Kurioses aus dem Krankenhaus III – Gratisbrötchen

„Ich will meine Mama!“ raunte mir meine Zimmerkollegin nachts um drei über das Babybettchen ihres Sohnes hinweg zu, während ihre Schwiegermutter mit dem Zwillingsmädchen zum Säubern im Bad verschwunden war. Schwiegermama machte freiwillig Nachtschicht auf einem ungemütlichen Krankenhausstuhl, damit sich ihre Schwiegertochter nach dem Kaiserschnitt besser ausruhen konnte.

Wie jetzt? Nachtschicht der Verwandten im Krankenhaus? – Ja, das italienische Krankensystem ist gelinde gesagt „gewöhnungsbedürftig“. Man prahlt sich damit, dass die Grundversorgung der kranken italienischen Bürger gratis ist, aber de facto funktioniert es wie folgt: Man stelle sich vor, man brauche Brötchen und ginge zum Bäcker. Die Brötchen vom Vortag sind gratis, falls es noch welche gibt. Die von heute muss man bezahlen, sie werden schneller über die Theke gereicht, sind weicher und schmecken auch besser. … und falls man optimal versorgt werden will, schickt man am besten einen Verwandten hin, der sie einem bäckt, denn wer weiß, wann der Bäcker eigentlich Zeit hat, sich darum zu kümmern. Also zusammengefasst: Brötchen gratis, ja. Aber wann und in welcher Qualität ist ungewiss. Unter Umständen ist man eher verhungert, als man seine Brötchen bekommt.

Daher ist es im italienischen Krankenhaus angeraten, robuster und selbständiger Natur zu sein oder seine Verwandtschaft Tag und Nacht zur Bedienung um sich zu scharren, denn Krankenschwestern sind scheinbar chronisch nicht verfügbar. Meine Bettnachbarin wurde denn auch in der ersten Nacht nach ihrem Kaiserschnitt von ihrer Mutter, in der zweiten von der Schwägerin und in der dritten von ihrer Schwiegermutter, welche sie offensichtlich nicht so gut leiden konnte, betreut.

Ich mochte alle drei gleichermaßen – aber nur am Tage, denn mir ist ein ausgesprochen archaisches Revierverhalten eigen und allein die Vorstellung, eine fremde Person sitze nachts wach in meinem Zimmer, während ich ihr hilflos schlafend ausgeliefert bin, lässt mich kein Auge schließen. Erst in der dritten – der Schwiegermutternacht – bin ich trotz alledem in einen komatösen Schlaf gefallen und nur einmal aufgewacht, als das Zwillingsmädchen wegen einer vollen Windel weinte.

Bei alle dem und noch anderen Unannehmlichkeiten war ich direkt froh, dass Davide ruhig und friedlich zur Beobachtung auf der Säuglingsintensivstation schlummerte. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Und diese hat weniger mit medizinischen Dingen als vielmehr mit kalten Mittag- und Abendessen zu tun.

16 Gedanken zu „Kurioses aus dem Krankenhaus III – Gratisbrötchen

  1. kinder unlimited

    wundervoll beschrieben…..ich war auch gerade in deinem Krankenzimmer, tschuldige….bist aber Du Schuld !!

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  2. Gitti

    Krankenhaus nur ,wenn ich bewußtlos eingeliefert werde. Höchstens Tagesklinik , die ist mit meiner Erfahrung spätestens gegen 14 Uhr zu Ende und du kannst nach Hause. Das Kinderkriegen war auch zu meiner Zeit ein Kapitel für sich. Weshalb man 10 Tage nach der Entbindung erst nach Hause durfte ist mir damals auch nicht aufgegangen. Vor allem , weil wir die Kinder nur zum Stillen gebracht bekamen und wenn die Zeit um war wurden sie eingesammelt. Egal ob satt oder nicht.Besuch nach 16 Uhr und längstens 2 Stunden und nicht mehr als je Wöchnerin 2 Personen. Es war furchtbar.(einsam und langweilig)

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Boah, das tut mir ja jetzt noch leid! Allerdings wäre eine Einschränkung der Besuchspersonenzahl hier in Italien auch nett, aber vermutlich nicht durchsetzbar. 🙂

      Antwort
  3. wiltrud

    Also deiner Beschreibung nach hättest du durchaus auch in Deutschland in einem Krnkenhaus liegen können. Schade, dass du das Drum-Herum um die Geburt deines Sohnes derart negativ erinnerst. Es ist eines der schönsten Ereignisse im Leben einer Frau, die sich ihr Kind wünschte.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ich habe die ganze Zeit gedacht, das ist alles nur so konfus und merkwürdig, damit ich hinterher im Blog darüber schreiben kann. Im Grunde fühlte ich mich nicht wie in einem Krankenhaus, sondern wie in einem schlechten Hotel, das trotzdem überbucht war. 😉

      Antwort
      1. wiltrud

        eine Geburt ist ja schließlich auch keine Krankheit und sollte idealer Weise an einem freundlichen Ort und nicht in einem Krankenhaus stattfinden. Aber das geht natürlich leider nicht immer. Aber die Umstände, die du beschreibst sind so auch durchaus in deutschen Krankenhäusern üblich. und eher ein allgemeiner Ausdruck maroder Gesundheitssysteme.

        Antwort
        1. Corinna Autor

          Du kennst Dich in deutschen Krankenhäusern besser aus als ich. Ich hatte eigentlich vorher überhaupt keine persönliche Krankenhauserfahrung als Patient (zum Glück). Meine Erfahrung als Besucher war aber immer so, dass z.B. auf die Besuchszeiten bei uns recht streng geachtet wurde… und da war nie ein Familienangehöriger als Krankenschwester da.

          So als Gebärende fühlte ich mich dort aber ziemlich sicher und gut aufgehoben. Nicht zuletzt, weil meine Gynäkologin auch in dem Krankenhaus arbeitet und zufällig Schicht hatte, als Davide sich entschlossen hat, meinen Bauch zu verlassen.

          Ja, aber ziemlich marode ist das System schon. Da hast Du völlig recht.

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  4. Beatrix Schlinkmann

    Was ist mit Davide? Beobachtung auf der Intensivstation und das in Apulien! Muss man sich Sorgen machen ?
    Berichte doch von deinem kleinen Schatz! Wie oft wacht er Nachts auf, trinkt er gut, kann er Gagge machen? Wirwwollen uns mit dir freuen oder auch zusammen leiden.
    Du bist eine taffe junge Frau und Ich kann nur sagen : alles wird gut. Dicken Kuss

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Du, darüber schreibe ich Dir lieber mal in einem ruhigen Moment eine etwas ausführlichere E-Mail. Ich glaube nicht, dass der Süße wollen würde, dass man auch noch in hundert Jahren im Internet nachlesen kann, ob er regelmäßig die Windeln voll gemacht hat. *lach*

      Auf jeden Fall brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Es ist bis auf ein wenig gelegentliches Bauchweh alles okay und Davide ein sehr pflegeleichtes, ruhiges Kind.

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  5. minibares

    Nee sowas!
    Da muss man selbst die Verwandten kommen lassen, damit überhaupt was läuft?
    Wie geht es eurem Davide?
    Das klingt nicht gut, mit der Intensivstation.
    deine Bärbel

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Es geht ihm sehr gut. Die Intensivstation bestand nur aus einer halben Stunde Sauerstoff gleich nach der Geburt und danach blieb er nur zur Beobachtung dort und vermutlich, weil da noch Kinderbettchen frei waren und das Krankenhaus mehr Geld für ein „intensiv betreutes“ Kind bekommt.

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