Einweihungsfeier oder Die Tochter von Hulk

Manche Dinge passieren nur mir. Ja, wirklich! Es gibt Menschen, die schneiden sich in einem unachtsamen Moment mit einem Messer – beim Zwiebelnschneiden zum Beispiel. Andere schneiden sich vielleicht im Büro an einem Stück Papier, was auch sehr schmerzhaft sein kann. Ich hingegen schneide mir an einer berstenden Glasflasche gleich den Daumen halb ab und, um noch eins draufzusetzen: ausgerechnet an dem Tag, als Luigis Verwandtschaft in der Traumwohnung anrückt, um die Ergebnisse der Renovierung in Augenschein zu nehmen.

„Will jemand Wasser?“, fragte ich in die Runde und freute mich, dass zwölf Personen in unserer von Fensterscheibenzitronenfrische und Fußbdenreingerlavendelduft durchzogenen Wohnung glatt vergessen machten, dass uns noch zahlreiche Möbelstücke fehlen. Der ausgezogene Esszimmertisch mit sechs Stühlen wirkte allein schon wesentlich gemütlicher als im üblichen Miniformat. Doch als die Stühlen mit rundlichen Tanten, Kuchen essenden Onkels und sich neugierig umsehenden Cousinen besetzt waren, kam auch endlich echte Esszimmerathmosphäre auf. Aus dem Wohnzimmer hingegen klangen neben Wieherlauten und Galoppsprüngen auch das aufgeregte Kreischen kleiner Cousinen, die mit Gina „Zirkus“ spielten. Mal ganz abzusehen von den hysterisch mahnenden Stimmen ihrer Eltern, die ihre Kinder vor Kratzern bewahren wollten. So viel Leben in der Bude war auch schon wieder gewöhnungsbedürftig. Das fand Gina ebenfalls und flüchtete zur allgemeinen Erheiterung ins Esszimmer und zwischen zwei Stühlen hindurch unter den Tisch.

Einigermaßen froh, in die Küche entkommen zu können, schnappe ich mir eine der dort voraussichtig bereit gestellten Wasserflaschen. Pasquale behauptete hartnäckig, dass Wasser in Plastikflaschen scheußlich schmecke. Also waren wir für das große Ereignis auf Glasflaschen umgeschwenkt. „Mhm, Corri, das ist ein fantastischer Kuchen!“, rief mir Onkel Nuccio noch nach, während er nach dem zweiten Stück langte. Ich grinste innerlich, denn die Kuchenfrage war ein Heimspiel gewesen. Der Nusskuchen nach Uromas Rezept ist ein Knüller und mit Buttercreme aufgewertet, schmeckt er nochmal so gut. „Ja, Complimenti!“, ergänzte Onkel Pippo und, weil ich ihn durch die Tür anlächelte, während ich den Flaschenöffner ansetzte, konnte ich nicht sehen, wie das Glas unter meiner linken Hand, die den Falschenhals umschloss, plötzlich nachgab. Sehen nicht, aber fühlen.

Ein Schmerz durchzuckte meinen linken Daumen, so dass sich meine Hand ruckartig vom Flaschenhals löste. Während ich mich noch zur Arbeitsplatte umdrehte, sah ich bereits Blutstropfen durch die Küche fliegen. Auch auf der Arbeitsfläche stachen sie unschön vom hellen Holz ab. „Scheiße!“ rief ich (oder etwas Ähnliches). Und sprang zur Seite, um den Daumen über die Spüle zu halten und nach einem Küchentuch zu greifen. „Ist was passiert?“, hörte ich Luigi fragen und dann sagte er: „Oh, Gott! Was ist passiert! Hier ist überall Blut.“ Ein Blick auf die kaputte Flasche, unter deren Verschluss noch immer der Flaschenöffner eingeklemmt war, während der Hals schief auf der Flasche hing, erklärte ihm die Lage.

Unsere Küche befindet sich in einem Raum, den die Vorbesitzer unserer Wohnunge als Rumpelkammer genutzt hatten. Dementsprechend groß ist sie. Während also Luigi blass geworden mit einem Lappen die Flecken von den Hängeschränken abzurubbeln begann, versuchte ein verschrecktes Knäule Verwandter durch die schmale Tür in die Küche zu gelangen und fragte, was passiert sei. Luigs Mama gelang es, sich bis zu mir durchzuschieben. „Zeig mal her!“, ordnete sie an und griff sich meinen Daumen. Vorsichtig löste sie meinen Klammergriff um das Küchentuch, dass bereits dunkelrot geworden war. Wir sahen keinen Schnitt – nur quellendes Blut. „Wie ist das denn passiert?“ Ich erklärte es ihr, denn Luigi hatte sich des Korpus Delikti bereits angenommen und die Flascheneinzelteile in die Spüle gehoben.

