, wenn der Balkon nach seiner Behandlung nicht mehr so schön aussehen würde, wollte Nicola noch wissen, bevor er mit einer grauen Massen das Loch zuschmierte und diese auch großzügig um das Loch herum verteilte. Doch die ohnehin fragwürdige Schönheit unseres Balkons war uns in diesem Moment so egal, dass er ihn hätte gern komplett grau anmalen können. Hauptsache wir mussten nicht demnächst seine Renovierung bezahlen. Doch auch da beruhigte er uns. Es gäbe bisher nur einen kleinen Wasserfleck an der Decke, den er im Frühjahr überstreichen würde – eine „fesseria“ eben. Puh! Noch mal Glück gehabt! Nicola ließ uns sogar den halbvollen Eimer „guaina“ da, damit wir am nächsten Tag noch einmal überpinseln konnten.

In der Annahme, dass das Dach nun getrocknet und die Ursache des Schadens sichtbar wäre, investierten wir in eine auf über vier Meter ausziehbare Aluleiter, um unser Dach zu erreichen. Außerdem war der Eimer von Nicola auch nach dem zweiten Auftragen des, wie ich inzwischen durch Nachschlagen herausgefunden hatte, flüssigen Bitumens immer noch fast halbvoll, so dass wir beschlossen, welches Loch es auch immer zu stopfen gäbe, wir würden es mit diesem Zeug versuchen. Also: Leiter gekauft. Leiter nach Hause getragen. Leiter ausgezogen. Leiter an die Wand gestellt. Und dann wartete ich darauf, dass sich mein Held hinaufschwingen und das Dach in Ordnung bringen würde. Doch schon, als sich Luigi irgendwie leicht verkrampft an der Leiter festhielt, während er sich vorsichtig von Stufe zu Stufe tastete, verschwand der Heldeneindruck. „Soll ich schieben?“, fragte ich irgendwann amüsiert. „Nicht anfassen!“, rief er verschreckt zurück. Da fiel mir plötzlich wieder ein, dass Luigi Höhenangst hatte. Ich hielt es immer für leicht übertrieben, wenn er sich am Korb des Riesenrades festgekrallt hatte oder sich nicht auf unseren Apfelbaum traute, sondern nur von unten pflückte. Offensichtlich war es doch schlimmer als ich geglaubt hatte. „Komm mal lieber runter!“, meinte ich daher zu meinem Helden, der sich zunächst ein wenig zierte, dann aber doch den Abstieg begann. „Ich schau‘ mir das mal an und sage dir dann Bescheid.“

Ich erklomm also die Leiter und schwang mich auf das mit Teerpappe oder auch Bitumenbahnen ausgelegte Flachdach, aus dem das Schornsteinrohr ragte. Das Problem war sofort zu erkennen: Beim Einbau hatte man die Teerpappe auch 30 cm hoch um das Rohr gezogen. In den heißen Sommern der letzten Jahre, musste der Teer sich verflüssigt und verflüchtigt haben, so dass die Pappe sich an der Sonnenseite nach unten umgebogen und eine Art Trichter geformt hatte, zwischen dessen Rand und dem Rohr das Wasser in die Decke eingedrungen war. Außerdem drehte sich der Windfang auf dem Rohr nicht mehr, so dass er auch keinen Regen abhalten konnte.

Das Gute an Gefahren ist, dass man etwas dagegen tun kann, sobald man sie erkannt hat. Es war nicht schwer, die umgeklappte Teerpappe abzuschneiden und den Rest mit diesem wasserabweisenden Bitumenkleber zuzuspachteln. Wie ich es bei Nicola gesehen hatte, behandelte ich auch den umliegenden Quadratmeter großzügig mit dem grauen Zeug. Dann sah ich mich auf dem Dach um und entdeckte ein weiteres Stück Dachpappe, dass sich nach oben gebogen hatte. „Schau mal im Bad nach, ob da was ist!“, rief ich zu Luigi hinunter. – „Maledizione!“ hörte ich es gleich darauf aus dem Fenster des großen Badenzimmers, das wir bisher nicht benutzten und nur gelegentlich hineingegangen waren, um das Fester zum Lüften zu öffnen.

Luigi hatte den Rollladen vollständig hochgezogen und tatsächlich war in einer Ecke an der Außenwand Wasser eingedrungen und hatte einen feuchten Fleck an Wand und Decke hinterlassen. Super! Müßig, sich zu fragen, warum niemand auf die Idee gekommen war, sich im Sommer das Dach anzusehen. Auch diese Stelle war schnell repariert. Außerdem fassten wir den Beschluss, im Frühjahr das Dach gründlich zu prüfen und zu überarbeiten. Sicherlich würde uns Nachbar Nicola, der offensichtlich handwerkliche Fähigkeiten besaß und schon für die Vorbewohner unserer Traumwohnung kleinere Arbeiten erleidgt hatte, behilflich sein. Zur Not gab es auch noch Superhandwerker Mario, der das Gartenhäuschen in Ostuni in Schuss hielt, den wir um Rat fragen konnten. Unser Lieblingsbaumarkt verkaufte uns schließlich noch ein Art Deckel für unser Rohr, den wir statt des Windfangs anbrachten. Und dann warteten wir, darauf, dass der nächste Regen uns den Erfolg oder Misserfolg der Maßnahmen aufzeigen würde: Traumwohnung oder doch eher Albtraumwohnung?

Und für alle, die sich fragen, ob wir inzwischen schon Türen haben: Nein. Wir warten aber auch erst seit Kalenderwoche 48 darauf und fragen nur zweimal die Woche nach.

5 Gedanken zu „Dachschaden

  1. blitta

    Oje, das kommt mir so bekannt vor… und trotzdem vergisst mans gern so schnell wie möglich! Durchhalten, vielleicht bleibt es jetzt ja wirklich ein bisschen länger trocken!

    Antwort
  2. giftigeblonde

    Corinna du bist eine Heldin!
    Mich bringt auch niemand auf eine Leiter, die höher als 1 Meter ist, die HÖhenangst ist teuflisch,..

    Super wie du das alles gemeistert hast!

    Antwort
  3. frauhilde

    Und gleich nochmal: Oh, nein!
    Aber das hast du wirklich heldinnenhaft heile gemacht! 🙂
    Und gut, dass Nicola das so gelassen sieht; da kennt man ja von hier andere Kaliber, die gleich mit Rechtsanwalt und sonstnochwas drohen …

    Antwort

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