Schlagwort-Archive: Apulien

Na, was machst du so? – Drittes Coronaviruswochenende

Das war jetzt das dritte Wochenende seit Ämter, Schulen und andere Lehreinrichtungen in ganz Italien geschlossen worden sind. Fast alle Geschäfte außer denen, die Lebensmittel und Presseartikel oder Tabakwaren verkaufen sind seit über einer Woche zu. Banken und Postämter sind ebenfalls weiter geöffnet, aber sie haben ihre Öffnungszeiten eingeschränkt. In Tabakläden darf jeweils nur eine Person eintreten. Auch die anderen Geschäfte kontrollieren den Personenfluss. Am Eingang von Marias Supermarkt muss man jetzt Nummern ziehen. In unserem darf man sich nummernlos, aber gesittet anstellen und den Mindestabstand wahren. Aber eigentlich soll man am besten gar nicht ausgehen.

Die Ausgangssperre wurde mehr und mehr verschärft. Für jemanden der draußen erwischt wird und nicht zur oder von der Arbeit unterwegs ist oder einkaufen geht, wird es teuer – 5000 Euro kostet der Spaß und wird als Straftat gewertet. Auch Tierbesitzer sollen sich mit ihren Haustieren nicht mehr als 200m von der Wohnung entfernen. … und weil Ostern vor der Tür steht, wurde inzwischen hinterher geschoben, dass der Umzug in die Wochenendhäuschen ebenfalls verboten sei.  Wahrscheinlich vermutet man, die Süditaliener könnten dazu verführt werden, dort ihre großen Familien zu vereinen.

Bis vor ein paar Tagen wurde auf den Balkons noch gesungen oder laute Musik gespielt. Dann sollte man eines Abends kollektiv den Rosenkranz beten. Das war das Ende der Balkonaktionen. Stattdessen häuften sich an diesem Wochenende die „Ciao, was machst du so?“ – Whatsapp-Nachrichten.  Ich glaube, inzwischen sind alle Gardinen gewaschen, alle Fenster geputzt, alle Böden gewienert, alle Regale entstaubt, alle Balkonpflanzen umgetopft… die Waschmaschinen füllen sich auch nicht mehr so schnell, wenn man nicht ausgehen muss. Am dritten Wochenende stellt sich so etwas wie Langeweile ein. Aber nicht bei uns.

„Habe gerade eine Eisenbahnstrecke aus Teilen von Ikea und Brio gebaut.“, schreibe ich zurück. Ich muss das so spezifizieren, denn mein Sohn trennt unsere Wohnungen jetzt in verschiedene Welten. In seinem Zimmer befindet sich vor dem Bett die „Thomas“-Welt mit einer Aneinanderreihung seiner Eisenbahnstrecken aus dem Merchandise-Fundus der „Thomas und seine Freunde“-Serie. Auf der anderen Seite ist die „Ikea-Brio“-Welt mit den entsprechenden Spielzeugen. Wenn wir wagemutig werden, dann nehmen wir die Adapterteile und schließen diese beiden Welten zusammen. Doch dann kommt man nicht mehr ungefährdet bis zum Bett durch. Besonders gefährlich ist das, wenn das Kind des nachts nach Mama ruft und diese im Halbschlaf barfuß ins Kinderzimmer tappt. Autsch!

Unsere Wohnstube hingegen ist frei von Zügen. Hier findet man die „Legowelt“, wo diverse Fahrzeuge, Polizisten und Diebe unseren Teppich fest im Griff haben. Das Schlafzimmer ist die Lesewelt. Auf meinem Nachtschrank türmen sich Kinderbücher, dank deren großbuchstabiger Druckweise ich erst gestern, als ich mal wieder ein Manesse-Buch mit Schriftgröße (gefühlt) 5 in der Hand hielt, feststellte, dass ich zu meiner Weitsichtigkeit möglicherweise jetzt auch noch kurzsichtig bin. Augenärzte sind im Moment ebenfalls geschlossen. Aber zur allergrößten Not gibt es den Tiptoi. Geniale Erfindung. Der liest die dazugehörigen Bücher einfach vor.  Wir wären also selbst bei Erblindung nicht zum Rausgehen gezwungen.

