Lucera – Von Sarazenen, einer Festung und einem Amphitheater

Wir befinden uns im Jahr 1223 n. Chr. Ganz Italien ist vom katholischen Glauben durchzogen. Ganz Italien? Nein! Ein von muslimischen Sarazenen bevölkertes Städtchen hört nicht auf, dem Papst Widerstand zu leisten.

Die Rede ist hier jedoch nicht von Asterix und Obelix. Und natürlich befinden wir uns auch nicht im Jahr 1223, sondern im Jahr 2021. Genauer gesagt im Juli 2021 und zwar in Lucera. – Noch so ein Ort in Apulien, den man wahrscheinlich nur gesehen haben muss, wenn man auf den Spuren des allgegenwärtigen Stauferkaisers Friedrich II. wandelt. Dann dringt man auf jeden Fall bis in das abgelegenen Städtchen im Foggianischen vor, das sich dereinst im katholisch dominierten Italien als Hochburg des muslimischen Glaubens gen Himmel erhob wie das gallische Dorf eines Asterix im von den Römern besetzten Frankreich.

Lucera KathedraleDa aber mehr als 800 Jahre seit den Staufern vergangen sind, prägt 2021 wie überall in Apulien auch hier die unvermeidliche katholische Kathedrale das Bild. Sie liegt inmitten einer lauschigen Altstadt, nicht weit davon steht eine Basilika, die wegen ihrer Fresken gelobt wird. Es gibt ein Diozösanmuseum in einem frisch gestrichenen Palazzo, das jedoch im Moment geschlossen ist. Wer möchte, besucht das Stadtmuseum, in dem das freundliche Tantchen vom Eingang die Besucher persönlich durch die Räume geleitet. Besonders stolz ist sie auf einen beeindruckenden Mosaikfußboden und die riesige Herrenhausküche. Darin zeugt ein Herd mit 9 (!) Kochstellen davon, wie viele Personen hier einst sicherlich mehrgängig durchgefüttert wurden. Vielleicht auch mit Couscous und Kichererbsen, aber auf jeden Fall unter einem Kruzifix über der Tür.

Lucera Castello MauerDas Beeindruckendste an Lucera ist jedoch die imposante 13m hohe Festungsmauer mit einer Länge von fast einem Kilometer. Sie umrundet eine der heutigen Altstadt vorgelagerte Hügelkuppe und lässt erahnen, wie wichtig die Stadt im Mittelalter gewesen sein muss. Doch haben Ausgrabungen von Siedlungsspuren ebenfalls zu Tage gebracht, dass man die strategisch gute Position des Hügels mit seinen steilen Hängen und einem hervorragendem Ausblick auf das flache Umland schon in der Jungsteinzeit schätzte.

All das erfahren wir von der Ticketverkäuferin, auf die wir in dem Festungsareal treffen. Sowohl sie als auch ihr Hüttchen wirken ein wenig verloren in dem enormen Meer aus trockenen Gräsern. Dementsprechend groß ist ihr Kommunikationsbedürfnis und sie nimmt gern unseren Sohn in Beschlag, der ihr glaubhaft und mit aller kindlichen Unschuld versichert, ihm gefallen alte Schlösser und Museen. Man sieht wie ihr Herz zusammenschmilzt und dann bummeln Davide und die Kartenverkäuferin zu den Überresten der im 17. Jahrhundert mit allen internen Gebäuden gesprengten Residenz Friedrichs II. Das gibt uns die Chance, die angedeuteten Grundmauern einer Kirche und die Reste eines römischen Tempels im trockenen Gras auszumachen. Einzelne Steine oder zwischen Gräsern liegende Säulen wecken bei meinem Sohn nämlich höchstens die Kletter- und Balancierlust. Besser nicht!

Aber wo sind denn nun die Moslems, die hier dereinst nicht die Römer, sondern den Pontifex ärgerten? Der Stauferkaiser Friedrich II. hatte sie im Jahre 1223 in Lucera strafangesiedelt, weil sie ihm in Sizilien entgegengetreten waren. In Lucera stattete er die ca. 20.000 Leute entgegen allen Erwartungen mit großzügigen Rechten aus und ließ Moscheen bauen sowie Koranschulen gründen. Dafür dienten ihm und seinem Sohn Manfredi die Sarazenen anschließend mit Treue, Kampfgeist und ihren kriegerischen Fertigkeiten. Jedoch währte die islamische Blüte Luceras nicht mal ein Jahrhundert lang. Bereits unter den Anjou wurden alle Zeichen des Islam ausgemerzt und die Muslime entweder in Christen konvertiert, getötet und/ oder als Sklaven verkauft.

