Otranto – Von schaurigen Romanen und Märtyrergebeinen

Fischerboote vor der Altstadtmauer

Meine erste Begegnung mit Otranto fand schon im späten Teenageralter statt. Allerdings nicht persönlich, sondern durch einen Schauerroman aus dem alten England. Als ich irgendwann erfuhr, dass Otranto in Apulien liegt und sich dort auch ein Schloss befindet, war ich nicht mehr zu halten. Schon vor ca. 20 Jahren besuchte ich das alte Gemäuer und musste bei Recherchen feststellen, dass das Schloss lediglich seinen Namen für den Roman „Das Schloss von Otranto“ mit seiner kruden Story von einem sprechenden Riesenhelm – an mehr erinnere ich mich leider nicht, da auch meine „späte Teenagerzeit“ nun schon einige Jahr zurück liegt – hergegeben und mit dem Vorreiter der englischen Schauerliteratur weiter nichts gemein hat.

Altstadtgasse

Nun ja, damals machte mir das nichts aus, denn ich schwärmte gerade von allem was mit England und Schottland zu tun hatte. Und heute macht es mir auch nichts aus, denn bei unserem Besuch in der wunderschönen Küstenstadt vor nahezu präzise einem Jahr, hatte ich zumindest außerhalb von Otranto das Gefühl, auf einer Schottlandreise zu sein. Abgesehen davon empfehle ich als Lokalpatriot natürlich den Besuch Otrantos um Otrantos Willen. Nicht zuletzt stoßen hier die Adria und das Ionische Meer aufeinander. Das nicht einmal 100 km entfernte Albanien kann man schon fast mit der Hand berühren und bevor Lecce, Taranto und Brindisi der Stadt in Größe und Bedeutung den Rang abgelaufen hatten, wurde der heutige Salento „Terra d’Otranto“ genannt (nachzulesen bei Rotter, 2010) Um die Stadt und ihren Hafen wurde über Jahrhunderte immer wieder erbittert gekämpft

Was trägt man im Sommer?

April und Mai empfehlen sich besonders als Besuchsmonate. Im Juni beginnt die Badesaison und Otranto mit seinem lange Stadtstrand, der sich zu Füßen der gut gepflegten Altstadt erstreckt, wird zum Touristenmagneten. Die Kellnerin in einer Pizzeria, in die wir einkehrten, beschrieb die Hochsaison in sehr gutem Deutsch ungefähr so: Durch die Gassen kann man sich nur noch im Schneckentempo schieben und bei uns stehen Sie abends auch gern mal zwei Stunden an, bevor ein Tisch frei wird. Das kann im April nicht passieren.

Dinner mit Ausblick

Stattdessen ist der Stadtstrand morgens so menschenleer, dass Davide mit seinem Sandspielzeug ganz ungestört im nachtfeuchten Sand buddeln kann. In den Straßen begegnen einem nur verschlafenen Katzen und lauffreudige Jogger. Dafür hat man die Muße sich in den zahlreichen kleinen Geschäften, die sich entlang der Gassen den Altstadthügel hinauf und hinabwinden inspirieren zu lassen. Was trägt man im kommenden Sommer? Welche Spielzeuge braucht das Kind? Schmuck, Sandaletten und Souvenirs aus Lecceser Sandstein sind nur einige der Verlockungen, die man anschließend unbedingt zu brauchen glaubt. Wer sich sattgesehen und müdegeshoppt hat, findet garantiert ein kleines Restaurant, das den Gaumen befriedigt – natürlich auch mit Aussicht.

Müde in Otranto

Direkt am Hafen befindet sich das „Schloss“ von Otranto. Als wehrhafte Burg von den in Apulien unvermeidlichen Staufern errichtet, unter den Aragoniern als Festung wieder aufgebaut und unter den Habsburgern erweitert, ist es heute gut restauriert und für 5 Euro (ermäßigt 3) zu besichtigen. Es beherbergt wechselnde Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen.

Touristischer Höhepunkt in Otranto ist allerdings nicht das besagte Kastell, sondern die Kathedrale Santa Maria Assunta, deren Fußboden im Mittelschiff komplett von einem Mosaik aus dem 12. Jahrhundert bedeckt wird. Es stellt einen Lebensbaum dar, in welchem es vor Tieren und Fabelwesen nur so wimmelt. Bibelfeste Touristen werden hier deutlich mehr lesen als eine brandenburgische Atteistin, aber wer auch immer Zeit zum Gucken mitbringt, wird einfach nur erstaunt und fasziniert von dieser gigantischen Fitzelarbeit sein, die trotz der wechselvollen Stadtgeschichte Jahrhunderte überdauert hat.

Im 15. Jahrhunderte sollen 800 Gläubige in der Kirche Zuflucht vor den Türken gesucht haben und allesamt niedergemetzelt worden sein, weil sie sich weigerten zum Islam überzutreten. Tatsächlich beherbergt die „Kapelle der Märtyrer“ unzählige Schädel und andere Knochen, die in ihrer Gesamtheit ziemlich schaurig anmuten und betroffen machen. Gezählt haben wir jedoch nicht.

Ich finde Otranto perfekt für ein verlängertes Wochenende. In der Umgebung kann man die beeindruckende Küste erkunden. Es gibt einen Leuchtturm aus dem 19. Jahrhundert an der engsten Stelle der Adria, sowie eine Bauxit-Grube, bei deren Besuch man sich wie auf dem roten Planeten vorkommt und, wer etwas für seine Gesundheit tun will, kann sich in die nahegelegenen Santa Cesarea-Therme begeben. Wir haben im letzen Frühling auch sehr viele Fahrradfahrer auf der Küstenstraße gesehen. Kurz und gut: Otranto lohnt sich!

3 Gedanken zu „Otranto – Von schaurigen Romanen und Märtyrergebeinen

  1. B

    Hallo Corinna, Wie immer informativ, klasse Fotos…und die Sehnsucht geweckt, dort vorbeizuschauen. Herzliche Grüße und alles Gute für Dich und Deine Familie, Barbara

    Antwort

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