Die hässliche Fratze der Korruption

In den letzten Tagen sind die Besucherzahlen auf meinem Blog explodiert. Obwohl ich mir wünschte, das läge an einem meiner Beiträge oder an dem tollen Artikel über Ostuni, Lecce und dem Salento, der am 10.7. in der „Welt am Sonntag“ erschienen ist, wird es wohl doch eher mit dem Zugunglück zwischen Andria und Corato nördlich von Bari zu tun haben, das 23 Menschen das Leben gekostet hat und dessen Untersuchung mehr und mehr zu Tage fördert, was in Apulien (Italien) generell schief läuft.

Obwohl das schreckliche Ereignis längst von einem noch schrecklicheren in Nizza übertrumpft wurde, möchte ich mich doch noch für alle die äußern, die besorgt per Telefon, sms, Kommentar oder E-Mail bei mir angefragt haben, ob mit uns alles in Ordnung sei. Zum Glück waren weder Familienmitglieder noch Freunde oder Bekannte von uns in einem der beiden Züge unterwegs, die am 12. Juli auf einem eingleisigen Streckenabschnitt der Ferrovia del Nord Barese frontal aufeinandertrafen. Natürlich macht es das nicht besser und es tut mir sehr, sehr leid für alle, die an diesem Tag geliebte Menschen verloren haben.

Inzwischen ist der erste Schock überwunden und die Untersuchungen haben begonnen. Dabei ist schnell offensichtlich geworden, dass viele Faktoren hier zusammengekommen sind, um ein statistisch relativ unwahrscheinliches Ereignis zu provozieren. In einem Radiointerview auf „Radio Capital“ ließ der italienische Verkehrsminister gestern Abend ein paar Zahlen verlauten. Demnach gäbe es noch 9000 eingleisige Bahnkilometer in ganz Italien, von denen 600 noch mit dem sogenannten „blocco telefonico“ arbeiten fast wie zu Zeiten, als die Eisenbahn gerade erfunden worden war. Demnach fragt Bahnhofsvorsteher A mit einem „Phonogramm“ genannten, telegraphenähnlichem Gerät beim Vorsteher des folgenden Bahnhofs B an, ob das Gleis frei ist und er den Zug schicken kann. Wenn B das okay gibt, darf A den Zug losschicken und muss sich dann wieder per Telefon vergewissern, dass der Zug auch wirklich angekommen und die Strecke somit wieder frei ist.

Wegen Bauarbeiten waren an diesem Tag Züge im Sondereinsatz unterwegs, dazu kamen Verspätungen und die Rückkehr eines Zuges nach Corato, weil man vergessen hatte, ein Mädchen mit Behinderung aussteigen zu lassen. Alles zusammen scheint den Bahnhofsvorsteher von Andria verwirrt zu haben, so dass er das Signal für die Abfahrt zugelassen hat, während der zweite Zug aus Corato, auf den er hätte warten müssen, noch nicht in Andria angetroffen war. In Corato wiederum hätte man sofort nach Andria zurückgeben müssen, dass der Zug nicht losfahren darf, weil noch ein anderer auf der Strecke unterwegs ist. Doch offensichtlich hat es dort niemand mitbekommen. Als wäre das noch nicht genug des unglücklichen Zufalls trafen sich die Züge in einer Kurve, so dass die Maschinisten nicht einmal die Möglichkeit zu reagieren bzw. zu bremsen hatten.

Alles klar, möchte man also zynisch meinen: Mehrfach dumm gelaufen. Irren ist menschlich – darf eigentlich nicht sein, aber passiert manchmal. Doch hat dieses tragische Unglück den Blick auch auf einen anderen Sachverhalt gelenkt. Es gibt schon lange technische Kontrollsysteme, die solchen menschlichen Irrtum zu verhindern helfen und die bereits Pflicht in Italien sind. Für diesen Streckenabschnitt lag jedoch eine Ausnahmegenehmigung vor, obwohl Gelder für die Ausstattung der Gleise mit dem Kontrollsystem geflossen waren. Warum? Weil 2012 der zweigleisige Ausbau der Strecke mit EU-Fördermitteln genehmigt worden war und bis 2015 erledigt sein sollte? Doch dieses Projekt wurde immer wieder verschleppt. Die aktuelle Ausschreibung lief noch bis zum Anfang dieses Monats.

Wer hier das Risiko eingegangen ist, seit Jahren mit Menschenleben zu spielen, warum das Projekt so verschleppt wurde und wohin die bisher gezahlten Mittel verschwunden sind, muss nun die weitere Untersuchung hervorbringen. Klar ist aber, nicht nur menschliches Versagen, sondern auch die allgegenwärtige und für ganz Italien so typische Korruption haben all diese Menschen auf dem Gewissen.

