Archiv für den Monat März 2016

Kopfschütteln I – Homoehe oder der Untergang des Abendlandes

Zwei in der italienischen Öffentlichkeit stark debattierte Themen haben bei mir in der letzten Zeit Kopfschütteln ausgelöst. Das erste war die wochenlange Diskussion um ein Gesetzt zur Gleichstellung der traditionellen Familie mit Familien aus gleichgeschlechtlichen Paaren. Da ging es zum Beispiel darum, ob gleichgeschlechtliche Paare eine „Ehe“ eingehen und die Kinder ihrer Lebensgefährten/innen adoptieren dürfen. Was in den meisten europäischen Ländern und sogar erzkatholischen Gesellschaften wie in Irland heute kein Problem mehr ist, wurde und wird in Italien diskutiert, als würde man gerade das Rad erfinden. Dabei sind meine sonst so gutmütigen Italiener bockbeinig wie Ziegen.

Mutter-Vater-Kind vs. Zeitgemäße Familienkonzepte

Der 30.01. wurde zum „Tag der Familie“ ausgerufen. Doch statt darüber zu reflektieren, dass das traditionelle Familienkonzept von „Vater-Mutter-Kind“ durch Scheidungen etc. heute schon vielfach bei heterosexuellen Paaren nicht mehr aufgeht, und zu überlegen, WIE ein Gesetz zur Gleichstellung von Homoehen aussehen könnte, wurde dagegen protestiert. Den Äußerungen nach, die hinterher in den Fernsehnachrichten und sozialen Netzwerken kursierten, hat jeder Traditionalist mindestens einen schwulen Freund, den er sehr mag, aber dem er dennoch kein Leben in familiären Strukturen gönnt. Zahlreiche Protestierende hielten Homosexualität für eine temporäre Verirrung, wenn nicht gar eine Krankheit, die man mit gutem Beispiel und vielleicht sogar Medikamenten wieder in den Griff bekommen kann. Da fragt man sich, ob sich Italien tatsächlich in Europa oder vielleicht doch auf einer einsamen Insel oder gar einem anderen Planeten befindet. Ich kann gerade noch verstehen, wenn mich Maria, die bereits auf die 80 zugeht, jetzt häufiger in Diskussionen über Homosexualität und die Fähigkeit von Männern, Kinder großzuziehen, verwickelt. Aber, dass auch junge Menschen so ablehnend sein könnten, hätte ich nicht gedacht.

Alle in anderen Ländern (z.B. in den Vereinigten Staaten) bisher gemachten Erfahrungen (siehe Wikipedia), nach denen Kinder in gleichgeschlechtlichen, bisexuellen oder Transgender-Partnerschaften weder zwingend homosexuell noch in ihrer geistigen Entwicklung gestört werden, werden ignoriert. Wenn also das Kindeswohl nicht gefährdet wird, sondern Kinder in einer liebevollen Partnerschaft, in der sie geliebt und gefördert werden, in der sie frei und glücklich sein können, aufwachsen, warum sollte man dagegen sein? Ich frage mich, wovor haben die Gegner dieses Gesetzes denn wirklich Angst? Was geht es sie an, was ihre Nachbarn oder (fraglichen) Freunde hinter ihren Schlafzimmertüren machen? Ja, eigentlich hege ich Zweifel an der menschlich-moralischen Reife der Gegner und nicht an der von gleichgeschlechtlichen Paaren, die ihre Zusammengehörigkeit und die damit einhergehende Verantwortung vor der Welt und dem Gesetz demonstrieren wollen.

Zivilunion – ja / Adoption – nein

Immerhin hat der italienische Senat im Februar abgestimmt und eine Zivilunion genehmigt. Leibliche Kinder des einen Partners/ der einen Partnerin dürfen aber weiterhin nicht von dem Lebenspartner oder der Lebenspartnerin adoptiert und somit rechtlich abgesichert werden. Statt dessen herrscht eine diffuse Angst davor, dass alle homosexuellen Paare sich sofort im In- oder Ausland Kinder beschaffen könnten und die traditionelle Familie aus Mutter, Vater und Kind damit schon so gut wie abgeschafft sei. Gelöst hat man das Dilemma der Diskriminierung homosexueller Staatsbürger damit, dass man Adoptionswünsche zur Einzelfallentscheidung an die Gerichte übergibt.

Niki Vendola – Vorzeigehomosexueller und Stachel im italienischen Fleisch

Doch damit war die Diskussion nicht beendet, denn Baris schwuler Ex-Bürgermeister und inzwischen apulischer Präsident Nicola „Niki“ Vendola hat mit seinem Lebensgefährten eine Leihmutter in den USA gefunden und mit dem Bekanntwerden der zukünftigen Elternschaft einen erneuten Sturm der Entrüstung ausgelöst, bei dem Adoptionsgegner ihre Homophobie jetzt gut hinter der Leihmutterfrage verstecken können.

Man darf daher gespannt sein, wie liberal Italien in der nächsten Zeit noch werden muss und ob Kinder nur Homosexuellen mit entsprechenden finanziellen Mitteln vorbehalten bleiben werden.

Über das zweite Kopfschüttelthema muss ich beim nächsten Mal schreiben, denn vor lauter Schütteln ist mir schon ganz schwindelig.