Canosa I – Römische Ruinen statt Tiefgaragen

Auf den ersten Blick wenig spektakulär – Häuserzeile in der Altstadt von Canosa

Unser Ausflug nach Canne della Battaglia, dem römischen Cannae, hatte uns Appetit auf mehr Abenteuer in Richtung Foggia gemacht. Für einen Tagesausflug aus Richtung Bari bietet sich u.a. das etwa eine Autostunde entfernte Canosa an. In Cannae vom freundlichen Betreuer des Antiquariums darauf hingewiesen, dass es in Zeiten von COVID 19 geraten sei, vorher bei touristischen Zielen anzurufen, hängt Luigi sich zwei Tage vorher ans Telefon und macht über die Hotline der Fondazione Archeologica di Canosa eine Besichtigungstour für uns aus.

 

Auf den ersten Blick mutet Canosa nicht sehr geschichtsträchtig an. Man tastet sich durch eine gewöhnliche Neustadt und neuere Altstadt bis zum zentralen Platz mit der unvermeidlichen Kathedrale, die für apulische Verhältnisse ebenfalls neu aussieht, was daran liegt, dass man der um die erste Jahrtausendwende errichteten Kathedrale im 19. Jahrhundert eine „moderne“ Fassade verpasste.

Wir haben noch über eine halbe Stunde Zeit bis zum vereinbarten Treffen mit unserem Führer .Daher machen wir das, was man in Italien am besten in solchen Situationen macht: abwarten und Cappuccino trinken. Unweit des zentralen Platzes bietet die Bar „Di Muro“ einen großen Außenbereich und rundherum Parkmöglichkeiten an den Straßen. Hier setzen wir uns, bestelen ein italienischen Frühstück und lassen den Blick schweifen: Zwischen Häusern aus dem 19. Jahrhundert stehen Gebäude aus den letzten 50 Jahren. Die Straßen sind ungewöhnlich breit und verglichen mit anderen touristisch wichtigen Hügelstädtchen fehlen die romantischen Gässchen, malerischen Häuschen und die Schatten spendende Enge. Unser Führer ruft an und will wissen, wo wir gerade sind. Als er hört, dass wir bereits in Canosa frühstücken, wirft er sich sofort ins Auto und kommt uns abholen. Es sei einfacher, wenn er uns mit seinem Auto herumfahre, meint er, aber zunächst zeige er uns eine Ausgrabungsstelle ganz in der Nähe.

Mosaik im „Wohnzimmer“

Tatsächlich gehen wir nur wenige Schritte. Dann schließt er eine Gittertür unterhalb eines mehrstöckigen Wohngebäudes auf. Wir treten unter eine Überdachung und stehen auf einer Rampe über einem Fragment einer römischen Straße, die dereinst in den Felsen gehauen worden war – über der Überdachung erhebt sich auf starken Betonpfeilern das Wohngebäude in den Himmel. Neben der steinigen Straße sehen wir die Mauern des „Domus Romana di Colle Montescupolo“, eines römischen Hauses, dessen Wasserleitung und die private Therme der hier gelebt habenden römischen Familien. Der Führer zahlt sich aus, denn er erklärt mit Leidenschaft, was wir sehen und wie es dazu gekommen ist, dass man an dieser Stelle etwas sieht.

Anhand dieser Ausgrabungsstätte verstehen wir, dass ganz Canosa auf den Ruinen der römischen Stadt Canusium erbaut wurde und diese wiederum auf den Ruinen einer daunischen Siedlung, wobei wie so oft in Apulien die Siedlungsgeschichte bis in die Frühgeschichte zurückverfolgen lässt. Verrückt, wenn man bedenkt, welche Schätze unter all diesen Häusern noch versteckt sein müssen.