„Ihr müsst zur Notaufnahme!“ Maria wickelte noch zwei Küchentücher um meinen Daumen und schob mich der Tür und Luigis zurückweichenden Verwandten entgegen. „Fest zudrücken!“ Ich war bereits geistig aus dem Geschehen ausgestiegen und wunderte mich nur, dass es gar nicht weh tat. „Ess mal lieber ein Stück Kuchen!“, riet Tante Anna von der hintersten Tischecke pragmatisch und löffelte die zuammengekrazten Tortenkrümel auf ihren Teller. „Wer weiß, wie lange ihr in der Notaufnahme warten müsste.“ „Ich habe keinen Hunger.“, entgegne ich. Luigi half mir in die Jacke. „Wir sind gleich wieder da.“

Tatsächlich haben wir unsere Wohnung strategisch günstig gekauft. Das Krankenhaus ist gleich um die Ecke. So standen wir nach fünf Minuten bereits in der Notaufnahme. „Tut mir leid, ihr müsst warten. Die Ärzte sind gerade alle in Ops.“, entschuldigte sich eine nervöse Schwester, die ein wenig System in unseren Pulk aus Eltern mit einem weinenden Kind, einem humpelnden Bauarbeiter in Begleitung, Luigi, meinem Daumen und mir zu bringen suchte. „Ich habe mich an einer Glasflasche geschnitten.“, gab ich als Daseinsgrund in der Notaufnahme an und wollte die Küchentücher lösen. „Nein, drauflassen und weiter fest drücken!“, unterbrach sie sogleich meinen Versuch und kommandierte: „Da hinten platznehmen!“, während sie auf ein Bänkchen in den tiefen des Korridors wies. Das weinende Kind wurde mit seinen Eltern in ein Zimmer gebeten, wo es gleich darauf mörderisch zu schreien begann. Ich fühlte mein Herz im Daumen pochen und mir wurde leicht übel. „Alles in Ordnung.“, sagte ich jedoch gleich darauf zu Luigi, der mich merkwürdig ansah. „Das ist eines der besten Krankenhäuser der Gegend.“, raunt er mir beruhigend zu. „Aha.“, entgegnete ich mit Blick auf einen ehemals in der Wandfarbe mintgrün gestrichenen Heizkörper, der an allen vorstehenden Kanten merklich Farbe eingebüßt hatte. „Ich glaube, die Finger sind nur besonders gut durchblutet. Es dauert ein bisschen länger, bis es trocknet.“, tröste ich mich selbst und hoffe, das ich recht behalten würde. Ausgerechnet mir musste das wieder passieren! Und ausgerechnet an diesem Tag! Offensichtlich wohnte meinem ganzen Wesen ein gewisser Sin für Dramatik inne. Diese Einweihnungsfeier würde niemand so schnell vergessen und das läge sicherlich nicht am hervorragenden Nusskuchen. „Zimmer 1!“, schnarrte da plötzlich die Schwester neben mir. Ich hatte sie gar nicht kommen hören.

„Aaah, an einer Glasflasche geschnitten!“, sagte einer von vier Weißkitteln, die in Zimmer 1 herumstanden, gedehnt. „Wie ist das dann passiert.“ Wieder erzählte ich die Glasflaschengeschichte. „Ha, ha!“, amüsierte sich mein Verarzter. „Wer bist du denn? Die Tochter von Hulk?“ Ich hatte keine Zeit mir zu überlegen, ob ich lachen oder etwas antworten sollte. „Mal bitte hinlegen und die Hand hier rauf!“ Er zeigte auf eine Pritsche und einen kleinen Karren. Als ich lag, übergoß er die Küchentücher mit Flüssigkeit und löste sie vom Daumen. „Also das machen wir mal sauber und dann zwei, drei Punkte … .“ (Damit meinte er „Stiche“, wie ich später erfuhr)… „Das dürfte genügen.“ Die anderen drei Herren hatten sich inzwischen ausgequatscht. Einer von ihnen trat zu uns und sah interessiert auf meine Hand: „… Pflaster“, hörte ich ihn sagen. Den Rest verstand ich leider nicht. Außerdem brannte es gerade fürchterlich und roch leicht beißend. Ich nahm an, dass die Wunde desinfiziert wurde und entschloss mich, auch weiterhin nicht hinzusehen.

Als sie fertig waren, hatten sie meinen Daumen im wahrsten Sinne des Wortes zugepflastert. „Einmal am Tag desinfizieren und immer wieder neu verbinden. Die Pflaster mindestens eine Woche drauflassen und nicht unter Wasser halten. Dann einem Arzt vorstellen.“ „Si.“ antwortete ich und hoffte, dass ich alles richtig verstanden hatte. „Das heißt ‚Jawoll‘!“, entgegnete er mir da breit grinsend, während er das Pflaster mit einer Binde umwand. „Sagt man so nicht auf Deutsch?“ Die anderen Drei lachten. „Ist ein bisschen militaristisch, aber ja.“ gab ich zurück und wunderte mich, wo ich das Wort ‚militaristisch‘ aufgeschnappt hatte. „Be!“, hörte ich es hinter meinem Rücken. „Eine Deutsche. Dann ist das mit der Flasche kein Wunder. Die sind alle stark. Das sieht man doch schon an Angelina.“ Bevor ich noch den intelektuellen Weg aus der Notaufnahme zur Politik und Angela Merkel schlagen konnte, um ihnen etwas zu entgegnen, hatten sie mir schon meine Jacke in den Arm gelegt und mich schon zur Tür hinausgeschoben. Vier Scherzbolden auf einmal war ich einfach noch nicht gewachsen. Mit einem zu impostanter Größe gewickelten, Mitleid heischendem Daumen traten wir den Heimweg an.