Apropos rausgehen. Auf der Terrasse befindet sich im Sandkasten die „Paw Patrol-und – Baufahrzeuge-Welt. Kleine Hunde retten hier kontinuierlich ausgegrabene Schätze vor dem Nuckeldieb, der dank des fortgeschrittenen Alters von Davide nicht mehr nur Nuckel, sondern  auch alles andere diebt. Doch die beste Welt ist die Mamas-Müllecke-Welt. Hier gibt es leere und halbvolle Farbbüchsen, Holzreste, Gemüsekisten und andere Dinge, mit denen Kinder nicht spielen sollten.

Diese umfangreichen Ausführungen passen gewiss nicht in eine Whatsapp-Nachricht. Deshalb haben wir heute viel telefoniert. Mit der Familie und Freunde ist man ohnehin in festerem Kontakt, aber jetzt kommen auch noch die Arbeitskollegen hinzu. Dabei wurde vor allem eins deutlich: wir sehnen uns nach dem Ende der ganzen Misere und wollen unser ganz normales Leben zurück – das, bei dem wir uns unlängst noch darüber beschwerten, dass wir ständig am Samstag arbeiten gehen mussten, während unsere Wohnung verdreckte.

 

 

 

Coronavirus: Vom Gängel- zum Stachelhalsband

Gestern meldete sich unser Bürgermeister zu Wort. Ein netter Mensch, der in Triggiano schon wichtige Dinge bewegt hat. So wurde aus der Ruine des alten Marktes ein Kulturzentrum mit Bibliothek und Spielplatz. Andere Kinderspielplätze wurden renoviert und mit wirklich schönen Spielgeräten aufgewertet. Außerdem hat er ein öffentliches Wasserhäuschen errichtet, wo man für 10 Cent den Liter Trinkwassser mit Kohlensäure und für 5 Cent Trinkwasser ohne Kohlensäure in eigene Behältnisse abfüllen kann.

Ich weiß, ich tue ihm Unrecht, wenn ich ihn jetzt nicht mehr leiden kann. Gestern Abend meldete er sich, wie gesagt, auf seiner Facebook-Seite zu Wort und beschwerte sich darüber, dass immer noch zu viele Menschen auf der Straße wären, die nicht Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen würden. Besonders monierte er, dass sich an und um der Post herum zu viele Senioren träfen, welche eigentlich zu Hause Schutz suchen sollten. Da stimme ich ihm durchaus zu. Merkwürdigerweise ist die Post in Triggiano für Senioren, was die Bushaltestelle in brandenburgische Dörfern für Teenager ist. Schon eine halbe Stunde vor der Öffnung, lagern sie normalerweise in einer dicken Traube um den Eingang; besonders am Monatsanfang, wenn sie die Rente abholen. Nun funktioniert eine brandenburgischen Bushaltestelle zwar nicht wie eine Bank, aber herumlungern und schwätzen kann man da auch.  … und vielleicht wird man auch bald von dort vertrieben so wie die Senioren hier von der Post.

Jedenfalls sind ab heute mehr Streifen der lokalen Polizei und der Carabinieri in unserer Stadt unterwegs, um zu kontrollieren, aus welchen Gründen die Bürger ihrer Häuser verlassen haben. Aus ihren Streifenwagen schallt die Bürgermeisteransage durch die leeren Straßen: „Rimanete a casa!“ („Bleibt zu Hause.“) Es fühlt sich an wie in einem futuristischen Endzeitdrama und eigentlich erwartet man fast, dass jemand um die Ecke gehetzt kommt und versucht, sich irgendwo vor der Polizei zu verstecken. Aber heute ist wirklich niemand draußen. Nicht einmal auf den Balkons. Es ist schon fast 19 Uhr und die Diskofreunde haben nicht einmal die Nationalhymne gespielt.