Die Kartenverkäuferin tröstet uns damit, dass, wenn auch keine Spuren der Muslime mehr vorhanden seien, doch wenigstens die Mauern rund um ihr Hüttchen von der Gegenwart Friedrichs II. zeugten. Außerdem gäbe es noch eine Gedenksäule zwischen den wieder ausgegrabenen Grundmauern von Castelfiorentino, wo Friedrich II. ganz in der Nähe Luceras im Jahr 1250 starb. Noch mehr Ruinen – danke für den Tipp!

Amphitheater 2Zuerst schauen wir uns aber noch die Reste eines römischen Amphitheaters beachtlichen Ausmaßes an, denn praktischerweise verkauft man die Eintrittskarten für die Festung, das Stadtmuseum und das Amphitheater als Kombiticket für 6 Euro, statt einzeln für je 3 Euro pro Sehenswürdigkeit.

Lucera Amphitheater 1Das Amphitheater betritt man durch den rekonstruierten Triumphbogen. Es ist komplett für Besucher freigegeben. Und steht man heute als Tourist in der Mitte der Arena, fühlt man sich wirklich klein, so fast allein in einem Theater, in dem sechszehn- bis achtzehntausend Personen Platz gefunden haben sollen. Gebaut wurde es zu Ruhm und Ehre von Augustus auf dem Privatbesitz eines Magistrats aus Lucera, der auch komplett die Kosten für den Bau der Anlage trug. Wenn das nicht von Loyalität und Unterstützung zeugt…

Über dem brackigen Wasser zweier Gräben inmitten des Amphitheaters fliegt im Juli eine ziemlich große, ziemlich rote Libelle. Davide entdeckt sie als Erster auf einem Abdeckgitter und verfolgt sie über das Areal. Daher legen wir noch eine kleine Biologiestunde ein und lernen die Blutrote Heidelibelle kennen. Mitten in Lucera, wo es zwar keine Heide gibt… aber dazumal Heiden gab. So um 1250.

10 Gedanken zu „Lucera – Von Sarazenen, einer Festung und einem Amphitheater

  1. Gitti

    Ein sehr schöner Beitrag . Da kommt Urlaubssehnsucht auf. Sehr gründlich und intensiv nachgeforscht und mit Liebe beschrieben. Eine schöne interressante Gegend und bestimmt nicht überlaufen.

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    1. Corinna Autor

      Immer gerne. Ich bin auch immer wieder überrascht, welche Geschichten sich in den Orten verbergen, zu denen die Italiener sagen, da gäbe es nichts zu sehen. 😉

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  2. gerlintpetrazamonesh

    Nun, da Friedrich der II., das Erstaunen der Welt, weder den damaligen Italienern – nicht nur den selbst nach Macht gierienden Nordstädten – noch den Deutschen, denen fast noch weniger, trauen durfte hatte er eine Leibgarde aus – Sarazenen. Eigentlich ein Treppenwitz der Weltgeschichte, der bloß immer übersehen wird. Und Sizilien war unter ihm der höchstentwickelte, prosperierendste Teil des großen aber eben auch vielschichtigen und von regionalen Machtinteressen geplagten Reiches. Was eigentlich nichts Schlechtes sein muß, so eine Föderation kann ja klappen und die zentralistischen Motive sind auch nicht edler – aber eben an diesem Funktionieren war niemand so recht interessiert, und die Methoden waren damals ebenfalls nicht sehr fein, beschränkten sich häufig auf Schwert, Dolch, Gift.
    Von dem Ort freilich, an dem die Anhänger des Islam geduldet wurden, hatte ich noch nie gehört! So kann man bequem eine Bildungsreise nach Süditalien buchen. Übrigens: was den Sohn angeht, meine Kinder waren ebenfalls nicht wirklich an langatmigen Vorträgen über uraltes Kulturgut interessiert.
    Carcassone wurde deshalb kurzerhand zu einem Märchenschloß. Und so weiter…
    Dieser Brunnen? Na, das war der mit diesem Frosch. Und der Goldkugel. Dieser Turm? Ist doch klar, Dornröschen schlief darin und seht nur, dort wächst sogar eine Rose – die ist übriggebieben!
    Man muß sich (und den Kindern) die Welt nur recht erklären… die Friedrichse und Juliusse und wie sie alle hießen sind tot und eigentlich vergessen.

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    1. Corinna Autor

      Tatsächlich hat unser Sohn Spaß an solchen Ausflügen und ist sehr wissbergierig. Die Märchenanleihen würden ihm bestimmt trotzdem gefallen. Die nötige Fantasie hat er. 🙂

      Antwort
    2. Corinna Autor

      Tatsächlich war der Orient damals in den Wissenschaften viel fortgeschrittener und Friedrich hat sich nicht geniert vorurteilsfrei von allen zu lernen. Da kann man auch aus heutiger Sicht nur staunen.

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