Kirschen, Kirchen, Kerker und mehr – Zu Besuch in Turi

Turi Gasse 4

Altstadtstraße

Als ich Elena vorschlug, den versprochenen Cappuccino in ihrer Heimatstadt Turi zu trinken, war sie zunächst etwas erschrocken. Es gäbe nichts Besonderes in Turi, meinte sie, es sei denn, wir kämen im Juni, wenn das Kirschenfest stattfände. Aber hochschwanger auf einem italienischen Großereignis aufzukreuzen, erschien mir wenig sinnvoll. Also stimmte Elena schweren Herzens und unsicher ob des Reizes ihrer Heimatstadt zu. „Ach, lass‘ mal!“ wandte ich ein, „Wenn ich mit Turi fertig bin, dann sieht es aus, als wäre Turi der wichtigste Ort von ganz Apulien.“ Wir vertagten also unseren Cappuccino auf September.

Turi PercochiLetztes Wochenende war es dann so weit. Aber nach Turi! Die kleine Stadt mit etwa 13.000 Einwohnern liegt etwa zwanzig Autominuten südöstlich von Bari. Von der SS 100 in Richtung Casamassima aus ist es gut ausgeschildert. Tatsächlich steppt in Turi nur Anfang Juni zum Kirschenfest, der „Sagra della Ciliegia Ferrovia“ der Bär. Dabei handelt es sich um die Feier einer großen, süßen und tiefroten, ja fast schwarzen, Art von Kirschen, die nicht nur hier in Apulien sehr geschätzt werden. Daneben sind die Percochi von Turi ein „Must have“, wenn man die Stadt im Herbst besucht. Wir haben Glück und finden einen geschäftstüchtigen Mitmenschen, der die Ausbeute seines Gartens aus dem Kofferraum hinaus verkauft, und nehmen uns ein Kilo der großen, goldroten Pfirsichart mit ihrem frisch aromatischen Duft nach Spätsommer als Souvenir mit.

Doch zunächst treffen wir Elena auf einem zentral an der Altstadt gelegenen Parkplatz am „Lago Pozzi“ und frühstücken ganz italienisch mit einem Hörnchen und Cappuccino. Sie würde uns gern „La grotta di Sant‘ Oronzo“, einen Wallfahrtsort, der bereits im 16. Jahrhundert existierte zeigen, doch die darüber erbaute Kirche sei an Sonnabenden nicht geöffnete, berichtet sie uns. Schade! Aber so haben wir schon vor beginn unseres „nicht besonderen“ Altstadtrundgangs einen Grund gefunden ein zweites Mal in diese „nicht besondere“ Stadt zu kommen.

Turi Kerker

Im Hintergrund der Kerker von Turi. Großflächige Schilder weisen darauf hin, dass dieser nicht fotografiert werden darf.

Wir spazieren zunächst an der niedlichen Kirche „San Rocco“ (siehe erstes Foto) vorbei zum zentralen Park, in dem sich unter den Bäumen um einen Springbrunnen herum die Opas von Turi zu einem Schwätzchen auf Parkbänken zusammengefunden haben. Auf dem Spielplatz nebenan wimmelt es von Kindern. Doch wir steuern das Gebäude gleich neben dem Park an. Noch bevor wir es erreichen, nähert sich uns ein Turese, den ich in Deutschland wegen seines zum Zopf gebundenen, graumelierten, langen Haares und legerer Bioklamotten als Altachtundsechziger charakterisiert hätte. Ihn begleitet ein großer, schwarzer Hund. Der Typ zeigt auf das Gebäude vor uns und beginnt ungefragt aber desto leidenschaftlicher eine Erklärung: Vor uns läge der Kerker von Turi, ein bedeutendes Monument. Immerhin habe man hier in den dreißiger Jahren Antonio Gramsci eingesperrt. Ich muss wohl sehr unwissend dreingesehen haben, denn sofort setzt er hinzu, es handele sich um einen Partisanen und Kommunisten. Man könne sogar seine Zelle besichtigen, erzählt er weiter, aber es lohne sich kaum, denn seit sie frisch gestrichen wurde, sähe sie aus wie alle Zellen, nichts Besonderes mehr. Sein Hund zieht an der Leine und hält ihn von weiteren Ausführungen ab. Wir verabschieden uns, wie wir geplaudert haben; als wären wir gute Bekannte und hätten uns nach langer Zeit endlich einmal wiedergetroffen.

