Grüße vom Ordungshüter

Der gemeine Süditaliener ist ein gemütlicher Mensch von überwiegend sonnigem Gemüt und großer Herzensgüte. Doch sobald er in ein Fahrzeug einsteigt und den Motor anlässt, verwandelt er sich in einen respektlosen Egomanen, der die Straße für sich gepachtet zu haben scheint.

Als nicht-Süditaliener bleibt einem nichts anderes übrig, als ebenfalls alle Verkehrsregeln zu vergessen und statt dessen die Urinstinkte zu aktivieren. Dabei muss man gewissermaßen ständig vorausahnen, wie sich der motorsierte Mititaliener in den nächsten Sekunden verhalten wird. Das erfordert natürlich ein wenig Übung und vor allem führt es dazu, dass man in den ersten Wochen im Verkehrsgetümmel tausend Tode stirbt, bevor ein gewisser Abnutzungseffekt eintritt.

Dann hat man gelernt, dass man eine einmal eroberte Fahrlinie unbedingt halten muss, weil man auch auf einer einspurigen, zu beiden Seiten zugeparkten Straße durchaus auf der linken oder wahlweise rechten Seite (beispielsweise von einem Moped) überholt werden kann; oftmals sogar zur gleichen Zeit.  Man lernt auch, dass, obwohl der Süditaliener gern schneller fährt, als die Verkehrsschilder erlauben, man darauf achten muss, keinen Auffahrunfall zu verursachen, wenn auf einer 80er-Strecke plötzlich jemand nur 60 fährt, weil er mit beiden Händen heftig gestikulierend seiner Beifahrerin Gott-und-die-Welt erklärt oder ein mehrstündiges, wichtiges Telefongespräch führt und sein Fahrzeug daher nur einhändig führen kann. Man lernt auch, dass die vorgeschriebene Richtung in Einbahnstraßen, Stopschilder, die Vorfahrt im Kreisverkehr oder die Rechts- bzw. Linksabbiegerspur an Ampeln sehr relativ sind.

Dieser Zustand geistiger Umnachtung endet erst, wenn der Süditaliener sein Fahrzeug verlässt. Bevor er das tut, parkt er es jedoch gern in zweiter Reihe, oder zwängt sich nur mit der Motorhaube in eine zu enge Parklücke, so dass der fließende Verkehr das Heck umschiffen muss. Er parkt so dicht an Einmündungen, dass einmünden wollende Fahrzeuge die Hauptstraße erst einsehen können, wenn sie schon zur Hälfte auf ihr sind. Er parkt Fußwege und Kreisverkehre zu und parkt auch auf Fußgängerüberwegen. Er parkt auf Busaltestellen und Behindertenparkplätzen. Männer stellen ihre Autos auf den neu eingeführten und rosafarben umrandeten Schwangerenparkplätzen ab, obwohl man fast sicher sein kann, dass ihr Bauch aus anderen Gründen einen größeren Umfang besitzt. Und nicht zuletzt parkt der italienische Motorzombie auch vor Garagen, die mit einem Parkverbotsschild und dem Zusatz „Einfahrt“ (passo carabile) als freizuhaltend gekennzeichnet sind.

Wo, frage ich mich täglich, sind nur die ganzen Polizisten, wenn so etwas passiert? Der italienische Staat ist in akkuten Geldnöten und muss sparen. Da würde ich schon ansetzen und die Ordnungshüter auf Erfolgsbasis arbeiten lassen. Sie könnten ihren Monatslohn locker mit Strafzetteln verdienen, indem sie den ganzen Tag nur auf einer Straße auf- und abgingen oder sich nur an einer Ecke postierten.

Gestern nun habe ich zum ersten Mal in über zwei Jahren erlebt, dass der Arm des Gesetzes tatsächlich ein missachtetes Parkverbot geahndet haben. Als ich am späten Abend nach Hause kam, sah ich schon von Weitem blaues Licht vor unserem Haus durch die Nacht blinken. Eigentlich glaubte ich, dass es sich um eine Ambulanz handele, weil das durchschnittliche Alter in unserem Palazzo deutlich über 60 liegt. Doch tatsächlich versperrte ein Polizeiwagen die Straße, während ein Abschleppwagen einen kleinen Renault aus einer freizuhaltenden Einfahrt auf die Ladefläche zog. Den Besitzer des Autos grüßte dann eine Kreidinschrift, die auch heute Morgen noch zu lesen war und besagte, dass der Inhaber sein Fahrzeug auf der Wache der Carabinieri abholen könne.

Also wenn, dann richtig.

Renault

6 Gedanken zu „Grüße vom Ordungshüter

  1. Gitti

    Es passieren immer noch „Wunder“ oder war es die Garage eines Polizisten oder seiner Familie? Mit Politessen und anderen Ordnungshütern sind wir in Brandenburg gut aufgestellt. Wenn es ums Geldeintreiben geht, sind hier diese Beträge fest eingeplant und die Orte rechnen diese als Einnahmen. Es kommen große Summen zusammen. Seid froh, dass es sich noch nicht bis zu euch da unten herumgesprochen hat. Es ist teilweise schon nicht mehr zu begreifen. Was die Fahrweisen betrifft, ist es hier noch etwas besser; nur in der Nähe von Ärztehäusern und Einkaufstempeln ist es ähnlich. Was soll’s da müssen wir durch.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ja, möglich, dass es sich um die Familie handelte, die vieleicht nicht in ihre Garage konnte. Es war jedenfalls eine unerwartete Demonstration von Ordnungsgewalt.

      Antwort
  2. frauhilde

    Ich musste gerade so lachen! Wusste nicht, dass dieses Klischee mit den Autos tatsächlich zutrifft. 😀
    Und der Vermerk auf der Straße ist großartig! (Gut, dass da nur einer falsch parkte; ich stelle mir gerade vor, wie die ganze Straße malerisch bekritzelt ist …)

    Antwort
    1. Corinna Autor

      *lol* Ja, eine witzige Vorstellung! Schön, dass Du wieder Zeit dafür hast, meinen (und andere Blogs) zu lesen. Ich freu‘ mich. 🙂

      Antwort
  3. Friederike

    ach, ich liebe es in Süditalien Auto zu fahren, überhaupt als Ausländerin, kein Scherz, am besten fand ich´s in Kalabrien, das etwas rasante Fahren, Parken in 2. Spur, kaum Blinken auf der Autobahn, man könnte das mit Freiheit verwechseln, auf Dauer aber furchtbar anstrengend und gefährlich…

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s