Griff ins Klo

„Wie findest du die italienische Schule?“ hat mich kürzlich ein Italiener gefragt – wohl, weil mein neues Insiderwissen mich nun kompetent aussehen lässt. Ich muss zugeben, dass ich eher diplomatisch ausweichend als ehrlich geantwortet habe. Zum einen habe ich bisher natürlich keinen umfassenden Eindruck, sondern nur einen kurzen Einblick in den Alltag einer staatlichen Schule erhalten, zum anderen brauche ich für eine für mich selbst zufriedenstellende Antwort auf eine Frage, über die ich bisher nicht nachgedacht habe, eine gewisse Zeit.

Heute Morgen auf dem Klo im dritten Stock mit der blütenweißen Gardine vor dem physischen und den Kulturbeuteln, mit denen die Mädchen während des Unterrichts ihren Toilettengang durchführen, vor dem imaginären Auge fiel mir die Frage wieder ein. … und die Tatsache, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich mit meiner Meinung anfangen und wo aufhören soll. Deshalb wird dieser Beitrag sicherlich auch mehrteilig werden.

Wie alles hier in Süditalien ist nämlich auch die Schule ein Ort voller Widersprüche. Meine Schule ist mit modernster Technik ausgestattet, aber es gibt keine Klobrillen und auf den Schülerklos offensichtlich kein Toilettenpapier. Es gibt auch in den anderen mir bekannten Räumen nirgends sonst Gardinen. Irgendwer muss das stille Örtchen im dritten Stock wohl sehr lieben und sich persönlich darum kümmern, dass es ein wenig wie ein Zuhause anmutet. Doch sprechen wir über ein seriöseres Thema.

Man erklärte mir an meinem ersten Tag triumphierend, dass es im Vergleich mit Deutschland ja keine Pausen zwischen den Stunden gäbe und die Schüler somit 60 Minuten Unterricht pro Stunde hätten, während es in Deutschland nur 45 seien. Die armen Italiener! Da wusste ich jedoch noch nicht, dass der tatsächliche Beginn des Unterrichts stark davon abhängt, wie schnell der entsprechende Lehrer den Raum wechseln kann, wie viele der Kinderchen nach dem Klingeln fluchtartig den Klassenraum verlassen haben und wie es dem Lehrer gelingt, die Klasse wieder zusammenzutreiben,  zum Wechseln ihrer Arbeitsmaterialien zu bringen und  zur Ruhe zu bekommen.

Durch diesen Mangel an eingeplanten, verbindlich geregelten Pausen essen die Schüler auch im Unterricht, was zu meiner inzwischen zwanzig Jahre zurückliegenden Schulzeit undenkbar, weil respektlos gewesen wäre. Ehrlich gesagt, fühlt es sich wirklich respektlos an, aber natürlich verstehe ich, dass man nicht bis um eins oder um zwei hungern kann, wenn man höchstens eine italienisches Frühstück genossen hat. Außerdem tendieren die Schüler, die sich eigentlich sechs volle Stunden auf die unterrichteten Materien konzentrieren sollten, und keine offizielle Zeit für den private Gespräche haben, natürlich dazu, ihre Wichtigkeiten im Unterricht auszutauschen, meistens während ein Text gelesen wird.

Ein weiterer Störfaktor sind die sogenannten „bidelli“. Ein „bidello“ ist ein Angestellter, der den ganzen Tag auf den Schulfluren gute Laune verbreitet, Zeitung liest und die Kopierer bedient, wofür ich ihnen sehr dankbar bin, da diese Geräte jedes zweite Mal zu streiken geruhen. Außerdem fungieren „bidelli“ als offizielle Nachrichtenüberbringer der Schulleitung , was wegen der mangelnden Pausen so funktioniert, dass sie mit lautem Getöse und einer förmlichen Entschuldigung zu jeder beliebigen Zeit in den Unterricht platzen. Dabei schwenken sie Zettel, auf denen die entsprechend zu verlesenden Mitteilungen stehen. Dann rufen sie die Klassensprecher nach vorn, um diese wieder andere Zettel unterschreiben zu lassen, und nachdem sie auf solche Art und Weise sowohl jegliche Konzentration als auch den Arbeitswillen zum Erliegen gebracht haben, verlassen mit einer neuerlichen Entschuldigung den Raum. Meistens sieht man sie jedoch in Kleingruppen aus „bidelli“ und Schülern herumstehen oder -sitzen und ihre Funktion als inoffizielle Nachrichtenübermittler und autodidaktische Schulpsychologen wahrnehmen.

Verstehen wir uns nicht falsch. Es sind einfache, freundliche, sehr sympathische Menschen, denen man wünscht, dass sie bis zur Rente so weiterarbeiten können, aber ich frage mich doch, warum – entschuldigt bitte, dass ich so darauf herumreite, aber ich verbringe im Moment 12 bis 14 Stunden aushäusig – man nicht einen „bidello“ weniger bezahlt und stattdessen in Klopapier investiert. Vielleicht, weil sie außerdem noch die Funktion einer Empfangsdame übernehmen und dafür sorgen, dass kein Unbefugter die Schule betritt. Oder, weil sie die von Eltern für deren Sprösslinge abgegebenen „Pausenbrote“ eben denen zuführen (natürlich in einem beliebigen Moment des Unterrichts).