Turi balkonTuri religiös„Gibt es Postkarten von Turi?“ frage ich die Verkäuferin in einem nahegelegenen Zeitungskiosk. „Klar,“ entgegnet sie, aber ihr müsst in einer „Tabaccheria“, einem Zigarettenladen, danach fragen. Dort haben wir dann sogar eine Auswahl unter mindestens 6 verschiedenen Motiven. Die Kerkerzelle mag also nichts Besonderes mehr sein, aber immerhin ist der Ort so wichtig, dass er sich mehrere Postkartenmotive leistet.

IMG_2536Wir schlagen uns von Kerker über eine Kirche mit einem weithin sichtbaren Uhrenturm, dem Wahrzeichen von Turi nach rechts in die „città vecchia”. Sehr sympathisch, dass die Altstadt ein gepflegtes Kleinod mit restaurierten Gebäuden und vor allem neu gemachten Straßen ist. So können wir auch mit unserem Kinderwagen bequem durch die engen Gassen schlendern. Wie in allen süditalienischen Kleinstädten gibt es in der Altstadt von Turi eine Unmenge von Kirchen, welche die touristischen Hauptattraktionen bilden. Turi Wine and foodDoch man trifft auch unweigerlich auf eine kleine Piazza mit einem mittelalterliches Schloss, dem Palazzo Marchesale, das im 17. Jahrhundert großzügig umgebaut und dem Zeitgeschmack angepasst wurde. Heimelige Gassen, hübsch bepflanzte Balkone, kleine Läden, viele Bars und auch Trattorien oder Restaurants für den größeren Hunger runden das gemütliche Altstadtflair Turis ab.

Turi Gasse 3Turi Gasse 1Da Turi nach Elenas Auskunft 16 „Bed and Breakfasts“ besitzen soll, kann man den ruhigen und finanziell günstigen Ort auch gut als Anlaufstelle für einen Apulienurlaub nutzen, dessen Ausflüge in etwas teurere Orte wie Alberobello oder Castellana führen sollen. Wir sind jedenfalls sicher, dass wir noch mindestens zweimal wiederkommen werden: einmal um die Grotte zu sehen und sicher auch einmal zum Kirschenfest.

5 Gedanken zu „Kirschen, Kirchen, Kerker und mehr – Zu Besuch in Turi

  1. Gitti

    Toll Kirschenfest und Besichtigungen , sowie so viele schöne Gasthäuser. Das ist ideal für einen Urlaub. Danke für den Ausflug.

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  2. minibares

    Nach Süditalien werden wir wohl nicht kommen.
    Aber liebe Freunde kehren nun aus dem Ruhrgebiet zurück in den Süden.
    Er ist Italiener, hatte über 40 Jahre eine Eisdiele, seine Frau ist Deutsche, kommt mit.
    Der dunkelrote Mercedes hat deutsches RE Kennzeichen.
    Schön, dass ihr noch zweimal in diese kleine Stadt Turi wollt.
    Bärbel

    unser Telefon haben sie gekappt, seit gestern ist der Vertrag ausgelaufen, aber wir haben NOCH Internet. Bin gespannt, wie lange noch.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Wie schrecklich! Ohne Telefon geht ja noch, aber ohne Internet!?! Ich hoffe, ihr habt bald einen neuen Anbieter oder Vertrag. 🙂

      Rückkehrer gibt es viele auch hier in Triggiano. Allerdings verstehe ich das nicht. Schon wegen der medizinischen Versorgung würde ich als Rentner lieber in Deutschland bleiben und hier eher länger Urlaub machen. Meinst Du, ich solle mal nach einem dunkelroten Mercedes Ausschau halten? *g* Ich denke, sie werde sich schnell ein kleineres Auto kaufen. Panda wäre perfekt für die engen, apulischen Straßen.

      Antwort
      1. minibares

        Nein, er ist so stolz auf seinen alten Mercedes. Den behalten sie, denke ich.
        Wir haben ja Handys, Internet haben wir komischerweise noch.
        Sie schrieben wie immer 30GB für die Zeit vom 3.10. – 2.11.
        Wenn wir mit den 30 auskommen, denke ich, dass wir bis dahin Internet haben. Meist mussten wir dazu kaufen, aber dieses Mal geht das nicht.
        Wir werden auch nicht meckern, lach. Nicht, dass sie aufmerksam werden.

        Antwort
  3. notiznagel

    Spannender Stadtrundgang, bei uns gibt es den sogenannten Event: „Chriesisturm“. Der wäre für dich bestimmt auch einen Besuch wert.

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