Da wir leider ziemlich nah an der Post wohnen und es nicht gut aussieht bzw. auch das Ende meiner Lehrerinnenkarriere bedeuten könnte, wenn ich einen Eintrag ins Strafregister bekäme, habe ich die Spaziergänge in die Olivenhaine mit meinem Kind und dem Alibi-Hund eingestellt.  Den ganzen Tag hatte ich schlechte Laune. Im Moment kommt es mir so vor, als gäbe es keine schlimmere Strafe, als die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Dabei habe ich doch überhaupt nichts verbrochen. Und mein Kind auch nicht. Auch die Nachbarn nicht – bis auf die, welche uns so penetrant ihren Musikgeschmack aufgezwungen habe, dass ich mich heute dabei ertappt habe: „Lasciate mi cantare“ zu summen.

Aber die die meiste Zeit des Tages habe ich damit verbracht, mich zu ärgern. Auch über mich und meinen Ärger. Tatsächlich wütete ich, ob der Tatsache, dass es in Triggiano seit heute 5 registrierte Coronafälle gibt, innerlich sogar so absurde Sätze wie: Jetzt darf man nicht mal mehr selbst entscheiden, woran man stirbt!  Dabei will ich gar nicht sterben. Und eigentlich dürfte ich mich überhaupt nicht beschweren. Ich kann von zu Hause arbeiten, auch wenn es Nerven kostet. Wir haben diese riesige Terrasse, wohingegen andere nicht mal einen Balkon haben. Aber die haben vielleicht 3 oder 4 Kinder, die sich gegenseitig bespaßen. Es rächt sich im Moment, dass Davide ein Einzelkind ist, und ständig mit uns statt mit seinem Bruder oder seiner Schwester spielen will, aber immerhin ist er gesund und sonst relativ pflegeleicht.

Um all dem zu entkommen, hilft nur körperliche Arbeit. Also nahm ich mir den alten Grill vor, dessen Grillpfanne im letzten Jahr ein riesiges Rostloch bekomme hatte, weswegen sie schon lange in den Restmüll gewandert ist. Mit einer struppigen Drahtbürste schrubbte ich mich zum Muskelkater. Das übrig gebliebene Grillgerippe ist in Ermangelung dezenterer (irgendwelcher) Farbreste für Metall jetzt ein blauer Blumenständer; noch ohne Blumen. Mal sehen, was es morgen zu tun gibt (abgesehen vom Spielen, Unterrichten und der Hausarbeit). -… Hauptsache, es wird nicht noch verboten, auf den Balkon zu treten. Immerhin ist man damit auch manchmal nicht mehr als 1 bis 2 Meter von seinem Nachbarn entfernt. (Ja, ich weiß… alles nur wegen der Sicherheit…)

 

 

 

 

Mit Anstehen

Neuer Volkssport – Anstehen vor dem Supermarkt. Kontrollierter Menschenfluss.

Gestern Mittag hatten wir beschlossen, uns in den Kreis der Hamsterkäufer einzureihen. Wir brauchten zwar keinen Hamster, aber wir hatten überlegt, dass es besser wäre einige Vorräte anzulegen, die länger konservierbar wären. Bisher lebte man in Italien auf Kosten der Verkäufer und Verkäuferinnen nämlich recht bequem, da Supermärkte und Shoppingtempel auch an Sonntagen geöffnet waren (vielleicht auch noch sind). Daher haben wir uns nie richtig bevorratet.