Und das ist eigentlich das Traurige an der Sache: Wäre alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen, hätten technische Hilfsmittel eingegriffen und dieses Unglück verhindert. In Italien müsste viel mehr kontrolliert und auf die Einhaltung von Gesetzen, Regeln und Absprachen geachtet werden. „Gelegenheit macht Diebe“ und der Gelegenheiten gibt es offensichtlich viele, wobei man sich augenscheinlich selbst von großen Dimensionen als Dieb nicht abschrecken lassen muss.

12 Gedanken zu „Die hässliche Fratze der Korruption

    1. Christina

      Danke für diesen Einblick in die Zusammenhänge. Ich habe in den letzten Tagen öfter an dich und deine Familie gedacht und bin froh, dass ihr unversehrt seid. Es tut mir sehr leid, dass dieses schreckliche Unglück über Bari hereingebrochen ist.
      LG von Christina

      Antwort
      1. Corinna Autor

        Danke für Deine Gedanken. Ich bin immer wieder überrascht, wie man als Blogger auch Teil des Lebens von anderen wird. Trotz des traurigen Anlasses irgendwie schön. 🙂

        Antwort
  1. Arno von Rosen

    Dein Bericht macht mich traurig und ich persönlich wiege nie ein Unglück gegen ein anderes ab, denn den Hinterbliebenen geht es immer seelisch schlecht. Schön, dass du und die deinen wohlauf sind.

    Antwort
  2. TagoMago

    Zustände, die mich – der ich Apulien leider kaum kenne – an Sizilien denken lassen: der (fast) Einsturz der Autobahnbrücke auf der Hauptverkehrsachse zwischen Palermo und Catania (also auf österreichische Verhältnisse umgemünzt, als würde die Europabrücke am Brenner in sich zusammenklappen); und jetzt beraten Sachverständige die nächsten zehn Jahre, wie sie das Ding wieder aufbauen könnten …aber der Optimist in mir findet auch immer wieder ein halb volles Glas: Endlich hat die Trenitalia (nach grobgeschätzten 30 Jahren des Nachdenkens) eine Zugschnellverbindung zwischen den beiden Städten installiert; oder auch die neue Straßenbahn in Palermo, die nach 15(!) Jahren Bauzeit doch noch das Licht der Welt erblickt hat – in diesem Sinne die Hoffnung, dass sich auch in Apulien die Umstände zu ändern beginnen …

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Die Hoffnung habe ich natürlich auch. Wie ich schon schrieb, fehlen einfach mehr Kontrollen und man könnte auch hinzusetzen, mehr Entscheidungsfreude und Tatkraft. In Triggiano sollte vor 10 Jahren der Bahnhof unter die Erde verlegt werden. Ein Haus mit Rolltreppen dafür steht schon und verfällt so langsam wieder. Wann allerdings die hier ebenfalls eingleisigen Bahnschienen verdoppelt und der Bahnhof verlegt werden, steht wohl in den Sternen. Ich verstehe auch nicht, warum die Italiener sich nicht einfach was von anderen Ländern abgucken. Sie loben die Ordnung in Deutschland, aber schaffen es nicht, mal Flaschenpfand einzuführen. In Palermo war ich zwei Mal für jeweils zwei Wochen und war dort auch entsetzt vom Verfall abseits der Hauptstraßen, aber begeistert von den wunderbaren Gotteshäusern und der Vielfalt der kulturellen Einflüsse. 🙂

      Antwort
      1. TagoMago

        Ich andererseits kann über Apulien nicht viel mehr sagen, als dass ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert in Bari einmal eine ausgezeichnete Pasta gegessen habe, bevor wir die Fähre nach Griechenland bestiegen haben. Ansonsten ist mir nichts mehr in Erinnerung gebliebem, wahrscheinlich, weil ich damals nur Augen für meine neue schmucke Freundin hatte …

        Antwort
        1. Corinna Autor

          *lach* Verständlich. …Bari hat sich inzwischen auch ziemlich verändert, so dass Du hier neue Erfahrungen machen müsstest. 🙂

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  3. Erika Böttcher

    Das Leben ist halt lebensgefährlich und wir haben auf viele Ereignissen keinen Einfluss
    Wie alle gehen in unserem Leben auf einen Seil. Für viele Angehörige stellt sich ein neuer
    Lebenweg.

    Antwort

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