Auf dem Weg nach Altamura – Ein sehenswerter Krater und ein Skelett von Weltbedeutung

Von Hirten und Brot

HütteAltamura, eine kleine Stadt im südlichen Hinterland von Bari, ist vor allem für sein Brot bekannt. „Pane di Altamura“ steht hier für eine knusprige Kruste, ein weiches Innenleben und lange Haltbarkeit. Das war in früherer Zeit besonders für die Hirten wichtig, die ihr Brot mit auf die Weiden nahmen. Relikte aus dieser Zeit sieht man hier und da noch am Wegesrand oder mitten auf den Feldern in Form von halb verfallenen Kuppelbauten, den typischen Hirtenunterkünften, stehen.

Hirtenunterkunft 2

Hirtenunterkunft am Wegesrand irgendwo bei Altamura

Aus zahlreichen, archäologisch bedeutenden Funden weiß man, dass das Gebiet schon seit der Bronzezeit besiedelt ist. Eine besondere Attraktion stellt das Skelett des „Mannes von Altamura“ dar. Deshalb wollten wir am ersten Maiwochenende nicht nur zum Mittelalterfest „Federicus“ fahren, sondern uns auch das Besucherzentrum unweit der Fundhöhle namens „Grotta di Lamalunga“ nicht entgehen lassen.

Der „Pulo“ von Altamura

Pulo 5Das Besucherzentrum kann man nicht verfehlen, wenn man vorher eine zweite Attraktion des Gebietes aufsucht, nämlich „Pulo di Altamura“ – einen Krater mitten im Nirgendwo, der sich gebildet hat, weil der Kalk aus dem karstigen Gestein über die Jahrtausende ausgewaschen wurde und die so entstandenen Höhlen immer wieder einstürzten. In früheren Zeiten trieben die Hirten gern ihre Herden dorthin, weil es dort immer etwas kühler und feuchter ist. Man sieht auch in den abfallenden Felswänden noch, dass sich dort natürliche Höhlen befinden, die einst Unterkunft und Schutz boten. Schon beeindruckend, wie abwechslungsreich Apuliens Landschaft auch durch solche Phänomene geworden ist. Wenn man aus Richtung Bari auf der Staatsstraße nach Altamura fährt, ist Pulo ab dem Bahnübergang nach Gioia del Colle ausgeschildert. Von dem unwichtig anmutenden Sandweg sollte man sich nicht irritieren lassen.

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Pulo3 Pulo 2

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Der Mann von Altamura und die Höhle von Lamalunga

Besucherzentrum

Besucherzentrum „Grotta di Lamalunga“

Doch zurück zur „Grotta di Lamalunga“. Im Jahr 1993 beschloss ein kleines Forscherteam in einen Schlund zu steigen, der sich in einem ehemaligen, karstigen Flusstal etwa drei Kilometer vor Altamura auf einem Feld auftat. Nachdem sie sich hindurchgezwängt hatten, trafen sie in etwa 8 Metern Tiefe auf ein kleines Höhlensystem. Nun gibt es aufgrund der geologischen Beschaffenheit des Bodens recht viele Höhlen hier in Apulien, aber was sie in dieser fanden, ist bisher einmalig. Auf dem Boden lagen nicht nur zahlreiche Tierknochen herum, die zum Beispiel zeigen, dass hier dereinst Hirsche von bis zu 4 Metern Größe lebten, sondern ein paar Wochen nach ihrem ersten Höhlenbesuch trafen die Forscher auch auf das Skelett des „Mannes von Altamura“. Es handelt sich dabei um das am besten erhaltene Skelett, das von einem ca. 100.000 Jahre alten Menschen jemals gefunden wurde.

