Kurioses aus dem Krankenhaus V – Koordinationsprobleme

Ärztliche Betreuung nach der Geburt 

„Machen die hier überhaupt keine Visite?“ fragte ich meine Zimmerkumpanin am Morgen unserer durch eine Krankenschwester angekündigte Entlassung verblüfft. „Müsste ich vor der Entlassung nicht noch einmal einen Arzt sehen oder kann ich einfach meinen Koffer nehmen, mein Kind holen und losgehen?“ In Italien hat eine Mutter nach der Geburt nämlich ein Anrecht auf 76 Stunden Verbleibs im Krankenhaus. Wozu, kann ich aus eigener Erfahrung nicht genau sagen.

Mein Sohn Davide befand sich die ganze Zeit zur Beobachtung auf der Säuglingsintensivstation, weil er bei der Geburt etwas Fruchtwasser in die Atemwege bekommen hatte. Ich vermute, sie fanden ihn – zurecht – niedlich und problemlos und haben ihn deswegen die ganze Zeit behalten. Oder es lag tatsächlich daran, dass das Krankenhaus für intensiv betreute Säuglinge mehr Geld vom Staat bekommt, wie meine Schwiegermutter vermutete. Man tat dort jedoch nichts weiter, als ihn aufzubewahren und zu füttern.

Wie auch immer, während ich also zu allen Besuchszeiten (um 6, 9, 12, 18 und 21 Uhr) zur Intensivstation pilgerte, um meinen Sohn zu sehen, zu halten, zu knuddeln und erste Stillversuche zu unternehmen, war nach Auskunft meiner Mitbewohnerin offensichtlich täglich ein Arzt in unser Krankenzimmer gekommen und hatte sich nicht die Mühe gemacht, nach mir zu fragen oder gar ein Stockwerk höher anrufen und mich holen zu lassen. So viel zur medizinischen Betreuung in den 76 Stunden nach der Geburt.

Die deutsche Phantompatientin

„Musst du mal die Krankenschwester fragen“, riet mir meine Mitbewohnerin also. Daher lief ich dieser sofort hinterher, um selbiges zu tun. Auf meine Frage, wann der Arzt vorbei käme, meinte die Schwester: „Wer sind Sie überhaupt? Und welches ist Ihr Zimmer?“ Pflichtschuldig machte ich Meldung. Ach, ja, sie hätte von mir gehört, ich wäre die Deutsche, aber nie da und so weiter… Wann der Arzt käme, das könne sie nicht wissen, denn die Ärzte kämen immer dann, wenn sie Zeit hätten, meistens zwischen 9 und 13 Uhr. Aha… Aber natürlich könne ich nicht einfach meine Sachen nehmen und losgehen. Aha… Am besten solle ich einfach nicht auf die Intensivstation gehen und in meinem Zimmer warten. Aha…

Zwischen Säuglingsintensivstation und kaltem Essen

Natürlich kam es gar nicht in Frage, mich nicht zur Davide zu flüchten. In unserem Zimmer befanden sich um diese Zeit schon wieder ein gefühltes Dutzend Verwandte meiner Zimmerkollegin (tatsächlich waren es nur vier, die jedoch Krach und Chaos für 12 machten) nebst eines monströsen, aber stylischen Zwillingskinderwagen, den der stolze Vater zwischen unsere Betten neben die Babybettchen geschoben hatte, und der somit den restlichen Raum ausfüllte. Außerdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch panische Angst, dass das Stillen nach der Fläschchenfütterung auf der Station überhaupt nicht mehr klappen würde, wenn ich es nicht regelmäßig versuchte.

Ich vereinbarte also mit meiner in der Niedlichkeit ihrer Zwillinge und deren Ausfahrgarnituren schwelgenden Zimmerkollegin, dass sie mich anrufen würde, sobald sich ein Arzt blicken ließe. Meine Knuddelzeit mit Davide von 9 bis 10 Uhr verstrich und zurück auf unserem Zimmer, drohte man uns an, dass wir noch einmal im Krankenhaus zu Mittag essen müssten, weil der Arzt keine Zeit für seinen Rundgang hätte.

Dieses Mal war ich jedoch schneller und sagte das Mittagessen sofort ab. Ich hatte keine Lust, an meinem letzten Tag noch einmal kalte Instantbrühe mit Nudeln aus einer eingeschrumpelten Assiette zu löffeln, denn das Mittagessen wurde immer zwischen 12 und 13 Uhr ausgeteilt, wenn die Säuglingsintensivstation wieder ihre Türen geöffnet hatte. (Das Abendessen gab es auch immer dann, wenn ich Davide besuchen war; noch einmal kalte Brühe.) Außerdem warteten zu Hause von Maria eigens für mich zubereitete „Bucatini al forno“ auf mich.

Effektivität im Krankenhaus

Als schließlich der diensthabende Arzt kurz vor zwölf seine Nase ins Zimmer steckte und fragte, wie es mir ginge, antwortete ich „gut“. Damit war die Visite erledigt. Um 13 Uhr gab es die Entlassungspapiere. Luigi kam. Wir holten Davide ab und fuhren nach Hause.

So endete mein erster, sehr unterhaltsamer Aufenthalt in einem italienischen Krankenhaus.

Und die Moral von der Geschichte?

Schleppt euch unbedingt zurück nach Deutschland, falls ihr einmal in Italien krank werden solltet!

9 Gedanken zu „Kurioses aus dem Krankenhaus V – Koordinationsprobleme

  1. Gitti

    Eine gute Reiseversicherung wird es hoffentlich tun. Mein großes Ziel „Nie im Urlaub krank werden“ hat bis heute immer funktioniert. Viel Durchhaltevermögen und noch mehr Gesundheit für dich und deine Familie.

    Antwort
  2. Friederike

    ah ja, ohne Untersuchung entlassen :-((
    Ich hab eine Rückholversicherung für Reisen, aber du wohnst dort und ich wünsche dir und den deinen so wie Gitti eine gute Gesundheit!
    lg

    Antwort
  3. anabca

    Oder man lässt sich einfach blitzschnell in eines der hervorragenden Krankenhäusern in der Demokratischen Unabhängigen Souveränen Volksrepublik Ajebatien einfliegen!

    Antwort
  4. minibares

    Liebe Corinna,
    kaltes Essen gibt es abends, ich war ja kürzlich im Schlaflabor.
    Das Mittagessen war immer schön heiß und appetitlich.
    Da hatte ich ein großes Einzelzimmer.
    Damals mit meiner Tochter, da war es ein Drei-Bett-Zimmer.
    Aber solche lauten Besuche hatten wir nicht.

    Ich habe mal bei einem Krankenhaus-Besuch erlebt, wir ein Türke jede Menge Besuch bekam.
    Da konnte man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen.
    Liebe Grüße Bärbel

    Antwort

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