Nun lasen wir am Supermarkt um die Ecke, dass er von Freitag bis Sonntag schließen würde. Außerdem munkelt man – man munkelt wirklich viel in diesen Tagen – dass es vielleicht sogar zu einer kompletten Ausgangssperre kommen könnte. In diesem Fall hätte unser Vorratsschrank außer Katzenfutter gestern nicht viel herzugeben gehabt.

Also war Luigi damit beauftragt, im Haus herumzuschleichen, um eine Einkaufsliste zu schreiben, während ich meinen Nachmittagsunterricht per Computer abhielt. Davide wollten wir nicht unter fremde Leute mitnehmen. Daher erfragten wir Asyl bei der Mutter von Davides Kindergartenfreundin Laura, welche bei uns im Haus wohnt. Im Gegenzug versprachen wir, den Einkauf für Lauras Familie mitzuerledigen.

Das war dann auch gut so. Wir standen über eine halbe Stunde bei ungemütlichen Temperaturen in einer Schlange vor dem Discounter, weil immer nur 5 oder 6 Personen eingelassen wurden. Manche von ihnen trugen Masken und einige auch Handschuhe. Dafür war es drinnen natürlich leer und ging an der Kasse recht flott. Aber mit unseren 2 vollgepackten Einkaufswagen kamen wir uns doch schon sehr hamsterkaufig vor, obwohl einer davon gar nicht unserer war. Luigi erinnerte die Situation übrigens an die Zeit der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl. Da gab es offenbar eine ähnliche Panik mit Hamsterbevorratung in Italien.

Ich bin mir nicht sicher, ob alle diese Maßnahmen wirklich helfen oder nur das Gewissen beruhigen. Auf jeden Fall habe ich in der Schlange noch gelernt, dass man sich strafbar macht und sogar einen Eintrag ist Strafregister riskiert, wenn man in diesen Tagen keine „Selbstzertifizierung“ mit sich herumträgt. Das ist ein Schriftstück, welches inzwischen aus dem Internet heruntergeladen werden kann, auf dem man seine Personalien und den Grund angeben muss, aus dem man gerade in der Öffentlichkeit unterwegs ist.

Ich frage mich, ob ich für den Nachbarshund auch eine ausfüllen muss, wenn wir spazieren gehen.

 

 

 

 

Spielen wir los – oder – Ausnahmezustand verlängert

Wir hatten heute Morgen noch gar nicht ganz die Augen auf, da stürmte die Nachricht schon über alle Kanäle auf uns ein: Die italienische Regierung hat beschlossen, öffentlich Einrichtungen wegen COVID19 bis zum 3 April geschlossen zu halten. So steht es im gestern Abend veröffentlichten Dekret. Befreundete Lehrer, mit denen ich gesprochen habe, denken sogar, dass man vor Ostern nicht wieder mit der Schule beginnen wird.

Außerdem ist es jetzt überall in Italien verboten, seinen Wohnort zu verlassen, sollte es sich nicht um Gründe wie Arbeit oder Arzttermine handeln. Alle Veranstaltungen, bei denen sich Menschen treffen könnten, sind abgesagt. Orte wie Bars oder Supermärkte, in denen sich normalerweise viele Leute begegnen, sind angewiesen den Personenfluss zu kontrollieren, d.h. nur eine begrenzte Anzahl einzulassen, während der Rest draußen Schlange stehen muss.

Luigi und sein Vater wurden heute auf ihrem Weg ins Büro wie viel andere Autofahrer von der Polizei angehalten und kontrolliert. Die Behörden nehmen die Anordnungen offensichtlich ernst, d.h. mein Frühlings-Ausflug zum Baumarkt ist auch erstmal abgesagt. Allerdings ist es ganz beruhigend, dass so stark kontrolliert wird. Wenn wir schon mit solchen Einschränkungen leben müssen, dann sollen diese doch wenigstens eine positive Wirkung zeigen dürfen und nicht einfach so verpuffen.

