Coronavirus: Vom Gängel- zum Stachelhalsband

Gestern meldete sich unser Bürgermeister zu Wort. Ein netter Mensch, der in Triggiano schon wichtige Dinge bewegt hat. So wurde aus der Ruine des alten Marktes ein Kulturzentrum mit Bibliothek und Spielplatz. Andere Kinderspielplätze wurden renoviert und mit wirklich schönen Spielgeräten aufgewertet. Außerdem hat er ein öffentliches Wasserhäuschen errichtet, wo man für 10 Cent den Liter Trinkwassser mit Kohlensäure und für 5 Cent Trinkwasser ohne Kohlensäure in eigene Behältnisse abfüllen kann.

Ich weiß, ich tue ihm Unrecht, wenn ich ihn jetzt nicht mehr leiden kann. Gestern Abend meldete er sich, wie gesagt, auf seiner Facebook-Seite zu Wort und beschwerte sich darüber, dass immer noch zu viele Menschen auf der Straße wären, die nicht Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen würden. Besonders monierte er, dass sich an und um der Post herum zu viele Senioren träfen, welche eigentlich zu Hause Schutz suchen sollten. Da stimme ich ihm durchaus zu. Merkwürdigerweise ist die Post in Triggiano für Senioren, was die Bushaltestelle in brandenburgische Dörfern für Teenager ist. Schon eine halbe Stunde vor der Öffnung, lagern sie normalerweise in einer dicken Traube um den Eingang; besonders am Monatsanfang, wenn sie die Rente abholen. Nun funktioniert eine brandenburgischen Bushaltestelle zwar nicht wie eine Bank, aber herumlungern und schwätzen kann man da auch.  … und vielleicht wird man auch bald von dort vertrieben so wie die Senioren hier von der Post.

Jedenfalls sind ab heute mehr Streifen der lokalen Polizei und der Carabinieri in unserer Stadt unterwegs, um zu kontrollieren, aus welchen Gründen die Bürger ihrer Häuser verlassen haben. Aus ihren Streifenwagen schallt die Bürgermeisteransage durch die leeren Straßen: „Rimanete a casa!“ („Bleibt zu Hause.“) Es fühlt sich an wie in einem futuristischen Endzeitdrama und eigentlich erwartet man fast, dass jemand um die Ecke gehetzt kommt und versucht, sich irgendwo vor der Polizei zu verstecken. Aber heute ist wirklich niemand draußen. Nicht einmal auf den Balkons. Es ist schon fast 19 Uhr und die Diskofreunde haben nicht einmal die Nationalhymne gespielt.

Da wir leider ziemlich nah an der Post wohnen und es nicht gut aussieht bzw. auch das Ende meiner Lehrerinnenkarriere bedeuten könnte, wenn ich einen Eintrag ins Strafregister bekäme, habe ich die Spaziergänge in die Olivenhaine mit meinem Kind und dem Alibi-Hund eingestellt.  Den ganzen Tag hatte ich schlechte Laune. Im Moment kommt es mir so vor, als gäbe es keine schlimmere Strafe, als die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Dabei habe ich doch überhaupt nichts verbrochen. Und mein Kind auch nicht. Auch die Nachbarn nicht – bis auf die, welche uns so penetrant ihren Musikgeschmack aufgezwungen habe, dass ich mich heute dabei ertappt habe: „Lasciate mi cantare“ zu summen.

Aber die die meiste Zeit des Tages habe ich damit verbracht, mich zu ärgern. Auch über mich und meinen Ärger. Tatsächlich wütete ich, ob der Tatsache, dass es in Triggiano seit heute 5 registrierte Coronafälle gibt, innerlich sogar so absurde Sätze wie: Jetzt darf man nicht mal mehr selbst entscheiden, woran man stirbt!  Dabei will ich gar nicht sterben. Und eigentlich dürfte ich mich überhaupt nicht beschweren. Ich kann von zu Hause arbeiten, auch wenn es Nerven kostet. Wir haben diese riesige Terrasse, wohingegen andere nicht mal einen Balkon haben. Aber die haben vielleicht 3 oder 4 Kinder, die sich gegenseitig bespaßen. Es rächt sich im Moment, dass Davide ein Einzelkind ist, und ständig mit uns statt mit seinem Bruder oder seiner Schwester spielen will, aber immerhin ist er gesund und sonst relativ pflegeleicht.

Um all dem zu entkommen, hilft nur körperliche Arbeit. Also nahm ich mir den alten Grill vor, dessen Grillpfanne im letzten Jahr ein riesiges Rostloch bekomme hatte, weswegen sie schon lange in den Restmüll gewandert ist. Mit einer struppigen Drahtbürste schrubbte ich mich zum Muskelkater. Das übrig gebliebene Grillgerippe ist in Ermangelung dezenterer (irgendwelcher) Farbreste für Metall jetzt ein blauer Blumenständer; noch ohne Blumen. Mal sehen, was es morgen zu tun gibt (abgesehen vom Spielen, Unterrichten und der Hausarbeit). -… Hauptsache, es wird nicht noch verboten, auf den Balkon zu treten. Immerhin ist man damit auch manchmal nicht mehr als 1 bis 2 Meter von seinem Nachbarn entfernt. (Ja, ich weiß… alles nur wegen der Sicherheit…)

 

 

 

 

3 Gedanken zu „Coronavirus: Vom Gängel- zum Stachelhalsband

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