Leben im Palast

Das Schloss von Matera ist der Öffentlichkeit leider nicht zugänglich.

Unlängst hatte ich das große Glück, bei der Tante einer Kindergartenfreundin Davides in Matera zu Gast sein zu dürfen. Dass man bei Einladungen in Apulien viel und lange essen muss, war klar. Aber darüber hinaus wussten wir vorher nicht, was uns erwartete, als von den Eltern besagter Kindergartenfreundin die Einladung zum Mittagessen bei ihrer Tante überbracht wurde.

Man muss gut zu Fuß sein, um die vielen Treppen bis zur Wohnung zu überwinden.

Eigentlich wollten wir nach Matera fahren, um den Weihnachtsmann zu besuchen, der an einem Adventswochenende seine Hütte am leider nicht zugänglichen Schloss des Ortes aufgeschlagen hatte, und am Abend noch durch die Sassi (Steine), wie der historische Ortskern aus Höhlenwohnungen genannt wird, spazieren. Doch das Wetter spielte nicht mit. Gerade um die Mittagszeit kam für wenige Stunden die Sonne heraus. Sonst regnete es in Strömen. Ein typisch apulischer Wintertag.

(O-Ton Vater der Kindergartenfreundin: „Hier sind wir als Kinder immer Fahrrad gefahren.“ Die Decken- und Wandbemalung kam erst bei einem Erdbeben in den 80er Jahren unter dem abfallenden Putz zum Vorschein.

Zimmer mit (filmreifer) Aussicht

Als wir dem Weihnachtsmann also vom Unwetter überrascht buchstäblich davon rannten, gab es im Haus der Tante die nächste, dieses mal aber erfreuliche Überraschung: Sie lebte in einem Palazzo, dessen Baugeschichte auf das Jahr 1000 zurückgeht. Dementsprechend prunkvoll und groß waren die „Zimmer“ und die Aussicht aus ihrem Schlafstubenfenster geradezu filmreif. Tatsächlich wollte am nächsten Tag ein englisches Filmteam eine Szene an diesem Fenster drehen.

Erinnerungen

Die Tante entpuppte sich dann eher als adrettes Großmütterchen, das bestens in diesen Palast aus Erinnerungen passte und uns ordentlich mit Vorspeisen, zwei Hauptgerichten, Fleisch und Nachtisch verwöhnte. Außerdem machte sie ganz omalich unsere anstrengende Erziehungsarbeit zunichte, indem sie den beiden Kindern erlaubte, auf einem riesigen Doppelbett herumzuhüpfen. Irgendwann drängte ich darauf, dass mir der Zugang zum kleinen, aber idyllisch-romantischen Gärtchen aufgeschlossen wurde, denn die Sonne zog sich gerade wieder Wolken vors Gesicht und ihr Untergang kam auch immer näher.

Der liebevoll gepflegte Garten thronte ganz wie der Palast hoch über der Schlucht mit ihren Höhlenwohnungen, welche bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts noch unter katastrophalen, hygienischen Bedingungen bewohnt waren und als Schande Italiens galten. Er wurde hauptsächlich von Katzen bevölkert, denen hier Aufenthalt und Futter gewährt wurden.

 

Im Moment werden die Sassi mit Hilfe von „Bed and Breakfasts“ und kleinen Künstlerwerkstätten wiederbelebt. Im nächsten Jahr ist Matera sogar Kulturhauptstadt Europas.

Die „Sassi“ von Matera – einst „Schande Italiens“, heute begehrter Drehort und lohnendes Ausflugsziel.

Ob ich in so einem Palazzo leben wollen würde? Nein. Wo man vom Schlafzimmer zur Küche schon gefühlt einen Fußmarsch von einem Kilometer zurücklegen muss und die Decken so hoch sind, dass selbst die größten Möbel nur schwer einen Hauch von Gemütlichkeit aufkommen lassen, würde ich mich nicht wohl fühlen. Ganz zu schweigen davon, dass man selbst beim Versetzen einer Steckdose schon die Denkmalschutzbehörde einschalten muss… Dann doch lieber eine kleine Höhlenwohnung.

Zeitung aus dem Jahr 1925

Allerdings kann man einige Räume des Palazzo für Feierlichkeiten buchen und das ist dann schon wieder eine Überlegung wert. Man muss aber wegen der Treppen gut zu Fuß sein.