Ich kann nur noch einmal betonen wir froh ich bin, dass man Deutschunterricht mit einigen Einschränkungen und Unannehmlichkeiten heute schon online abhalten kann, denn im Moment fürchten die Menschen hier mehr die ökonomischen Konsequenzen als den Virus. Allerdings wird diese Situation meine Schüler trotz allem zurückwerfen, denn spezielle Vorbereitungen auf Prüfungen können im Moment nicht durchgeführt werden. Fraglich ist auch, ob diese Prüfungen überhaupt stattfinden können. Täglich bekomme ich Emails von Personen, die in meiner Privatschule Englischprüfungen machen wollten und nun die Deadlines ihrer Wunschuniversitäten nicht einhalten können. Für sie hoffe ich, dass die Situation in Italien (und natürlich im asiatischen Raum) als besonderer Umstand anerkannt wird und die Universitäten und Behörden weltweit ihre Fristen anpassen werden.

Davide vermisst jedenfalls seine Kindergartenfreunde schon sehr und zeigt erste Anzeichen von Langeweile. Für ihn ist es auf der einen Seite schön, dass er so viel Zeit mit Mama verbringen kann, aber Mama gerät auf der anderen Seite schon hart an ihre Grenzen, was die ständigen Aufforderungen zum Spielen betrifft. Unlängst hat er das Wort „losspielen“ erfunden, was soviel bedeutet wie „anfangen zu spielen“. Seit dem werde ich so wie im Moment von allen anderen Aktivitäten abgehalten, indem er mich irgendwo anpackt und in sein Kinderzimmer ziehen will: „Mama, komm jetzt! Spielen wir los!“

Ich geh‘ dann mal…

Vom Leben in Zeiten des COVID-19

Gemunkelt hatte man es schon seit ein paar Tagen, aber so wirklich hatte niemand damit gerechnet, dass die italienische Regierung den Plan, Schulen und Ämter in ganz Italien zu schließen, tatsächlich umsetzen würde. Doch was in den Regionen mit vielen Todesfällen und positiv Getesteten schon seit zwei Wochen praktiziert wird, gilt seit gestern italienweit: Alle Universitäten, Schulen, Kindergärten und Krippen sind zu. Die Ämter kann man verschmerzen. Die meisten Schüler freuen sich über die plötzlichen Ferien. Die Eltern weniger. Als freiberufliche Lehrerin und Examensorganisatorin sowie Mutter bin ich nun doppelt, wenn nicht sogar dreifach vom Virus betroffen – aber wenigstens nicht infiziert.

In den letzten zwei Wochen war Davide bereits an einer fiebrigen Erkältung erkrankt. Aber da wir eine Oma haben, war das zunächst kein Problem. Nun hat sich die Oma jedoch leider angesteckt und fällt bei COVID-19 als Betreuungsalternative aus. Auch erstmal kein Problem – Mama ist ja zu Hause, denn die Schulen sind ja zu.

Dennoch war eine Direktorin in Bari weit- und voraussichtig und hat sofort geklärt, dass die Schulpflicht nicht mit einem Grippevirus ende, sondern jetzt online unterrichtet werde. Das erscheint umso vernünftiger, seit man heute zu munkeln begonnen hat, dass die Schließungen nicht nur bis zum 15. März, sondern bis Anfang April dauern werden. Allerdings handelt es sich bei dieser, der Schule in der ich auch arbeite, um ein Gymnasium und die Schüler sind weitestgehend selbständig. In einer Grundschule kann ich mir das nur schwer vorstellen. Nun, ja… ich werde mich also über das Wochenende entweder in eine neue Software einarbeiten oder eine benutzen, die ich auf einer anderen Arbeitsstelle schon lange für überregionale Arbeitsbesprechungen nutze. Immerhin darf ich so dort weiterarbeiten und mir geht mein Einkommen nicht verloren und, da Luigi auch selbständig ist, können wir uns mit der Kinderbetreuung relativ flexibel organisieren.

