Zeit, sich zu erinnern

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Gedenkstein für die Gefallenen der Marine, dahinter die Bögen eines Aquädukts

Wer durch den Stadtteil Japigia nach Bari kommt (von der SS 16 Ausfahrt 14, 14B und 15), dem fällt zweifellos auch ein großer mit einer weißen Sandsteinmauer umgebener Park ins Auge. Mir jedenfalls ging es schon seit Jahren so vor allem, weil ich mich wunderte, was zwei aquäduktähnliche Gebilde in einem Park so mitten im Nirgendwo von Bari machen. Schon vor längerer Zeit hatte ich mir von Luigi erklären lassen, dass es sich um keinen einfachen Park sondern um eine Gedenkstätte für im Ausland gefallene italienische Soldaten (namentlich den „Sacrario dei caduti d’oltremare“) handele.

Ach, diese Katholiken!

Kriege, Tote, Militär – so etwas stand eigentlich nicht auf meiner to-do-Liste. Doch am letzten Sonntag traf es sich, dass Tante Anna, welche regelmäßig die Kirche dieser Gedenkstätte frequentiert, weil sie ihrer Wohnung am nächsten liegt, dafür gesorgt hatte, dass ein Gottesdienst im Gedenken an unsere im letzten November so plötzlich verstorbene Tante Margherita abgehalten werden sollte. Das bedeutet konkret, dass man eine gefühlte Ewigkeit an Liedern, Weihrauch, Gebeten, noch mehr Weihrauch und sehr, sehr viel mehr Weihrauch über sich ergehen lassen muss, bevor kurz vor Ende der Messe an die „nicht mehr unter uns weilende Schwester“ erinnert wird. Na, was macht man nicht alles mit im Leben … Mir wurde auch nur ein klein wenig schlecht dabei.

sacrario 1Und ich hatte mich schon Tage vorher mit dem Gedanken getröstete, dass ich auf diese Art die Gelegenheit bekäme, ein Auge auf Italiens zweitgrößte Erinnerungsanlage für gefallene Soldaten zu werfen.

Erinnerungspark 

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Den gefallenen der Finanzwache

Tatsächlich handelte es sich zumindest bei der unteren Ebene dieser Gedenkstätte um die wohl grünste Grünfläche Baris: üppiger Rasen so weit das Auge reicht, eine Vielfalt an Palmen und anderen Bäumen, liebevoll bepflanzte Kübel, hier und da ein Bänkchen, Gedenksteine der einzelnen militärischen Disziplinen für ihre Gefallenen, altes Kriegsgerät, das langsam Rost ansetzt … bei sonnigen 18 Grad ließ es sich am Sonntagmorgen hier gut verweilen.

sacrario Altar

Das Heimatland den glorreichen in Übersee Gefallenen

Zwischen Schuld und Scham

Die zweite Ebene der Gedenkstätte mutet sehr feierlich, aber auch sehr pompös an. Fast hat man das Gefühl, es läge ein heiliger Zauber darüber, in einem Krieg sein Leben zu lassen, und es wäre nicht einfach nur eine menschliche Dummheit, sich ständig gegenseitig abzuschlachten. Man gelangt über eine enorme Treppe, die man sicherlich gewollt, wie zu einem Altar hinaufsteigen muss, dann tatsächlich zu einem kleinen Altar. Er befindet sich inmitten einer ihn umgebenen offenen Halle. Hinter ihm steht eine vierteilige Säule mit vier Kreuzen, die die vier Himmelsrichtungen symbolisieren sollen, in welche es italienische Soldaten verschlagen hatte. Dort wird zu besonderen Gelegenheiten, wie dem 4. November, dem italienischen Nationalfeiertag, eine Messe abgehalten, zu der sich auch gern wichtige Staatsmänner einfinden.

sacrario 5In der Säulenhalle um den schlichten Altar herum hat man die Gebeine der Gefallenen eingelagert und die Wände mit Bronzeplatten versehen, in denen die Namen der Soldaten eingraviert sind. Insgesamt befinden sich Reste von über 75.000 Menschen in dieser Gedenkstätte. Unter ihnen sind hauptsächlich im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten. Doch nicht einmal die Hälfte von ihnen konnten identifiziert werden. Zuletzt wurden die Gebeine derer, die in deutschen Konzentrationslagern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gefunden wurden, hier zur letzten Ruhe gebettet. Als jemand, der in unmittelbarer Nachbarschaft von Sachsenhausen aufgewachsen ist, kann einem da schon etwas mulmig werden. Ich jedenfalls zog mir meine Mütze noch etwas weiter über mein blondes Haar und war froh, dass wir auf der zweiten Ebene allein waren.

Sonntags Führungen

Sacrario Friedensglocke

Jeden Abend läutet die Glocke im Gedenken an die Opfer.

Wer sich für die vielfältige Symbolik der Gedenkstätte interessiert, dem sei die sonntägliche Führung um 10 Uhr empfohlen. Von einem kundigen Mitarbeiter des kleinen historischen Museums, das zum Park gehört, erfährt man dann beispielsweise auch, dass die Bögen der Aquädukte zur rechten und linken Hand der Gedenkstätte verschiedene wichtige Schlachten symbolisieren. Ich jedenfalls habe jetzt auf dem täglichen Weg in die Stadt eine Frage weniger.

8 Gedanken zu „Zeit, sich zu erinnern

  1. Gitti

    Gedenkstätten müssen sein. Wo sollten die Hinterbliebenen trauern? Keine Frage aller Pomp und alles würde nicht benötigt werden, wenn Menschen menschlicher wären. Nicht nur die Geschichte, wie auch die Gegenwart zeigt, es ist ein weiter Weg bis zur Erfüllung dieses Wunsches. Totensonntag ist ein winziger Schritt, um die Verstorbenen zu ehren. Mich beeindrucken solche Stätten sehr und trotzdem meide ich sie. Noch habe ich auch nichts zu betrauern, wozu ich Öffentlichkeit benötigen würde. Gut, dass nach dem Totensonntag die Adventszeit kommt, diese liebe ich sehr und nutze sie dazu allen kleine Freuden zu machen, die mir nahe sind. Viele schöne Tage in dieser Zeit für dich wünsche ich Dir und allen die dieses vielleicht lesen.

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  2. notiznagel

    Über Gedenkstätten denke ich wie Gitti.
    Vor Jahren besuchte ich das Memorial d’Alsace in Schirmeck und bin noch heute davon beeindruckt.

    Antwort
  3. frauhilde

    Ich sehe das auch so wie Gitti; wobei ich Gedenkstätten nicht meide, weil ich finde, dass es manchmal ein paar Momente des Nachdenkens/ Innehaltens braucht.

    Antwort
  4. kowkla123

    natürlich ist es so, du hast Recht, aber ich mag es so, vielleicht findest du aber auch etwas Gutes da, ist trotzdem mit Liebe gemacht, sei gegrüßt, Klaus

    Antwort

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