Vorsicht Ferrovitis!

Kleiner Exkurs in die TV-Zugwelt

Davide in einem Waggon (Bj. 1925) des „Museo Ferroviario della Puglia“

Bei unserem Kind wurde „akkute Ferrovitis“ diagnostiziert. Bisher nur von mir. So weit ich weiß, ist diese Krankheit zwar relativ verbreitet, aber bisher noch nicht eindeutig benamst. Kur gesagt ist unser Kind verrückt, verrückt nach Zügen. Dabei fing alles noch recht harmlos mit „Bob, die Bahn“ an, die mit Hilfe von YouTube pseudopädagogisch Buchstaben suchend durch’s Kinderzimmer fuhr. „Troy, der Zug“ und seine Schienenkumpel waren wortwörtlich nur einen Klick weit von Bob entfernt. Inzwischen sind wir bei komplexeren Geschichten wie „Thomas und seine Freunde“, sowie den recht gruseligen „Robotrains angekommen. Nicht zu vergessen „Chuggington“ – noch ’ne Zugserie. Natürlich haben Züge in Form von „Lego-Lupo“ (O-Ton), ikeischer Holzeisenbahn und „Thomas“-Nachbildungen längst auch physischen Einzug in unsere Wohnung gehalten, wobei man hier besonders die Qualität loben muss, denn man kann wirklich sehr oft drauf treten, ohne dass etwas kaputt geht.

Anfahrt – Vertraue keinem Verkehrsschild

Bei so viel Begeisterung für Schienenfahrzeuge lag es bei unserem Kurzurlaub in Lecce nahe, auch dem dortigen apulischen Eisenbahnmuseum „Museo Ferroviario della Puglia“ einen Besuch abzustatten. Leider wissen nicht einmal alle Einwohner Lecces, dass die Stadt ein Eisenbahnmuseum hat. So konnten sie uns denn auch gar nicht weiterhelfen, als Luigi mir hysterisch das Einbiegen in eine Straße mit zwei LKW-Sperren aus Beton und einem „Einfahrt verboten“-Schild verwehrte, während unser Navigationssystem uns sofort ermahnte, zu wenden und besagte Straße zu befahren. Nachdem wir entgegen dieser Empfehlung lieber eine halbe Stunde durch Lecce geirrt waren, helfen wollende Bewohner gar nichts raten oder nur vage „das muss irgendwo in der Nähe vom Bahnhof sein“ sagen konnten, unser Navi uns über verschlungene Pfade zur verbotenen Einfahrt zurückgeführt hatte und das liebe Kind auf dem Rücksitz zum hundertsten Mal gefragt hatte, wann wir endlich am Eisenbahnmuseum ankämen, warf ich Luigi vor, deutscher als eine Deutsche zu sein, und schlängelte unseren Panda zwischen den Betonsperren hindurch. Nach 100 Metern waren wir am Ziel angekommen.

Diese kleine Lok, nur Automotore genannt, wurde 1963 von der Firma Badoni in Lecce hergestellt und verbrachte ihr Arbeitsleben in der Tabakmanufaktur der Stadt. Sie und ihre Geschwister dienten alle in der Industrie.

Rekonstruktion eines typischen elektronischen Stellwerks aus den 60er Jahren mit Relais-Schränken, Kontrollpult und natürlich dem Läutwerk

Einen Parkplatz gab es nicht. Wir hielten einfach am Straßenrand an. Eigentlich konnten wir ja niemanden behindern. Das Personal erzählte uns später, dass ein von ihnen gemaltes Hinweisschild für das Eisenbahnmuseum von der Straßenmeisterei mit einer ausdrücklichen Ermahnung wieder entfernt worden war. Es ist daher geraten, dem Navi zu vertrauen, falls es euch auch hinziehen sollte. Es stellte sich nämlich bald heraus, dass es das Museum absolut Wert war, gegen eine Verkehrsvorschrift verstoßen zu haben.

 

Metallriesen zum Anfassen und Einsteigen

Diese wuchtige Elektrolok aus dem Jahr 1932 war bis 1997 ununterbrochen im Einsatz. Im Jahr 2002 konnte sie der Museumsverein gerade noch vor der Verschrottung bewahren.

Ab 1997 begannen die Bemühungen einer Gruppe von Eisenbahnfreunden (AISAF) langsam die Form des heutigen Museums anzunehmen. In den ehemaligen Eisenbahnwerkstätten von Lecce restaurierten sie in liebevoller Handarbeit Dampf-, Diesel- und Elektrolokomotiven, sowie Wagons aus verschiedenen Epochen und trugen außerdem Dokumente, Erinnerungsstücke und

Ein kleines Schiebefahrzeug aus dem Jahr 1934, das seit 2007 dabei hilft, die Museumszüge zu bewegen.