Die Privatschulen sind natürlich auch geschlossen und haben alle Gruppenkurse abgesagt. Individuelle Kurse versucht man über Skype abzufedern, doch nicht jeder Schüler ist willig und/ oder Freund der Technik. Neben diesen Schülern und ihren Sprachlernzielen bleiben da Freelancer wie ich auf der Strecke. Dafür dürfen wir Zeit mit unseren Kindern verbringen oder, wer keine Kinder hat, kann sich mal ausschlafen.

Fachgespräch – Er: Komm schon, eigentlich ist Coronavirus doch ganz schön! – Ich: Mhm.

Um zu verhindern, dass Leute sich unnötig von Stadt zu Stadt oder gar Region zu Region bewegen, sind natürlich auch alle Prüfungen abgesagt, was angesichts einer Kandidatin, die aus Paris gekommen wäre, und drei Kandidaten aus italienischen Krisenzonen von allen Involvierten mit Erleichterung aufgenommen wurde. Die Arbeitszeit des Teams reduziert sich jedoch noch einmal erheblich. Aber um zu verhindern, dass es langweilig wird, habe ich ja Davide, dessen liebster Spielkamerad im Moment sowieso „mammina“ ist. Seine Spielsachen war er nämlich in den letzten zwei Wochen mit der Erkältung schon überdrüssig geworden und froh, dass er am Montag wieder seine Freunde im Kindergarten treffen konnte. Zum Glück gibt es kein Ausgehverbot. Wir haben also die ersten zwei sonnigen Vormittage genutzt und uns den Husky der Nachbarn für Spaziergänge mit Picknick ausgeliehen. Der recht große Hund aus einer Neubauwohnung ist kinderlieb, grenzenlos geduldig und ein passionierter Spaziergänger. Mindestens einer profitiert also uneingeschränkt von dieser eine gewisse Hilflosigkeit beweisenden Regierungsinitiative.

Zum Glück habe ich einige ehrgeizige Privatschüler, die tatsächlich angefragt haben, ob wir uns zusätzlich treffen könnten, da sie ohnehin nichts weiter zu tun hätten. Damit erhalten sich einige Geldquellen und außerfamiliäre soziale Kontakte abgesehen von denen, die beim Einkaufen im Supermarkt entstehen. Natürlich kann man es auch machen, wie einige Eltern, die sich mit Teilen der Kindergartengruppe in Indoor-Spielplätzen treffen, oder wie die zahlreichen Jugendlichen, welche die Bars und Spielplätze belagern. Allerdings ist dieses Verhalten absolut kontraproduktiv.

Ich bin wirklich gespannt, wie es mit unserem Ausnahmezustand weitergehen wird. Natürlich ist von der italienischen Regierung keine Hilfe bei der Bewältigung der täglichen Probleme zu erwarten. Stattdessen überlegt sie, ob sie Eltern finanziell unterstützt, wenn diese Babysitter anheuern wollen. Super Idee! Ich weiß nicht, wie viele Babysitter es in Italien gib, in Davides Kindergartengruppe sind jedoch 21 Kinder. Der Kindergarten läuft zweizügig mit jeweils 3 Gruppen. Allein die Eltern unserer Schule benötigen demnach schon ca. 60 Babysitter. Da sind Grundschulkinder noch nicht eingerechnet. Ja, also noch einmal: Niemand erwartet irgendwas.

Heute beim Überqueren der Straße getroffen. Laut eigener Aussage nicht am Coronavirus interessiert. Dann kam das Auto.

Außer 70% der Schulkinder, welche die aktuelle Maßnahme für geeignet halten, um die Ausbreitung des Virus‘ zu verhindern, sind die meisten meiner Mitmenschen der Meinung, dass diese Schließungen sich als sinnlos erweisen werden. Ich persönlich denke, wenn wir das bis April durchhalten und die Menschen ein bisschen Verstand beweisen, indem sie sich in diesem Monat nicht zusammenrotten, könnte es hilfreich sein. Auf jeden Fall kann ich es kaum abwarten, dass es irgendwann wieder normal weitergeht und wir an die Schadensbegrenzung für Arbeitende sowie Studenten und Schüler gehen können.

