Einmal hin. Alles drin.

Die Begebenheit über die ich heute schreiben möchte ist in Anbetracht des Todes einer geliebten Person völlig unpassend; ja, geradezu absurd und hätte vermutlich nie passieren dürfen. Deswegen kann ich auch erst jetzt davon berichten, nachdem ich ein wenig zeitlichen Abstand gewonnen habe. Oder ist sie vielleicht niemals passiert? Wir werden sehen. 

Versetzen wir uns zunächst geistig in den vergangenen November zurück. Luigis Tante Margherita (genannt Zievola) war in einer Nacht von Freitag auf Samstag verstorben. Das von Tante Anna herbeigerufene Beerdigungsinstitut erwies sich als genauso schnell und gut, wie bei den dreizehn (!) anderen Beerdigungen, die es für sie übernommen hatte. Schon am folgenden Montag fanden wir uns in der nahegelegenen Kirche zum Trauergottestdienst ein.

Es goss in Strömen. Die feuchte Kälte kroch uns in sämtliche Kleideröffnungen, während wir mit Taschentüchern bewaffnet auf den harten Holzbänken saßen und dem Priester lauschten, der uns gefühlt alle fünf Minuten versicherte, dass “unsere Schwester”, also Zievola, nun bei Gott im Himmel und damit glücklich sei. Ich hoffe für ihn, dass er damit recht hat, sollte ich jemals Gegenteiliges rausfinden, werde ich diesen Bericht um alle polemischen Gedanken ergänzen, die mir während seiner Reden und des exzessiven Weihrauchschwenkens noch durch den Kopf geschossen sind, während ich durch einen Tränenschleier auf den hellbraunen Holzsarg blickte, sich meine Finger um die Bügel meiner Handtasche krampften und ich versuchte, meine verheulten Gesichtszüge für das unvermeidliche Geküsse der kondolierenden Verwandten und Bekannten wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen.

Es gelang mir nur unvollkommen, aber glücklicherweise hatte auch das mitleidige Drücken und Herumknutschen irgendwann ein Ende und wir konnten in Richtung Friedhof entfleuchen, wo nur der engste Familienkreis von zehn Personen der eigentlichen Beisetzung in einer Grabwand beiwohnen wollte. Aus praktischen wie auch aus Schnelligkeitsgründen sollte Zievolas Sarg in die gleiche Kammer einziehen, in der sich auch die vor mehreren Jahrzehnten aus einem Erdgrab in eine recht handliche Metallkiste umgegebetten Gebeine von Luigis Großvater befanden. Doch mit den Ausmaßen des eben in der Kirche eingehend betrachteten Sarges im Hinterkopf tauchten noch vor Eintreffen des Selbigen Zweifel an der Durchführbarkeit dieses Plans auf: War die Grabkammer vielleicht doch nicht breit genug? Müsste man die Metallkiste eventuell auf den Sarg stellen? Oder möglicherweise doch ans schmalere Beineinde? Was, wenn am Ende gar nichts ging? Man entschied sich jedoch zunächst dafür, das zu machen, was man in Italien immer macht: Abwarten.

Immerhin hatte es endlich aufgehört zu regnen. Nachdem einige andere Beerdigungen und das Wetter an diesen Tagen vergleichend diskutiert worden waren, trafen endlich die Frau vom Beerdigungsinstitut und zwei Friedhofsmitarbeiter mit Zievolas Sarg ein. “Die Metallkiste muss raus, sonst passt der Sarg da nicht rein.“, sagte einer der beiden Männer in schmutzigen Jeans und Wattejacken und griff beherzt zur Metallkiste. „Wir sehen dann hinterher, wo der Großvater noch hinpasst.“ Doch als der Mann am Griff der Kiste zog, hatte er diesen plötzlich mit einem guten Teil der Kiste in der Hand, während sich die blanken, braunen Knochen von Luigis Opa aus dem zweiten Teil, der mit den Jahren an mehreren Stellen durchgerosteten Metallkiste, in die Grabkammer ergossen. Gerade noch rechtzeitig fing der Friedhofsmitarbeiter mit seiner zweiten Hand den Schädel auf, bevor dieser gänzlich herausfallen und vielleicht am Boden zerschellen konnte. Merkwürdiger Weise reagierte niemand erschrocken.

Wir stellten hingegen sachlich fest, dass die Kiste massiver ausgesehen hatte, als sie tatsächlich war. Wir stellten außerdem fest, dass man so schnell keine neue Kiste auftreiben können würde. Probleme schienen sich anzubahnen, zeitliche Verzögerungen, Komplikationen – dabei wollte doch jeder, dass die Beerdigung nun endlich vorüber wäre. …. „Hat jemand eine Tüte dabei?“, fragte Onkel Pippo unsicher in die Runde. „Das passt doch in keine Tüte!“, entgegnete Onkel Nuccio, während der Friedhofsmitarbeiter den zweiten Teil der Metallkiste aus der Grabkammer zog und ohne mit der Wimper zu zucken auf den Hänger seines Friedhofsmobils warf.