Miniatureisenbahnen aus ganz Europa zusammen. Dass immer noch Potenzial vorhanden ist, zeigen eine ganze Reihe schrottiger Fahrzeuge, die noch auf ihre Restaurierung warten. Natürlich ist wie überall das Geld knapp, auch wenn das Museumspersonal aus Eisenbahnveteranen ehrenamtlich arbeitet.

Ein Modell im Saal F zeigt eine typisch amerikanische Forsteisenbahn.

Eng, Gitterstäbe an den Fenstern und keine Fenster in den Abteilen – beklemmender Gefängniswaggon.

Wir waren die ersten Besucher an diesem Tag und schon der Eintrittskartenverkäufer nahm sich ausführlich Zeit für einen Schwatz. Seine erklärenden Worte machten schnell die Liebe zur Schiene und zu allem, was damit zusammenhängt, deutlich. Seinem Kollegen ging es nicht anders. Wie große Kinder führten sie uns mit leuchtenden Augen die Technik vor, ließen Schrankenglocken klingeln und Züge durch selbstgebaute Landschaften fahren. Solchermaßen wurden nun auch wir Erwachsenen mit dem Eisenbahnvirus infiziert und in die Ausstellung der Metallriesen entlassen, wo wir ungestört Begeisterungsrufe ausstoßend durch die Hallen und das Außenareal stöbern konnten. Wer kann beispielsweise von sich sagen, dass er schon mal in der Zelle eines Gefängniswaggons gesessen hat? Vielleicht versprüht das Museum gerade deswegen diesen Charme von ungebremster Neugier und hemmungsloser Freiheit, der schon während des Besuches sicher werden lässt, dass man irgendwann zurückkehren wird.

Ein Zug ist mit seiner Dauerausstellung „Signori, in Carrozza“ (etwa: „Alles einsteigen bitte“) den Eisenbahnen in ganz Europa und Amerika gewidmet. Hier werden Modelle, Plakate und andere Dokumente gezeigt.

Dieses Foto für nostalgische Bundesbürger aus der südwestlichen BRD.

Der WOW-Effekt für Kinder

Dampflok mit dem Gesicht eines „TV-Helden“.

Das Highlight für unseren Kleinen kam jedoch zum Schluss: Nachdem wir zweimal (!) durch die ganze Ausstellung gewandert waren, lud uns der Eintrittskartenverkäufer noch einmal in den Saal mit den Dampflokomotiven ein. Schelmisch erklärte er, dass sie das eigentlich nur machten, wenn Kindergärten in das Museum kämen. Dann öffnete er die Rauschkammertür einer Dampflok und brachte damit das „Gesicht“ der TV-Lokomotive „Thomas“ zum Vorschein, was Davide zu einem Überraschungsschrei und wildem Herumgehüpfe veranlasste. Ganz klar, dass er heute noch davon überzeugt ist, dass „Thomas“ in Lecce lebt und nicht wie bis dato eigentlich angenommen auf der Insel Sodor.

 

Im Außenbereich sieht man, dass es noch viel zu restaurieren gibt.

Wer also mit Kindern bei Lecce in Apulien unterwegs ist oder tatsächlich mal eine Schlechtwetteralternative braucht, ist im „Museo Ferroviario della Puglia“ bestens aufgehoben.  Es gibt einen sehr schönen Illustrierten Museumsführer, allerdings nur auf Italienisch. Alle Erklärungstafeln sind auf Italienisch und Englisch, aber die Ausstellungsstücke sind allein schon so beeindruckend, dass man sich auch ohne Hintergrundwissen keinesfalls langweilt.

 

Adresse: Via Giuseppe Codacci Pisanelli 3, 73100 Lecce (an der Brücke einfach reinfahren)

Öffnungszeiten
Di – So: 9:30-12:30 Uhr
So auch 16 – 19 Uhr

Eintritt
Erwachsene: 5 Euro
Kinder unter 6 Jahren frei
Kinder von 6-13 Jahren: 1 Euro
Jugendliche von 14-18 Jahren: 2 Euro

10 Gedanken zu „Vorsicht Ferrovitis!

  1. ulbarb

    Ferrovitis?! Mach dir keine Sorgen, kenn“ ich durchaus, genieße diese Zeit! Solltet ihr mal nach Mailand hoch kommen, hier gibt es neue Inputs! Grüße

    Antwort
  2. Anna C.

    Eisenbahnen sind klasse…. nicht nur für kleine Jungs faszinierend. Ich stamme aus einer Eisenbahnerfamilie- weißte bescheid!

    Antwort
  3. Oma Gitti

    Gut geschrieben. Herzerwärmende Werbung für ein Museum, das diese mehr als verdient. Es wäre schön, wenn es durch diesen Artikel mehr Zulauf hätte. Die Arbeit solcher Ehrenamtler wird zu wenig gewürdigt.

    Antwort

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