 

 

Mehr über Matera gefällig – dann hier weiterlesen: Ausflug zum Anfang unserer Zivilisation

16 Gedanken zu „Leben im Palast

  1. Arno von Rosen

    Da hast du uns ja wunderschöne Bilder mitgebracht, liebe Corinna und viel und lange Essen ist meine Spezialität 😀 Ich wünsche euch ein fröhliches Weihnachtsfest!

    Antwort
    1. Corinna Autor

      *rofl* Meine leider nicht. Ich bin jedes Mal halb tot nach einem offiziellen Essen.

      Dir auch ein ganz tolles Weihnachtsfest mit guten Gelegenheiten viel und lange zu essen! 😉

      Antwort
  2. Beatrix Schlinkmann

    Wir haben in Kärnten viele Burgruinen die einen Einblick in die Vergangenheit gewähren. Aber in Matera sieht man wie die arme Bevölkerung gelebt hat. Diese Zeitzeugen üben aber eine gewisse Faszination aus, der man sich nicht entziehen kann. Interessant finde ich dass man alles mit Händen ertasten kann. War einmal mit Holländern und einmal mit Familie da. Interessant ist auch, wie jeder diese Eindrücke verarbeitet und was er wahrgenommen hat. Denke mir , dass das hingerichtet mindestens genauso interessant ist
    Hoffe, dass du noch oft so schöne Erfahrungen machen kannst und diese mit uns teilst.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Liebe Beatrix,

      du hast ganz Recht: hier kann man die Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifen.

      Ich wünsche dir und deiner Familie schöne Feiertage und auch im nächsten Jahr viele interessante Erlebnisse in Apulien! Ich lasse mich auch gern inspirieren, falls du einen tollen Tipp haben solltest. 🙂

      Herzliche Grüße,
      Corinna

      Antwort
  3. Friederike

    ohh danke sehr für diesen Einblick! Ich war 2x in Matera und in dem Viertel mit den Sassi, ich war beim 1.x eher entsetzt und beim 2. Besuch interessiert… Für mich hatte der ganze Ort etwas Melancholisches-tragisches.
    lg und schöne Feiertage

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Ich denke, es lohnt sich, nach Matera wiederzukommen, denn es verändert sich wirklich Jahr für Jahr. Im Zuge der Kulturhauptstadt ist viel Geld in die Altstadt geflossen und das sieht man. Von außen hätte ich auch bei diesem Palazzo nicht vermutet, dass er es von innen mit brandenburgischen Wasserschlössern aufnehmen könnte. Ich fühlte mich irgendwie an Rheinsberg erinnert. (möglicherweise eine nostalgische Gefühlstäuschung, aber so kommt es im Ausland)

      Schöne Feiertage und herzlichen Dank für die schon Jahre währende Lesetreue! Corinna

      Antwort
  4. Oma Gitti

    Schön ,wie du uns von Matera berichtest. Ich war einmal im Sommer da und fand es ausgesprochen interressant und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, so zu leben und zu wohnen. Als geschichtliche Zeitzeugen sind die Höhlenwohnungen und das ganze Tal sehr wichtig. Ich hoffe es wird behutsam für die Jetztzeit erobert und wieder hergerichtet.

    Antwort
  5. Ann

    Liebe Corinna,
    Ich bin’s Ann von früher kinderunlimited. Bei Deinem Blog fühle ich mich wieder wie Zuhause angekommen. Ich habe eine lange Blogpause gemacht und freue mich total, noch bekannt Gesichter zu sehen.
    Dir und Deiner Familie wünsche ich ein wundervolles Weihnachtsfest. 🎅🎄🎶Liebe Grüsse vom Norden in den Süden, Ann

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Liebe Ann,
      ich freue mich wahnsinnig, von dir zu hören. Auch dir und deiner Familie ganz wundervolle Weihnachten im Norden!
      Corinna

      Antwort
      1. Ann

        Übrigens habe ich auch wieder einen Blog, der soll aber nicht mehr so gross werden. Mehr so Kaffeeklatsch Grösse. Deshalb ist er privat. Ich würde mich freuen, wenn Du dabei wärst. Wenn nicht, wirst Du mich trotzdem nicht los.😉

        Antwort

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