Kommen wir jedoch zurück vom Phänomen „bidello“, derer es in meiner Schule übrigens mindestens 6 gibt, zum ursprünglichen Thema und fassen zusammen: Die gepriesenen 60 Minuten Unterrichtszeit bedeuten im Durchschnitt auch nicht mehr als 45 effektiv gearbeitete Minuten. Von mehr Effizienz kann also keine Rede sein.

Soviel für heute. Demnächst gibt es mehr, denn, wenn man erstmal auf dem Klo zu reflektieren beginnt, weitet sich das Feld in ungeahnte Dimensionen.

 

18 Gedanken zu „Griff ins Klo

    1. Corinna Autor

      Da es sich um ein Gymnasium handelt, sind sie von 14 bis 19 Jahre alt, kommt auf die Klassenstufe an. Ich habe alle Klassenstufen.

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  1. Arno von Rosen

    Das sind ja bunte Zustände unter denen ich nicht arbeiten könnte, da ich Tunnelblickakteur bin 😉 Es wäre interessant zu wissen wann diese Unorganisation in den italienischen Schulen einzug gehalten hat. Ach wenn diese Form etwas von Pipi Langstrumpf hat, ist sie doch nicht nach neuen Erkenntnissen geformt, da ist gezieltes Lernen eher Zufall. Dir ein wunderbares Wochenende liebe Corinna 🙂

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Ich kann jetzt nur von meinen zwei Fächern sprechen. Die sind mit Stoff total vollgepackt, weswegen es hauptsächlich darauf ankommt, Zahlen und Namen auswendig zu wissen. Ich persönlich finde, dass zu wenig Zeit dafür bleibt, die Zusammenhänge zu betrachten… oder die Schüler zum selbstständigen Denken zu befähigen.

      Ich wünsche Dir auch ein wunderbares Wochenende! Samstag ab 1 macht hier jeder Lehrer seins. Jedenfalls meistens, wenn nicht gerade Vorbereitungen zu machen oder Arbeiten zu kontrollieren sind, was ich plötzlich auch machen muss. Die Kollegen profitieren, damit sie schnell noch eine Zensur bekommen für die sie nicht verantwortlich sein müssen. Die Schule endet hier nämlich am 10. Juni.

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  2. afrikafrau

    wie interessant, „bidelli“ kannte ich bisher auch nicht, was sagen die Kinder dazu……. vieles bestimmen immer wieder Erwachsene, Kinder haben in Italien
    eine anders wahrgenomme Wichtigkeit als bei uns….. Kinder bedeuten Zukunft, sie sollten beteiligt werden, die Welt zu gestalten…… einige Gedanken
    zum sehr interessanten Thema…………..

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    1. Corinna Autor

      Die Kinder kennen es überwiegend nicht anders. Ich weiß aber von deutschen Kindern, die nach einigen Jahren im italienischen Schulsystem nun wieder in Deutschland sind, dass sie es sehr schwer haben.

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  3. Brigitte Hein

    Durchhalten , der Mensch gewöhnt sich an alles und nicht alles ist schlecht ,weil unbekannt . Schon als Schüler war ich der Meinung einige Lehrer nehmen sich zu wichtig und Respekt ist glaube ich in der heutigen Zeit ein mit merkwürdigen Inhalten besetztes Wort. Trotzdem immer ruhig und gelassen , denn du hast deine Ausbildung und wer nicht will der hat. So war es schon immer. Was sage ich immer “ nie mit anderer Leute Geld und schon garnicht mit deren Kindern arbeiten“.

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  4. janavar

    Ich lese immer gerne von Schulen in anderen Ländern. In der Türkei hatten wir Schuldiener, die offenbar dieselben Aufgaben wie die bidelli übernehmen.
    Übrigens kenne ich inzwischen viele deutsche Schulen (in Deutschland und im Ausland), die das Doppelstundenprinzip eingeführt haben, d.h. es gibt nur alle 90 Minuten eine Pause. Da haben es deine Schüler mit 60 Minuten eigentlich ganz gut.

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    1. Corinna Autor

      Doppelstunden halte ich tatsächlich für sinnvoll. Damals in meiner Schule war es in der Oberstufe leider nur mit den Leistungsfächern so. … und wenn man nach 90 Minuten dann tatsächlich eine Pause hat, dann finde ich es gut. Für die italienische Schule würde es im Extremfall im Moment ja bedeuten, dass man 6 Zeitstunden ohne Pause verbringen müsste.

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  5. ulbarb

    Hallo!!
    Über Schule in Italien könnten wir beide zusammen ein sehr, sehr dickes Buch schreiben. Die Bidelli sind wirklich eine ureigenste Erfindung- wie die tabaccherie!
    Wart mal ab, bis deine Kids soweit sind!
    P. A.: Bei uns gibts Klopapier, aber keine Seife
    Lg ulrike

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    1. Corinna Autor

      Haha, das kann also noch heiterer werden. … Seife gibt’s natürlich auch nicht, aber solange es heißes Wasser gibt, ist das noch zu verschmerzen..

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  6. hex'nhais'l

    Andere Länder, andere Sitten.
    Geht auch anders, wie man sieht.
    Was/wie wäre die Welt, wenn es überall gleich, oder gar wie in Deutschland wäre?

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  7. vilmoskörte

    Interessant, diese Bidelli, waren mir bislang unbekannt. Sie entsprechen dem deutschen Pedell, den es aber schon seit Jahrzehnten in D an den Schulen nicht mehr als Funktion gibt. Haben die österreichischen Schulen möglicherweise noch Pedelle mit einem Funktionsumfang, der über die Hausmeisterei hinaus geht?

    Antwort

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