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Der Touristenführer erklärt einige in der Grotte gefundene Fossilien

Für 2,50 Euro Eintritt erklärte uns der Leiter der Einrichtung, einer der drei Entdecker des Skeletts, im Besucherzentrum anhand von Schautafeln und zwei Videos, was die Höhle und auch den Fund so besonders machen. Dabei legte sich sehr schnell meine anfängliche Enttäuschung darüber, dass man die Grotte als Tourist gar nicht betreten kann. Die Zugänge zu den einzelnen Höhlenabteilungen sind nämlich klaustrophobisch eng. Die Knochen lassen sich größtenteils nicht aus der Höhlen entfernen, da sie mit Tropfsteinen überwuchert sind, d.h. man muss sich dort auch ungemein vorsichtig bewegen, um die Jahrtausende alten Überreste nicht zu zerstören.

Eintrittskarte Mann von Altamura 001Die Abgeschlossenheit und das spezielle Mikroklima der Höhle haben jedoch für eine besonders gute Konservierung auch des Skeletts des „Mannes von Altamura“ gesorgt, so dass man in seinem Schädel sogar noch die papierdünne Knochen in den Augenhöhlen und die Nasenscheidewand vorfindet, die sich bei anderen Funden auf der Welt nicht erhalten haben. Bisher ist es jedoch nicht möglich die in die Tropfsteine eingewachsenen Knochen aus der Höhle zu entfernen. Dadurch würde man sie unweigerlich zerstören. Für Forscher bedeutet das, dass sie sich nur vor Ort mit den Objekten beschäftigen können.

Vom tragischen Ableben eines Präneandertalers

Tierschädelfunde aus der Höhle

Tierschädelfunde aus der Höhle

Wie gelangte der Mann nun dereinst in diese Höhle? Vermutlich erging es ihm wie den zahlreichen Tieren, die ihr Ende in der „Grotta di Lamalunga“ gefunden haben. Möglicherweise war er auf der Jagd und hat den Eingangsschlund nicht rechtzeitig gesehen. Der Sturz in die Tiefe muss ihn entweder direkt getötet oder zumindest so verletzt haben, dass er die Höhle aus eigener Kraft nicht verlassen konnte. Den Rest übernahmen der Kalk, das Wasser und die Zeit.

Die Begeisterung des Forschers für sein Lieblingsobjekt ist direkt ansteckend und der zweite Videofilm, mit dessen Hilfe man in 3D in die Höhle eintauchen kann, ließen uns nach gut 45 Minuten das Besucherzentrum mit dem Gefühl verlassen, dass wir den Geheimnissen Apuliens ein gutes Stück näher gekommen sind, obwohl wir eigentlich nur in einem gemütlichen Häuschen gewesen waren.

8 Gedanken zu „Auf dem Weg nach Altamura – Ein sehenswerter Krater und ein Skelett von Weltbedeutung

  1. Gitti

    Sehr interressant und immer wieder erstaunlich , wenn solche Funde für die Wissenschaft gemacht werden. Gut das ihr daran teilhaben konntet. Danke für das weitergegebene Wissen.

    Antwort
  2. Friederike

    schöner Bericht!
    ich finde es gut, dass die menschlichen Überreste des Mannes dort bleiben können, wo er sein Ende gefunden hat, besonders wo sie in der Höhle so gut konserviert sind. Man muss nicht alles haben und in einem Museum verstauben lassen…
    lg

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Damit hast Du im Grunde recht! Wir waren ja auch am Ende mit den Filmen und der Erklärung zufrieden. Ich habe gelesen, dass es ein Projekt gibt, diese Höhle als „Schauhöhle“ nachzubauen. Das finde ich eine interessante Alternative.

      Antwort
  3. janavar

    Du kletterst aber auch offenbar gerne in Höhlen herum, liebe Corinna! Dass die Knochen dort noch sind, finde ich sehr spannend. So etwas würde ich auch gerne sehen.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ja, das stimmt schon, aber bei zwielichtigen Gestalten, die mir durch irgendwelche Höhlen folgen, würde sich meine Abenteuerlust schlagartig in Angst verwandeln. 😉

      Antwort
  4. Iris Bichlmaier

    Ein sehr interessanter und schön geschriebener Beitrag, Danke Corinna! Auch für die schönen fortos

    Antwort

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