Himmelblau und Schimmelgrau

Bis Weihnachten waren wir seit unserem Einzug in die Traumwohnung und Zievolas Beerdigung eigentlich nur zum Schlafen und Abstellen von Kisten oder Möbelteilen nach Hause gekommen. Daher fiel es auch nach wochenlangem Regen erst auf, dass Wasser durch unser marodes Teerdach in die Wohnung eindrang, als man dessen Tropfen bereits auf die Esszimmerfliesen aufschlagen hörte. Doch nach dem Kauf des richtigen Reinigungsequipments für regennasse Terrassen und den Ausbesserungsarbeiten am Dach fiel kein einziger Tropfen Regen mehr vom Himmel. 

Ganze drei Wochen warteten wir also auf Regen, um zu sehen, ob unsere Maßnahmen auf dem lecken Dach von Erfolg gekrönt waren. Die Wasserflecken an Wand und Decke trockneten und wurden dabei immer gelblicher. Wir hätten gern Gewissheit gehabt, um aufatmen zu können. Außerdem hätte ich das Malheur am liebsten so schnell wie möglich streichenderweise beseitigt. Doch scheinbar hatte sich der Regen von meinem neuen Wasserabzieher verschrecken lassen, denn es zeigte sich nicht die kleinste Wolke am hellblauen Himmel. Deshalb schwitzten wir in der mittäglichen Sonne, während wir die Wohnung von Zievola auflösten und wochenlang halbtags zwischen verschiedenen Wohnungen und den Müllkontainern hin- und herrannten bzw. -fuhren. Die Alpenfeilchen erblüten in neuer Pracht. Die Rosen bekamen riesige Blüten und auch die dickblättrigen Sukkulenten verhielten sich bereits so, als wäre es Frühling geworden, da zogen plötzlich binnen weniger Minuten dicke schwarze Regenwolken vom Meer herein und schütteten ihre Wasserbäuche über uns aus.

Nachdem wir eine Weile besorgt auf den Eimer und das Kaminrohr geblickt hatten und auch Gina ihren fachkatzischen Blick schweifen ließ, als wüsste sie, warum wir so angestrengt zur Decke hinauf sahen, konnten wir beruhigt feststellen, dass die Ausbesserung funktioniert hatte. Nichts tropfte und es wurde auch nichts nasser. Super! Nun hätte es eigentlich wieder aufhören können zu regnen. Doch der Himmel hatte kein einsehen. Es regnete einen halben Tag und die ganze Nacht. Aber auch dieser Härtetest lieferte das gleiche Ergebnis: keine neuen Wasserflecken. Da wir inzwischen auch noch einmal alle Dehnungsfugen und entlang der Balustrade unserer Terrasse geteert hatten, wie es Superhandwerker Mario schon im Sommer gemacht hatte, hielt sich unsere Angst vor einem Wasserdurchbruch bei den Unternachbarn ebenfalls in Grenzen. Allerdings kam ich zu dem Schluss, dass Italien nur für den Sommer gemacht war, und verstand nun, warum die Italiener ihren in meinen naiven Augen bisher so unspektakulär anmutenden Winter derart fürchteten. Um unsere Wohnung meinen Winteransprüchen anzupassen wird es vermutlich noch Jahre dauern.

Nun gut, wieder vergingen ein paar Tage. Ich hatte Luigi inzwischen mit der simplen aber wirksamen Drohung, dass ich mich nicht mehr duschen sondern lieber stinken würde, wenn die Innentemperatur beim Aufstehen nicht mindestens 18 Grad betragen würde, dahingehend überzeugt, sowohl am Morgen als auch am Abend die Heizung laufen zu lassen. Daher und auch dank einiger neuer und einiger gut gebrauchter Möbel, sowie Zievolas Teppichen, hatte sich der Gemütlichkeitsfaktor unserer Wohnung erheblich gesteigert. Weihnachten nahte und damit auch der 23. Dezember, der als erster Tag, an dem wir von morgens bis abends zu Hause waren, in die Geschichte der Traumwohnung eingehen sollte. Was macht man bei einer solchen Gelegenheit? Die gute Hausfrau putzt, während der gute Hausmann mit Ikea-Möbeln Erwachsenenlego spielt.

Der inzwischen nicht mehr ganz so besorgte Blick hinauf zu den Wasserflecken war bereits zur Routine geworden und eigentlich erwartete ich nur, dass sie weiterhin gelber wurden. Doch welch ein Schreck, als ich im bisher nur als Abstellkammer für Reinigungsmittel genutzten zweiten Badezimmer den Rollladen hochzog und meinen Blick automatisch in die nasse Ecke wanderte: Plötzlich war sie ergraut. „Sch***!“, fluchte ich innerlich und äußerlich rief ich: „Luiiiigi! Vieeeni!“

Mein Held hielt die Ursache des Hilferufs offensichtlich für das obligatorische Spinnenproblem und kam äußerst behäbig mit einer Zeitung angelatscht. „Ist das Schimmel?“, fragte er meinem ausgestreckten Zeigefinger mit seinem Blick folgend. „Nee, sicherlich Katzenhaare.“, entgegnete ich. „Wie sollen die denn da hochgekommen sein?“, gab Luigi zurück, aber im gleichen Moment huschte der Schatten der Erkenntnis über sein Gesicht.

