Vom Leben in Zeiten des COVID-19

Gemunkelt hatte man es schon seit ein paar Tagen, aber so wirklich hatte niemand damit gerechnet, dass die italienische Regierung den Plan, Schulen und Ämter in ganz Italien zu schließen, tatsächlich umsetzen würde. Doch was in den Regionen mit vielen Todesfällen und positiv Getesteten schon seit zwei Wochen praktiziert wird, gilt seit gestern italienweit: Alle Universitäten, Schulen, Kindergärten und Krippen sind zu. Die Ämter kann man verschmerzen. Die meisten Schüler freuen sich über die plötzlichen Ferien. Die Eltern weniger. Als freiberufliche Lehrerin und Examensorganisatorin sowie Mutter bin ich nun doppelt, wenn nicht sogar dreifach vom Virus betroffen – aber wenigstens nicht infiziert.

In den letzten zwei Wochen war Davide bereits an einer fiebrigen Erkältung erkrankt. Aber da wir eine Oma haben, war das zunächst kein Problem. Nun hat sich die Oma jedoch leider angesteckt und fällt bei COVID-19 als Betreuungsalternative aus. Auch erstmal kein Problem – Mama ist ja zu Hause, denn die Schulen sind ja zu.

Dennoch war eine Direktorin in Bari weit- und voraussichtig und hat sofort geklärt, dass die Schulpflicht nicht mit einem Grippevirus ende, sondern jetzt online unterrichtet werde. Das erscheint umso vernünftiger, seit man heute zu munkeln begonnen hat, dass die Schließungen nicht nur bis zum 15. März, sondern bis Anfang April dauern werden. Allerdings handelt es sich bei dieser, der Schule in der ich auch arbeite, um ein Gymnasium und die Schüler sind weitestgehend selbständig. In einer Grundschule kann ich mir das nur schwer vorstellen. Nun, ja… ich werde mich also über das Wochenende entweder in eine neue Software einarbeiten oder eine benutzen, die ich auf einer anderen Arbeitsstelle schon lange für überregionale Arbeitsbesprechungen nutze. Immerhin darf ich so dort weiterarbeiten und mir geht mein Einkommen nicht verloren und, da Luigi auch selbständig ist, können wir uns mit der Kinderbetreuung relativ flexibel organisieren.

Die Privatschulen sind natürlich auch geschlossen und haben alle Gruppenkurse abgesagt. Individuelle Kurse versucht man über Skype abzufedern, doch nicht jeder Schüler ist willig und/ oder Freund der Technik. Neben diesen Schülern und ihren Sprachlernzielen bleiben da Freelancer wie ich auf der Strecke. Dafür dürfen wir Zeit mit unseren Kindern verbringen oder, wer keine Kinder hat, kann sich mal ausschlafen.

Fachgespräch – Er: Komm schon, eigentlich ist Coronavirus doch ganz schön! – Ich: Mhm.

Um zu verhindern, dass Leute sich unnötig von Stadt zu Stadt oder gar Region zu Region bewegen, sind natürlich auch alle Prüfungen abgesagt, was angesichts einer Kandidatin, die aus Paris gekommen wäre, und drei Kandidaten aus italienischen Krisenzonen von allen Involvierten mit Erleichterung aufgenommen wurde. Die Arbeitszeit des Teams reduziert sich jedoch noch einmal erheblich. Aber um zu verhindern, dass es langweilig wird, habe ich ja Davide, dessen liebster Spielkamerad im Moment sowieso „mammina“ ist. Seine Spielsachen war er nämlich in den letzten zwei Wochen mit der Erkältung schon überdrüssig geworden und froh, dass er am Montag wieder seine Freunde im Kindergarten treffen konnte. Zum Glück gibt es kein Ausgehverbot. Wir haben also die ersten zwei sonnigen Vormittage genutzt und uns den Husky der Nachbarn für Spaziergänge mit Picknick ausgeliehen. Der recht große Hund aus einer Neubauwohnung ist kinderlieb, grenzenlos geduldig und ein passionierter Spaziergänger. Mindestens einer profitiert also uneingeschränkt von dieser eine gewisse Hilflosigkeit beweisenden Regierungsinitiative.