Natürlich hatte niemand daran gedacht, eine Tüte mit auf den Friedhof zu nehmen. Warum auch? Außer Luigis Cousine und mir hatte nicht einmal jemand eine Handtasche dabei. „Ich hab‘ nur einen Biobeutel.“, sagte ich da leise zu Luigi und kramte meinen Einkaufsbeutel einer großen deutschen Supermarktkette, den ich aus nostalgischen Gründen immer mit mir herumgetragen hatte, aus den Tiefen meiner Handtasche hervor. Luigi reichte ihn an Onkel Pippo weiter, der erfreut zugriff und mit Hilfe von Onkel Nuccio sowie den zwei Friedhofsmitarbeitern die Überreste des Großvaterskeletts hineinsammelte. Mein Blick glitt von den Knochen auf den leuchtend rot-blauen Schriftzug des Biobeutels. Ich musste mich abwenden, denn das Grinsen, welches sich plötzlich in meinem Gesicht ausbreitete, wollte gar nicht mehr zu einer Beerdigung passen. „Einmal hin. Alles drin.“ – So hatten sich das die Erfinder des Slogans bestimmt nicht gedacht!

Schließlich konnte der Sarg in die nun leere Grabkammer geschoben werden. Und siehe da, die Standardsärge hatten über die Jahre deutlich an Größe zugelegt. Eine Metallkiste hätte gar nicht mehr mit hineingepasst. Wenig gefühlvoll wurde der Biobeutel neben Zievolas Füße verfrachtet und die Grabkammer schnell mit einer Steinplatte verschlossen und zugemauert. Die Familie atmete erleichtert auf.

„Wenigstens ist sie nicht alleine.“, erklärte Onkel Nuccio schließlich und verabschiedete sich. Die anderen taten es ihm gleich. Zuletzt drückte uns Onkel Pippo die Hand: „Una brava ragazza.“, sagte er zum Abschied anerkennend zu Luigi, als hätte dieser mit mir einen besonderen Preis errungen. „Complimenti. Die Deutschen sind immer auf alles vorbereitet.“

***

Soweit die Beerdigungsgeschichte. Neben den zahlreichen philosophischen Fragen*, die diese aufwirft, nun eine Frage an euch: Wahr oder ausgedacht? (Ich möchte doch unbedingt mal die tolle Umfragefunktion von WordPress benutzen und sehen, was ihr mir und den Italienern so zutraut. Also: eine der drei Optionen auswählen und dann „vote“ anklicken.)

* Zum Beispiel:
Warum regnet es stets Strippen bei Beerdigungen?
Wann ist die „letzte Ruhestätte“ tatsächlich die letzte?
Sind wir Deutschen wirklich immer auf alles vorbereitet?

24 Gedanken zu „Einmal hin. Alles drin.

  1. prete2013

    die Deutschen

    danke für die schöne Geschichte, welche belegt der Tragik immer auch die Komödie innewohnt die durchaus typisch für Italien erscheint.
    Ein Italien, welches seinerseits die Stereotype über die Deutschen (ich bin keiner!) liebt.
    Ein heisser Sommertag in den Weinbergen über der Küste der Cinque Terre, der alte Weinbauer und einige Gläser Wein im Schatten und tatsächlich einige Wanderer auf Weg entlang der Küste sichtbar.
    „Li Panzer“ befindet Franco und erklärt lächelnd, so seien sie die Deutschen. Egal was sie sich vorgenommen hätten, sie würden es unabhängig von den Begebenheiten gnadenlos durchziehen.
    Panzer eben…..

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Danke für die kleine Anekdote aus Ligurien. „Li panzer“ – sehr schön. Ich hingegen höre dann immer „sei cocciuta“, was in etwa das Gleiche bedeuten dürfte, sich aber weniger sympathisch anhört, weil man das so „aushusten“ kann. 😉

      Antwort
  2. Friederike

    1. ja, man hat das Gefühl, dass bei Begräbnissen das Wetter immer ungünstig ist (zu heiß, zu nass, zu windig…),
    2. im Salzkammergut in Oberösterreich zB. wurden (oder werden immer noch, ich weiß nicht) die Gebeine exhumiert und die Schädel schön bemalt gestapelt – Platzmangel. Das mit der letzten Ruhestätte sehe ich nicht so ernst.
    3. der Teil mit dem Biobeutel ist der witzigste… Ich (obwohl keine Deutsche) bin auch gern auf Eventualitäten vorbereitet nach dem Motto „der Teufel schläft nicht“ 😉

    aber dass das Beerdigungsunternehmen nicht im Vorhinein nachschaut, wie es mit dem Platz in der Nische aussieht… und dass alle so gelassen reagieren… Corinna, die Geschichte war gut ausgedacht !!
    Bitte mehr davon, lg

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Danke für Deinen ausführlichen und interessanten Kommentar! 🙂

      Je mehr ich von dem Thema höre, desto mehr tendiere ich zur Seebestattung: alles zu Asche und ab damit in alle vier Himmelsrichtungen. Nachträgliches „Schädelpainting“ empfinde ich als Gedanken irgendwie unangenehm.