Eingang zur Ausgrabung „Ipogeo Scocchera B“ unter einem Wohnhaus

Das wird uns auch gleich in der nächsten historischen Stätte klar. Auch das „Ipogeo Scocchera B“ befindet sich dort, wo andere Wohngebäude ihre Tiefgarage haben. 1895 wurde das Grab aus dem IV. Jahrhundert v.u.Z. zum ersten Mal gefunden, komplett ausgeräumt und seine Schätze in Museen auf der ganzen Welt verteilt. Zum Beispiel finden wir heute im Neuen Museum in Berlin einen keltischen Helm mit Koralleneinlagen, der vielleicht als Kriegsbeute, möglicherweise aus der Schlacht bei Cannae in das Grab gelangt ist. Danach fiel die Grabstätte erneut dem Vergessen anheim. Erst als man fast 100 Jahre später das besagte Wohngebäude errichtete und die Löcher für Betonpfeiler in die Erde trieb, wurde sie wiederentdeckt und ist heute für Besichtigungen zugänglich.

Das Ausgrabungsfeld „Parco Archeologico di San Giovanni“ liegt mitten in de Stadt Canosa umgeben von Wohnvierteln.

Wir fahren um ein paar Ecken und stehen plötzlich vor einem Ausgrabungsfeld mitten in der Stadt, dem „Parco Archeologico di San Giovanni“. Wahrscheinlich wurde die Taufkirche des heiligen Johannes über einem heidnischen Heiligtum errichtet, denn die Römer sind inzwischen bekannt für derlei Umnutzung von Kult-Stätten. Unser Führer weist uns darauf hin, dass die Einbuchtung am Taufbecken darauf hindeute, dass es nach seiner Errichtung mit fließendem Wasser versorgt wurde. Außerdem erzählt er als großer Bewunderer vom Bischof San Sabino, der die Christianisierung Apuliens von Canosa aus vorantrieb, indem er generell heidnische Tempel mit Kirchen überbauen ließ und dazu die ursprünglichen Tempelanlagen umbaute und teilweise in alle Winde verbringen ließ. So befänden sich um Beispiel einige Säulen des Minervatempels in der Basilica San Sabino in Bari.  Mit Bari trug Canosa dann auch einen heftigen Streit um die Echtheit der Reliqiue des Heiligen San Sabino aus, gönnten doch die Baresen den Canosanern ihre temporäre Wichtigkeit nicht. Obwohl der Streit zugunsten Canosas beigelegt wurde, verlor die Stadt im Laufe der Jahrhunderte ihre Vormachtstellung an Bari – nicht nur in religiösen Fragen.

Das Taufbecken der Kirche wurde vermutlich von einem Flüsschen gespeist.

Ein paar gruselige Knochen gibt es auch dazu; hier einen an seinen verformten Beinen erkennbaren Reiter.

Nur wenige Hundert Meter von Canosa entfernt, umgeben von Oliven- und Weinfeldern findet man das Ausgrabungsfeld „Basilica San Leucio“, wo man unter dem vorher genannten Bischof den ebenso besagten Minerva-Tempel  in eine frühchristliche Kirche mit einer Grundfläche von 55 x 53 m umgebaut hatte.  Viel ist leider nicht erhalten, da Canosa über die Jahrhunderte immer wieder von Erdbeben und zerstörerischen Feinden heimgesucht wurde. Die wichtigsten Fundstücke befinden sich in einem kleinen Besucherzentrum auf dem Areal, das extra für uns aufgeschlossen wird.

Ein kleiner Auszug aus dem „Stolz“ des Antiquariums der „Basilica San Leucio“: Keramikfrüchte als Grabbeigabe, ein Kinderskelett, ein Pfauenmosaik und einer der zwei Minerva-Köpfe.

Die zweite Abbildung der heidnischen Göttin Minerva steht im Außenareal. Diese Abbildungen sind unserem Führer nach selten. Daher platzt er fast vor Patriotismus, als er uns extra darauf hinweist, dass Canosa hier sogar zwei davon habe.

Ungefähr zwei Stunden lang haben wir die Führung genossen, die uns nur die Hälfte der möglichen Sehenswürdigkeiten gezeigt hat. Aber obwohl Davide mehrmals versichert, dass ihm Ausgrabungen gefallen und begeistert zwischen den Ruinen herumklettert, warten noch das Museum mit Funden aus Canosa und die Kathedrale auf uns. Für den Nachmittag haben wir ebenfalls noch Pläne.

Daher werden wir mit Sicherheit mit unseren künftigen Besuchern nach Canosa zurückkehren und die anderen Ausgrabungsorte besichtigen.

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