Zum Glück habe ich einige ehrgeizige Privatschüler, die tatsächlich angefragt haben, ob wir uns zusätzlich treffen könnten, da sie ohnehin nichts weiter zu tun hätten. Damit erhalten sich einige Geldquellen und außerfamiliäre soziale Kontakte abgesehen von denen, die beim Einkaufen im Supermarkt entstehen. Natürlich kann man es auch machen, wie einige Eltern, die sich mit Teilen der Kindergartengruppe in Indoor-Spielplätzen treffen, oder wie die zahlreichen Jugendlichen, welche die Bars und Spielplätze belagern. Allerdings ist dieses Verhalten absolut kontraproduktiv.

Ich bin wirklich gespannt, wie es mit unserem Ausnahmezustand weitergehen wird. Natürlich ist von der italienischen Regierung keine Hilfe bei der Bewältigung der täglichen Probleme zu erwarten. Stattdessen überlegt sie, ob sie Eltern finanziell unterstützt, wenn diese Babysitter anheuern wollen. Super Idee! Ich weiß nicht, wie viele Babysitter es in Italien gib, in Davides Kindergartengruppe sind jedoch 21 Kinder. Der Kindergarten läuft zweizügig mit jeweils 3 Gruppen. Allein die Eltern unserer Schule benötigen demnach schon ca. 60 Babysitter. Da sind Grundschulkinder noch nicht eingerechnet. Ja, also noch einmal: Niemand erwartet irgendwas.

Heute beim Überqueren der Straße getroffen. Laut eigener Aussage nicht am Coronavirus interessiert. Dann kam das Auto.

Außer 70% der Schulkinder, welche die aktuelle Maßnahme für geeignet halten, um die Ausbreitung des Virus‘ zu verhindern, sind die meisten meiner Mitmenschen der Meinung, dass diese Schließungen sich als sinnlos erweisen werden. Ich persönlich denke, wenn wir das bis April durchhalten und die Menschen ein bisschen Verstand beweisen, indem sie sich in diesem Monat nicht zusammenrotten, könnte es hilfreich sein. Auf jeden Fall kann ich es kaum abwarten, dass es irgendwann wieder normal weitergeht und wir an die Schadensbegrenzung für Arbeitende sowie Studenten und Schüler gehen können.

8 Gedanken zu „Vom Leben in Zeiten des COVID-19

  1. Senta

    Das hört sich nach typischer italienischer Bürokratie an:) Wie sieht es denn sonst aus? Gibt es auch Leute, die Hamsterkäufe machen so wie bei uns in Berlin (wo es aktuell noch nicht besonders viele Fälle gibt) und es in den Supermärkten tatsächlich an z.B. Mehl, Zucker und Toilettenpapier mangelt? Ich hatte einen Flug von Mailand-Bergamo nach Brindisi gebucht für den 04.04., der tatsächlich annuliert wurde. Bin gespannt, wie es weiter geht…

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  2. Corinna Autor

    Es gab Hamsterkäufe. Vor zwei Wochen, aber jetzt sind die Regale wieder voll. Supermärkte sind ja auch offen. Also kein Problem im Hinblick auf Nachschub. Nur Amucchina ist immer ausverkauft. Die Preise für das Zeug auf Amazon haben sich vervierfacht.

    Allerdings finde ich tatsächlich, dass man seinen Radius beschränken sollte. Fliegen würde ich gerade jetzt nicht. Leute aus Mailand kommen im Moment auch irgendwie nicht gut an.

    Einzelne Personen, die aus Zonen wie Mailand oder der Lombardi nach Hause gekommen sind, obwohl man die Zonen nicht verlassen sollte, haben ihre Familie und ihr Umfeld hier in Apulien angesteckt. Unschön.

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  3. Arno von Rosen

    Liebe Corinna, vielen Dank in den tatsächlichen Alltag des Virus bei euch in Italien. Bei deiner Beschreibung zweifle ich aber daran, dass sich mit den außerschulischen Treffen irgendetwas eindämmen lässt, doch ich wünsche euch baldige Rückkehr zur Normailität.

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  4. janavar

    Ich drücke euch die Daumen, dass ihr einfach eine schöne Zeit gemeinsam zu Hause habt! Meine Schule hat uns auch schon angewiesen, wie wir im Notfall unterrichten, sollten auch hier noch die Schulen geschlossen werden. Aber noch scheint New York glimpflich davonzukommen.

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