Archiv für den Monat Dezember 2015

„Bella figura“ oder trendiges Balzverhalten?

Die Italiener sind gemeinhin dafür bekannt, dass sie in der Öffentlichkeit eine „bella figura“ machen möchten. Dazu gehört, sich stets adrett zu kleiden, sein Aussehen durch Accessoires wie locker in der Armbeuge baumelnde Handtaschen oder lässig um den Hals geschlungene Schals, beinverlängernde High Heels und – sobald es so kalt geworden ist, das es nicht mehr zerfließen kann – ein umfangreiches Make-up aufzuwerten. Ob das nun gerade dunkelpink ausgemalte Lippen und zwei rosa Rougebalken auf den Wangen unter blondgefärbten Haaren mit einem leichten Orangestich sein müssen, wie bei der Check-in-Mitarbeiten auf dem Flughafen neulich, sei dahingestellt.

Die Mehrheit der unter 30jährigen arbeitet aber nicht nur schminktechnisch der „Bella-figura“-Tradition entgegen. 1,50 m hohe Italiener und Italienerinnen kleiden sich seit einigen Monaten in Hosen, deren Schritte vollen Babywindeln gleich auf Kniehöhe hängen, und, als wenn dieser Modetrend nicht bereits genug verkleinern würde, schlagen sie den Saum ihrer Hosenbeine noch so um, dass exakt zwei Zentimeter nackter Haut zwischen Schuhen und Hosenbeinen hervorlugen.

Oben Wattejacke – unten ohne! Was im Sommer noch als Belüftungsmechanismus verstanden werden könnte, lässt im Winter den Wunsch erwachen, vor den Kinderchen auf die Knie zu fallen und ihnen liebevoll aber bestimmt, die Hosenbeine wieder herunterzukrempeln. Dabei wird wirklich alles gekrempelt, was Beine hat: hautenge und andere Jeans, Jogginghosen (!) oder merkwürdig gemusterte Hosen, die aus der Pyjamaschublade zu stammen scheinen.

Offensichtlich verstehe ich nichts von Mode und, wie man diesem Blogbeitrag entnehmen kann, habe ich nur wenig Verständnis dafür. Oder vielleicht bin ich – um es mal mit „Lethal Weapon“ zu sagen – „zu alt für diesen Scheiß“. Andere in meinem Alter stellen sich diese Fragen anscheinend nicht oder kommen zu anderen Schlüssen, denn heute Morgen kam mir auf Baris Hauptflaniermeile, der Via Sparano, ein schätzungsweise gleichaltriger Mann im Businessanzug entgegen – die Beine seiner Anzughose sorgsam bis zwei Zentimeter über seine Converse umgeschlagen. Für einen Moment glaubte ich da, den tieferen Sinn hinter diesem Modetrend erkannt zu haben. Möglicherweise handelt es sich beim gewaltsam freigelegten, pelzigen Knöchelkranz um das neue Brusthaar und die Krempelei versteht sich als Ausdruck modernen Balzverhaltens; als Zeichen von Virilität bei den Männern und eines funktionierenden Rasieres bei Frauen.

Welch‘ ein Glück, dass ich nicht mehr zu balzen brauche! So krempele ich auch weiterhin nicht mit, denn ich kleide mich nach wie vor mit dem geraden Schnitt mit komfortabler Beinweite. Aber auch weil ich ständig irgendwo Flecken von Tafelkreide oder Striche von Witeboardmarkern zur Schau trage, ist bei mir schon von vornherein sowohl jeglicher modischer Hopfen als auch trendiges Malz verloren. (Siehe Zitat „Lethal Weapon“ oben.)