Obwohl nur etwas mehr als eine Stunde vergangen war, hatten Maria und Pasquale bereits zweimal angerufen, um zu erfahren, was in der Notaufnahme passierte. Wie es sich für eine gute italienische „Mamma“ gehörte und um sich zu beruhigen, hatte Maria sowohl die Blutspuren als auch alle geschirrmäßigen Hinterlassenschaften beseitigt, die Tischdecke von Kuchenkrümeln befreit und die Verwandt schaft hinausbegleitet. Vielleicht hatte sie sogar ausgefegt und den Teppich gesaugt. Gina lag jedenfalls wie tot auf einem der gradlinig ausgericheten Stühle unter dem Tisch und kam auch nicht vor, als Maria und Pasquale sich verabschiedeten. Zum Glück war das Malheur erst passiert, nachdem die Wohnung besichtigt und der Kuchen gegessen worden war. So konnte die Einweihungsfeier trotz ihres abrupten Endes als „gehalten“ gelten und würde sich vermutlich in die Liste der Familienlegenden einreihen.

Auf jeden Fall galt für dieses Spektakel: Daumen hoch! – selbst wenn er lädiert war.

11 Gedanken zu „Einweihungsfeier oder Die Tochter von Hulk

  1. Emily

    Du wolltest im Mittelpunkt stehen! Gebe es zu 😉 Nein, im Ernst, ich habe geschwitzt bei dem, was du geschrieben hast. Und du bist dauernd bei Bewußtsein geblieben? Sehr tapfer! Diese Geschichte wird sicher noch einige Male erzählt werden, glaube mir! Gute Besserung und paß‘ auf dich auf!
    Die Emily 🙂

    Antwort
  2. ulrisco

    Was machst du denn für Sachen???? Gute Besserung oder gutes Zuwachsen oder was man bei Schnittwunden auch immer wünscht…….

    Antwort
  3. frauhilde

    Arme Corinna!
    Ich drück dir die … oh, das war jetzt ein bisschen … ähm … Ich drück dir die Zeigefinger, dass der Daumen bald wieder heile ist!! *pust* Gute Besserung.
    Freut mich, dass Kuchen und Wohnung gut ankamen. Nur die arme Gina dürfte von Kinderbesuch für die nächsten fünfzehn, zwanzig Jahre genug haben. 😉

    Antwort
  4. Maria Vico Bandiera

    Endlich ist die Neugierde befriedigt! Als Teutonin hast du wenigstens nicht die Italiener in ihren Ansichten über Deutsche enttäuscht. Doch irgendwie wäre ich als Deutsche auch gerne mal italienisch fragile, gepaart mit eleganter Schwäche…
    Sicher könnte man so besser bei solchen Gelegenheiten filmreif in Ohnmacht fallen.
    Frau kann eben nicht alles haben. Da die Italiener so gerne reden und bei jeder Erzählung immer noch eine Kleinigkeit draufsetzen, wäre interessant zu wissen, wie diese Story in einem Jahr erzählt wird.
    Hältst du uns auf dem Laufenden?
    Jetzt erstmal presto, presto… werde schnell gesund, damit wir weiter deine Geschichten lesen können und lasse Luigi brav den Haushalt schmeißen, du kannst ja jetzt nicht, oder 😉

    Antwort
  5. Corinna Autor

    *hihi* Die Haushaltsfrage haben wir in den letzten zwei Wochen sehr zu meinen Gunsten gelöst. Es ist auch schön, wenn man vom Liebsten die Haare gewaschen bekommt. Aber schöner ist es noch, wenn man wieder richtig tippen kann, ohne mit dickem Daumen immer mehrere Tasten zu treffen. Bin inzwischen nur mit Pflaster unterwegs.

    Antwort
  6. phialoid

    Ach Corinnalein, was machst du nur für Sachen? Gott sei Dank, ist der Daumen noch dran und tippen kannst du wohl auch schon wieder. 🙂 Gute Besserung wünsch ich dir.

    Antwort
  7. janavar

    Oje oje! Was dir alles passiert. Ich hoffe, inzwischen hast du deinen Schreck überwunden und dass es deinem Daumen schon wieder besser geht!!! Und: Plasteflaschen sind eben doch besser, egal wie das Wasser aus ihnen schmeckt …

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s