      Antwort
  3. giftigeblonde

    Ich vertraue dir, du hast dir die Geschichte nicht aus den Fingern gesogen.
    Weil sie so unglaubwürdig ist, glaube ich sie.

    Ansonsten: Schön dass dein Sackerl so ein tolles Ende fand gggg

    Liebe Grüße!

    Antwort
  4. Zitronen und Olivenöl

    Ich schließe mich an und bin mir sicher, dass die Geschichte nicht ausgedacht ist !? Und zur Frage 2: In vielen Ecken Griechenlands ist die „letzte“ Ruhestätte eigentlich die vorletzte. Das Grab wird wegen Platzmangel nach einigen Jahren ausgehoben. Neben dem Friedhof gibt es ein kleines Gebäude mit der letzten Ruhestätte. Das finde ich ziemlich irritierend…

    Antwort
  5. Emily

    Wahr! Sie ist wahr, oder?! Man sollte sicher nicht lachen und es tut mir schrecklich leid… aber du hast die Geschichte so schön erzählt, dass ich lachen musste 😉

    Antwort
  6. Christina

    So etwas denkt man sich nicht aus, das erlebt man – zumindest jedenfalls so ähnlich. Wie im Angesicht der letzten Ruhestätte die Trauer dem problemlösungsorientierten Pragmatismus weicht… So schön erzählt! Wie gut, dass du auf alles vorbereitet warst – ich hatte schon fest damit gerechnet, dass der Großvater einfach zu Zievola in den Sarg gebettet wird.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Einen Schraubenzieher, um den Sarg zu öffnen, hätte bestimmt niemand dabei gehabt. Kann ich mir ja für die nächste Beerdigung vornehmen. Zur Sicherheit. 😉

      Antwort
  7. janavar

    Ich schließe mich der Mehrheit an und tippe auf wahr – oder du hast ein großartiges Talent zum Schreiben (das sowieso, aber plus ein fantastisches Fantasie-Talent) und solltest sofort ein ganzes Buch schreiben, liebe Corinna!!! Hach, ich liebe deine Geschichten sowieso. Die lese ich immer richtig am Computer, wenn ich Zeit habe, und nicht mal schnell zwischendurch auf meinem Tab 🙂

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Oh, vielen Dank! Vor allem der letzte Satz ist ein fantastisches Kompliment, das in unseren schnellen Zeiten mehr aussagt als alle „like“-Buttons und andere schöne Komplimente zusammengenommen. 🙂

      Antwort
  8. Gitti

    Du bist Wahrheitsfanatiker; wenn du es so schreibst, dann war es so. Und dass der Deutsche stets einen Beutel dabei hat, das war vor Jahren eine Notwendigkeit, denn es konnte etwas geben, was weggetragen werden musste. Sicher hat sich das nun über Deutschland hinaus als gut erwiesen. Nicht auszudenken, wo der arme Opa jetzt wäre. Hoffentlich ist es nun nicht zu eng in dem Grab.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Das kann ich jetzt gar nicht so stehen lassen. Schreibende sind alle mehr oder weniger Lügner. Schon, wenn wir anfangen zu tippen, verformt sich die Realität zum gewünschten Ideal für den beabsichtigten Effekt, Dann ist auch die „Wahrheit“ ein recht dehnbarer Begriff. Aus einem unspektakulären Ereignis kann mit ein paar Auslassungen oder Hinzufügungen ein Drama und aus einem unbedeutenden Flecken auf der Landkarte plötzlich der Nabel der Welt werden.

      Mit ziemlicher Sicherheit wage ich aber zu behaupten, dass sich noch kein Toter über „Enge im Grab“ beschwert haben dürfte. 😉

      Antwort
  9. handvolldackel

    Ich reihe mich ein bisschen spät noch bei denen ein, die deine Geschichte für wahr halten – das ist so absurd, dass es wahr sein muss. Um’s wie Egon Erwin Kisch zu sagen: Nichts ist aufregender als die Wahrheit.

    Antwort
  10. ulrisco

    Ich habe so laut gelacht. dass ich mich gleich darauf ein bisschen geschämt habe – schließlich ist es eine Beerdigungsgeschichte. Dein schwarzer Humor ist eine wahre Freude und ich hätte „stimmt“ angeklickt, wenn auch zögernd. Schreib bloß weiter so! 🙂

    Antwort
  11. Pingback: Ein Blick hinter die Kulissen ODER Reaktion auf den Best Blog Award | Neues aus Norwegen!

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