„Vielleicht haben wir nicht gut genug gelüftet. Oder wir müssen mehr heizen, damit es schneller trocknet. Oder vielleicht ist es auch zu feucht hier drin.“, spielte ich mögliche Ursachen durch. Das Heizen ohne Türen war jedoch herzlich sinnlos, denn der Heizkörper befand sich gleich neben der Tür, durch die jegliche Wärme sofort in Richtung Esszimmer entfleuchte. Stoßlüften hatten wir auch einmal am Tag vor dem abendlichen Heizen praktiziert. Vermutlich war einfach zu viel Wasser durch das Dach eingedrungen. Nach oben hin konnte nichts mehr abziehen, da ich gründlich mit flüssigem Bitumen abgedichtet hatte. Also sickerte es weiterhin nach unten durch. Und nach dem Wasser kam nun der Schimmel.

Im Eisenwarengeschäft unseres Vertrauens, in welchem wir erst kürzlich die wunderbare Leiter erstanden hatten, half man uns mit einem Spray gegen Schimmel weiter. Die grauen Flecken lösten sich im Nullkommanichts in leicht bräunliches Wasser auf, das man einfach abwischen konnte, und die Wohnung stank auch nur zwei Tage nach Chlor. Meine oder besser Luigis Frage – denn beim Wort „deumidificatore“ verknotet sich immer meine Zunge – ob er auch einen Luftentfeuchter hätte, verneinte der Eisenwarenhändler jedoch, meinte aber, nach den Feiertagen könnte er uns einen besorgen. Vorher wollten wir jedoch in Luigis riesiger Familie herumfragen, ob  uns jemand so ein Gerät borgen könnte.

15 Gedanken zu „Himmelblau und Schimmelgrau

    1. Corinna Autor

      Aaah! Immer auf’s Schlimme!

      Im Geschäft haben wir sie schon gesehen und theoretisch könnten sie eingebaut werden. Letzten Samstag meinte der Türenfritze noch, er wolle uns am 30. oder 31. anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Allerdings hat er nicht gesagt, in welchem Monat oder Jahr, d.h. wir werden wohl am 7. wieder bei ihm auf der Matte stehen, denn natürlich hat er im Dezember nicht mehr angerufen.

      Ich nehm’s mit Humor; kann ja doch nichts daran ändern. 😉

      Antwort
      1. giftigeblonde

        Ich glaube Humor und Langmut sind die beiden Eigenschaften die man unbedingt braucht in Italien ggg.
        Nein nicht nur da, in den meisten südlichen Ländern ist das angebracht.
        Diese Hektik haben ja nur wir hier tztz

        Liebe Grüße Sina

        Antwort
  1. Gitti

    Viel Glück mit dem Wasser. Hoffentlich habt ihr bald eure Zimmertüren. Gut das es gegen fast jedes Problem ein Mittelchen gibt.

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  2. notiznagel

    Ich bin mal gemein und reib mir die Hände, die Geschichte geht weiter.
    Bitte nicht böse sein, der Müller grüsst die Schimmel(Be)kämpfer.

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    1. Corinna Autor

      Das habe ich auch immer gedacht. Aber inzwischen habe ich mich an den nackten Türlöchern satt gesehen und hätte doch gern eine Verkleidung dafür.

      Außerdem ist es wirklich nicht schön, wenn man gegen Morgengrauen von einer auf dem Bett und seinen Insassen wild umherspringenden Katze geweckt wird. 😉

      Antwort
        1. Corinna Autor

          Mindestens kann sie dann nicht mehr unaufgefordert ins Zimmer kommen. Alles andere müssen wir abwarten; kommt darauf an, wer die stärkeren Nerven hat. 😉

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  3. janavar

    Oh man, ihr nehmt aber auch wirklich alles mit 😦 Hoffentlich gibt es nur einen kurzen Winter und v.a. nicht mehr viel Regen. Vielleicht könnt ihr so einen Luftentfeuchter ja übers Internet bestellen. Ich glaube, hier in der Türkei hat das auch kein Händler einfach so, aber brauchen könnten’s viele …

    Antwort
  4. frauhilde

    Katzen können das mit dem Türöffnen lernen … *hüstel* 😉

    Könnte man im Zweifelsfall nicht eine Plastikplane an die Türöffnung machen, damit ihr wenigstens heizen könnt?

    Antwort

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