Gallipoli, die schöne Stadt

Auf unserem Weg in die verspätete Sommerfrische nach Santa Maria de Leuca machten wir in Gallipoli Halt. Unser Automechaniker hat ganz in der Nähe ein Sommerhäuschen und als Kenner mir schon mehrfach vorgeworfen, die Mittelmeerseite Apuliens zu vernachlässigen. Also auf nach Gallipoli!

Hier promeniert man an der Hafenmauer mit Blick auf das Schloss und die vielen kleinen Segelboote.

Gallipoli wurde noch vor unserer Zeitrechnung als griechische Stadt „Kallipolis“ auf einer Felseninsel gegründet, die man seit dem 17. Jahrhundert über eine kleine Brücke erreicht. Die „schöne Stadt“ mit ihrem Naturhafen unterlag wie ganz Apulien einer wechselvollen Geschichte aus Plünderungen, Eroberungen und immer wieder neuen Herrschern. Nach den Griechen waren die Römer dort. Dann fielen die Vandalen ein. Die Byzantiner folgten. Im Mittelalter kamen die Normannen, dann die Staufer und schließlich die Anjou. Letztere hinterließen das Schloss aus dem 13. Jahrhundert in seiner jetzigen, überbauten Gestalt. Es ist fast komplett zugänglich und sollte besichtigt werden.

Schlosshof

Blick vom Schloss in Richtung Neustadt

Eine Ausstellung im Schloss verschafft einen guten Überblick über die Geschichte des Gebäudes und eine weitere widmet sich der Herstellung von Olivenöl. Von den Schlossmauern aus hat man einen beeindruckenden Blick auf den Hafen, die Küste des Golf von Tarent und auch auf die Bausünden der Stadt.

Die schmalen Altstadtgassen bilden ein Labyrinth, in dem man nicht nur die für ihre Fassade im Lecceser Barockstil berühmte Kathedrale Santa Agatha, sondern noch viele andere, kleine Kirchen, Cafés, Restaurants und Souvenirläden findet. Wer Ostuni oder Lecce gesehen hat, wird finden, dass man hier durchaus noch den Pinsel schwingen und/ oder Fassaden neu verputzen könnte, aber bei Sonnenschein und einer leichten Brise fällt das gar nicht so sehr ins Gewicht. Noch dazu wenn man sich von Andrea in seiner dreirädrigen Ape durch die Gassen kutschieren lässt und dann in eine „Pucceria“ einkehrt, um sich eine der regionaltypischen Brottaschen namens Puccia mit allem füllen zu lassen, was das Herz oder besser der Magen begehrt.

Wer einen Magen besitzt, der resistent gegen Schalentiere ist, sollte in ein Restaurant einkehren und die „Zuppa Gallipolina“ probieren. In dieser vereinen sich die Fischereitradition Apuliens mit den einfachen Aromen vom Feld: Fische wie Rotbarsch und Seeteufel zusammen mit Scampi, Krebsen und Muscheln auf der einen Seite; Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Petersilie auf der anderen. Ein Schlückchen Weißwein darf auch nicht fehlen. Schon ist es angerichtet.

Beim Fotografieren fotografiert.

Die Küste nördlich und südlich von Gallipoli bietet nicht nur Fischrestaurants sondern eine Reihe der schönsten Strände Apuliens mit so viel versprechenden Namen wie „Malediven des Salento“. Mit ihrem flachen Wasser und dem weißen oder goldgelben Sand muten sie denn auch fast nach Südsee an und sind noch dazu absolut familienfreundlich. In der Saison bieten Strandbars Verpflegung und Lidos sowohl Liegen als auch Liegestühle oder Sonnenschirme an.

Wir können uns gut vorstellen, dass die Stadt in der Hauptsaison, die unser Mechaniker hier jedes Jahr im August mitmacht, brechend voll ist und sich Menschenmassen an der Seepromenade entlang schieben. Im September genießt man in Gallipoli jedoch ein mäßiges Touristenaufkommen und schöne Spätsommertage. Da wird die Metropole der Sommerfrische wieder zu dem, was sie ist: ein nettes, kleines Städtchen, in dem zwei Bahnstrecken enden.

Lauschiges Leuca – September in Südapulien

Die Süditaliener haben den Volkssport perfektioniert, sich im Sommer in Blechlawinen gen Strand zu schieben. Im Juli und August ziehen sie in ihre Ferienhäuschen oder Ferienwohnungen in Ortschaften in Meeresnähe, die im Winter fast völlig ausgestorben daliegen und im Sommer die Menschenmassen kaum fassen können. So ein Ort ist Santa Maria di Leuca, eigentlich nur ein abgelegener Stadtteil von Castrignano del Capo, aber von seinen Fans liebevoll Leuca genannt und regelmäßig besucht. Wer sich tatsächlich am Meer erholen will, ist besser damit beraten, die schönen Septembertage für einen Urlaub an den Stränden der Provinz Lecce zu nutzen. Da dauern alle Wege nur halb so lang, die Strände sind wenig bevölkert und man muss für einen Tisch im Restaurant nicht anstehen. Denn natürlich lohnen sich diese Orte, denn jeder für sich hat einen besonderen Charme.

Ganz entspannt lässt man im Hafenrestaurant den Tag ausklingen.

Santa Maria de Leuca ist heute ein beliebter Kurort mit Thermalbädern. Doch schon in der Stein- und später in der Bronzezeit siedelten hier Menschen in den zahlreichen Höhlen im porösen Kalkstein. Heute sind diese wichtige Touristenatraktionen. Außerdem war die Stadt Zeuge eines bdeutungsvollen historischen Ereignisses, als vor 1941 und damit vor gar nicht allzulanger Zeit hier die apulischen Wasserwerke mit ihrem Jahrhundertwerk, einer ganz Apulien durchquerenden Wasserleitung im südlichsten Süden angelangten. Das wurde mit der Errichtung eines monumentalen Wasserfalls für die Nachwelt im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelt. Zu festgelegten Zeiten wird dieser Wasserfall aktiviert und für einen kurzen Moment rauscht das kühle Nass zum Hafen hinunter, wo es in einem Becken aufgefangen wird. Wer die Treppen nicht scheut, gelangt hinauf zu einer der Heiligen Maria geweihten Kirche und dem ganz Leuca überragenden Leuchtturm, der dank seiner weithin sichtbaren Lage auf einer Anhöhe und dazu mit seinen 47 Metern Höhe zu den imposantesten in ganz Italien zählt. (Wer weniger gut zu Fuß ist, fährt mit dem Auto nach oben.)

Azurblau und glasklar – da möchte man am liebsten sofort hineinspringen. Blick über eine Bucht nach Leuca.

So viel mehr hat der Ort dann auch gar nicht zu bieten. Allerdings liegen rund um Leuca einige der schönsten Strände Apuliens. So klingende Namen wie die „Malediven des Salento“ … versprechen goldgelben Sand und glasklares, azurblaues Wasser. Dabei fällt der Strand über 20/ 30 Meter ganz flach ab, sodass vor allem Familien mit kleinen Kindern dort bestens aufgehoben sind.

Wir fanden ein verlängertes Wochenende in und um Leuca genau angemessen.

Punta Ristola bildet den südlichsten Punkt des Salento. Hier treffen das ionische Meer und die Adria zusammen.

Ganz kurz vor Kitsch – Sonnenuntergang am „Punta Ristola“.